Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1934)
- Date
- 1934-05-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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SjjlEQQ n[öTöIöir5=5TöM5]r HI 21 Erziehung' und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bandes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands sflESt TTWIßSS-H HöioM51T5=ö1[öIö|öll ms* m 2j :hc Schrü'tfeftung :' L- Kaufmann, Spr« (K>eis Oilßjsbach) Die jüdische Schule zur Zeit des Talmuds. Nach einem Vortrage von A. Hirschberg W in Frankfurt a. M. Kejn Volk hat so frühzeitig eine Volkserziehung bekommen wie das jüdische Volk. Ist das doch in dem Augenblicke geschehen, als es ein jüdisches Volk wurde. Als nai nvn seinem Volke das g'ttliche Erziehungswerk, die min , gab, wandte er sich nicht wie etwa die Erzieher der antiken Welt, an einen bestimmten Stand, an ein bestimmtes" Alter, an ein bestimmtes Geschlecht, nein, er richtete die g'ttlishen Worte an das Volk in seiner Gesamtheit. btr)W> w>& bz Da'jpr Wüaw ds'Pxt 's tj .'isV na^a nvn n'axj am .-pa^a 2*w w -pxy aona „Ihr stehet heute alle vor dem Ewigen, Eurem G'tte, Eure Häupter, Eure Stämme, Eure Alten, jeder Mann Israels, von Deinem Holzhauer bis zu Deinem Wasserschöpfer." Liegt in. diesem Verse nicht schon die . einheitliche Erziehung für das gesamte Volk? Die nun will, daß jedes Kind so früh als möglich sich als Glied des Gesamtvolkes fühle. Spricht doch schon der kaum dreijährige Knabe ipv nbnp ntPTi» npa Mb nut min Uns, dem jüdischen Volke, hat G'tt die mm gegeben, also auch ihm, dem Dreijährigen. So lernt er in frühester Jugend sich als Glied der Gemeinde Jakobs fühlen. Die min verlangt aber auch, daß jedes Kind durch die gleichen Lehren für das gleiche Ziel herangebildet werde, daß das gesamte Volk ohne Unterschied des Standes und des Alters dieses Buch, der Erziehung lerne, erfasse und darnach lebe. Kennen wir ein Erziehungsbuch aus der Weltliteratur, wo der greise Großvater gemeinsam mit dem jugendlichen Enkel aus einem Buche studieren könnte, wie es bei unserem Erziehungsbuche, unsrer mm der Fall ist? Die jüdische Erziehung verlangt demnach eine weit größere Einheit, als die Forderung der Modernen ist. Während wir unter der Einheitsschule ein Schulwerk verstehen, in dem jede nachfolgende Schulart eine Fortsetzung der vorangehenden ist, daß gleichsam ein gemeinschaftliches Band von der untersten Klasse der Grundschule bis zur Universität läuft, fordert das jüdische Erziehungsbuch, daß auch das L e h r z i e 1 für alle einheitlich sei. In dem Schulwesen der Heutigen ist das gemeinschaftliche Band genau markiert. Die Schulbehörde bestimmt, wie weit das Bildungsziel der Volksschüler, das der Mittelschüler, das der Realschüler usw. gehen soll; die jüdische Schule kennt diese Markierung nicht, denn jedes Kind soll die höchste Stufe erreichen. Und hat es diese höchste Stufe erreicht, so muß es noch die Fortbildungsschule besuchen, und die endet erst, wenn unser Leben zu Ende ist. . . Freilich konnten die jüdischen Schüler diese Einheit leichter wahren als unsre Schulen mit profaner Bildung; waren sie doch keine Berufs schulen Die min sollte ja nicht ein na nan^ omp ein Spaten sein, um sich damit eine Existenz zu gründen, sie sollte gelernt werden um ihrer selbst willen. Und diese mm. ist ein Lehr- und Erziehungsbuch, das in der talmudischen Zeit die köstlichsten Früchte hervorbrachte. Was ist aber das Endziel jeder Erziehung? Ich glaube, alle Pädagogen werden darin übereinstimmen — Glückseligkeit. Was ist aber Glückseligkeit? Da wir vor nicht langer Zeit den 200. Geburtstag Moses Mendelssohns feierten, war es für mich interessant, zu erfahren, wie dieser Philosoph den Begriff der Glückseligkeit definiert. In seinen pädagogischen Schriften sagt er: „Glückselig ist der Mensch, der seine gesamten Anlagen und Kräfte als Mensch und Bürger entwickeln und sie in den Dienst der sittlichen Menschheitsaufgaben stellen kann, nämlich nach Wahrheit streben, Schönheit lieben, Gutes wollen und das Be^te f'üSV" Ich glaube, daß jeder Pädagoge diese Definition Unterschreiben kann, aber so schön sie auch ist', so fehlt ihr doch etwas Wesentliches, das positiv Religiöse, Wird nicht der Theist seine Schüler anders erziehen als der Atheist, ja unter den Theisten der Katholik anders als der Protestant, der orthodoxe Jude anders als der liberale? Unterscheiden sich die orthodoxen Schulen nicht ganz gewaltig von den freireligiösen? Und doch wollen alle Schulen ihre Schüler zur Glückseligkeit führen. Es ist für mich eine gewisse Genugtuung, daß kein Geringerer als Freud, der doch gewiß kein religiöser Mensch ist, in seinem Werke über den Zweck des Lebens schreibt: Diese Frage kann nur die Religion beantworten. Und unsre heilige mm, die doch die Menschen zur Glückseligkeit erziehen will, heißt es doch überall -\b aiü^, sie faßt das Endziel der Erziehung also auf: van boi mbb 'n rs nx-v^ dk -o -psm bxv '« 'n na bx-)y nny •'n msa ns -\nvb?aai "\zib i>aa ti ns nasVi Was MendelsoV>n verlangt ~\b aiu? Dim iixa -ojx new impnriK ist auch in diesem Ausspruche enthalten, aber er drückt das Religiöse positiv aus: G'tt als Ausgangspunkt, Grtt als Schlußslein. Und wie die imso die Bücher der Propheten 'n ritn* naan /wm und st av^Nn ntt »am Van ~m *jio- Das ist der Lebenszweck des Menschen. Auf diese biblischen Aussprüche sich stützend, sehen die Lehrer der talmudischen Zeit ihre Aufgabe darin, auf das Leben des Individuums in* alleic Lagen und Verhältnissen bestimmend einzuwirken, um es religiös zu gestalten. Die freie Bewegung des Menschen wird aufgehoben, und alles, nicht nur das wirklich Religiöse, auch das Profane wird durch religiöse Gesetze bestimmt und erhält den Charakter einer religiösen Handlung. Dieses Ziel bestimmte den Ausgangspunkt für alle Einrichtungen der Schulen. Sie wollten ihre Schüler so mit Gottesfurcht erfüllen, sie so in Reinheit erhalten, daß sie sogar Kabbalistisches für ihre Zwecke verwendeten. Lassen Sie mich vorweg von einer Einrichtung erzählen, die vor Jahrzehntenauch in unsern Schulen gebräuchlich war, und die wieder zu Ehren kommt, — unsre' Hamburger Reformer haben sie bereits eingeführt, — die Zuckertüte unsrer ABC- Schützen bei ihrem Eintritt in die Schule*. Schon vor mehr denn 100Ü Jahren hatten wir sie in unseren jüdischen Schulen. Aber unsre jüdischen Erzieher gaben sie nicht nur aus pädagogischen Gründen, sie wollten auch das Religiöse damit verbinden. Welches war der Inhalf der Tüten? wana ni^n Honigkuchen, den ein junges-, noch nicht reifes Mädchen bereitet hatte. Warum gerade Honigkuchen? In Anlehnung an den Vers: trsix noii wann cpnav Wenn das Kind den Honigkuchen aß, sagte ihm der Lehrer: Sieh, mein liebes Kind, unsre mm ist noch süßer als Honigkuchen. Und warum sollte eine n^ma» ein noch nicht reifes Mädchen den Kuchen bereiten? uno Kine? ]vpb wiVrn mint» Kinp miro san Es komme eine Jungfrau, die rein ist und bereite den Kuchen dem Kinde, da^ an Reinheit ihr gleich ist. Lachen wir nicht, meine verehrten Damen, über diese Naivität unsrer O'botp Vielleicht haben unsre Weisen in ihrer g'ttbegnadeten Weisheit schon vor 1000 Jahren geahnt, was unsre heutige Wissenschaft lehrt und beweist. Wenn unsichtbare Luftwellen imstande sind, ein in einer Entfernung von 1000 km gesprochenes Wort an unser Ohr tönen zu lassen, wenn die psychopatische Analyse die seelischen Zustände Kranker erforscht und zu heilen versteht, wenn der Hypnotiseur durch seinen Blick den Willen eines Menschen zu bannen vermag und ihm seinen eigenen Willen aufzwingen kann, warum dürfen wir nicht annehmen, daß von der seelischen Kraft eines reinen Menschen, der bewußt einen andern beeinflussen möchte, auch ein Fluidum ausgehen und sich in der Seele des andern auswirken kann? So sehen wirt daß unsre alten Erzieher keinen Ausspruch der jüdischen Lehre außer Acht ließen, wenn es darum ging, unsre Jugend zur Reinheit zu erziehen. Wie die Schulen der Alten eingerichtet waren, welche Unterrichtsmethode Anwendung fand, welche pädagogischen Grundsätze zu Grunde gelegt wurden soll die Fortsetzung meines Vortrages berichten. Unsere Stellung zu den Richtlinien und ihre Verwirklichung der Adass- Volksschule. in Von M. Sinasohn, Rektor in Berlin. (Schluß.) Im Deutschunterricht sollen die Werke jüdischer Dichter in Poesie und Prosa weitmöglichst herangezogen werden, soweit sie nicht gegen unser religiöses Empfinden verstoßen. Wir müssen Auszüge aus ihren Schriften anfertigen, vervielfältigen, und dem Unterricht, gleich dem bekannten Lesebogen, zu Grunde legen. In den Realien habe ich gefordert a) spezielle Behandlung Palästinas, b) Erörterung der heutigen Lage der Juden vom politischen, sozialen und ökonomischen Standpunkt aus, cj Hinweis auf die Hygiene bei den Juden. Für den Handfertigkeitsunterricht stellte ich in Aussicht eine Vermehrung der Stundenzahl um eine Wochenstunde für die Mädchen der Klasse 1/2, für die Knaben eventuelle Einrichtungen einer Bastelstube für Metall bezw. Holzbearbeitung. Wir haben in früheren Jahren Werkunterricht gehabt, in dem Papparbeiten angefertigt wurden, mußten dem Unterricht aber aus Sparsamkeitsgründen einstellen. Auch jetzt hängt die Wiedereinführung dieses Handfertigkeitsunterrichts davon ab, ob wir die notwendigen Geldmittel zur Verfügung haben werden. Technisch sind auch gewisse Schwierigkeiten zu überwinden, da die Behörde die Innehaltung ihrer Stundentafel verlangt und Ueberstunden nur in geringem Maße zuläßt. Dennoch läßt sich viel von den Plänen durchführen, wenn der Gesamtunterricht möglichst in der Hand eines Lehrers liegt, und ihm Spielraum zur Behandlung der uns am Herzen liegenden Themen gewährt wird. Wir dürfen hoffen, daß durch sine Schule, wie wir sie haben, n"ya eine Generation erzogen wird, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele in der Sittenwelt unserer Religion leben, für die Wissensschätze des Judentums ein offenes Auge und Ohr haben, und sich auch im Kampf ums Leben als charakterfeste, gediegene Menschen bewähren wird. Die Ausbildung des jüdischen Religionslehrers. Die von den vergangenen Regierungen vorgenommene Neuordnung des Lehrerbildungswesens in Preußen hat zur Folge gehabt, daß das seit 1867 bestehende jüdische Lehrerseminar in Köln sich in seiner Organisätion und in seiner Zielsetzung neu gestaltete. Seit dem i. April 1933 ist das Kölner Seminar in eine jüdische Religionslehrerakademie* umgewandelt worden. Daß es sich bei dieser Umwandlung nicht nur um eine Konzession an behördlichen Zwang handelt, beweist der ausführliche, bis in alle Einzelheiten des Lehrplans und der Unterrichtsverteilung ausgearbeitete Plan, den der heimgegangene Direktor des Kölner Seminars, Rabb. Dr. Emanuel C a r 1 e b a h s. . A bereits im Jahre 1925 dem Seminarkuratonum vorgelegt hat. Schon seit langem ist es ^hier als eine innere Notwendigkeit im Interesse des jüdischen Lebens und unserer jüdischen Gemeinden in Deut-chland erkannt worden, daß es wieder Lehrer bei ums gäbe, die, bei aller Weltaufgeschlossenheit und inneren Verbundenheit mit den lebendigen Kräften 1er Gegenwart, schon in ihrer Ausbildung den ent cheidenden Nachdruck auf die