Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1934)
- Date
- 1934-05-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 18 Der Israelit 3. Mai 1934 sich der „Mucharam", bei Mietern und Vermietern gleichermaßen unbeliebt und gefürchtet, von Jahr zu Jahr fort. Seit Wochen stehen die Vermieter, besonders in den neu eioauten Vierteln, vor ihren Häusern, bereit, sich auf jeden Vorübergehenden zu stürzen, der irgendwie den Eindruck macht, Wohnung zu suchen. Die Mieten sind hier, im Gegensatz zu Tel Awiw und Haifa, wo jetzt ein Eingriff der Regierung erfolgt ist, noch nicht sehr überhöht, obwohl es genügend Versuche gibt, den deutschen Olim mehr abzufordern, als angemessen ist. — So werden in diesen schönen Frühlingswochen unzählige neue Mietverträge abgeschlossen und ungezählte Wechsel unterschrieben; denn Landessitte verlangt vom Mieter, daß er für die gesamte Jahresmiete Wechsel ausstelle, und selbst wer in Europa alt und grau geworden ist, ohne jemals ein so unsympathisches Papier mit seinem Namen zu zieren, muß sich hier dazu bequemen, will er ein Dach über dem Kopfe haben. Je näher der große Tag kommt, desto öfter ertönt die Frage: „Bleiben Sie oder ziehen Sie aus?" — und glücklich, wer „bleibt". Denn auf den Umziehenden warten Verdrießlichkeiten aller Art, schon aus der Tatsache zu erschließen, daß die ganze Stadt an einem Tage umzieht. Aha, denkt sich der Europäer, da wird es Kalamitäten mit den Möbelwagen geben. Ja — Möbelwagen! Wie sollten die wohl durch die engen Gassen kommen? Ein Lastauto ist bereits das Komfortabelste und kaum erschwingbar. Hoch aufgetürmt thronen die Möbel darin, mit Stricken festgebunden, und links hält der Hausherr, rechts der älteste Sohn die schwankende Last. Alles was Räder hat, hilft, den „Möbelwagen" zu ersetzen, Gemüsekarren, Fahrräder, Kinderwagen. Am bewährtesten aber sind die menschlichen Möbelwagen, die ^izo, die oft geschilderten und doch immer wieder Staunen erweckenden jemenitischen, kurdischen und kaukasischen Lastträger, die Schränke, Klaviere, ganze Kücheneinrichtungen auf dem Rücken tragen und dabei — in der drückendsten Mittagshitze — ein Liedchen singen, von dem zwar Sprachkenner behaupten, es enthalte die gräßlichsten Verwünschungen gegen den Besitzer des betreffenden Möbelstücks, seinen Hersteller, Verkäufer und so gar jeden zukünftigen Eigentümer. Sei es, wie dem sei — man liebt diese kräftigen, naiven Gesellen, und besonders mit den deutschen Olim verbindet sie ein besonderes Freundschaftsverhältnis. Denn diese Kategorie von Einwanderern ist ja nicht mit dem Bündel unter dem Arm, sondern mit Lifts und Kisten hier erschienen, und wo es Lifts gibt, da braucht man cr^ao- So gibt es wenigstens eine Bevölkerungsklasse, die der Mandatsregierung dankbar dafür ist, daß sie keine Zeit findet, das „Wanderfest" des Mucharam abzuschaffen. Bemerkt sei noch, daß auch in den Armenwohnungen der Kolalim e'n großes Umziehen stattfindet. Auch diese „Mieter", die den Vorzug genießen, keine Wechsel ausstellen zu müssen, werden vom Mucharam-Fieber erfaßt und tauschen ihre oft nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen der Abwechslung halber untereinander aus. Dima mxn D^-pb Die ältesten jüdischen Denkmäler Ungarns. Das vor Jahresfrist neueröffnete Ungarisch-Jüdische Landesmuseum in Budapest hatte, es sich zur Aufgabe gemacht, alle bedeutenden Denkmäler jüdischer Geschichte auf ungarischem Boden im Original oder Kopie der großen Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. In den jüngsten Wochen ist es nun der Leitung des Museums gelungen, die älteste Reliquie dieser Art von dem Kardinal Seredi, Erzbischof von Gran und Fürstprimas von Ungarn, als Tauschobjekt zu erwerben. Es ist dies ein römischer Grabstein aus dem dritten Jahrhundert, der im Jahre 1890 auf primatialem Boden in Gran aufgefunden wurde. Der monumentale, in zwei Stücke gesprungene harte Kalkstein zeigt als einzigen, mächtig in die Augen springenden Schmuck die tiefgegrabene Zeichnung des siebenarmigen Leuchters, jenes ältesten jüdischen Symbols, das zum Beispiel in den römischen Katakomben 70 von den 80 jüdischen Gräbern ziert. Die Inschrift selbst, knapp in die obere Zierleiste des Steins geschnitten, besagt, daß der Stein zur Erinnerung an einen Vater Judatus (Judas) und seine Frau Cassiale oder Casete errichtet wurde. Sprache und Duktus der Schrift, die mehrere griechische Lettern aufweist, sowie die letzten drei Buchstaben, die als Col(ogia) gelesen werden, beweiset daß wir es mit Juden zu tun haben, die im Gefolge der römischen Legionen nach Pannonien gekommen waren, und von Haus aus sich einen gewissen Wohlstand und eine latein-griechische Bildung mitgebracht hatten, Aehnliche Lehren bietet der zweite Grabstein aus demselben Jahrhundert römischer Herrschaft, der sich noch vorläufig auf dem Gute Alberti-Isra der Grafen Szapary befindet, aber voraussichtlich ebenfalls in den Besitz des jüdischen Museums gelangen dürfte. Er war ursprünglich als heidnischer Grabstein verwendet und zeigt die Reliefs eines Mannes, einer Frau und eines Kindes. Später hat ihn dann eine jüdische Familie, Vater, Mutter und Sohn, für sich in Anspruch genommen, ihre Namen, die von dem Wiener Forscher Professor Samuel Krausz zuerst gelesen wurden, sind in griechischer Sprache oberhalb der anderen Inschrift flach eingraviert, mit derselben Technik zwei Menoras (Leuchter) eingezeichnet und zum Schluß noch das jüdische Glaubensbekenntnis: „Heis Theos.'" (G'tt ist einzig). Der dritte Römerstein, dessen wohlgelungene Kopie der Zuvorkommenheit des ungarischen Nationalmuseums zu verdanken ist, wo das Original aufbewahrt wird, ist ein Votivstein, ebenfalls aus dem dritten Jahrhundert. Er wurde in dem an der Donau gelegenen Städtchen Düna Pentele gefunden, wo in der einstigen Kolonie Intersisa seinerzeit syrische Soldaten stationierten, unter denen sich sicherlich auch Juden befanden. Das Zeugnis der drei Steine, die alle auch in Mommsens „Corpus Inscriptionum" aufgenommen sind, erweist klar,. daß auf dem Gebiet des heutigen Ungarn schon 600 Jahre vor der ungarischen Landnahme einzelne Juden seßhait geworden waren. Die Elektrotechniker-Schule für jüdische Flüchtlinge. Vor 6 Monaten wurde in der Nähe von Amsterdam eine Elektrikerschule für jüdische Flüchtlinge eröffnet. Es war die erste derartige Schule in einem Immigrationslande und somit ein Experiment. Heute können wir schon sagen, daß dieser Versuch geglückt ist. So darf ein Bericht über die Schule auf größeres Interesse rechnen. Welche Gründe lagen für die Errichtung der Schule vor? Im Flüchtlingsstrom waren eine große Anzahl von Durchschnittskaufleuten, Studenten und andere Personen ohne besondere Vorbildung nach Holland gekommen, wo für sie keine Existenzmöglichkeit zu finden war. Die Emigration dieser Leute in überseeische Länder erschien sinnwidrig, da zu befürchten war, daß sie ins Proletariat absinken würden. So stand für uns schon bald fest, daß eine Umschulung dieser Personen notwendig sei. Doch war man damals nirgends bereit, größere Geldsummen für andere als reine Unterstützungszwecke zur Verfügung zu stellen; daher arbeiteten wir ein Projekt aus, das vorerst die Umschulung von 25 jungen Leuten durch 2 Flüchtlinge (1 Diplom-Ingenieur und 1 Handwerker) vorsah, wobei fl. 8000.— durch Schulgelder aufgebracht werden sollten und fl. 2000.— durch ein Komitee. Es war dabei einkalkuliert, daß ca. für fl. 1000.— Material der Schule geschenkt würde. Von den 25 Schülern sollten 10 umsonst aufgenommen werden. Nach 4 Monaten Werbung für diesen Gedanken wurden endlich fl. 2200.— von einem Komitee zugesagt und 6 Wochen später (am 8. Oktober 1933) aie Schule eröffnet. Der Plan hatte inzwischen einige Aenderungen erfahren. Auf Schenkungen größeren Umfanges konnte man nicht rechnen, da wegen der sonstigen Geldsammlungen eine Werbung hierfür nicht möglich war. Es war weiter nicht gelungen, Schüler zu bekommen, die mehr als fl. 50.— monatlich zahlen konnten und daher mußten wir die Zahl der Gratisschüler reduzieren. Die Zahl der Schüler, die voll bezahlen, belief sich nunmehr auf 13, die Zahl der Schüler, die einen Zuschuß bis zu fl. 30.— monatlich durch die Schule erfordern, auf 6 und die der gratis aufgenommenen ebenfalls auf 6. Einige der letzteren erhalten zudem ein Taschengeld. Die jungen Leute leben in einem Internat (orthodox), haben einen gemeinsamen Schlafraum und gemeinsame Aufenthaltsräume; die beiden Lehrer wohnen mit ihnen zusammen. Das Alter der Schüler schwankt zwischen 16 und 34 Jahren, das Durchschnittsalter ist 22 Jahre. Wir haben unter unseren Umschülern einen ehemaligen Gerichtsassessor, 2 Jurastudenten, einige Medizinstudenten, die übrigen sind Kaufleute, kaufmännische Lehrlinge und ehemalige Schüler. Da die jungen Leute erst auf Grund einer Eignungsprüfung aufgenommen wurden, vermögen sie trotz dieser verschiedenartigen Vorbildung fast gleich- "maßig gut dem Unterricht zu folgen und praktisch zu arbeiten. Die große Heterogenität von Vorbildung und Elternhaus ist auch glücklicherweise kein Hindernis für das Zusammenleben der jungen Leute gewesen. Eine prächtige Gemeinschaft hat sich herausgebildet, die fest zusammenhält und für einander einsteht. Gemeinsame Radtouren und Ausflüge, ein eigener Ping-Pong-Klub, der oft bei holländischen Klubs zu Gast ist oder ihnen selbst Gatfreundschaft gewährt, lustige Gerichtssitzungen unter Leitung der Juristen zur Austragung irgendwelcher Differenzen, Schenkungen der eigenen Bücher in die Gemeinschaftsbibliothek legen davon Zeugnis ab. So fröhlich wie die Gemeinschaft in der Freizeit, so eifrig ist sie bei der Arbeit. Heute schon können die jungen Leute absolut sicher jede elektrische Lichtleitung legen oder reparieren. Sie sind mit den verschiedenen Schaltungen bekannt und haben auch vor kurzem sogar einen kleinen Klappenschrank für das. selbstangelegte Haustelefon gebaut. Jetzt beschäftigen sie sich mit Motorenreparatur und Anschluß und anschließend werden sie auch noch in beschränktem Umfange die Ausführung von Radioanlagen lernen, doch wird letzteres wegen seiner geringen Bedeutung in der Praxis nur kurz behandelt werden. Für unsere Arbeiten steht uns ein Raum von 12X12 m und außerdem ein für unbewohnbar erklärtes Haus, das für diesen Zweck gemietet ist, zur Verfügung. Gelegentlich können wir auch für befreundete Holländer einige Arbeiten ausführen, wobei die jungen Leute bereits selbständig tätig waren. Wir stehen mit einigen Firmen in Unterhandlung, um die Erlaubnis zu erhalten, die Schüler für 8—14 Tage dort zu beschäftigen. Zur Vertiefung des Wissens dienen Führungen durch Elektrizitätswerke, Hochschulen, Laboratorien usw. wobei wir uns großes Entgegenkommen der holländischen Behörden und Professorenerfreuen. Zur geistigen Förderung der Schüler ist eine recht umfangreiche Bibliothek angelegt worden. Außerdem war es möglich, einige Hauskonzerte zu veranstalten. In den nächsten Tagen; beginnt eine Vortragsreihe über die Richtungen im Judentum und zwar werden die Vertreter der verschiedenen Richtungen selbst zu Wort kommen. Ein Teil der jungen Leute wird nach Palästina gehen, die übrigen wollen in irgend ein Land, das ihnen Existenz und Zuflucht bietet. Als wir seinerzeit die Schule gründeten, standen noch alle Länder für die Emigration offen. Aber wir hoffen, daß, wenn der Kursus am 30. September mit einem Examen abgeschlossen ist, sie trotz der Einwanderungsbeschränkungen alle in das Land ihres Wunsches gehen können. E. Schcttländer. Eine Ausstellung für Synagogenarchitektur in London. In London wurde durch den polnischen Gesandten Skirmunt eine Ausstellung von bisher noch nirgends gezeigten Zeichnungen des Professors der Architektur Georges L u k o m s k i eröffnet, die polnische Synagogen aus dem 15, bis 18 Jahrhundert darstellen. Professor Lukomski hielt bei der Eröffnung einen Vortrag, in dem er nachwies, daß Synagogen in Polen bereits seit 1203, also seit mehr als 1700 Jahren bestehen. Zu vermuten sei, daß die ersten Synagogen in Polen schon 1060 errichtet wurden, doch lasse sich vorläufig der exakte Nachweis hierfür noch nichf erbringen. Der Vortragende trat sodann der Ansicht entgegen, daß die Juden nichts Bedeutendes auf dem Gebiet der bildenden Kunst geleistet hätten. Erst vor kurzem sei durch neue Entdeckungen eine bemerkenswerte künstlerische Tätigkeit der Juden im zweiten und dritten Jahrhundert festgestellt worden. Die jüngsten Forschungen in Polen hätten ergeben, daß die bisherige Annahme, die spanische Synagogenarchitektur des elften bis fünfzehnten Jahrhunderts sei für alle spätere Synagogenarchitektur vorbildlich geworden, nicht aufrecht erhalten werden kann. Auch in Osteuropa, Polen, Rußland, Rumänien und Lettland, sei eine ursprüngliche jüdische Kunst entstanden, und die aus der Krim eingewanderten Juden hätten ebenfalls in einer spezifischen jüdischen Architektur gebaut. Der Synagogenbau in Polen habe bereits im vierzehnten Jahrhundert begonnen, zu einer Zeit, da anderwärts nur Bethäuser bestanden. Dann erst wurden auch in Italien und Deutschland Synagogen errichtet, die aber klein und architektonisch unbedeutend waren. Auch die in Prag, Worms und Mainz errichteten Synagogen seien für die Entwicklung eines repräsentativen jüdischen Architekturstils von minderer Bedeutung gewesen. In den Holzsynagogen Polens käme eine bemerkenswerte Ursprünglichkeit des Stils bei gleichzeitigem Einfluß nichtchristlicher Baustile wie des chinesischen Pagodenstils, sowie der indischen Kunst zum Ausdruck, Einflüsse, die sich auf dem Umweg über Gebiete am Schwarzen Meer geltend gemacht hätten. Auch wertvolle Elemente altslawischer Kunst seien durch diese Synagogenbauten aufbewahrt worden. Steinsynagogen sind in Polen seit dem vierzehnten Jahrhundert bekannt. Die älteste, noch heute bestehende Synagoge Polens, ist eine aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende, in romanischem Stil erbaute Synagoge in einer Vorstadt von Krakau. In der Art ihrer Anlage käme ganz besonders in den Synagogen Polens die Eigenart des Lebens und der Gebräuche der Juden jener Zeit zum Ausdruck. Erst vor wenigen Jahren habe man damit begonnen, diese Besonderheit der polnischen Synagogen zu Forschungen auf dem Gebiet jüdischer Sittengeschichte zu verwerten. Diese Forschungen seien von außerordentlicher Bedeutung, müßten aber erst in ein System gebracht werden. Zum Schluß wies Professor Lukomski auf die Notwendigkeit hin, eine vollständige Sammlung jüdischer Synagogenarchitektur anzulegen, da viele Holzsynagogen vom Untergang bedroht seien, : Es sei ebenso Pflicht der polnischen Regierung wie! des jüdischen Volkes, so viel wie möglich von diesen , Kunstschätzen zu erhalten, besonders im Hinblick darauf, daß diese jüdische Kunst in Europa noch ziemlich unbekannt ist und endlich ihre Würdigung finden müsse.