Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1934)
- Date
- 1934-05-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 18 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Aus dem Ganzen jedoch ging hervor, daß kein einziger der Schreibenden vor ihm, dem Fürsten Radczinski, Respekt hatte, ja, daß sie ihn und seine wüste, zügellose Lebensart verachten, und das war es, was seine Galle überkochen ließ. „Sie halten mich also für einen Narren, für einen Dummkopf!" schäumte er, indem er die Briefe zerfetzte. „Nun sollen sie mich kennen lernen; sie sollen nur kommen, dann will ich ihnen meine Weisheiten mit der Peitsche unauslöschlich auf den Rücken einbläuen, daß sie ihnen immer im Gedächtnis bleiben. Dann werden sie wisseni daß Fürst Radczinski ihr Herr ist, der sie zu züchtigen versteht!" . . . Als er mit der Katze und mit dem Papagei fertig war, blieb er allein im Gemache zurück. In seiner rasenden Wut fiel es ihm nicht ein, sich zu Bette zu begeben, vielmehr suchte er nach einem Gegenstande, an dem er seinen Zorn auslassen konnte, und in Ermangelung eines solchen fuhr er fort, auf und ab zu rennen, bis er an der Tür seinen Marschall gewahrte. „Was sucht er hier?", herrschte er denselben an. „Ein Eilbote ist angelangt," erwiderte Reitan gebeugten Hauptes. „Von wo?" „Von Warschau!" „Was bringt er?" „Einen Brief vom Premierminister, Grafen Samojski!" „Er soll ihn herbringen! Auch dort werde ich dasselbe finden, was in den anderen Briefen zu lesen war: Anschwärzungen, Lügengerede und Glattzüngigkeit, das vom Hofe des Königs kommt, oder einfältiges Geschwätz über irgend eine Hofdame. Aber bei meinem Seelenheil schwöre ich, daß auch diese glattzüngigen Höflinge von meiner Züchtigung nicht verschont, bleiben sollen, daß ich ihnen das Fell über die Ohren ziehen und das Gesicht unmenschlich entstellen werde, damit sie es ein für allemal verlernen, mit dem Fürsten Radczinski ihren Spott zu treiben!" Der Brief des Grafen Samojski war ganz anderen Inhalts; er lautete: „Seine Majestät und alle Herren des hohen Rates haben mich mit der Ausarbeitung eines neuen Gesetzentwurfes betraut, der für alle Landesbewohner und unter diesen auch für die Juden, die in den königlichen Provinzen und in den verschiedenen Landbesitzungen der Edelleute sich befinden, gelten soll. Deshalb erlaube ich mir, mich an Eure Durchlaucht mit der Bitte zu wenden, mir die nötigen Daten über die Juden, die unter Ihrem Schutze leben, verschaffen zu wollen ,wodurch Eure Durchlaucht zu großem Dank verpflichten werden Ihren ergebenen Freund Andrei Samojski." „Die Juden!" schrie der Fürst und schnellte, wie von einer Schlange gebissen, von seinem Sitze ampor. „Sie wollen die Juden, die mein Eigentum sind, meine Hörigen, über die nur ich und niemand sonst zu verfügen hat, in Schutz nehmen! — 0, das geht nicht, pane cochanku! Ich bin Herr dieser Juden, ich und niemand sonst, i c h und kein König und kein Seim! Wenn ich will, jage ich sie wie die Hunde aus meinem Gebiet, oder ich zertrete sie, daß sie mir zu Staub unter den Füßen werden. Wer hat mir da dreinzureden? — He, Reitan!" Der Marschall erschien abermals in der Türe. „Wieviel Juden haben wir hier?" fragte der Fürst mit wutbebender Stimme. „Fünfhundertsiebenundachtzig, alle zusammen." „Und sind sie alle' am Leben?" „Ja, allergnädigster Herr!" „Und warum waren sie bei meinem Empfange nicht vertreten?" Reitan blieb verwirrt und gab keine Antwort. „Also Sie wissen es nicht, pane cochanku?!" knirschte der Fürst. „So hören Sie, was ich Ihnen sage: diese Juden sind listige, verschlagene Kerle, die ihresgleichen nicht haben. Von ferne her wittern sie den Wind, der für sie am Hofe des Königs zu wehen anfängt, wittern sie, daß man in Warschau daran denkt, sie von unserer Botmäßigkeit zu befreien. Deshalb werden sie keck und strecken mir die Zunge entgegen. Was kümmerst Du uns, pane cochanku, so sagen sie — Du bist nicht mehr unser Herr, den wir zu fürchten haben." MAber allergnädigster Herr," begann der Marschall mit flehender Stimme, in der Hoffnung, noch rechtzeitig den Sturm zu beschwichtigen. „Ich bezeuge es, daß sie voll Sehnsucht Ihre Rückkehr erwartet, daß sie große Vorkehrungen getroffen haben, nach ihrer Art ihren Herrn und Gebieter zu empfangen. — Hier muß ein unglückseliges Mißverständnis vorliegen!" „Mißverständnis?! Ha, ha, ha! Bei den Juden ein Mißverständnis?! Die Juden, pane cochanku, tun nie etwas ohne Absicht, alles ist bei ihnen Berechnung und Vorsatz. Wenn ihnen daran gelegen ist, verpassen sie nie die Zeit; aber listig und verschlagen sind sie, pane cochanku, ausgerüstet mit dem Spürvermögen eines Hundes; ja, sie wittern die Luft, bevor sie noch zu wehen beginnt, und nur deshalb fangen sie an, mir eine Nase zu drehen, diese räudigen Hunde!" „Ich beteure Eurer Durchlaucht nochmals, daß die Juden Ihre treuesten und ergebensten Untertanen sind, die Tag und Nacht zu ihrem G'tte für Ihr Heil und Wohl beten. Allergnädigster Herr, Sie beschuldigen diese Unglücklichen ohne Grund. Erlauben mir, Eure Durchlaucht, daß ich in die Stadt laufe, und ich werde im Nu die Ursache kennen, weshalb sie beim Empfange ihres Herrn und Gebietrs nicht vertreten waren,". „Nicht von der Stelle!" befahl der Fürst. ,,Ich will diesmal anders mit den Juden verfahren, damit sie es wissen, daß ich Radczinski bin. Mögen "sie sich dort in Warschau ihre Gesetze machen, soviel sie nur wollen, aber nicht für meine Besitzungen, denn hier bin ich von G'ttes Gnaden König, ich der Gesetzgeber für mein Reich, ich und niemand sonst! Sie aber, pane cochanku, haben das zu verfügen, was ich Ihnen jetzt befehle: Sie lassen meine Heiducken die Stadt von allen Seiten einscwließen, damit mir kein Fuß entwische, und morgen, um die Mittagsstunde, lassen Sie alle Juden auf einen Punkt mitten in der Stadt zusammentreiben und dann meine Kanonen von den Schanzen auf sie herunterfeuern, alle auf einmal, damit kein Jude am Leben bleibt. Haben Sie verstanden, pane cochanku?" „N . . . n . . , nein!" stammelte der Marschall zitternd den Blick zu seinem Herrn erhebend, von dem er glaubte, daß er wahnsinnig geworden, „aber . . , aber . . . ich verstehe, daß der allergnädigste Herr nur scherzen!" „Ich scherzen?" fragte der Fürst, mit stechendem Blicke seinen Marschall musternd, als ob er sich überzeugen wollte, ob er recht gehört hatte. „Jetzt ist nicht Zeit zu scherzen, pane cochanku. Bei allen Heiligen sei es geschworen, daß, wenn es mir nur möglich wäre, auch alle jene Schlachzizen, ihren König an der Spitze, mit den Juden zusammenzutreiben — ich keinen Augenblick zögern würde, sie alle miteinander wie die tollen Hunde zusammenzuschießen!" „Aber, allergnädigster Herr, fünfhundertsiebenundachtzig Seelen!" „Seelen? Was sind das für Seelen? Verdammte Judenseelen gehören in den Höllenpfuhl! Wem nützen sie mit ihrem Leben? Sie verunreinigen nur den Boden, auf dem sie gehen!" „Aber der allergnädigste Herr waren ihnen ja bis jetzt so milde und gnadenvoll gesinnt!" „So lange es mir recht war, ja; jetzt aber will ich es anders, und wer wird es wagen, mich daran zu hindern? Bis jetzt habe ich sie geduldet, jetzt sind sie mir ein Greuel und aus muß es mit ihnen werden, denn ich, Radczinski, bin ihr Herr und niemand sonst!!" „Und doch--" „Kein Wort mehr, pane cochanku!" donnerte ihn der Fürst an, indem er mit dem Fuße stampfte und die geballte Faust erhob. „Sie haben zu gehorchen und meinen Bvefehl auszuführen — keinen Widerspruch! Morgen um diese Zeit darf sich kein Jude mehr in der Stadt finden. Haben. Sie verstanden?! , . ." „Das sollte mir noch für mein Scheiden von hier aufgespart bleiben, daß ich meine arme Seele in den Höllenpfuhl tauche und meine Hände mit unschuldigem Blute besudle. Und warum? Weil dieser wahnwitzige Fürst es haben will!" So sprach Reitan mit verzweifelter Erbitterung vor sich hin, und dieser entsetzliche Gedanke peinigte ihn so sehr, daß ihm in dicken Tropfen der Schweiß von Hals und Stirne niedertropfte, sein Atem immer kürzer wurde, und er sich dem Ersticken nahe fühlte. Aber unbekümmert um die körperlichen und seelischen Qualen keuchte er vorwärts den Weg zu seinem Freunde, der ihm mehr als ein Bruder galt, und den er morgen um diese Stunde unter den andern Leichen als einen zerquetschten Blutklumpen in der Gasse sehen sollte! Dieses gräßliche Bild gewann immer mehr Herrschaft über ihn. Wie ein Nebelflor legte es sich ihm vor die Augen; das Herz hämmerte in heftigen Schlägen, als wollte es zerspringen, und in diese Qualen mischte sich die Selbstanklage, daß er selbst das ganze Uriheil verschuldet, weil er den Juden die Ankunft des Fürsten früher hätte ankündigen sollen, was er in der Eile unterlassen hatte. Von Minute zu Minute wuchs die Angst und das Entsetzen, so daß er schier mitten auf dem Wege zusammenbrach und sich an eine Wand stützen mußte, an welche gelehnt er bitterlich zu weinen begann. Aber schnell erinnerte er sich wieder, daß die Zeit drängte, daß jeder Augenblick unwiederbringlich sein könnte, und seine letzten Kräfte zusammenraffend, keuchte er schneller und immer schneller dahin, bis er fast leblos in Reb Schachne's Haus hineinstürzte. (Fortsetzung folgt.) Mucharam. Ein palästinensisches „Wanderfest". Jerusalem, im Ijar. Soeben erst hat n-n die große Wanderung nach Jerusalem gebracht, die in der Fülle der fremden Besucher wirklich ein kleines Abbild einstiger n^y Vnn -Herrlichkeit bietet — und schon bringt uns r""i •v'tc. zugleich der erste Tag des mohammedanischen Monats Mucharam, eine neue Wanderwelle. Aber diesmal spielt sich die Wanderung nur innerhalb der Stadt ab, gewissermaßen eine Angelegenheit der Autarkie: Jerusalem wandert von einer Wohnung in die andere. An diesem einen Tage laufen alle Mietverträge ab, man mietet die Wohnung von Mucharam bis Mucharam. Ein Ueberbleibsel aus der türkischen Gesetzgebungszeit, das jedes Jahr „endlich" durch einen Regierungserlaß abgeschafft werden soll; die Mandatsregierung kommt aber aus Zeitmangel nie dazu, diesen Erlaß zu „erlassen". Und so schleppt