Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1934)
- Date
- 1934-05-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8 Nr. 18 Der Israelit 3. Mai 1934 die wirtschaftliche, die technische und die soziale Seite seines Betriebes eine Einheit bilden, deren einzelne Teile miteinander zusammenhängen und' voneinander abhängen. Freilich auch der Frieden und die Gemeinschaft des produktiven Zusammenwirkens müssen gewahrt bleiben, nicht etwa nur vom Standpunkte nichtarischer Unternehmer, sondern — das ist oft genug betont worden — auch vom Standpunkt und im Interesse der Gefolgschaften und der deutschen, Wirtschaft überhaupt. So wird man es in der Tat nur bedauerlich finden können, wenn unter jenen 30 Punkten der 19. Punkt lautet: „Unmöglich aber ist es, daß zwischen einem Juden, als Menschenführer, und Nationalsozialisten, als der Gefolgschaft, immer und überall Frieden gehalten werden kann . . ." Und an anderer Stelle heißt es: „Außerdem kann den Nationalsozialisten im Betrieb nie zugemutet werden, daß sie von Juden, also völkischen Gegnern, geführt werden und am Ende ihnen gar noch die Treue halten . . ." Es ist wohl richtig, daß man den Arierparagraphen seinem Wesen nach durch die Haltung der Organisationen und ihrer Mitglieder ohne alle gesetzlichen Bestimmungen auch in der Wirtschaft anwenden könnte. Nach den Verlautbarungen der zuständigen Stellen soll das aber nicht sein. „Akademikerheim Meier Hildesheimer". Berlin, 26. April. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat den 7 0.' Geburtstag Rabbiner Dr, Hildesheimers benutzt, um der besonderen Verehrung des Gemeindevorstandes für Dr. Hildesheimer Ausdruck zu geben. Die seit Jahren bestehende Mensa wird durch den Gemeindevorstand im Einvernehmen mit dem Vorstand der Mensa in Zukunft den Namen tragen: Akademikerheim Meier Hildesheimer. Jüdische Pflegestellen und Adoptionsvermittlung. Düsseldorf, 25. April. In Düsseldorf fand kürzlich die diesjährige Vorstandssitzung der Zentralstelle für jüdische Pflegestellen und Adoptionsvermittlung, Elberfeld unter Leitung der Vorsitzenden, Frau Samuel statt. Bei den Beratungen waren neben dem Arbeitsausschuß der Zentrale viele zuständige Organisationen vertreten. Die Debatte über einige neue Gesetze nahm einen breiten Raum ein. So fand eine Aussprache statt über „Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das sowohl in Bezug auf seine praktische Anwendung und Wirksamkeit in der offenen und geschlossenen Erziehungs- und Gefährdetenfürsorge als auch in seiner theoretischen Bedeutung im Hinblick auf das jüdische Religionsgesetz erörtert wurde. Es wurde beschlossen, einer Stelle im Reich alle Anträge, die für die S.terilisierung jüdischer Personen gestellt werden, zur Gewinnung eines Ueberblickes und zur eventuellen Beratung zur Kenntnis zu bringen. Ferner wurde der Wunsch nach einer Stellungnahme der deutschen Rabbiner geäußert. Dr. Margarete B «. r e n t referierte über das Gesetz „gegen Mißbrauch bei Eheschließung und der Annahme an Kindesstatt" in seiner Beziehung zur Adoptionsvermittlung. Demzufolge sind Adoptionen zwischen Angehörigen verschiedener Rasse für die Zukunft unerwünscht, können jedoch rückwirkend auf Grund dieser Tatsache allein nicht angefochten werden. Es wird darauf hingewiesen, daß Adoptiveltern, die Kinder nichtdeutscher Staatsangehörigkeit adoptiert haben, für diese Pässe haben müssen, denn eine Adoption an sich ändert nicht die Staatsangehörigkeit des Kindes. Neben gesetzlichen Maßnahmen wurden noch eine Reihe von Einzelfragen, die sich aus der Praxis der Adoptionsarbeit ergeben haben, besprochen, Einzel- Adoptonen ins Ausland, die Frage der Abfindung, die Weiterverfolgung des Schicksals adoptierter Kinder, die Frage der Adoption von Geschwistern, ferner die Stellungnahme zur Massenverschickung von Kindern ins Ausland, die erneut abgelehnt wurde. Zum Pflegestellenwesen wurde vor allem die Frage der Krankenversicherung, sowie die Schulung der Pflegemütter und Vertrauensfrauen beraten. Mit der Zentralwohlfahrtsstelle ist vereinbart worden, daß die Beschaffung von Pflegestellen im Ausland für Kinder bis zu, 12 Jahren durch die Elberfelder Zentrale, für ältere Kinder durch die Zentralwohlfahrtsstelle erfolgen soll. Es wurde davon Kenntnis gegeben, daß die geplante Erhebung über „Vorkommen und Schicksal unehelicher jüdischer Kinder" inzwischen eingeleitet worden ist. Ferner wurde beschlossen, im Titel der Zentrale die allgemeine Aufgabe des jüdischen Kinder- und Mutterschutzes stärker zum Ausdruck zu bringen. Schulbefreiung am Sabbat. Karlsruhe, 25. April. Die Israelitische Religionsgesell-i schaft Karlsruhe versendet an ihre Mitglieder ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Der in dieser Woche auch für Baden veröffentlichte Schulerlaß des Kultusministeriums stellt Eltern und Schüler vor eine verantwgrtungsvolle Entscheidung. Er zwingt die Schüler, die fernerhin die Schule am Schabbos besuchen, zu schreiben; er stellt aber auch die Befreiung vom Schulbesuch am Schabbos anheim. Wir erwarten von unsern verehrlichen Mitgliedern und Synagogenbesuchern auf das bestimmteste, daß sie die Zeichen der Zeit, durch die G'tt uns prüft, verstehen, daß sie ihren Kindern den Schabbos in eine bessere Zeit hinein retten und erhalten werden! Nur eine glaubensstarke und überzeugungstreue Jugend ist charakterfest genug, um den Kampf ums Leben zu führen und vor Verzweiflung bewahrt zu bleiben! Nur sie vermag Lehrern und Mitschülern Achtung abzuringen, wenn sie stets bereit ist, für ihre Glaubenstreue Opfer zu bringen. Bewahret sie vor Treubruch!" Dem Schreiben liegt ein Befreiungsantrag bei, und werden die Eltern gebeten, diesen zu unterschreiben und dem Klassenlehrer überreichen zu lassen. Der Minderheitenschutz in Oberschlesien . Breslau, 27. April. Die Zeitung „Deutsche Ostfront", Gleiwitz, enthält einen parteiamtlichen Untergaubefehl des Untergauleiters Waldmann, in dem es u. a. heißt: „Um den aus dem Genfer Abkommen für das Deutsche Reich sich ergebenden Verpflichtungen Genüge zu tun und den in dieser Richtung bisweilen auftretenden Schwierigkeiten zu begegnen, werden alle Unter- und Nebengliederungen der NSDAP, innerhalb des ehemaligen oberschlesischen Abstimmungsgebietes angewiesen, jegliche öffentliche Propaganda gegen Angehörige der jüdischen Minderheit im früheren Abstimmungsgebiet zu unterlassen. Diese Anweisung gilt in besonderem Maße für die NS-Hago und die GHG. Verstöße werden in Zukunft parteidisziplinarisch geahndet," Oesterreich. Rücktritt des Vize-Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Jakob Ornstein. Wien, 25. April. Wie die „Union Oesterreichischer Juden" mitteilt, hat Präsident Dr. Jakob Ornstein seine Stellen als Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, wie auch als Präsident der Union niedergelegt. Dr. Jakob Ornstein hat das Amt eines Vizepräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde zehn Jahre lang bekleidet. In der Union Oesterreichischer Juden ist er seit 1907 tätig, wo er bald zum Vizepräsidenten und nach dem Kriege zum Präsidenten gewählt wurde. Sehr große Verdienste hat sich Präsident Dr, Ornstein während der Kriegszeit und nach dem Kriege, insbesondere in der Optantenfrage erworben, wie auch bei der Ausarbeitung des Pressegesetzentwurfes gegen Beleidigungen des Judentums. Dr. Ornstein ist auch Präsident der Israelitischen Alliance und anderer Organisationen. Als Ursache seines Rücktritts von der Vize-Präsidentschaft der Kultusgemeinde und der Präsidentschaft der Union wird offiziell hohes Alter — Dr. Ornstein hat bereits das 76. Lebensjahr erreicht — sowie Arbeitsüberbürdung angegeben. Doch könnte sie auch in der neueren politischen Entwicklung liegen, die auch die Kultusgemeinde vor neue Probleme stellt. Frankreich. Mathieu Müller über das jüdische Leben und die jüdischen Emigranten in Frankreich. Antwerpen, 25. April. Einem Vertreter des Warschauer „Jiddischen Togblattes" gegenüber äußerte sich Advokat M. M ü 1 - 1 e r bei seiner Anwesenheit in Antwerpen über das jüdisch-religiöse Leben in Frankreich in wenig befriedigender Weise. Außer in Paris und im Elsaß ist in ganz Frankreich von einem jüdischen Leben kaum etwas zu bemerken. Jüdische Gemeinden auf dem Lande besitzen weder Schule noch Mikwah, zumeist nicht einmal Minjang'ttesdienst. Besser stehen die Dinge im Elsaß, aber auch dort schwindet die Kenntnis der Thora in bedenklichem Maße, mit Ausnahme von Straßburg, wo eine Jeschiwa gegründet wurde, die unter der Oberleitung von Oberrabbiner Weil in Kolmar, dem Gründer der Agudas Jisroel in Frankreich, steht. Paris beherbergt heute etwa 100 000 Juden, besitzt aber keine einzige jüdische Schule. Der Staat kümmert sich um den religiösen Unterricht der Juden so wenig wie um den der anderen Konfessionen. Kleinere Privatgemeinden gibt es in Fülle, da deren Bildung in Frankreich kein gesetzliches Hindernis im Wege steht. Die ansehnlichste Gemeinde außerhalb des Konsistoriums ist die von Rabbiner Weißkopf, der 98 Jahre zählt und vor kurzem sein 75jähriges Amtsjubiläum in seiner Schul gefeiert hat. Die Zahl der sabbathaltenden Geschäfte in Paris ist verschwindend, eine sabbatfreie Stelle für einen jungen Mann zu erhalten, ist so gut wie unmöglich. Das rauschende, schäumende Leben der Weltstadt schwemmt alles Ideale weg. Es gibt auch kaum eine zionistische Organisation oder eine Misrachigruppe in Paris. Was die A g u d a betrifft, so besitzt sie in Frankreich drei Hachscharahpunkte, den bedeutendsten in Grussenheim im Elsaß unter Leitung von Advokat Schnurmann aus Straßburg. Die Pariser Agudagruppe zählt etwa 50 Mitglieder und veranstaltet regelmäßige Schiurim. Eine Koscherküche, ursprünglich nur für Studenten gegründet, öffnet jetzt ihre Pforten auch anderen frommen jungen Menschen. Mählich nur kann man das Niveau des religiösen Lebens in Paris heben, aber die Atmosphäre ist, wie gesagt, für die Religion sehr ungüsntig. Die Emigranten wurden in Frankreich und in Paris gut aufgenommen. Für die deutschen Flüchtlinge hat man in Paris im letzten Jahre annähernd acht Millionen Francs aufgebracht, von denen drei Millionen Baron Rothschild allein gespendet hat. Für die Aushaltung der 50 000 Emigranten reichen die Summen nicht, darum befinden sich die meisten in einer sehr gedrückten Lage. Die weiblichen Personen konnten noch eher in Stellen untergebracht werden als die männlichen, weil die letzteren bei der allgemeinen Arbeitslosigkeit keine Arbeitserlaubnis erhalten. Das Flüchtlingsproblem ist schwer lösbar. Polen. Keren Hajischuw-Konierenz in Lemberg. Lemberg, 23. April. Zur Einleitung der Keren Hajischuw- Werbeaktion waren hier viele Gäste, an deren Spitze der Präses der polnischen Agudas Jisroel, Herr I. M. L e w i n , in Lemberg eingetroffen. Auf einem- Bankett waren über 3000 Menschen anwesend. Die Ansprachen von Herrn Lewin, des Luzker Raw Rabbi S. Sorozkin und Benjamin Münz hinterließen großen Eindruck. An der Konferenz, die abends stattfand, nahmen 500 Delegierte teil. Einen eigenen herzlichen Empfang boten die P o - ale Agudas Jisroel in ihrem Lokale den Gästen. Auf der Konferenz gelobten alle Teilnehmer, die Werbeaktion des K. H. nach Kräften zu unterstützen. Unter den vielen Rednern wurde auch der Sanoker Raw, Rabbi Tuwje Horowitz, herzlich empfangen- und mit Aufmerksamkeit angehört. Die Konferenz nahm mit einer begeisternden Rede des Präses, Herrn I. M. Lewin, ihr Ende. (Weitere Korrespondenzen siehe Seite 13.)