Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1934)
- Date
- 1934-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 18 Der Israelit 3. Mai 1934 Optimismus von heute* Von Dr. Adolf Altmann,. Oberrabbiner in Trier. „Alles hat seine bestimmte Zeit", sagt Koheleth, „und jegliche Angelegenheit hat ihren Zeitpunkt." Ist jetzt, so könnte man fragen ein Zeitpunkt, von Optimismus zu reden? Es wird nicht wenige geben, die das zweifellos verneinen werden. „Nein," werden sie sagen, „wir wollen jetzt nicht von dergleichen hören". . Der Optimismus ist nicht an der Zeit, Insbesondere dem Judentume gegenüber, sei es höchst unangebracht und verfehlt, von Optimismus zu reden. Und in der Tat, Optimismus, das ist doch, so weit man weiß, die Anschauung, nach der die Welt und das Leben das Beste vom . möglichen Guten sei. Trifft das auch nur irgendwie zu? Ist das Leben so gut und das Dasein in der Welt so annehmlich? Man will nicht feige sein und sich nicht beklagen, man nimmt schon, wenn es sein muß, alles gerne wie es ist, aber man kann doch, so denken viele, den Aufenthalt auf diesem Planeten, genannt Erde, nicht obendrein auch noch rühmen und preisen und sozusagen „juchheisa" rufen, daß man lebt. Was aber will der Optimismus anderes, als einen dazu bringen, als einem zu suggerieren, daß es, G'tt weiß, wie wunderschön sei auf dieser Welt. Ist'denn die Miß!?;chkeit, der so viele in der Welt ausgesetzt sind, abzuleugnen, kann sie der Optimismus hinwegdisputieren? Fehlt es an Sorgebeladenen und vom Lebensdruck Belasteten, daß man meint, mit optimistischen Tiraden darüber hinweg zu kommen? Nein, die Menschen sind heutzutage nicht in der Lage und nicht gestimmt, so denken zahlreiche, auf die ewig rosig angehauchte Weltanschauung des Optimismus einzugehen. Sie neigen in den meisten Fällen vielmehr dazu, den Optimismus nicht nur von vornherein abzulehnen, sondern ihn noch obendrein zu bekämpfen, weil sie ihn als einen gewissen Hohn empfinden, da er sich, wie sie meinen, gegen jede Wirklichkeit wendet und sich in Regionen ergeht, die außerhalb aller Tatsachen und jeglicher Erfahrung liegen. Mag sein, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, wo der Optimismus angebracht war, daß er da seine gewisse Berechtigung hatte, etwa in der guten alten, ideenspielerischen Zeit des Rationalismus, in der er in seiner gangbarsten Form ja auch aufkam, zur Mode wurde und zum guten Ton der Gesellschaft gehörte, etwa in der satten, geruhsamen und harmlosen Zeit der Perücke und Krinoline, oder des Rokoko und Biedermeier. Da hatten es wie sie meinten, die Leute gut, da wurde die ganze Welt wie ein schönes Theater angesehen und das Leben wie ein ewiger Maskenball. Aber heute, wo die Welt nicht aus den Erschütterungen herauskommt und überall ein gigantisches Ringen nur um die nackte Existenz des Lebens vor sich geht und zumal der Jude, nicht etwa nur hier und dort, sondern fast überall ein Spielball der bewegten Verhältnisse geworden ist, wie sollte es da angebracht und wünschenswert seiti; von Optimismus zu reden und noch irgend-! wie ein Aufhebens aus ihm zu machen? Nein, so werden viele sagen, Schopenhauer hat schon ganz Recht gehabt, den Optimismus geradezu eine ruchlose, weil zynische Denkart zu nennen, und ebenso hat, — werden sie sagen, — Oswald Spengler das Richtige getroffen, im Optimismus nichts anderes als eine Feigheit zu erblicken. Unter solchen und ähnlichen Auspizien, die in den weitesten Kreisen gegeben sind, heißt es für den, der es dennoch unternimmt, das Thema Optimismus zu behandeln, nicht nur sich auf ein sehr kühnes Gebiet begeben, sondern geradezu. in ein Wagnis steigen. , Und doch soll man das, ja man muß es sogar. Man muß es wagen, auch hier, wie auf manch anderem Gebiete der geistigen Mitreißung der Menschen, wenn es zu ihrem Wohle ist, auch gegen den Strom zu schwimmen. Man muß kühn und frei das Thema Optimismus geradezu in den Mittelpunkt des allgemeinen, insbesondere jüdischen Interesses stellen. Ob es an der Zeit ist? Es war in Wirklichkeit vielleicht niemals mehr an der Zeit, als heute. Abgesehen davon, daß es noch fraglich ist, ob die so stark verbreitete antioptimistische Grundstimmung der Zeit auch in allem und jedem wirklich berechtigt ist und nicht vielmehr in vielem auf der bloßen Psychose der Aufbauschung und Uebertreibung beruht, ist es, selbst für den angenommenen Fall der zutreffenden vollen Berechtigung eben, wie gesagt, erst recht wie noch selten zuvor am Platze, den Optimismus zu Worte kommen zu lassen. Gerade je gegenteiliger sich die wirkliche Zeitlage von der Auffassung des Lebens im Sinne des Optimismus abhebt, desto nötiger brauchen wir ihn, desto mehr sind wir darauf angewiesen, ihm Ohr und Herz zu öffnen. Denn der Optimismus bedeutet doch Widerstand gegen die Lebensmisere. Wenn wir nicht an ihr zerschellen wollen, müssen wir uns * an ihr Gegengewicht, und das ist der Optimismus, halten. Ja, wir brauchen den Optimismus wie ein Stück des täglichen Brotes. Heißhunger müßte uns nach ihm erfassen, und wie der Durstige nach dem Labetrunk, müßteni wir nach ihm haschen. Selbst wenn wir annehmen wollten, daß es sich beim Optimismus nur um einen Scheinbehelf handele, daß es dabei nur um einen Trost geht, um die Erbaulichkeit eines Zuspruches, um eine schöne Illusion, auch dann könnten wir, dürften und sollten wir nicht darauf verzichten. Auch Opium ist zu Zeiten schwerer Krankheitskrisen eine wichtige Medizin. Aber der Optimismus ist nicht bloß Opium, er ist mehr als ein bloß schmerzbetäubendes Hilfsmittel, er kann unter Umständen das wirkliche Serum der Krankheitsüberwindung sein. Bei dieser kommt es, wie wir wissen, sehr stark, wenn nicht gar vor allem darauf an, daß der Kranke sich nicht selbst aufgibt und sich nicht apathisch gehen läßt. Er muß sich mutig und selbstvertrauensvoll ans Leben klammern, an dem Willen zur Ueberwindung sich festhalten. Das aber und nichts anderes will der Optimismus beim Menschen in erster Reihe erzielen. Je pessimistischer die Veranlassung dazu stimmt, desto energischer soll sich der Mensch angespornt fühlen, sich aus den Schlingen der Verkrampfung zu lösen und sich frei herauszuerheben. Aus dem Mißmut und der drohenden Verzweiflung. Er soll sich und kann sich dabei an dem optimistischen Grundsatz emporranken, daß trotz allem und allem das Leben doch lebenswert sei. Die Grundvoraussetzung dafür ist ohnedies in jedem Menschen gegeben. In Jedem lebt, solange er normal ist, ein angeborener fester Ansatz zum Optimismus, ein gesunder urwüchsiger I^etto dafüf, es ist das der Selbsterhaltungstrieb, der Lebenswille. Heine, der leidenreiche, der sich zuletzt nur noch selbst ironisch „Matratzöngruftpoet" nennti. ruft in allem Schmerze eines schweren Krankenlagers aus: „0 G'tt, wie . traurig bitter ist das Sterben! O, G'tt, wie süß und traulich läßt sichs leben, in diesem traulich süßen Erdenneste!" Der vom Schicksal ungemein geplagte, von Uebelnc aller Art befallene Dichter udn Denker Roberts Hamerling, der yon sich: sagen mußte: „Mein Leben ist ein Sehnen, ein stummer Schrei ' der Qual;' nach einem Hauch der Liebe, nach einem Sonnenstrahl", <;. fand trotz allem noch Mut, zu einem Optimismus wunderbarster'Art; den er in der Schönheitsseligkeit seines Herzens begründet fand. Ein anderer, der sich nicht einmal damit trösten konnte, es ist der blinde und taube Dichter und Denker Hieronymus Lorm, dem auch die schöne Natur nicht Ersatz bieten konnte für sein ewiges Elend, weil er sie nicht wahrzunehmen vermochte, fand auch trotzdem noch einen Grund der Anklammerung am Leben. Er fand den Schimmer des Haltes im Gemüte, in einer zart besaiteten Seele und nannte diesen Lebenshalt einen „grundlosen Optimismus". In einem ergreifenden Poem läßt er sich darüber vernehmen: „Und droht die Nacht der Schmerzen, ganz mein Leben zu umfassen, , ein unvernünftiger Sonnenglanz will nicht mein Herz verlassen." Ja, kein Lebender ist so arm und verlassen, um nicht auch noch irgendwie, wo und wann, einen, schönen Tag, eine erhebende Stunde, einen entschädigenden Moment erleben zu dürfen. Es gibt, manche, denen das Schicksal mit Gesundheit lohnt, was es ihnen an Besitz und Einfluß versagt. Anderen teilt es die Gaben in umgekehrter Weise aus. Wo beides fehlt, stellen sich Glücksmomente anderer Art zum Ausgleich ein, z. B. treue Kinder, edle Freunde, wohlwollende Mitmenschen. Achtung und Ehre haben schon so manchem Schwergeprüften die Genüsse des Lebens ersezt. Ein lauteres Herz, ein heller, offener Sinn, eine zufriedene Natur, werden nicht umsonst als höchstes Gnadenglückgepriesen. Manche Psychologen und Physiologen behaupten, daß eine der eigenatrigsten und köslichsten Wonnen der menschlichen Natur die „Wonne im Leid" sei, das Glücksgefühl, die Leiden und Uebel mit Standhaftigkeit und Mut zu ertragen. Das geduldige Martyrium der ungezählten Männer und Frauen in der jüdischen Geschichte, die um des geliebten Glaubens Willen das Schwerste auf sich nahmen und dabei noch fromme Gesänge anstimmten, mag ein Beweis dafür sein, Auch im Kriege sah man Tausende und Abertausende in bester Laune, ja mit einer geradezu frenetischen Lust und Freude die größten Gefahren und schrecklichsten Marter geduldig ertragen. Darum braucht der Mensch solange ihm wenn auch nur noch ein einziger Schimmer von Glück und Freude glänzt und auch nur eine einzige Ader des Lebenswillens in ihm schlägt, nicht zu verzagen und nicht zu kapitulieren, sondern den Optimismus des Lebens in sich obsiegen zu lassen. - -(Schluß folgt.) Die religiösen Positionen in Palästina. Von Hillel Liebermann in Jerusalem. Man diskutiert in letzterer Zeit auch innerhalb der Orthodoxie oft darüber, ob und wie viel die Orthodoxie für Erez Israel getan hat. Selbstkritik und Revision der eigenen Leistung könnte immer von Nutzen sein, wenn nicht die Gegenseite stets auf der Lauer wäre, jedes unter Brüdern gesprochene Wort aufzugreifen und daraus eine Anklage gegen die Gesamtorthodoxie zu machen. So kann man jetzt in den zionistischen Kreisen angesichts der erneuten Aktivität der Orthodoxie in Palästina die Frage hören: „Wo wart ihr früher, warum kommt ihr erst jetzt,' wenn uns überall in der Diaspora der Boden unter den Füßen entzogen wird?" Zur Beantwortung spicher Fragen, die oft auch ein sträfliches Maß von Bescheidenheit in unsere eigenen Reihen trafen, sei mit kurzen dürren Worten hier gesagt, was die Orthodoxie für Erez Israel g^.tan hat und immer noch unter schweren Opfern tut. Es ist wichtig zu zeigen,, daß dem orthodoxen' Judentum der wahre Aufh bau von Palästina zu danken ist. Wer anders als die alten frommen Juden haben die vier alten heiligen Städte Jerusalem, Hebron, Saf ed und Tiberias erbaut und erhaltend, Wer sonst als diese haben all die Gelder auf-