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Der Israelit · 1934-05-03 · Heft 18 (3.5.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 18 (3.5.1934)
Date
1934-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 3. Mai 1934 Drei Tage später, am 14. April, berichtete das gleiche Blatt ergänzend, daß zwar ein solcher Antrag nicht eingebracht worden sei, aber tatsächlich der Willens m einung der über- : ausgroßen Mehrheit der orthodoxen Jugend entspreche. Daß diese Meldungen des Regierungsblattes in der Wiener Judenheit eine gewisse Sensation hervorriefen, läßt sich erklären. Der Vorstand der Agudas Jisroel, der wie alle verantwortungsbewußten Männer es nicht für angängig hielt, in der heutigen Zeit innerjüdische Zerwürfnisse vor einem nichtjüdischen Forum auszutragen, brachte diese seine Meinung gegenüber der A. J.-Jugendgruppe mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck und bat, einer Wiederholung solchen Vorgehens mit aller Energie entgegenzutreten. Damit hätte man die Akten über die Angelegenheit schließen können, wenn das Präsidium der Kultus gemeinde in dieser ernsten Zeit auch nur das geringste Verständnis für die orthodoxen Wünsche und für die Zeichen der Zeit gezeigt hätte. Hat doch der Kultusvorstand mit der Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechtes sich sogar über das Votum seines eigenen Rabbinates hinweggesetzt. Es folgte darauf, auf Veranlassung des Vizepräsidenten Dr. Loewenherz, die Streichung der Palästinasubvention für die Agudas Jisroel. Alle Interventionen der zuständigen Stellen, auch derer im Heiligen Lande, blieben erfolglos. Ein anerkannt befähigter Religionslehrer wurde einzig wegen seiner orthodoxen Gesinnung nicht einmal zur Prüfung zugelassen. Neuerdings verlautete, daß auf Betreiben des gleichen zionistischen Vizepräsidenten die Subventionen an die beiden Jeschiwoth Matterburg und Deutsch-Kreuz ge st riehen werden sollen, — als Strafe dafür, daß sie die Hand nicht zur Bildung des geplanten Gemeindebundes bieten wollten. Religiöse Beamte werden aus dem Beamtenstabe entfernt und es wird auch sonst nichts unversucht , gelassen, das religiöse Element aus der Führung auszuschalten. Zu all dem wird noch bekannt, daß der Gemeindepräsident dem Bundeskanzler für den von der Regierung geplanten staatlichen Kulturrat vier Vertreter nominiert haben soll, die alle der radikalen Linken angehören; ja, man hat sogar darauf gesehen, daß der Vertreter der Union Oesterreichischer Juden in diesem Kulturrate nicht aus dem rechten konservativen Flügel, sondern aus dem kleinen religiösliberalen Bezirke der Union komme. Kommt Die Sidra spricht zu uns . . . Wenn Midrasch seinen Erklärungen zur Sidra das Geleitwort aus Psalm 19 gibt: ~yb maiy minn n dkt („G'ttesfurcht, die rein, ist bleibend für die Ewigkeit"), so soll offenbar damit eine ungestellte Frage beantwortet werden. Warum, fragen wir uns beim Lesen des ersten Kapitels von ->öK' soll der Priester, der Lehrer und Wegweiser des Volkes, von der Bruderpflicht des rr»J nax bv (letzten Liebesdienstes an dem Bruder) ausgeschlossen sein, warum soll das, was jedem anderen Juden höchstes Gebot ist, ihm zur Sünde gereichen? Die Antwort gibt Midrasch mit jenem angeführten Psalmsatze. Erklären wir das näher: Daß uns besonders die Totenbestattung und alles, was damit zusammenhängt, als eine der heiligsten Pflichten so warm ans Herz gelegt wird, hat doch wohl seinen letzten Grund in dem Rate des Kohcleth: "in nnwan rvn bx rebn Vasn bx robb ai», „Man besuche lieber das Haus der Trauer als die Stätte des Gastmahles, da wir hier das Endziel alles Menschlichen sehen und wir Lebenden uns dies zu Herzen nehmen." „Schau dem Tode ins Angesicht, dann wirst du das Leben genießen!" lautet die Antjener Kulturrat wirklich in dieser Form zustande, so wäre damit der Orthodoxie für Jahrzehnte hinaus jede Vertretung ihrer eigenen Interessen verwehrt. Und das alles zu einer Zeit, da eine religiöse Strömung durch alle Lande geht und besonders in Oesterreich im politischen und öffentlichen Leben dieser Strömung weitgehende Rechnung getragen wird. Nach all dem begreift man es ohne Weiteres, daß die Jugend ungeduldig wird in dem Moment, da sie glaubt, die Alten hätten bis jetzt nicht alles aufgeboten und nicht alles unternommen, um solche Vergewaltigungen unmöglich zu machen. Wir wollen und können von hier aus nicht prüfen, ob und inwieweit die Agudajugend Grund zu diesm Vorwurfe hat, ob nicht in stiller Arbeit, wie sie die heutige Zeit gebietet, doch manches versucht wurde, der Gefahr entgegenzuarbeiten. Immerhin, man versteht, daß durch die genannten Vorgänge bis aufs Aeußerste gereizte religiöse junge Menschen, die die Zukunft des religiösen Judentums in der zweitgrößten Gemeinde Europas bedroht sehen, sich aufrütteln und aufs Ganze gehen wollen. Das alles wollen wir gerne zugeben und anerkennen, wenn wir auch den Gang zur „Reichspost" und den weiter geforderten Gang zum Bundeskanzler nach wie vor für einen verhängnisvollen Fehler halten. Sollte aber dieser verzweifelte Versuch der Kultusgemeinde zu denken geben und dem Gros ihrer rechtdenkenden Mitglieder über die wahren Verhältnisse in der Gemeindeverwaltung die Augen öffnen, so wäre auch dieser nicht umsonst gewesen. Jubiläen in Palästina. Ohne Sang und Klang haben die ersten alten Kolonien das Jahr und den Tag ihres fünfzigjährigen Bestehens vorübergehen lassen. Tel Awiw', die jüdische Stadt, die nur halb so alt ist, feiert in jugendlicher Kraft und Frische ihr Stadt jubiläum mit einer Art Weltmesse, wenn die Bezeichnung bei Beteiligung von annähernd dreißig Ländern Europas und Amerikas berechtigt ist. In Verbindung mit den alten Kolonien feiern aber auch die letzten Bilu-Männer ihr 50jähriges Arbeitsjubiläum, und von diesen soll hier die Rede sein. „Bilu" (r^a) ist die Abbreviatur des Prophetensatzes in Jesajas, Kap. 2 rrnr ijb -p-" n-r» der als Devise galt für die begeisterten jungen Menschen, die im Jahre 1883/84, nach den furcht - wort der Weisen Jerusalems auf die Frage von Alexander, dem großen Mazedonier, wie er den beunruhigenden Todesgedanken überwinde. Der Tod belehrt uns über Sinn und Zweck des Lebens, und ist daher die Beschäftigung mit dem Toten ein Erziehungsmittel wirksamster Art. „Wer da merkt," so lehrt Talmud „Berachoth", „daß der böse Trieb über ihn Gewalt bekommt, der flüchte sich zum heiligen Buch, ins Thorastudium; hat es nicht genützt, dann lese er das Schma-G.ebet; bleibt auch dieses erfolglos, so rufe er sich den Todestag in Erinnerung" Der Todesgedanke wird den bösen Trieb mit der von ihm geweckten unreinen Lust und Leidenschaft schon restlos verjagen. Hier wird der Tod zuletzt genannt, als letzte Rettung. Idealer wäre es, wenn schon Thora und Schma genügten, alle unreinen Gedanken und Lüste von uns fernzuhalten. Nur wo alles andere versagt, suche man seine Zuflucht zum Todesgedanken. Rein ünd vollkommen und von ewiger Dauer wird die G'ttesfurcht und die Sittenreinheit des Menschen kaum sein, der durch solche äußere Mittel, durch Aengste vor dem Tode, sich immer von Neuem zum Ernste des Lebens und zur Pflichterfüllung erziehen muß. Uns allen kann das Mittel keineswegs schaden, auch wenn wir seiner entbehren könnten. "Des Priesters G'ttesfurcht muß aber von reinster Art sein, muß aus seinem tiefsten Innern ausströmen und beispielgebend weiterwirken in alle Dauer hinein. Darum halte er sich fern all dem, was tot und tome ist, er erprobe seine geistige Kraft im Leben, in der Freude, in der Reinheit. •n^nn ms nrrn •r-'-i Daran denken unsere Midraschweisen, da sie an das erste Kapitel unserer Sidra herangehen und brinbaren Pogromen in Südrußland, sich aus ihrent akademischen und kaufmännischen Berufen herausrissen und unter unsäglichen Schwierigkeiten: den Weg nach Erez Israel fanden, um dort dier ersten Kolonien zu gründen. Idealisten großen Schwunges waren jene ersten Chaluzim, etwas zu stürmisch in manchen Punkten für dieältere Generation und darum nicht im Besitze des ungeteilten Vertrauens im Osten. Was diese Männer mit dem Schweiße ihres Angesichtesaus dem damals versumpften Boden in Judäa und- Galil herausgeholt haben, gehört der Geschichtean. Davon zeugen als leuchtende Denkmäler die alten Kolonien Petach Tikwah, Rischon, Rosch Pinah usw. Ein kleines Häuflein nur ist heute noch von jener großen begeisterten Schar am Leben, ein Häuflein von Greisen, die es erlebenmüssen, daß sie, die hemmungslosen Stürmer von damals, heute von den jungen Arbeitern als die „Rückständigen", die Zeloten, die Bourgeois bekämpft werden. Es ist der Gang des Lebens und der Geschichte. Es sind auch noch jugendliche Greise zumeist, denen das Feuer im Herzen, etwas milder und sanfter, aber in ungeschwächter Kraft lodert. Sie könnten heute, noch die besten Wegweiser für die Jungen sein, wenn diese im Sturm, der sie über das Mittel— meer getragen und im Rausche des Werdens», der sie im Lande empfangen hat, noch Auge und Ohr für Belehrung und Weisung hätten. Diese Männer, die Altmeister des Jischuwr acht an der Zahl von den vielen Hunderten,, die die heilige Erde deckt, treten nun mit einenr Aufrufe, der schon in seiner Form an den StiL der an Thora und Talmud orientierten Hebräisten von damals erinnert, an die Arbeiter voir beiden Seiten heran und beschwören sie in ergreifenden Worten, vom Bruderkampfe zu lassen, endlich die Streitaxt zu begraben und mit vereinter Kraft für die Aufgaben des jüdischen Heimes zu arbeiten, für die sie selbst ein Menschenalter gelebt, für die ihre Brüder in der Arbeit ihr Leben hingegeben haben. Der Appell entbehrt nicht auch einer kulturhistorischen Bedeutung. Was wir hierin vermissen, ist höchstens eine kleine Mahnung nach der Seite des religiösen Positivismus, den die Stürmer vor fünfzig Jahren, bei allen fortschrittlichen Ideen, ja immer noch mit ihrem Ideal vom jüdischen. Heime eng verbanden und dessen Fehlen bei der jungen Generation die Quelle alles Uebels und alles Unheils ist. Träfen sich die Arbeiter von der „Histadruth" und der revisionistischen Partei im Jüdischen, unter der Fahne, unter der gen es auf die kürzeste Formel mit dem Psalmsatz- 19b mal)? mino "t nim „Seine, — des Priesters — G'ttesfurcht, ist r e i n, (nicht vom Todesgedanken hergeleitet), darum ist sie von ewigem Bestände." Im Festeskapitel der Sidra (Kap. 23) ergibt sielt die Merkwürdigkeit, daß der Abschnitt mit den: „Festen G'ttes", 'n "nyia beginnt und diese aufzuzählen sich anschickt 'W» an ni>x. dann aber (Satz 3) nicht mit einem Feste beginnt, sondern gar vom Sabbat spricht, um erst später (Satz 5) auf daff erste der Feste, das Peßachfest, überzugehen. Dieser Sabbat, der sich hier zwischen Einleitung und Inhalt des Festkalenders einschiebt, machte den Kommentatoren einiges zu schaffen. In der großen Auseinandersetzung mit den S a d - duzäern in Sachen der S e p h i r a h und des Schwuothfestes diente den Lehrern dieser Satz als triftiger Beweis dafür, daß auch Sabbat. Festtag genannt wird. Damit war das Hauptargument für die Irrlehre, daß das Schneiden und Zählen des Omer erst nach Sabbatausgang beginne, getreu der Vorschrift «cn mnaa, entkräftet. Denn s,o wie hier in unserer Sidra der Sabbat als Feiertag bezeichnet wird, so muß dort nnPfi mrtBC' „nach Ausgang des ersten Festes" übersetzt werden. Mit diesem Satze will man auf die einfachste Weise auch ein Worträtsel im Sabbat-Kiddusch aufklären. Da heißt es nämlich vom Sabbat »D'-'S» r\wb i3T /ist n^rrn nv sin »a „Denn er ist Tag des Anbeginns für die heiligen Einberufungen, Andenken an den Auszug aus Mizrajim.'*" Wie kann hier der Sabbat als Andenken an den- Auszug hingestellt werden, .wo er doch in Wahrheit

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