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Der Israelit · 1934-05-03 · Heft 18 (3.5.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 18 (3.5.1934)
Date
1934-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3f Mai 1934 Der Israelit Nr. 18 Seite 3 Deutsche und jüdische Kultur. (Fortsetzung von Seite 1.) Dissimilation vorgestoßen . . . Dissimilation als Gegensatz zur Assimilation kann — ebenso wie diese — nur von den Juden selbst ausgehen. Wenn der Arierparagraph den Juden voneiner Betätigung in der deutschen Politik und Kultur ausschaltet, so ist das — wie manche meinen — keine Dissimilation, da es nur einen äußeren Zustand regelt, aber auf das Innere des Juden zunächst keinen Einfluß hat. Wir können die Juden nicht anders, nicht jüdisch machen. Das ist ihre Aufgabe. Wir können nur darauf achten, daß nicht wieder jenes deutschjüdische Durcheinander entsteht, in dem der Jude sich als Praeceptor Germaniae ausgeben und als Repräsentant deutscher Kultur fühlen konnte. Dafür ist die Ariergesetzgebung da. Vom nationalsozialistischen Standpunkt aus, konsequent zu Ende gedacht, wäre es nur zu begrüßen, wenn nun die Juden ihrerseits die äußere Grenzziehung des Arierparagraphen mit der inneren Grenzziehung der Dissimilation beantworten würden. Dissimilation — das ist die große Chance der deutschen Juden, durch den Aufbau einer eigenen Gefühls- und Vorstellungswelt, von sich aus einer unfreiwilligen Situation einen Sinn zu geben, sie zu einer freiwilligen umzugestalten und ihr so den Diktatcharakter zu nehmen. Im Anschluß daran fordert der Verfasser eine völlige Richtungsänderung für die Tätigkeit des Kulturbundes deutscher Juden durch Pflege der hebräischen und jiddischen Literatur und gibt der Erwartung Ausdruck, daß eine Umgestaltung der jüdischen Schule nachholen werde, was der Kulturbundversäumt habe." Bevor wir vom Standpunkt des allein geschichtlichen, des orthodoxen Judentums, das dem Verfasser unbekannt scheint, zu diesen Ausführungen Stellung nehmen, bedarf es einer Art Rechtsverwahrung. Wenn wir im folgenden die Grundthese des Verfassers von der Notwendigkeit einer freiwilligen Uebersetzung der Ariergesetzgebung ins wesenhaft Jüdische aus unsrer religiösen Weltauffassung heraus bereitwillig akzeptieren, so soll damit nicht etwa anerkannt werden, daß diese Ariergesetzgebung in der Art, wie sie aufgezogen und durchgeführt wurde, den Grundsätzen der politischen Ethik im Geiste des Judentums entspricht. Denn auch dann, wenn man die weitherzige Humanität des biblischen Fremdenrechts als mit den volklichen Bedürfnissen der heute in Deutschland gegebenen geschichtlichen Situation unvereinbar verwarf, hätte es gewiß andere, wohlerworbene Rechte und menschliche Herzensnot in höherem Maße respektierende Wege gegeben, um die deutsche Kultur von jüdischem Einfluß zu befreien, als die revolutionären Methoden, mit denen tausende von jüdischen Existenzen vernichtet und Tragödien ohne Ende heraufbeschworen wurden. Sei dem wie immer — wir erblicken in der Tat in dieser Ariergesetzgebung einen sichtbaren Fingerzeig der G'tteswaltung, die ihrem Volke schon vor Jahrtausenden, lange bevor dieses Volk den Leidensweg seiner Zerstreuung unter alle Nationen der Erde betrat, die Gefahr der „Assimilation", des tPUS DDIUKI» des allmählichen Verlorengehens unter den Völkern vor Augen hielt und ihm sein nvnV tpaxm p dddx >H3Xv die Notwendigkeit des „G eschi edensein s", des deutlichen ,,U nterschiedenseins" von der Umwelt, also die Notwendigkeit der Dissimilation als Voraussetzung einer dauernden G'tthörigkeit auf die Seele band. Jahrhunderte hindurch haben die weisen Führer des jüdischen Volkes in allen Golusländern diese Parole des „U n ä h n 1 i c h - S e i n s" bis ins Kleinste und Aeußerlichste durchgeführt, des Martyriums ungeachtet, das sie damit für den Einzelnen heraufbeschworen; haben den Juden durch Barttracht und Kleidung, durch Sprache und Namen von seiner Umwelt mit bewußter Schärfe „dissimiliert" und in der weitesten Interpretation des biblischen ' Verbotes „Und in ihren Satzungen sollt Ihr nicht wandeln" alles, was auch nur im entferntesten mit der rassisch-völkischen, an Blut und Volkssitte gebundenen Eigenart der Wirtsvölker im Zusammenhang stehen konnte, für den jüdischen Kreis verpönt. Sie wußten — und wissen es im Osten noch heute —, was an diesen „Aeußerlichkeiten" hängt, und wie aus der äußeren Lebensform mit zwingender Gewalt mächtige Formkräfte — dem Individuum unbewußt — ins Innerste der Gesinnung und der Anschauung hineinwirken. Und sie lehnten, darüber hinaus, erst. recht jede Verwässerung der in den jüdischen Erziehungsstätten der heranwachsenden Jugend dargebotenen, reinjüdischen Kulturinhalte und Kulturformen durch fremdes Kulturgut als doppelte „Assimilation" ab: als Assimilation g'ttlicher Offenbarungswerte an die Wis- , senschaft menschlicher ratio und als Assimilation eigener urnationaler Kulturformen an diejenigen anderer Nationen. Die Emanzipation war es, die in diese eiserne Mauer jüdischer Eigenkultur Bresche schlug. Der Märtyrermut, nun noch weiterhin, mitten im ungehinderten sozialen Verkehr mit der Umwelt, in jüdischer Tracht und mit dem „Ghettozeichen" des jüdischen Bartes geschmückt einher - zuwandeln, konnte den allmählich zur Masse werdenden Emanzipierten nicht mehr zugemutet werden. Man schied also Form und Wesen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß auch in dem seiner äußeren Erscheinung nach völlig assimilierten Juden eine jüdische Seele wohnen, Gefühls^ und Vorstellungswelt weiter ihre Nahrung aus den ewigen Quellen der G'tteslehre schöpfen könnten, wenn auch von frühester Jugend an in voller Allgewalt die fremde Kultur aus Verkehr und Lektüre, aus Schule und Gesellschaft in diese Seele und in diese Gefühls^ und Vorstellungswelt hineinwirkten. Das psychologische Experiment, das damit dem glaubenstreuen westeuropäischen Juden zugemutet wurde, ist — man muß es bei objektiver Betrachtung zugeben — zwar in manchen Fällen, bei ganz besonders günstigen Experimentalbedingungen, insbesondere bei Vorhandensein höherer jüdischer Schulen, geglückt und hat — zumal in Deutschland — kulturgeschichtlich äußerst bedeutsame Kreuzungsprodukte, Synthesen jüdisch-nichtjüdischer Kultur von dauerndem, messianische Zeiten vorbereitendem Werte erzeugt — im Großen, an der Masse gemessen aber mußte es mit innerer Notwendigkeit scheitern. Davon legt die numerisch leider geringe, kaum nach Tausenden zählende Menge allgemein und jüdisch durchgebildeter und dabei gefühlsmäßig und weltanschaulich original j ü d i s c h empfindender und denkender orthodoxer Juden Deutschlands Zeugnis ab. Daß Liberalismus und Zionismus immer nur Assimilierte erzeugen konnten, ist selbstverständlich. Wenn jetzt von der gleichen Seite, die die politische, gesellschaftliche, zum Teil auch die wirtschaftliche Emanzipation der deutschen Juden um der Reinheit des deutschen Volkstums willen zurücknehmen zu müssen glaubt, uns Juden kulturelle Selbstbesinnung gepredigt wird, so nehmen wir diesen Ruf, weil er von unsrem eigenen ' geschichtlichen Gewissen legitimiert wird, durchaus ernst. Die Motive, die den Mahner bewegen, berühren uns nicht; die Mahnung selbst tönt aus tieferen Quellen, als Zeit und Zeitgenossen sie im Gebiete des politischen Tageskampfes rauschen hören. Nur müßte auch die Gegenseite sie ernst nehmen. Wie soll aber beispielsweise der „Kulturbund deutscher Juden" hebräische und jiddische Literatur pflegen, solange kein Publikum vorhanden ist, das Hebräisch und Jiddisch versteht, kein Dichter, der das, was uns bewegt, in hebräischer oder jiddischer Sprachform kündet oder gar aus jüdischer Seele gestaltet und kein Musiker, der die tiefsten Offenbarungen jüdischer G'ttverbundenheit und jüdischen Weltgefühls in der Polyphonie der Töne zum Ausdruck bringt? Die jüdische Schule ist's, die wir brauchen; darin hat der nationalsozialistische Mahner vollkommen recht. Möge er seinen Einfluß dahin geltend machen, daß der neue Staat, ohne dessen Wollen und Helfen die deutschen Juden grade auf diesem für sie lebenswichtigen Gebiete ohnmächtig sind, dem Aufbau eines urwüchsigen elementaren und höheren jüdischen Schulwesens seine wohlwollende Unterstützung leiht — auf „Berechtigungen" zu Aemtern und Würden kann dabei verzichtet werden — und so die Voraussetzungen schafft für die aufrichtige Rückkehr der Juden zu dem mütterlichen Boden ihrer tausendjährigen religiösen Volkskultur. Dann allerdings gälte es, im Innern der westeuropäischen Judenheit den Kampf gegen die Assimilation der Kultur- Inhalte mit gesteigerter Kraft aufzunehmen, die bei scheinbarer, im Aeußerlich-Fo r m a 1 e n verharrender „Dissimilation" sehr wohl ihr Unwesen weiter treiben könnte. Nicht nur H e r z 1 und P o a 1 e - Zionismus, sind ja Produkte dieser Assimilation, sondern der Achad-haamismus und der antimarxistische „nationale Sozialismus" des Hapoel Hazair, die der Verfasser irrigerweise für „jüdischer" hält, können ihr modern-westeuropäisches Warenzeichen eben so wenig verleugnen. Schöpferische Erweckung jüdischer Kulturwerte ist nur zu erhoffen aus der in frühester Jugend einsetzenden Befruchtung der jüdischen Seele mit den ewigen Quellen der sinaitischen' Offenbarung, wenn diese dann ein auf ihren Grundlagen aufgebautes jüdisches Gemeinschaftsleben zu gestalten vermag, und im Schöße dieses Gemeinschaftslebens die in der Schule ausgestreuten Keime wachsen und reifen können. Ob das neue „Reichsministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" einer auf solchen Grundlagen aufgebauten Schul- und Ger meindegesetzgebung für die deutschen Juden Raum vergönnen wird, muß die Zukunft lehren. Wir wollen es hoffen. Wochenrundschau. Noch einmal die religiöse Erneuerung in Oesterreich. Unsere Stellungnahme zu dem Vorstoß der Agudajugend in der Wiener Kultusgemeinde in der jüngsten Nummer hat, wie zu erwarten war, einigen Widerspruch bei den jungen Freunden in Wien erregt, der, je nach Temperament, in der scharfen Form einer Zurückweisung oder der milderen der „Belehrung und Aufklärung" zum Ausdruck kommt. Wir haben uns von geschätzter zuständiger Seite über den Sachverhalt berichten lassen, und sind danach imstande, eine klare Darstellung der Angelegenheit zu geben: Am 11. April überraschte die „Reichspost", das Organ der Oesterreichischen Regierung und der Christlich-Sozialen Partei, mit einer Meldung,' daß bei der Generalversammlung der Agudas Jisroel-Jugendgruppe ein Antrag eingegangen sei, der Vorstand möge dahin wirken, daß alle Kultusvorsteher, die ein unreligiöses Leben führen, ihr Amt niederlegen. Im Falle der Erfolglosigkeit dieses Bemühens, sei beim Bundeskanzler ein Gesetz zu bewirken, nach welchem künftighin nur Vertreter mit religiösem Lebenswandel die Geschäfte einer Kultusgemein<le führen können.

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