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Der Israelit · 1934-04-26 · Heft 17 (26.4.1934) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 17 (26.4.1934)
Date
1934-04-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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26. April 1934 Der Israelit Nr. 5 Seite 3 Vorkenntnisse und' - Grundlagen : hej beischaffen, auf denen sich das Gelernte aufbaut. \ 3. Auch über die rein formalen sptachlichen Schwierigkeiten darf er den mitlernenden Hörer nicht zur' vollen Klarheit. kommen lassen. Dieser darf gar nicht merken, daß ihm die grammatischen und lexikalischen Vorkenntnisse fehlen. Wo eine Lücke entsteht öder entstehen könnte, muß der Lehrer zuvorkommen oder sofort einspringen; es darf_ sich keinen Moment' drückend bemerkbar machen, daß ein Wort fehlte, ein wesentlicher Irrtum unterlaufen sei. , ■ r . :'. ■•■ ' J 4. Die V o-r b e r e i t u n g zum Themamuß der Lehrer, oft mehrmals im gleichen Schiur, durch zielsichere Einführungsworte schaffen; auch die Repetition muß er selbst immer wieder mit der Darbietung neuen Stoffes geschickt und unmerklich verbinden. > Eine wirkliche Aneignung des Stoffes zum Dauerbesitz wird nur in den seltensten Fällen erreicht werden.. Die Arbeit des Schiurleiters gleicht der eines Säemanns, der unzählige Saatkörner auf gut Glück hinausstreut, obwohl nur wenige von ihnen aufgehen und Wurzel fassen. Der Lehrer muß :sicb eben vertrösten, daß jede Materie eine Wiederholung für die vorhergehende ist, daß durch die immerwährende Beschäftigung mit den religiösen Stoffen doch schließlich sowohl der Sprachschatz wie die Begriffswelt allmählich zum Volkseigentum werden. So hat es sich in der Tat im Osten bewährt, wo aus dem Schiur eine ganz religiöse Terminologie langsam in den Volksmund übergegangen ist. Eine wirksame Hilfe für die Aneignung ist es allerdings, wenn der Lehrer die Begriffe und ihre Formulierung scharf herausarbeitet und durch ihre wiederholte Nennung und Unterstreichung sie langsam im Gedächtnis der Hörer sich fest verankern läßt. So ist es gewiß, daß wichtige Grundsätze der Pädagogik beim Schiur zu kurz kommen. Ein Schiur ist eben doch keine Unterrichtsstunde und keine Lektion, eben so wenig wie er einer Universitätsvorlesung oder einem öffentlichen Vortrage gleicht. Er liegt mitten zwischen all diesem. Es müssen gewissermaßen die strengen Ketten der Didaktik gesprengt werden, um einer freien, zwanglosen Beeinflussung des Hörers Raum zu schaffen. Das Lehrer- und Schülerverhältnis muß vergessen werden. Der Schiur muß Freiheit atmen. Freisteigend muß die Aufmerksamkeit, der Wille zur Aufnahme dem Lehrer folgen, wie der Besuch ein freiwilliger, nur-aus Liebe zum Judentum und zum Stoff sein soll. Der Ton sei daher auch ganz zwanglos, herzlich, ja sogar fröhlich. Wenn schon Raw Aschi den Schiur vor seinen Schülern mit einem Wort des Scherzes begann, um durch ein freudiges Lachen, die Seelen aufzuschließen, um so mehr darf in dem volkstümlichen Schiur der Humor das Szepter führen; nicht etwa um den Ernst und die Erhabenheit des Stoffes zu vertreiben, sondern gerade um für das Mächtige der Gedanken das Herz willig zu machen. Gerade das tut dem vom Leben versorgten und bedrückten Menschen wohl, daß j er erleichtert bei Beginn.(des Schiur aufatmet, wenn er heiter in die hohen Sphären : des Denkens eintreten darf. Wie der deutsche Dichter dem Ernst des Lebens die Heiterkeit der Kunst entgegensetzt, weil man in ihr leichter atmet, so muß auch die Luft des Schiur etwas Entspannendes, Befreiendes, ein „Panim sochakoth, ein lachendes Gesicht" haben. Aus dieser wohltuenden Atmosphäre heraus wird der Lehrer am leichtesten die Möglichkeit gewinnen, die ernste Mitarbeit der Teilnehmer zu erreichen und sie langsam dahinzulexten, daß der Schiur wirklich eine Arbeitsstunde, ein richtiger Unterricht wird. Gebt uns den frohen, den fröhlichen Schiur wieder! Der Lehrgehalt des Schmr. Ist aber, so wird man mit Recht fragen, der;Schiur nicht in sich eine Unmöglichkeit? Ist das Gewaltsame, das ihm anhaftet, nicht sein Todesurteil? Wenn die Zwischenstufen übersprungen werden, muß nicht dann der Schiur unverstanden Jbleiben? Liegt nicht eben darin der Verfall des Schiurs, daß er nicht verstanden ward und deshalb nicht interessierte? Das aber geben wir ohne Einschränkung als die entscheidenste Forderung an den Schiür zu: er muß interessant sein. Die Tora will gelernt sein, lischmah, nicht um der Mizwa willen, sondern um ihrer selbst willen, als wissenswürdig, als uns interessierende, beschäftigende, niemals gleichgültige Wissenschaft. Sind nicht die meisten Dinge, von denen ein Schiur handelt, „von dem Ei, das ein Huhn gelegt am Sabbat, öder Fragen gleicher Importanz", wie der frivole Dichter spottet, dem sorgenbeladenen Menschen des Lebens zu fernliegend, zu wenig wichtig und packend, als daß er um ihrer- Willen den ,,Ueberstieg" den gewaltsamen, über sich selbst machen könnte? Die Antwort führt auf das Wesen religiöser Themen überhaupt und ist deshalb schwer in Kürze zu geben. Nur andeutend sei gesagt: Alles religiöse Fragen geht den ganzen Menschen an. Jede Frage ist Kardinalfrage, Lebensfrage, Gewissensfrage. Jede retfgiöse Frage ist immer lind in jedem Augenblick und an jedem Ort aktuell. Nur daß wir nicht immer das Grundsätzliche, das Allgemeine der Fragestellung betonen. Nehmen wir als Beispiel Heines verspotteten Mukza- und Noladbegriff. Selbstverständlich muß mit seiner Einführung sogleich der große Horizont, aus dem er geboren ist, sichtbar werden: die Sabbatwelt, die den Menschen ganz umfangen soll, aus der alles ihr Wesensfremde „gebannt" (mukza) ist; die Weihe cW>Sabbatmahles, bei der nicht der Zufall Küchenmeister sein darf, wo alles vom'Erew Schabbos her „vorbereitet", zu der auch die nimmer rastende Natur nicht mehr in letzter Stunde Beitrag liefern darf. Wenn der Sabbat beginnt, ben Haschmaschoth schel Erew 'Schabbat,, ist die Sabbatwelt vollendet, und fertig. Ein Mahl des Wochentags mag bedeutungslos sein, achiiath arai, aber der Sabbattisch macht jede Speise wichtig; (ist kowea lemaasser). Sie darf nicht von ungefähr Zustandekommen. Und will man dann weiter ausholen, so zeige man hierin Wesenskraft des Judentums. Es macht das Mahl zum G'ttesdienste, zu einem Stück der Ueberwelt. Aus der neschama jethera, der höheren Lebensluft des Sabbat erwächst die Ss'uda schlischith, das Bedürfnis zum besonderen dritten Mahl am Säbbat.. (Raschi Beza S. 16a). Oder ein anderes Beispiel: Beth Schammai und Beth Hillel streiten über die Frage: welches Geschenk man der Braut unter der Chuppa als Eheweihgeschenk , geben muß, daß durch seine Annahme die Braut ihre Einwilligung bekundet. Schammais Schule fordert etwas Großes, Wertvolles, mindestens einen Ssela kostendes; Beth Hillel verlangt nur, daß es der kleinsten gängigen Münze entspricht, also überhaupt Geldeswert präsentiert. 'Die ersteren finden es unter der Würde der jüdischen Frau, einen minderwertigen Ring sich auf den Finger drücken zu lassen; nur dann ist die öffentliche Annahme des Geschenks ein Beweis ihrer Willigkeit, wenn dieses ein ihr würdiges Geschenk darstellt. Beth Hillel betont den reinen Symbolcharakter des ganzen Trauungsaktesi Es handelt sich hier gar nicht um ein wirkliches, reales Geschenk. Nur darin, daß die Braut die Hand hinreicht, um etwas in Empfang zu nehmen, bekundet sie ihre freiwillige Bindung an den Gatten. Mit solcher Beleuchtung in populärer, nut Beispielen aus dem Leben zu illustrierender .Form werden die Einzelheiten des Trauungsaktes grundsätzliche Fragen. Sie beschäftigen den Zuhörer. Sofort werden sich unter den Hörern Stimmen für Schammais Auffassung einsetzen; andere werden für Hillel Partei ergreifen, Dann ist die rechte Stimmung geschaffen für die Mischna.. Dann wird sofort der Blick sich weiten können für die Eigenart jüdischer Ehegesetzgebung; man wird einen Seitenblick auf die törichten Angriffe der Reform gegen das jüdische Eherecht werfen können; über Symbole im allgemeinen kann ein Wort fallen, alles nur um den Sinn der Auseinandersetzung, der Phlgtha zwischen beiden Schulen, aktuell, in seiner inneren Notwendigkeit hervortreten zu lassen. Ist aber anders die höchste Forderung an den Schiur: seine Aktualität, und darf niemals im Hörer der Gedanke aufkommen, was geht mich das eigentlich an? so ergibt sich daraus: der populäre Schiur muß es verstehen, jedesbehandelte Problem in seiner Aktualität, in seiner grundsätzlichen Bedeutung herauszukehren. Sobald der Schiur beginnt, muß der Lehrer mit' Energie den letzten Sinn, die tiefgreifende Bedeutung, das Radikale der Frage herausstellen, um die es geht. Jedem muß es aufgehn: es handelt sich um ein Wichtiges. Und der Lehrer tut gut, es so einzurichten, daß das Gespräch darüber mehrere Minuten dauere, bis sich die Teilnehmerschar zusammengefunden und alle es einmal genau^präzisiert und formuliert hören, worum es geht. Das Formale muß ganz in den Hintergrund treten, das ist Ssohe der J e s c h i w a , des Studiums. Das Grundsätzliche, das Sachproblem, der Sinn, der sofort die Bezirke des Lebens in seine Beleuchtung hineinzieht, der jeden angeht/ dessen Entscheidung wichtig für uns ist,' das ist hier im volkstümlichen Schiur das A und Ö, der Anfang und das Ende. Aus der Einkleidung, die die ewigen Gedanken G'ttes in den -heiligen Schriften erhalten haben, müssen sie in diö^Sorache des Heute, des Gegenwartsnahen, kurz des- Aktuellen übersetzt werden. Das Gefühl muß den Teilnehmer überkommen: diese Frage würde eben in diesem Augenblicke uns ebenso angehen wie damals, *\e sie gestellt wurde. Würde uns Mosche heute eine Tora geben oder der Prophet Jesajas heute aufstehen, würde Raw Aschi unter uns sitzen, so hätten sie genau so gesprochen, uns dieselben Richtlinien gegeben,, unser . Gewissen auf denselben Zielpunkt hingelenkt. Die Hauptsorge des Lehrers bei seiner Vorbereitung des Schiurs muß immer diese Seite der Aktualität sein. Es braucht aber gar nicht nur die religiöse Aktualität allein in Betracht gezogen zu werden. Alle Momente aus der jüdischen und allgemeinen Geschichte, aus unserer Polemik mit anderen Religionen, mit Judenfeinden und philosophischen Gegnern, alle Anknüpfungen an Ereignisse aus dem Leben großer Männer, alle Verknüpfungen mit Fragen der praktischen -Halacha, des lebendigen jüdischen Tages, alles soll und darf herangezogen werden, um die Freude, die Aufmerksamkeit, das Interesse der Hörer zu stacheln, zu erregen. Den ganzen Beziehungsreichtum des heiligen Wortes zu allen Gebieten unseres Daseins mag man aufdecken, um immer mehr Assoziationen zu den gedanklichen Interessen der Teilnehmer zu schaffen. Denn nur eins haben unsre Weisen gefordert; man soll eine Zeit für die Tora festlegen, nicht ein Pensum.

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