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Der Israelit · 1934-04-26 · Heft 17 (26.4.1934) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 17 (26.4.1934)
Date
1934-04-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. 5 Der ...I s, r a e 1 i t 26, April 1934 viel zu tiefgehend, viel zu schwerwiegend sind, als daß sie ohne ernste Mitarbeit aufgenommen werden könnten. Es gibt keine bequeme Heerstraße zur jüdischen Lehre. Aber dieser mechanische Betrieb entweiht und entwürdigt den Schiur. Langsam gewöhnten sich selbst die Lehrer daran, unverstanden den Stoff hinzunehmen, auch für sich selbst seine Probleme nicht mehr ernst zu nehmen, und hörten auf, seinen Sinn zu erfragen, seinen Mussar sich zu Gemüte zu führen. Es ging der Gedanke dafür völlig verloren, daß zwischen dem Wort und uns eine zeitliche Kluft von Jahrtausenden liegt, die von uns verlangt, die Form der Vergangenheit in die Sprache der Gegenwart zu übertragen, aber auch eine moralische Kluft, die uns zwingt, unsere Vorurteile und Verirrungen zu korrigieren, bis wir ein Auge für die uns fremde, große, religiös-sittliche Forderung gewinnen. Man fragte gar nicht mehr: warum sonst will die Thora und wollen die Weisen, daß wir diese Dinge lernen und immer wieder lernen, wenn sie uns nicht durch sie die unentbehrliche Zehrung für die Lebensreise geben zu können gewiß gewesen wären? Dieser Verfall ist das Kennzeichen und die schreckliche Folge des gemeindlichen Verfalls: Toraverbreitung war nicht mehr die höchste und vornehmste Aufgabe der Gemeinde. Die Gebildeten und Angesehenen im jüdischen Kreise blieben aus dem Schiur fort. Der Lehrer fühlte, daß dieser Seite seiner Arbeit das Relief fehlte, die Anerkennung, die Würdigung, das Echo der Maßgebenden. Der Rabbiner verlegte .den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Kanzel. Zu ihrem eigenen Schaden. Denn die Kanzel birgt, eine schwere Gefahr: das Ueberwuchern deT Form, -das Sichverlieren an die ästhetischen und rhetorischen Bedingungen der Predigt. Das W i e des Vortrags, wird wichtiger als das W a's des Inhalts; das Feilen und Glätten an Wort und Ausdruck wird mehr Angelegenheit des Gewissens als die Vertiefung in die seelischen Nöte, des Hörers und die Gehalte und Abgründe der Lehre. . . Seit Jahrzehnten ist die beste Kraft unserer Rabbinen an. das Nichts der Form, an das Pathos der Rede, an die Last der Predigt verschwendet worden, ohne daß diese selbst zur letzten Befriedigung und ihrer Zweckbestimmung gedient hätte. Es ist geradezu eine Tragik des Rabbinerstandes , aus Dienern der Lehre zu Knechten der Homilie, aus Vermittlern religiösen Wissens zu Spendern momentaner Erbauung geworden zu.s e.Ln...... Wir brauchen wieder den guten, verantwortungsbewußten öffentlichen Schiur. Wir fordern von unsren Rabbinen und Lehrern: bringt durch den guten öffentlichen Schiur die Tora wieder zu Ehren! Der Schiur muß alles ersetzen können: Zeitung und Roman, Gesellschaft und Kino. Wir haben es schon erlebt, daß Leute ihre Theaterbillets aufgaben, um an einem Schiur teilzunehmen. Wir. fordern von den Vornehmen unserer Gemeinden, den echten „Wächtern der Stadt", daß sie durch ihre Teilnahme und Interesse das Gewicht und den Eindruck des Schiurs vergrößern helfen. Sie mögen auf die stolze Pose verzichten, als wenn sia den Schiur nicht mehr nötig hätten und dieser nur für die Armen an Geist vorhanden wäre, Sie mögen aber auch auf die bequeme Demut verzichten, als ob an ihnen doch Hopfen und Malz verloren sei, als ob sie ein für alle Mal der Belehrung und des Fortschrittes entsagen müßten. Alle sollen den Lehrbeflissenen helfen, den guten öffentlichen Schuir wieder .in unserer Mitte heimisch zu machen. Das Wesen des Schiur. Wenn wir hier vom Wesen des Schiur sprechen, so meinen wir das Wort im begrenzten Sinne, Man kann natürlich alles Toralerneh so nennen. Aber wir sprechen hier nicht von " dem Schiur an Torajünger, an solche, die. dem Studium sich widmen, deren ganzer Tag geistiger Seibstfortbildung gewidmet ist, an Bachurim oder.Seminaristen oder Schüler. Wir beschränken uns auf die Belehrung des Mannes aus dem praktischen Leben, dessen Zeit begrenzt, dessen Aufnahmefähigkeit durch die Ansprüche des Tages, verringert ist, auf den Schiur, der einen Einbruch der Tora in dasg'ttarme Profanleben unsrer Brüder darstellt. Ja einen Einbruch. Es kann nicht erwartet werden, daß irgend jemand Stimmung, Sammlung, den freien Kopf und das unbeschwerte Herz zum Lernen mitbringt. Die Frische und Aufnahmefähigkeit fehlen dem Gaste; vorherrschend ist in ihm nur ein Bedürfnis: nach Ruhe oder Zerstreuung. Mit einem starken Rucke muß die ganze Atmosphäre von Wirtschaft, Kunden, Arbeitssorgen, Geldverpflichtungen, die Nachwirkung aller Erniedrigung und Pein des Tages aus dem Hirn ausgeschaltet werden. Nicht einmal pünktlich werden alle erscheinen; tropfenweise sammelt sich die Schar; jeder kommt überstürzt, noch ganz der andern Welt verhaftet; himmelweit entfernt die Gedanken; und dann muß wie durch einen Zauberspruch alles Fremde, Ablenkende gebannt sein, muß momentan die Seele von dem gefangen und gefesselt sein, was an sein Ohr dringt. Dieses Gewaltsame — s. v. v. — wie die Tora den Menschen des Lebens überfällt, das ist das eigentlich Charakteristische, das Besondere, und daher auch die eigentümliche Schwierigkeit und der große Reiz des Schiur. Als ergriffe man einen Menschen und schleudert ihn plötzlich ins Wasser, in ein Element, in dem er zu leben und sich zu bewegen nicht gewohnt ist..n*....... Das Bild trifft die Situation wirklich, vollkommen. Wir denken dabei an eine Anekdote, die sich an den Namen des großen Bibliographen M o r. Steinschneider knüpft. Die Stelle eines Leiters der Berliner Staatsbibliothek war frei geworden. Niemand dachte anders, als Steinschneider werde Direktor. Aber ein Unbekannter, im Bibliothekswesen völliger Laie, wird ernannt. Als am folgenden Morgen Steinschneider zum Dienst kömmt, sagt ihm ein Assistent; Wissen Herr Professor schon, daß wir einen neuen Chef bekommen? — Jawohl, sagte Steinschneider. — Das ist heute doch die neue Methode, meinte der Assistent, man wirft jemand ins Wasser und sagt ihm: nun schwimm! — Richtig, erwidert Steinschneider, die Leute bleiben dann gewöhnlich auch an der Oberfläche! Der volkstümliche gute Schiur wirft den Menschen des Lebens hinein ins Meer der Tora und sagt ihm: nun schwimm! Die Leute bleiben dann wohl an der Oberfläche; gewiß. Aber sie schwimmen' doch. Sie kommen hinein ins Toraelement, in das weite, tiefe, brausende Meer der Lehre. Sie bleiben nicht am Ufer stehen, sie sehen die Herrlichkeit nicht aus der Ferne. Sie gelangen mitten hinein in Bibel, Mischna, Gremara und Schulchan Aruch., Sie könnten es nie allein wagen. Der Meister, der sie leitet, schafft ihnen das Wunder des Kfizas Haderech; den Zugang, den langwierigen, nimmt er ihnen ab. Er stellt sie mitten hinein ins volle religiöse Leben, in die Geistesgemeinschaft der Großen und Allergrößten; sie atmen mit ihnen eine Luft, sie fühlen ihre Nähe, das Hinreißende ihres Sprechens, Denkens und Wollens, sie haben den gewaltigen Eindruck des Unmittelbaren, des mitten-unter-ihnen- Stehens, als hätte uns jemand von der Gasse plötzlich unter ein Parterre von Königen versetzt» Der so überrascht in die Tarbiza der Methiwta Versetzte kann natürlich nicht den Hausgenossen gleich sein, „er bleibt an der Oberfläche", aber er ist über sich selbst hinausgehoben; er geht mit .Siebenmeilenstiefeln; er kommt hinein ins Paradies, er braucht nicht an dürren schmalen Schilderungen sich genügen lassen, wie der Hörer eine* Vortrags im Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der wohl ü b e r die .Tora, über den Talmud, über die großen Lehrer etwas hört, aber die Tora, den Talmud selbst nicht lernt und fühlt und schmeckt. Der Schiur ist wie das ganze Judentum: wir haben nicht Zeit zu warten, bis alle gelehrt und genügend vorgebildet sind; wir ergreifen die Masse und geben ihr die gleiche geistige Kost wie den Größten unter uns, wie das jüdische Gesetz nicht warten kann, sondern alle, alle zu gleicher idealer Leistung emporreißt und hinaufzwingt. Die didaktische Eigenart des Schiur« Auch pädagogisch gesehen, ist der volkstümliche gute Schiur etwas Gewaltsames, denn die "pädagogischen Voraussetzungen des Hörermaterials sind die denkbar ungünstigsten. In der Regel ist weder auf Gleichmäßigkeit der Vorbildung, noch auf die Möglichkeit einer Vorbereitung und der Aneignung durch häusliche Selbstarbeit zu rechnen. Präparation und Repetition, die geheimen Helfer aller Lehrer, fehlen hier, Sie können und dürfen nicht gefordert, geschweige erzwungen werden. Im ungünstigsten Falle stellt sich also das Problem so dar: man muß bei ungenügender Vorbildung, bei ungleichmäßiger Geistesstufe, bei fehlender Vor- und Nacharbeit des Hörers Unterricht erteilen. Ein solcher Schiur kann nie auf der Ebene der Hörer liegen; er wird immer ihr Niveau übersteigen. In jedem Augenblick droht die Gefahr, daß zwischen Dozenten und t Hörer, zwischen dem Stoff und seiner Aufnähme eine Kluft, ein Abgrund sich auftut. Künstlich wird der Hörer ,über sich selbst hinaufgehoben, um allzuleicht wieder in seine natürliche Lage abzusinken. Es herrscht im Schiur gewissermaßen ein labiles Gleichgewicht,^ Darin steckt die pädagogische- Schwierigkeit, die pädagogische Aufgabe. Natürlich darf der Hörer es nie merken, daß er der Materie nicht voll gewachsen ist. In demselben Augenblick überkommt ihn Scham und Furcht; er resigniert, aus falschem Stolz. Nur eine außerordentliche Leistung des Lehrers kann der Schwierigkeit Herr werden. 1, Er muß die ganze Kraft der volkstümlichen, populären Darstellung besitzen. Die Probleme und Fragen' des Textes müssen ihrer spezifischen Schwere entkleidet werden. Der Hörer muß die volle Sicherheit haben, daß er ihrer Herr werden kann. Mit größter Geschicklichkeit muß der Dozent finden, an welchem Punkt er das Problem packt, daß es ohne weiteres in Klarheit aufgeht. Er darf bewußt den Hörer über die Schwierigkeiten, die sich ihm bei Eigenarbeit entgegenstellen würden, über die Untiefen und Gefahren, Über welche die Route geht, hinwegtäuschen. Nur andeutend darf er bemerken: hier steckt ein schweres Problem, um dem Hörei: nur ein doppelt beglückendes Gefühl zu geben, daß er trotzdem der Sache Herr geworden. 2. Der Lehrer darf nichts Voraussetzen. Mit feinstem Takt muß er immer1 erneut selbst die

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