Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1934)
- Date
- 1934-04-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Blätter der jüdischen Selbstbesinniung Unter ständiger MUarbeii von Oberrabbiner Dr_ Joseph Carlebach In Altona 1. Jahrgang ■ Beilage zum Israelit Frankfurt am Main ■ Nummer 5 Der gute volkstümliche Schiur, Nack dem Fest. „Laß uns mit hinaustragen den Segen Deiner Feiertage ins Leben, ein Leben der Harmonie und des Friedens!" Die Feste sind vorüber. Jedesmal, wenn Feiertage die Menschenseele von der Last des Alltags befreit und zu Stunden glücklicher Selbstvergessenheit und beseligender G'ttesnähe geführt haben, dann legt sich der Gedanke an den Alltag wie eine große Ernüchterung, wie ein Absturz aus dem Himmel bedeutenden Lebens schwer auf die Seele. Von der Bitterkeit einer solchen Abschiedsstunde 'aus dem Heiligtum, wohin schon in Israels höchster Blütezeit aus fernen Ländern des Galuth Juden gewandert kamen, gibt uns ein Sänger im 84. Psalm ergreifende Kunde: ,,Ach, wie schön sind Deine Tempel, Herr der Welt, wie hatte sich meine Seele gesehnt und gebangt nach G'ttes Höfen, wie haben Leib und Seele gejauchzt nach dem lebendigen G'tte! Wie der Vogel seinen Bau findet und die Schwalbe ihr Nest, dahin sie ihre Jungen legt, so ich Deine Altäre, Herr der Welt, mein König und G'tt! Besser ist ein Tag in Deinen Höfen als tausend sonst. Ich möchte lieber auf der Schwelle liegen im Hause meines G'ttes als in den Zelten der Schlechtigkeit vornehm zu leben. Wie glücklich sind die, die immer in Deinem Hause wohnen können und immer wieder Dich loben, sela." Aber der Abschied nehmende Sänger weiß uns auch zu trösten: „Glücklich auch der Mensch, der sich in Dir riesenstark fühlt, wenn er in die Welt den Weg zu nehmen wieder vorhat, und wenn sie auch durch das tränenreiche Bachatal wandern, sie wandeln es zum Quellort um, wie alles in Segen hüllt der erste Frühregen. So ziehen sie von Leistung zu Leistung, bis man wieder erscheinen darf vor G'tt in Zion." In dieser Gewißheit, daß der Weg durch die Niederungen des Lebens Gelegenheit gibt, Leistung an Leistung zu reihen, wird dem Sänger nach inbrünstigem Gebet der Trost zuteil, daß „G'tt, Sonne und Schild alles Lebens, auch denen, die diesen Weg hinaus in Frömmigkeit wandeln, das Gute nicht vorenthalten werde." Der Rückweg ins Leben darf daher nicht als Abstieg und Last empfunden werden. Dem aschre joschwe betecha, der Beseligung des Aufenthalts im G'tteshause steht das aschre adam meßilath bilwawam, der Freude an der Arbeit als Gegenspruch zur Seite. So hat auch der große Philosoph Franz Rosenzweig, der sein Werk „der Stern der Erlösung" wie einen Weg ins Heiligtum der Ueberwelt aufbaut, uns am Schluß als Erfüllung und Höhepunkt alles Denkens einen Blick höchster G'ttesschau tun lassen. Nun tritt der Erleuchtete von der Schau der Wahrheit selig Durchschütterte hinaus aus dem Tor, „das aus dem geheimnisvolle wunderbaren Leuchten des g'ttlichen Heiligtums, darin kein Mensch leben bleiben kann, herausführt. Wo hinaus aber öffnen sich die Flügel des Tores? Du weißt es nicht? Ins Lebe n." Nur dann waren wir der höheren Begnadung, des großen Festerlebens wert, wenn es uns zu freudigem Tun im Leben hinführt.. Aber wie reiht man Leistung an Leistung? Bei den kahlen und schalen Forderungen des nackten und dürftigen täglichen Daseins, wie strahlt da von dem Leuchten des Heiligtums etwas hinaus ins Leben? Wir glauben, daß in der gesamten deutschen Judenheit mit dem Scheiden dieses Peßachfestes eine solche bange Stimmung des „was nun?" sich geltend macht. Das Jahr des Leides, das hinter uns liegt, war für die meisten ein Jahr relativ starker Rückwendung zum Judentum. Wie ein Wiedersehen nach langer Trennung, wie eine Versöhnung nach langer Entzweiung war über den jüdischen Menschen das Gefühl seiner Zugehörigkeit zum ewigen Volke Israel, zum ewigen Buche der Bibel und zur ewigen Stadt Jerusalem gekommen. Ein gewisser Schwung lag über all den Versammlungen, Vorträgen, überall den Versuchen, der erwachten Sehnsucht Ausdruck und Sprache zu verleihen. Der ganze vergangene Winter stand in steigendem Maße unter dem Zeichen dieses Sichwiederfindens. Viele Eltern hatten für ihre Kinder den Weg zur jüdischen Schule, oder doch wenigstens zum jüdischen Religionsunterricht wiedergefunden. Die jüdischen Vereine und Jugendbünde waren wieder zu Ehren gekommen, weil sie einem sich regenden Verlangen nach jüdischen Inhalten Erfüllung versprachen. Und so hatten das Chanukah, der Purim und zuletzt das Peßachfest sich für Tausende wieder als echte Freudenfeste, als Tage des Trostes und der Hoffnung in den Herzen erwiesen. Aber schon droht leise die Wiedererschlaffung, die bange Frage des „was nun?". Werden die Tage der Erhebung Episode bleiben? Wird, es möglich sein, aus dem Heiligtum den Weg ins Leben so wiederzufinden, daß das Leuchten der großen Stunden auch weiterhin die Bahn erhellt? Wenn der Feiertag verschwunden ist, dann hat die Kleinarbeit zu beginnen: die stille, anspruchslose, aber fruchtbare Arbeit am Einzelnen, in den kleinen Gruppen, in den kurzen von der täglichen Arbeit freien Zeitspannen; anstelle der Manöver tritt das Einzelexerzieren, anstelle der großen, resonanzkräftigen Kundgebungen die bescheidene, freundliche, intime Arbeit. Da zeigt es sich, daß das uralte Rezept für die Hygiene der Seele, das durch die Jahrhunderte bewährte Mittel zur Formung und Vertiefung des Geistes auch heute noch letzte Auskunft für alle echte und nachhaltige jüdische Arbeit ist, der regelmäßige Schiur, das, was unsere Weisen nannten: das „Lernen". Esist die vordringlichste Aufgabe aller derer, die sich von der Phrase abkehren, die sich nicht mit einer geräuschvollen, vielversprechenden, aber gefährlichen Illusion selbst täuschen wollen; e s ist das wichtigste Anliegen aller Gemeinden und aller für das Judentum verantwortlichen Persönlichkeit e n. Es war eine schwere Schuld des liberalen Judentums, daß es diese Urverpflichtung auf den täglichen oder wenigstens periodischen Schiur zur Vergessenheit gebracht hat. Es war eine unglückliche Politik, daß man in Angleichung an das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Umwelt die Pflege jüdischen Geisteslebens aus seiner gewohnten Bahn hinauszuwerfen für möglich hielt. Keine aller Formen hat bisher einen vollgültigen Ersatz schaffen, keine das Anwachsen des Am haarazuth verhüten können. Nur wo der alte Schiur lebendig blieb, da blieb auch jüdisches Wissen und jüdische Lebensluft, devs Salz jüdischen Geistes und die Fähigkeit, jüdisch zu denken, wirksam und lebendig. So soll uns denn in den nchfolgenden Zeilen der Schiur zum Problem werden, daß wir sein Wesen und seine Möglichkeiten zur Klarheit bringen. Der Verfall des Schiur. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Schiur, wie er heute in deutschen Gemeinden uns durchweg entgegentritt, Verfallserscheinungen aufweist. Beim Wort Schiur beschleicht uns ein peinliches Gefühl, Wir sehen uns im Beth Hamidrasch, einer oft vernachlässigten Lernstube. Da sitzen einige Alte um den Tisch herum, halb oder ganz in seligen Schlummer versunken, und ein Lehrer trägt ihnen etwas halbverstanden in einer Weise vor, daß es uns selbst Ueberwindung kostet, dem Beispiel der andren Zuhörer nicht zu folgen. Die Kunst, einen Schiur zu halten, ist verlorengegangen. Was früher der Stolz jedes Lehrers, jedes Rabbiners war, im Schiur sein Meisterstück zu zeigen, ist der mechanischen Absolvierung eines Pflichtpensums, einer aufgegebenen Stunde gewichen. Der Schiur ist nicht mehr Kern und Glanz lehrender Tätigkeit. Infolge der Abwertung des S c h i u r s schwand das Bewußtsein der Verantwortung für seine Erteilung. Jeder, ob befähigt, ob in seiner Vorkenntnis bewährt oder nicht, glaubte sich stark genug, öffentlich oder privat das Vorlernen zu übernehmen. Das hat zwar bei der geringen Zahl von Gelehrten in unsren Reihen auch sein Gutes; aber dadurch wurde das Lernen wirklich hefker, herrenloses Gut und vogelfrei, wo sich die Unfähigkeit austoben konnte. Es fehlte die Schulung und die Schule; „was sie heute gelernt, das wollen sie morgen schon lehren, ach, was" haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm."- Infolge der A b w e r t "S-n g des S c h i u r s wurde er mechanisiert, er wurde ein geistloses Uebersetzen und Vortragen der Worte. Es gab und gibt zwar immer Menschen, die solches anspruchslose Vorlernen lieben, weil es ihnen keine geistige Anstrengung kostet zu folgen. Sie merkten und begriffen es nicht, daß eine mechanische Aufnahme des jüdischen Lehrgehalts ein Unding ist, weil seine Fragen und Antworten