Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1934)
- Date
- 1934-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 17 1934 In Todesgefahr, Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von . Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Inzwischen wuchsen ihm die Kleinen über den Kopf und die Mädel schoben sich nach und nach in die Jahre hinein, in welchen sie erwarteten, daß man ihnen „die Köpfe zudecke," wie es einer jüdischen Tochter wohl geziemt — aber, wo die polnischen Gulden hernemhen, die erforderlich sind, um eine Tochter zu verheiraten? Wohl hatte der arme Mendel es mit einem Nebenerwerb als Heiratsvermittler versucht, aber er mußte sich bald überzeugen, daß er diesem Berufe nicht gewachsen ist, denn er war von Natur ein schlichter, einfacher Mensch, dem glatte und gewandte Reden nicht geläufig waren, und ohne diese kann solcher Erwerb kaum betrieben werden . . . Trotz alledem verzagte er nicht; denn ihm war ein Mittel bekannt, das, wenn er es nur mit gutem Glück ausführen und nur den rechten Augenblick dazu erwischen könnte, ihn und seine Familie für alle Zeiten gegen Not und Elend schützen würde. Eine Familientradition besaß Mendel, daß in der Nacht des neunten Tages im Monat Ab, just in der Mitternachtsstunde, die Pforten des Himmels sich öffnen. Jeder, der diesen Augenblick erhascht und einen Wunsch ausspricht, wird diesen sofort erfüllt »sehen, mag er noch so Bedeutendes in sich fassen. Wohl warf sich Reb Mendel selber die Frage auf, warum nicht alle Welt sich beeilt, auf diese Weise ihre Wünsche zu erreichen? Aber sie alle sind träge und saumselig, so beschwichtigte er die in ihm aufsteigenden Zweifel und war doppelt entschlössen, den rechten Augenblick zu erfassen — dann war ja alle Not und Sorge vorüber. Einige Verlegenheit bereitete es ihm nur, daß er sich selber noch nicht klar war, was er wünschen und wie er diesen Wunsch in zwei Worte zusammenfassen sollte, denn für mehr reichte die kurze Spanne eines Augenblicks nicht aus. Was sollte er wünschen? Daß der Fürst bald nach Niedezwiez zurückkehre? Welchen Vorteil brachte ihm diese Rückkehr? Er hatte kein Gast-, kein Schankhaus, keine Kramerei, war überhaupt für jeden Erwerb unfähig — seinetwegen konnte der Fürst wegbleiben, so lange er wollte! Sollte er verlangen, daß der, Messias bald komme? Dagegen hatte er' drei Gründe — erstens stieg, die Besorgnis in ihm auf, daß vielleicht die. rechte Zeit dafür noch nicht gekommen sei, und,'wenn er-es zwangsweise bewirken werde, G'tt darüber grollen k'önrite, daß 'Mendel, der Syriagogendiener, ihn dazu gezwungen "habe, vor der rechten Zeit die Kinder Israel in das Land ihrer'Väter zu bringen. Ferner war es ja bekannt, daß vor der Ankunft des Erlösers große verheerende Kriege stattfinden werden, wie beispielsweise der Krieg mit Gog Migog, und, Reb Mendel war ein friedliebender Mensch, der jedem Zank aus dem Wege ging und das Gepolter und Lärmen, das Trommeln der Pauken, das Schniettern der Trompeten, das . Donnern der Kanonen und das Gezisch der Kugeln nicht würde ertragen können. Und wenn es gar, G'tt bewahre, zu Blutvergießen käme — wie würde er das überleben können? Lieber soll der Messias nach hundertundzwanzig Jahren kommen, wenn er, Reb Mendel, schon lange im Grabe ruht; wenn der G'ttgesalbte mit allen Kriegen fertig ist, dann wir.d ja die Auferstehung sein und Reb Mendel mit allen Töten erwachen. Zudem welchen Vorteil brachte ihm das Eintreffen des Messias? Ein Kohen ist er nicht,,ein Lewi auch nicht, er hatte also gar keine Aussicht, von T'ruma und Maasser seinen Teil zu bekommen, sondern nur in das Verzeichnis der Bettler eingetragen zu werden^ die ihren Teil an Leket und Schikcha bekamen. War dieses Los ^besser, als das des Synagogendieners? Und verlohnte es sich, „wegen dieser Bettelei" Himmel und Erde zu stürmen und vor der Zeit den Messias zurückzurufen? Ja, es war viel klüger, etwas zu wünschen, woraus ihm und seinen Kindern ein Heil erwachsen würde? Aber was sollte dies seih? Tage und Wochen lang quälte sich Reb Mendel das Gehirn ab, endlich erfand er zwei Worte, die den ganzen Inhalt seiner Wünsche ausdrückten, und diese lauteten: „Kappe Dukaten," das heißt: die Kopf kappe voll mit Dukaten, „Wenn ich diese besitze," so sagte sich Reb Mendel, „dann lache ich die ganze Welt aus, dann bin ich kein Synagogendiener mehr, sondern ein „Gewir" — kurz, es bleibt dabei, „Kappe Dukaten!" „Ziwje!" rief er seinem Weibe befehlerischen Tones zu, als er in jener Nacht aus der Synagoge heimkehrte. „Mach mir heute das Bett auf dem Hofe, denn ich werde diese Nacht dort schlafen!" „Was?! Bist Du meschugge?!" kreischte Ziwje, „lieg', wo Du immer liegst und verlang' nix Neues, Das Bettzeug ist ohnedies zerrissen und zerfetzt genug, wird es vom Orte gerührt, dann fliegen alle Federn auseinander!" „Laß' mich mit Deinem alten Bettzeug zufrieden!" versetzte Mendel mit stolzer Verachtung, „Warf nur bis morgen, und Du sollst zehn neue Bettzeuge, und noch mehr haben, lauter gute und volle!" „Und wo wirst Du diesen Reichtum hernehmen," höhnte Ziwje, welche an dem Verstände ihres Gatten ernstlich zu zweifeln begann, „Hast Du einen Schatz gefunden, oder bist Du Elijo hanowi begegnet?" „Denk' Dir, was Du willst, aber merk' Dir's wohl, daß wir alle zum nächsten Sabbat in Seide und Atlas gekleidet sind und auf unserm Tisch die besten Speisen und Getränke haben werden, wie der Gewir?" Reb Mendel sagte dies mit so stolzer Sicherheit, daß auch seine Frau nicht länger daran zweifelte, daß ihr Mann die volle Wahrheit sprach und in wunderbarer Weise zu einem großen. Vermögen gekommen sein mußte, „Mendel, meine Krön'!" girrte sie ihn verliebt an. „Da Du einmal angefangen hast, laß es Dich nicht verdrießen, wenn ich Dich frage: Was für Sabbatjcleider gedenkst Du mir machen zu lassen?" : „Lauter Samt- und Seidenkleider, ganz wie ich sie : mir anschaffen , wer de!" .....:.,.?>;••• „Und warum nicht mit silbernen Borden?" „Weil es genug ist an Seide und Samt!" „Geh', Du bist ein Geizhals!" schmollte Ziwje, „Ob ich ein Geizhals bin oder nicht, ist mir alles eins, aber bleiben muß es, wie ich gesagt keine Silberborden! Schon auf Samt und Seide wird ein schönes Stück Geld draufgehen, was man auch nicht auf der Gasse findet!" „So lasse mir wenigstens/die 'Jacke mit Silberborden besetzen!" „Red' nicht mehr, Ziwje, denn es ist umsonst," rief Mendel in höchster Aufregung, mit dem Fuße stampfend. „Willst Du mich zum Bettler machen?" „Sö'sei doch nicht böse, lieber Mann!" begütigte1 ihn Ziwje, „Will ich denn mit Gewalt bei Dir nehmen? Ich werde Dich nicht vor Gericht laden und werde mich nicht auf meine alten Tage von Dir scheiden lassen," Diesmal war Ziwje ihrem Manne ergeben. Sie trug das Bettzeug mit den Kissen hinaus' auf den Hof und bereitete dort das Lager. Reb Mendel befeuchtete sich die. Fingerspitzen mit Wasser, verrichtete das Nachtgebet und streckte sich auf seiner Lagerstätte aus, fest entschlossen, mit wachen Augen in den Himmel hineinzuschaüen, bis dieser sich öffnen und er die beiden Worte ausrufen werde, die ihn zum „Gewir" machen sollen. Er legte die Hände über sein Haupt und hielt die Kappe fest, damit er sie in dem Augenblicke bereit habe, in welchem sie sich mit Dukaten füllen sollte . . , Achtes Kapitel. Auch der Fürst vermochte die ganze Nacht kein Auge zu schließen, denn sein Blut kochte, als wäre es unter Feuer versetzt, und alle seine Nerven zitterten in fieberhafter Erregung. Die lange Pfeife in der Hand, pustend und schnaubend rannte er in seinem Gemache auf und nieder, riß zeitweilig an seinem Schnurrbart, der bereits grau zu werden anfing, während die Lippen sich im< Zorn schwellten und die Atemzüge kurz und stoßweise aus dem Munde kamen. Der glänzende Empfang, der ihm bereitet wurde, beruhigte nicht im Entferntesten sein aufgeregtes Gemüt, ja versetzte ihn in noch leiednschaftlichere Aufwallung. Voll Unmut und heftigen Ingrimms betrat er seinen Palast, jagte alle Begleiter, darunter auch seinen Schwestersohn, fort und durchlief, schnaubend vor Wut, alle seine Gemächer bis in den großen Prunksaal, indem er während seines wilden Hinstürmens Hut, Handschuhe, Orden und Oberkleider abwarf, Reitan, der seinem Herrn bald anmerkte, daß ein Sturm im Anzüge war, tat alles, was den Ausbruch desselben verhindern könnte, indem er in dem Lieblingsgemache seines Gebieters alles Mögliche vorbereitete, was denselben zerstreuen konnte: den redenden Papagei, die sibirische Katze, das von ihm am liebsten gelesene Witzblatt; doch diesmal waren alle diese Mittel vergeblich, denn als der Fürst in sein Schlafzimmer trat, warf er Zornesblicke um sich her, riß sofort die Peitsche von der Wand herunter und hieb mit dem Rufe: „Zum Teufel, Pani Cochanku, zum Teufel mit dir!" auf die erschreckte Katze ein, bis diese den klugen Enifall bekam, einen Buckel zu machen und mit einem Satze zur Tür hinauszuspringen. Nachher gewahrte er den Papagei, riß das Fenster auf und schleuderte ihn mitsamt dem Käfig in den Garten hinunter. Das Zeitungsblatt sah er nicht einmal an, sondern spie vor sich hin und fuhr fort wie ein grimmiger Löwe auf und ab zu rennen. Was war es, was sein*31ut so aufregte, was ihn in so wilde Raserei versetzte? . . . Der' Grund war folgender: An der letzten ^Station vor der Stadt empfing er einen Stoß Briefe aus Krakau und Wilna, die für ihn aufregende Berichte enthielten. Dort hieß es, daß die Regierung neue Reformen beabsichtige, da der gegenwärtige Zustand den Unwillen der Nachbarregierungen in höchstem Maße erege, Wohl stand dem Fürsten der Sinn fern von solchen Angelegenheiten, besonders war ihm die Politik ein Greuel, da er ja nur seinen -Vergnügungen lebte, ohne von den Vorgängen um sich her etwas wissen zu wollen; doch wurde er hin und wieder, als einer der mächtigsten Fürsten Litauens, ohne seinen Willen in den Strudel hineingezogen. In jenen Briefen begrüßten ihn die verschiedenen Parteimänner mit süßlichen Schmeichelreden und suchten, um ihn dafür noch empfänglicher zu machen, die Andern bei ihm anzuschwärzen, daß sie ihn in tiefster Seele verachten. (Fortsetzung folgt.)