Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1934)
- Date
- 1934-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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26. April 1934 Der Israelit Nr. 17 Seite 5 Die Relativitätstheorie hat in ihrer letzten Konsequenz es für gleichwertig erkannt, ob wir von zwei durch Schwerkraft des Größeren einander in Bewegung haltenden Körpern den Größeren oder den Kleineren für stärker bewegt ansehen. Man wußte schon vorher, daß z. B. Erde und Sonne sich um ihren gemeinsamen, innerhalb der Sonne befindlichen Schwerpunkt bewegen. Man hatte sich aber gewöhnt, diesen Schwerpunkt als (abgesehen von einer Gesamtbewegung des Sonnensystems durch den Weltraum) unbewegt und Erde und Sonne als bewegt anzusehen, Die neue Anschauung dagegen verlangt, „keinerlei Coordinatensystem als bevorzugt gelten zu lassen," d. h.t Wir müssen nicht jenen Schwerpunkt als ruhend ansehen, ebensogut körinten wir die Idee wagen, die Sonne selbst oder einer der um sie kreisenden Körper sei „Nullpunkt", und das ganze Planetensystem, dem auch dieser Körper, z. B. die Erde, angehört, kreise wohl um die gemeinsamen, meist in der Sonne liegenden Schwerpunkte, und dennoch sei die Erde der ruhende Teil, die ganze Welt außer ihr bewegt, als halte sie eine außenstehende Macht und zwinge die Umwelt, so zu kreisen, daß auch ruhend die Erde ihren Gesetzen folge. — Diese Idee wagen Ernst May und A. Wasmuth in seiner „Sphärentheorie" aufgrund des Relativitätsgedankens. Die kopernikanische Betrachtungsweise dient .hiernach nur noch als Arbeitshypothese, um das Berechnen der Himmelskörperbahnen zu erleichtern. Obgleich nun keine direkte dogmatische Verpflichtung für uns besteht, aufgrund des Wortlautes der Schöpfungsgeschichte die Bewegung der Erde zu leugnen, — hat doch auch der Meister den entgegenstehenden Wortlaut der Thora als Zugeständnis an den täglichen Sprachgebrauch erklärt, — so soll doch nicht übersehen werden, welche ungewollten, außermathematischen Folgen die beiden Anschauungen: r u - h e n d e und bewegte Erde zu zeitigen pflegen, „Ruhende Erde" führt dazu, daß die Menschen sich und ihren Wohnsitz ernst und wichtig nehmen und eine Sendung vor G'tt zu vollbringen streben. „Bewegte Erde" führt dazu, daß die Menschen sich und ihren Wohnsitz als „Staubkorn im Weltall" geringachten, jedes Verständnis für die Würde des Menschtums und für den Abstand vom Tier verlieren und auch in ihre Ewigkeitsbegriffe den Tod miteinschmuggeln (Stirb und Werde). — Das sind die im Unbewußten weiterwirkenden, aber ganze Zeitalter und Volkstümer beherrschenden Konsequenzen der Erd-Anschauung. Die Zeiten, die der Erde eine singuläre Ruhe und Zentralität zuder Fremde anhatte, ließ auf einen der vielen durchreisenden Armen schließen, die die Montreuxer Jeschiwoh öfters aufsuchten. Nicht gering war daher mein Erstaunen, als mir der fremde Herr mit dem Namen Prof. H a f f k i n e vorgestellt wurde. Professor?! — „Meglech," sagt der Ostjude in zweifelhaften Fällen. Der alte Herr Professor kam dann noch öfters in die Jeschiwoh, wobei wir das Glück hatten, ihn nähe/ kennen zu lernen. Wir vernahmen da manches von seinem so überaus reichen Wissen, sahen die Demut, in der er sich mit seinem Schöpfer aussprach und sahen — last not least — die bis zur Selbstlosigkeit reichende Bescheidenheit, mit der dieser große Mann imstande war, das kleinste Kind vor sich aus dem Zimmer gehen zu lassen. Daß wir von seinem Vorhaben — eine Million Schweizer Frcs. für Jeschiwos zurückzulassen — nicht die leiseste Ahnung hatten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Dieses Erlebnis fiel mir ein, als ich in der letzten Nummer des „Israelit" die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres allverehrten Prof. Caro V*sr, las. Wie sind doch große Männer einander so ähnlich! Ihre gemeinsamen Nenner? Wissen, G'ttesfurcht, Bescheidenheit. Wir ausländische Talmidim der Frankfurter Jeschiwoh, die das Glück hätten, bei Prof. Caro 5>"St' Deutsch und sonstige moderne Sprachen zu lernen, werden ihm stets Dank bewahren für den gewissennaften, gründlichen Unterricht, mit dem er unser späteres Fortkommen im Leben zu unterstützen bestrebt war. „Meine Herren, wenn Sie nach Ungarn, Rumänien oder sonstwohin kommen, dann wird man über Sie sagen: Sie sprächen Deutsch wie Schiller oder Goethe, aber mich täuschen Sie nicht, bei mir müssen Sie können" — sagte er uns einmal lächelnd. schrieben, waren auch im Volkscharakter autoritätsgebunden und aufrecht dabei; die Zeiten, die der Erde die gleiche Bewegtheit im Weltenraume zuschrieben wie den „anderen Planeten", — das geschah schon einmal im Philosophenkreise der Griechen, — sahen allemal ein autoritätfremdes, wankelmütiges, genußsüchtiges oder aber versklavtes Geschlecht — ein Bild, wie es um 1500 in aller Herren Länder zu finden war und wie es auch das 20. fin de siecle als Neurenaissance immer schon hervorbrachte. Zur endgültigen Ausmerzung dieses Typs könnte .es nur vonnutzen sein, wenn ein Mann des Wortes käme und dem Volke, dem einfachen Manne im Volke es bis in die innerste Seele schriebe: Gerade die Relativitätstheorie, gerade das heutige Wissen ermöglicht es dir, die Menschheit und ihren Wohnsitz als Mittelpunkt der Schöpfung anzusehen. Fest steht der Wohnsitz der Menschheit, als Sinnbild für die Festigkeit der ewigen ethischen Forderungen, die G'tt an den Stamm der Menschheit gerichtet hat. Schon das Bisherige hatte einen Blick ins Unbewußte zur Voraussetzung: Im Unbewußten kann Erdanschauung zum Fluch oder zum Segen werden. Im Bewußten können wir uns vorübergehend von den üblen Auswirkungen der Erdanschauung lösen. Doch kein Mensch hat so sehr den Kern der eigenen Seele oder der Seele der Seinigen in der Gewalt, daß er an einem Tage die Bewegung der Erde, am anderen die Ewigkeit der Gebote „des G'ttes von außen" nicht bloß lehren, sondern Beides, eins so tief wie das andre, empfinden kann. — Im gleichen Irrtum befand sich das vorige Geschlecht, selbst ein großer Teil der Gesetzestreuen, über die psychologische Grundlage der Verstöße, die damals gegen die Zniusvorschriften der Weisen Israels üblich waren. Man hielt sich nur an das Bewußte. Die stark ästhetisch gerichtete Erziehung im damaligen gehobenen Bürgerstande, dem damals die gesetzestreue Judenheit durchweg angehörte, hatte aus dem Bewußtsein derer, die beispielsweise am Tanz teilnahmen oder weiblichen Gesang anhörten, vielleicht auch derer, die den Kleidungs- und Strandsitten der Zeit folgten, wohl vielfach fast alles das ausgemerzt, was ihnen selber sündhaft erschienen wäre. Daß aber das Unbewußte auch bei noch so starker Aesthetisiertheit keiner solchen völligen Ausschaltung der Geschlechtsunterschiede zugänglich ist, — das gelehrt zu haben bleibt das unbestreitbare Verdienst der sonst so g'ttfremden Psychoanalyse, Und so dürfen wir uns auch auf diesem Gebiete den Mann des überzeugenden Wortes Und wenn wir nach getaner Arbeit in seinem Zimmer Minchoh mit Minjan orten, konnten wir nicht genug die Innigkeit bewundern, mit der er vv stand. Es war nicht das Gebet eines gewöhnlichen Profanlehrers, es war das des Enkels großer Männer, das Gebet eines Rabbi. 'Hatten doch o"c und o-»oiö einen wichtigen Teil seines Bücherschrankes eingenommen. Seine Bescheidenheit? Mir deucht, sie ist in seiner näheren Umgebung sprichwörtlich geworden und diejenigen, die ihn kannten, durften sich und ihren Nachkommen stets zurufen: Seid bescheiden wie Prof. Caro V"XT war!?m*nan u1? i,n' '» Izchok Hakoton, (Eine deutsche Zeitung über den Aufschwung der Orangenkultur in Palästina.) Im „Berliner Lokalanzeiger" beschreibt IL J. von Bassewitz in einem „Im Lande der Goldorangen" überschriebenen Bericht aus Jaffa an Hand von Ziffern die außerordentliche Entwicklung der Orangenkultur in Palästina. Dieser glänzende Aufschwung im Orangenbau und damit in der Gesamtwirtschaft Palästinas, schreibt der Verfasser, ist der jüdischen Einwanderung zu danken. Allerdings ist dieser' Aufschwung durch einen mächtigen Zustrom von Geld aus dem Auslande erst angekurbelt und laufend unterstützt worden. Es sei als Beispiel erwähnt, daß die Bankdepositen in diesem kleinen Lande heute elf Millionen Pfund Sterling betragen und allein während des Jahres 1933 um fünf Mill. Pfund Sterling zugenommen haben, während andere Orientländer den Geldmangel fühlen. Der zionistische Bodenankaufsfond verfügt über mächtige, in der ganzen Welt gesammelte Summen und hat den arabischen Grundbesitzern für den Boden nie zuvor erreichte Höchstpreise gezahlt. Oft haben die Araber einen Teil ihres Gartenlandes verkauft, um mit dem ans Volk herbeiwünschen, der dem letzten modebetörten Zweifler es in die Seele schreibt: Willst du rein im Sinne der G'tteslehre bleiben, so folge dem Gebote der Weisen, die auch von manchem dich abzäunen, was den Andern als rein gilt; denn rein soll auch das Allerinnerste deiner Seele und der Seele deiner Kinder sein, und rein ist selbst das Kind, selbst das noch lallende Kind nicht, wenn man nicht nach ewig gültigen Gesetzen sein Tun und Denken, ja sein Spiel und sein Kunstschaffen meistert. Doch damit ist der Segen der analytischen Psychologenschulen noch lange nicht ausgeschöpft. Von der Zergliederung der Einzelseele sind sie zu der des Weltgeistes vorgestoßen; aus der Psychoanalyse ist eine Bioanalyse erblüht, eine Art Erforschung des Werdens und Entstehens, die bei aller vorläufigen Abhängigkeit vom Schema der Entwicklungslehre doch einen Weg zur Erkenntnis der inneren Zusammenhänge zwischen Schöpfer und Geschöpf weist. Pie sog. bioanalytische Genitaltheorie Ferenczis, ein echtes Kind der allgemeinen psychoanalytischen Schule, führt auch den ganz aller Tradition fremden Forscher in nächste Nachbarschaft zur Weltentstehungslehre Mosche Chajim Luzzattos. Und selbst die gar nicht dem jüdischen Denken wohlgesinnte Analytik C. G. Jungs kann uns dem Verständnisse der seelischen Erscheinungen näherbringen, die der Prophetie (außer der sinaitischen) zugrundeliegen. Es ist hier nicht der Platz, dies an Einzelheiten zu zeigen. Man müßte sonst auch auf Vorschriften der Weisen, wie das Testament des R, Jehuda hechaßid § 26 und ähnliche Dinge hinweisen, zu deren Aufhellung die moderne- Komplexlehre ungeahnte Beiträge liefert. Sollte gegen die Beschäftigung mit diesen Dingen etwa das Bedenken bestehen, sie müßten uns durch soviele Seelenzergliederung vom Gegenstande der g'ttlichen Seelenlehre, dem menschlich freien Willen wegführen? Auch dagegen ist Vorsorge getroffen, und zwar gerade in derjenigen Analytikerschule, die uns politisch und religiös am fernsten steht: der Adler'schen Individualpsychologie. Hier wird die Macht des freien Willens, die Erziehung der Persönlichkeit und die allen Menschen gleiche Möglichkeit zur höchsten Leistung wichtiger als alle Hindernisse genommen, die sich aus allen den Abgründen des Unbewußten hervorbrechend der geistigen und sittlichen Entfaltung des Menschenwillens in den Weg stellen. Nicht beiseitegelassen werden seelische Mängel, die dem Einzelnen wirklich anhaften und unbewußtseinskundlicher Heilung bedürfen; alle aus gesellschaftlicher Ungleichheit resultierenden Störungen werden als nur durch stattlichen Erlös, ermuntert durch das Vorbild der Juden, ihren Restbesitz, auf dem sie bisher vielleicht Getreide bestellten, nun in lohnendere Orangengärten umzuwandeln. Diese Zahlen zeigen, daß die Araber bei diesem Vorgang nicht verarmt und verdrängt, sondern mitbereichert werden. Briefkasten. M. Fr, in N. O. Das Wortspiel ist bekannt und war schon früher einmal bei uns veröffentlicht. Für Ihre guten Wünsche besten Dank. S. W. 1.) Geburtstag 4. November 1921 12. Oktober ru rmo. 2.) Geburtstag 25. Dezember 1921 1. Dezember ar'i nno. Wochenkalender. Vom 28. April bis 5. Mai 1934 / Vom 13. — 20. Ijar 5694 : r •>nv «p ntMD Samstag \28 12 ■> 'i pns ü->vip nnn Sonntag April 29 1"N 14 }<•» Montag 30 15 n1» ■>aw rpjyn Dienstag Mai 1 16 x> Mittwoch 2 17 T> Donnerstag 3 18 1B -iniya yb Freitag 4 19 TU Samstag 5 20 I' n p*is nax