Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1934)
- Date
- 1934-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 17 Der Israelit 26. April 1934 Kultusgemeinde wird religiös sein oder wir schaffen uns die selbständige religiöse Gemeinde! . ." Ein stolzes Wort, — wenn wir den Schwerpunkt auf das „wir schaffen" legen. Ganz gewiß ist die Zeit und die Atmosphäre wie in Deutschland so auch in Oesterreich höchst günstig und ausgiebig für eine religiöse Propaganda im großen Ausmaße,'und wir zweifeln nicht, daß Neuwahlen für die Kultusgemeinde, von dem starken Schwünge der Agudajugend getragen, heute ein ganz anderes Bild erbringen werden als damals, wo eine verwässerte jüdische Assimilationskultur sich noch anmaßen durfte* auch in religiösen Belangen führend zu sein, Der einzige Schönheitsfehler dieses mächtigen und gewiß nicht ohne Eindruck bleibenden Vorstoßes, liegt in der Inanspruchnahme der Regierung und ihrer höchsten Stellen für das Recht des Thorajudentums, das eigentlich mit ihm geboren ist. Was vielen und auch uns nicht gefällt, ist das bekannte Rezept: „Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt . . ." Wir haben in der Orthodoxie zu lange als Objekt einer solchen Methode alle ihre Bitternisse ausgekostet, um sie jetzt gegen andere ohne Bedenken anwenden zu wollen. Die nationalen und Assimilationsblätter haben gewiß kein Recht, von einer „Messiro" (Denunziation) zu sprechen, da sie selbst ja immer kaum ein anderes Ideal hatten, als mittels des papierenen Paragraphen eines Regierungsgesetzes über gütliches Gesetz und die Seelen jüdischer Menschen höheitsvoll zu verfügen. Wir aber wissen aus Geschichte und Erfahrung, welche schlechte Stütze von je her, von Napoleon bis zu den Konsistorien der Gegenwart, staatliche Kirchenverordnungen dem jüdischen Hause waren, wie wenig eine religiöse Diktatur, außer jener, die von Moses und dem Sinai her bei uns noch nachwirkt und ewig fortwirken wird, zur Frisch- und Lebendigerhaltung des Judentums beigetragen hat. Und was wir bei den anderen nicht mochten, sollten wir auch für uns ablehnen. Wir stehen in der Orthodoxie beständig auf der Wacht, daß das Judentum auch in seiner äußeren Formung nicht von jedem Windstoß der Zeit beeinflußt wird. Was wir in Oesterreich in der demokratischen Zeit erlangten: eine unverfälscht jüdische und religiöse FührunginderGemeinde, das verlangen wir auch noch heute, noch kategorischer, unter Ausnützung aller Chancen, die uns die neueste Entwicklung in die Hand spielt. Aber das Diktat von oben und die Zwangsorganisation sind und bleiben uns so unsympathisch, wie sie uns immer gewesen sind, als wir in der Orthodoxie noch Opfer solcher Zwangsmethoden Die Sidra spricht zu uns , , . 'JK vnp '3 '»nn D^mp- Mosche hat den Auftrag, der „ganzen Gemeinde der Sohne Israels" zu sagen: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, G'tt, euer G'tt." Kann an den Menschen, fragt Midrasch, der Anspruch g'ttlicher Heiligkeit gestellt werden? Wie sollte ein Mensch aus Fleisch und Blut Ihm gleichen können D'avi»»3 wv, dessen Weg unerreichbar in die Höhe weist? Ihm gleichen nicht, aber Ihm aaetalimsni <lie von Ihm in Seiner Weltenwaltung gewiesenen Wege gehen, kann und soll der Mensch, der Sohn der Gemeinde Israels, und damit seine, die menschenmögliche Heiligkeit erreichen, nm rjx oim nw n» oini, sei liebreich und barmherzig, gütig und hilfsbereit; wie Er, G'tt, mit jedem Sonnenauf- und Untergang, mit jedem Regentropfen Güte und Erbarmen der Erde und den Menschen zeigt, wie Er das All auf Liebe gegründet und durch Liebe erhält. Siehe, wie Tag zur Nacht spricht, Sommer'und Winter sich die Wege ebnen, wie alle Zeichen und Zeiten, die Er geschaffen, in Harmonie einander in die Hand arbeiten, und lerne daraus, deinem Bruder hilfreich zur Seite zu stehen. Handelst du also, hast du nach G'ttes Vorbild im Kleinen den Grad der Heiligkeit erreicht, den ein Mensch eben erreichen kann. Mehr verlangt G'tt von dir nicht. gewesen sind. Von innen heraus muß und wird die Entwicklung kommen, dann wird sie rein und frei sein, eine Freiheit der G'ttgebundenheit. Auf alle Fälle sollten die Wiener jungen Freunde die Entschlüsse des Zentralrates der Agudas Jisroel, der vom 14. bis 17. Siwan zu wichtigen Entscheidungen auch auf anderen Gebieten des jüdischen Lebens in Warschau zusammentritt, abwarten. Völlige Unbefangenheit unmöglich'! Die „Juristische Wochenschau" veröffentlicht einen Beschluß der 86. Zivilkammer des Landgerichts Berlin vom 23. 2. 1934, durch den der Ablehnung eines christlichen Richters nichtarischer Abstammung durch eine Prozeßpartei, die in einem Schriftsatz einzelne Juden und die jüdische Rasse angegriffen hatte, stattgegeben wurde. In der Begründung dieses Beschlusses wird ausgeführt: „In ihrem Schriftsatz führt die Bekl. aus: „Es kommt hinzu, daß bei den Juden nach den Vorschriften des Talmud die falsche Aussage gegenüber einem Nichtjuden nicht nur erlaubt, sondern sogar vorgeschrieben ist; wenn auch manche Juden Angst haben vor dem Staatsanwalt und nicht immer gewagt wird, diese Vorschrift des Talmud zu befolgen, so ergibt sich doch aus ihr eine derartige Verwahrlosung der jüdischen Aussagemoral vor Gericht, daß den Aussagen von Juden, zumal wenn sie an der Sache selbst interessiert sind, und sich in einer Situation befinden, daß sie den Meineid für schwer nachweisbar halten können, mit allergrößter Vorsicht zu begegnen ist, mit derselben Vorsicht, mit der man ihnen grundsätzlich bei allen geschäflichen Transaktionen begegnen muß, wenn man nicht schwer hereinfallen Oer Tbora Huldigung Von B. Cohen, „Ich lasse dich nicht, bis du mich segnest." Vor nicht zu langer Zeit wurde von geschätzter Seite die Befürchtung ausgesprochen, die herrschenden Strömungen der heutigen Wissenschaft, insbesondere Relativitätstheorie und Psychoanalyse, seien geeignet, in der Menschheit, insbesondere der überlieferungstfeuen Judenheit, viele geistige Verwilderung anzurichten; — die Relati- Haben nicht schon die Massoriten die unüberschreitbare Grenze zwischen höchster G'ttesheiligkeit und kleiner menschlicher Heiligkeit durch eine Abweichung in der Schreibart gezeigt? "nn ü'Ptp ist ohne Wov (lonf; soll heißen: Eure Heiligkeit wird auch bei höchster menschlicher Vollkommenheit "idtv mangelhaft bleiben, 'm smp '3 denn richtig heilig im höchst vollendeten Sinne fsVa) kann nur Ich, G'tt, sein! Einer der Wege zu dieser menschlichen Heiligkeit ist die Vorschrift: .Kon vby svn k^i •tfi'Ky m n>sin nr* laa^n Tns r,s 82t?n xb „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, weise ihn wiederholt zurecht, daß du nicht seinetwegen Sünde auf dich ladest." Die l&tzten Worte des Satzes werden gemeiniglich so übersetzt, Sie können auch eine andere und tiefere Bedeutung haben, und zwar im Sinne der Vätersprüche ins? "»loa ysn "vin byi „Halte dich selber nicht für einen Bösewicht." Um wieviel weniger darf man einen anderen in dem Maße dafür halten, daß man annimmt, er sei schon verloren, und ein Wort der Mahnung würde bei ihm nicht mehr fruchten. Das dürfte wohl für Viele der Grund sein, daß sie, obwohl an leitender Stelle, mit ihren Mahnungen und Warnungen dennoch zurückhalten, — weil sie die Menschen für so verderbt und gesunken halten, daß sie glauben, alle Versuche seien unnütz. Darin lag, nach Auffassung des Midrasch, auch die Schuld des N o a h, im Gegensatz zu Vater Abraham, der die „Bösen" gesucht und auch gefunden und zu G'tt heimgebracht hat. Das war, nach den klaren Schilderungen der Bibel, auch der Lebensirrtum des Propheten Jona, den er so schwer büßen mußte. will." Da man unterstellen muß, daß diese Aus führungen die persönliche Auffassung der Bekla| ten selbst, nicht bloß die ihres jetzigen Prozeß bevollmächtigten wiedergeben, so ist, zumal voi der Würdigung der Aussage der angegriffenen jüdischen Zeugin die Entscheidung des Rechtsstreits weitgehend abhängt, nicht" zu verkennen daß die Beklagte in der Tat die Besorgnis hegen darf, daß gegenüber diesen scharfen Angriffen auf die jüdische Eides- und Geschäftsmoral der abgelehnte Richter als Nichtarier ihr gegenübet nicht "völlig unbefangen bleiben werde. Es kann hierbei nicht ins Gewicht fallen, daß nach seiner dienstlichen Aeußerung der abgelehnte Richter selbst und seine Eltern christlicher Religion sind, da schon das Vorhandensein jüdischer Vorfahren im Rahmen des Beamtengesetzes bei den gegen das Judentum gerichteten Angriffen die Besorgnis der Beklagten bezüglich der Befangenheit des abgelehnten Richters zu rechtfertigen geeignet erscheint." Mit dieser Entscheidung soll vielleicht auch die Ungeheuerlichkeit jener Anklage gegen den Talmud zum Ausdruck gebracht werden. Denn, wer das Judentum und sein Schrifttum kennt, ob Arier oder Nichtarier, wer da weiß, daß uns nach dem dritten Gebote nicht allein Falscheid, sondern sogar „unnützer Eid" bei Androhung g'ttlicher Strafe verboten ist; daß gerade der Talmud in einem ganzen eigenen Traktate, „Schwuoth" genannt, die Heiligkeit des Eides in all seinen Formen und Abarten und einerlei, wem gegenüber er geleistet wird, festlegt; daß ein frommer Jude sich gegen die Leistung selbst eines wahren Eides sträubt — wer all das weiß, wird schwer gleichgültig bleiben können gegenüber der Behauptung einer Prozeßpartei, der Jude sei von Religionswegen und nach talmudischer Vorschrift angewiesen, falsche Aussagen zu machen und Falscheide zu leisten. aus fremdem Munde. vitätstheorie müsse, obgleich in den erdfernen Regionen der Mathematik und Gestirnskunde beheimatet, zur Relativierung aller, auch der moralischen Begriffe ^führen, — und durch' die g'ttfeindlichen Schlußfolgerungen, die ihr Meister gezogen, sei auch die Psychoanalyse für uns gerichtet. Im Folgenden sei der Versuch gewagt, gerade diesen unserer Thora so fernstehenden Bereichen einige unser Thoradenken stärkende und festigende Wahrheiten abzugewinnen. Ist ein Mensch wirklich so tief gesunken, daß ihm moralisch nicht mehr zu helfen ist, so ist er nach dem hebräischen Sprachgebrauch nicht ein mwn, sondern ein sarif ein Mensch, der nicht mehr Sünde begeht, sondern von der Sünde so beherrscht wird, daß eine Rettung nicht mehr zu erwarten sei. Unser Bibelsatz sagt uns aber: Weise wiederholt deinen Nächsten zurecht, gib die Mühe und die Hoffnung nicht auf, daß er sich dennoch einmal bessert, Kon i'by KtW7 nbir und nimm nicht an, daß die Sünde auf ihm sitzt, über ihn herrscht; noch ist er sicher so, daß er die Sünde meistern und sie zu jeder Zeit von sich werfen kann. •In diesem Sinne wird wohl auch der Satz im Psalm 104 zu verstehen sein ^nsn fö d^küh i»jtv die d'«»"' d. h. die Menschen, die der Sünde bereits so verfallen sind, daß sie keine bloßen o-stsin mehr sind, sie mögen ZU Grund« geheni o'iwn) als Mehrzahl von ndo: Sünden müßte auch mit —: punktiert sein und nicht wie im Texte mit einfachem Patach, woraus sich ergibt, daß es sich hier um die Mehrzahl von san handelt.) Für die wxmn gilt aber die Thoravorschrift main nnin und sun i'V? KWi. Versuche es immer von neuem? Kleines Feuilleton. Erinnerungen an große Juden. Es war vor sechs Jahren, an einem Erew Peßach. Als ich da in der Hitze der Montreuxer Frühlingssonne zur Jeschiwoh am Berge hinaufstieg, begegnete ich meinem Rebben, in dessen Begleitung sich ein älterer Herr befand. Der fast schäbige Anzug, den