Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1934)
- Date
- 1934-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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26. April 1934 Der Israelit Nr. 17 Seite 3 Nathan Birnbaum. (Fortsetzung von Seite 1.) auseilend, schon auf einem höheren Aufstieg begriffen, wieder verlassen hat. Das jüdische Volk, oder richtiger dessen intellektuelle Wortführer wollten ihn nicht verstehen, weil er ihre geistigen Flunkereien nicht mitmachte, weil er ihre statistischen Jongleurkünste ablehnte, weil er nicht geistvoll brillieren wollte, weil er, anstatt neue originelle „Ideen" zu produzieren, bis zum Bersten erfüllt war von der einen großen, tragenden Idee, hielten sie ihn für naiv. Weil er ihren modernen Jargon verachtete, weil er nicht ihre intellektuelle Kunstsprache gebrauchte, sondern mit der großen Einfachheit der Klassiker in ursprünglichen, zu Herzen gehenden Worten lehrte und rief, hielten sie ihn für veraltet. Hinter den zürnenden Mahnworten, die ihre Eitelkeit verletzten, hörten sie nicht den unendlich zarten Unterton einer Liebe, die aus dem Innersten des Wesens quillt. Ihre trüb gewordenen Augen erkannte nicht die adlige Linie einer Haltung, die in einer Welt der handgreiflichen politischen Interessen, in einem nach brutalen Reklamegrundsätzen aufgezogenen öffentlichen Leben keine Stätte mehr finden konnte. Auch die deutsche Judenheit hat sich dieser schweren Schuld, nicht gegen Birnbaum, sondern gegen sich selbst, anzuklagen. Birnbaum hat lange inmitten der deutschen Judenheit gelebt und! fühlte sich ihr zugehörig. Der Entdecker und Verherrlicher des Ostjudentums hat immer die hohen Werte und die große Bedeutung des deutschen Judentums für das jüdische Volk zu schätzen gewußt. Den Problemen der deutschen Juden hat er immer ernstestes Nachdenken zugewandt. Oft nahm er zu wesentlichen Fragen der deutschen Judenheit das Wort. Er sah die Probleme von der Nähe und sah sie tief. Hat die deutsche Judenheit auf die von ernster Sorge getragenen geistigen Bemühungen Birnbaums um ihre Nöte in nennenswertem Maße reagiert? Hat sie überhaupt hingehört auf das, was er ihr zu sagen hatte? An manchen Dingen wird es jetzt schon offenbar, wie schwer die deutsche Judenheit gegen sich selbst gesündigt hat, als sfe den Mahnungen und Warnungen Birnbaums kein Gehör schenkte. Seit vielen Jahren hat Birnbaum den deutschen Juden begreiflich zu machen gesucht, daß sie dem Phänomen des Antisemitismus gegenüber eine völlig unzulängliche Haltung einnehmen. Er hat das damals allgemein übliche Verfahren gegeißelt, die antisemitische Bewegung in allen ihren Schattierungen in Bausch und Bogen als pathololische Erscheinung zu erklären oder mit billigen Witzen abzutun. Schon sehr früh hat er den Typ des wurzellosen assimilierten Literaten in all seiner Gefährlichkeit entlarvt und ist nicht müde geworden, ihn in allen seinen Verkleidungen zu verfolgen. Er hat auf eine gerechte, objektive Einschätzung der sich allmählich erhebenden nationaldeutschen Kräfte gedrungen, er hat eine stärkere Betonung der konservativen Elemente im Judentum gefordert und schärfere Abgrenzung gegenüber den liberalistischen und pseudo-pazifistischen Losungen der sozialistischen und demokratischen Linken — nicht aus Taktik, sondern aus innerjüdischer Notwendigkeit. Wer hat, außer dem Kreis der gläubigen Judenheit, auf diese prophetischen Warnungen gehört? Hat man nicht die Achseln gezuckt über den Sonderling, der sich bemühte, Verständnis für die Vorstellungswelt der judengegnerischen Gruppen zu finden? Seit vielen, vielen Jahren predigt Birnbaum die Notwendigkeit der Verländlichung und Berufsumschichtung der Juden. Das waren Vokabeln, die für das Gros der deutschen Juden exotisch klangen und dementsprechend auch gewürdigt wurden. Es waren Schrullen eines alten Herrn, über die man nachsichtig lächelte. Und keiner der superklugen Kritiker hatte eine Ahnung davon, daß diese verlachten Forderungen zu den möistgebrauchten Termini unserer Zeit werden würden, und es ist wohl keiner unter ihnen, der sich nicht davon Rechenschaft gäbe, welchen Segen es heute bedeuten könnte, wnn man Birnbaums Forderungn rechtzeitig verwirklicht hätte.! Doch Birnbaum hat seinem Volk noch viel mehr zu sagen. Nicht alle Wahrheiten, die er seit ^Jahren unermüdlich kündet, haben schon mit so vor aller Augen zutage liegender, mit so grausamer Deutlichkeit ihre Gültigkeit erwiesen. Eine Reihe von anderen Erkenntnissen und Forderungen, die er mit dem Ungestüm und der Inbrunst eines gläubigen Herzens vertritt, haben beim Volke noch immer nicht das gebührende Echo gefunden. Noch immer werden diese reifen Früchte eines kampfreichen Lebens, das sich wie ein Ganzopfer restlos dem Volke geschenkt hat, eines unaufhörlichen, leidenschaftlichen Bemühens um jüdische Dinge nicht in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt. Aber unbeirrt und mit nie ermüdender Geduld setzt Birnbaum seinen Dienst am jüdischen Volke fort, der ihm längst zu einem inneren Müssen geworden ist. Mit ungebrochener, ja noch gesteigerter Kraft stellt dieser jugendliche Siebziger sich wieder mitten unter seine Brüder, um seine Sendung als Lehrer und Wegeweiser zu erfüllen. In dieser Zeit der dahinbrausenden Völkerstürme, der radikalen Umwälzungen, der großen Entscheidungen, von apokalyptischem Wetterleuchten durchzogen, findet Birnbaum die ihm gemäße Luft. Seine mächtige Natur, niedergehalten beim sanften Plätschern der bürgerlichen Idylle, erwacht in dieser Zeit des weltgeschichtlichen Crescendo, reißt sich empor wie ein Schlachtroß beim Klang der Trommel. Und er spricht nicht mehr vergebens. Sein Ruf — so heißt symbolisch das publizistische Sprachrohr, das er sich neu geschaffen hat, — verhallt nicht mehr im Leeren. Immer größer wird die Zahl der Hirne und Herzen, die sich seinen Worten willig öffnen. Das Bewußtsein, daß Nathan Birnbaum zu einem kostbaren Besitz des jüdischen Volkes geworden ist, ist heute in weitesten Kreisen der Judenheit lebendig. Die grandiose Erscheinung dieses trotzigen und innigen Juden, diese ragende, wuchtige, von Leidenschaft durchbebte Gestalt — wie von Michelangelo gemeißelt — zieht auch den Fernerstehenden in ihren Bann. Die gläubige Judenheit ist stolz darauf, daß dieser große Sohn unseres Volkes zu den ihren gehört. Sie schöpft daraus von neüem die tröstliche Gewißheit, daß nicht verwaist und nicht verwitwet ist Israel. In der Linie des Wegs, der Nathan Birnbaum mit zwingender Folgerichtigkeit in ihren Kreis führte, sieht sie ein verheißendes Zeichen für den Gang der künftigen geschichtlichen Entwicklung. Und sie grüßt den grand old man des jüdischen Volkes an seinem Ehrentage mit der Liebe, dem Vertrauen und der hingebenden Bereitschaft, die sie allezeit allem Echten und legitimen Großen im Judentum mit dankbarem Herzen entgegentrug, Wochenrundschaa Für die religiöse Erneuerung in Österreich. Wir berichteten bereits von einem Antrag der Wiener " Agudas Jisroel - Jugendgruppe an den Vorstand der Jugendorganisation, die Führer der religiösen Judenheit Wiens zu veranlassen, für eine religiöse Erneuerung des Wiener Judentums einzutreten, und zwar auf folgender Basis: Alle Mitglieder des Vorstandes der Isr. Kultusgemeinde, die nach den Grundsätzen des Schulchan Aruch ein unreligiöses Leben führen — sie machen heute den größten Teil des Vorstandes aus— sollen ihr Amt niederlegen und durch Männer ersetzt werden, die durch ihren religiösen Lebenswandel geeignet erscheinen, der Kultusgemeinde vorzustehen. Sollten diese Bemühungen beim Vorstande erfolglos bleiben, so hätten die Führer der religiösen Judenheit Wiens beidem Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß ein Gesetz zu bewirken, wodurch nur solche Personen als K u 11 u s v o r s t ä n d e gewählt werden können, die durch ihren religiösen Lebenswandel geeignet erscheinen, die Kultusgemeinde inwahrhaftjüdischemSinne zu führen und sie in ihrem religiösen Charakter auch dem zukünftigen Geschlechte zu erhalten. Dieser Antrag der Agudas Jisroel-Jugendgruppe erregte dadurch erhöhtes Aufsehen, daß er zuerst im Organe der österreichischen Regierung und der christlich-religiösen Partei, in der ,Reichspost" erschienen ist. In einer später stattgefundenen Landesversammlung des Verbandes agudis t i scher Jugend- Gfeinigung in Oesterreich bestätigte der Vorsitzende „im Namen der thoratreuen Jugend Oesterreichs" vollinhaltlich den in der „Reichspost" abgedruckten Antrag. Daß der Vorstoß der Agudajugend einen Sturm der Entrüstung besonders in der zionistischen Presse Wiens verursachen würde, war zu erwarten, und so können die Angriffe und Anfälle-der beiden zionistischen Blätter „Die Stimme" und „Die Neue Welt" nicht weiter überraschen und aufregen. Allein auch wir können dem Antrag und dem Vorgehen der Wieher Agudajugend, bei aller Würdigung des' entschlossenen Willens der Jugend, ■die neue Lage in Oesterreich auch für das jüdischreligiöse Leben gewinnbringend auszuwerten und an entscheidenden historischen Momenten nicht achtlos vorüberzugehen, ..nicht mit ungeteiltem Jubel begegnen, und auch uv.Oesterreich selbst scheint man noch über die von'der Jugend für dieses Vorgehen gewählte Form sehr.,,geteilter Meinung zu sein, was aus einem später iö>.der „Reichspost" veröffentlichten, offensichtlich eben-1 falls von' orthodoxer Seite herstammenden Dementi und einem weiteren Dementi dieses Dementis klar genug hervorgeht. Es ist an sich erfreulich, daß die agudistischen Antragsteller in einer Zeit, da der Parteistaat zusammengebrochen und ein neuer, auf religiösen Grundlagen aufgebauter Ständestaat im Entstehen ist, aufs Ganze zu gehen und die aus einer verblaßten, nun erledigten Demokratie hervorgegangenen Kultusverwaltung von Grund auf umzugestalten gedenken. Es sei jetzt an der Zeit, das höchste und letzte Ziel der Aguda, die Autorität des G'ttesgesetzes unabhängig von Zufallsmehrheiten zur Geltung zu bringen, da man diesem Ziele so nahe gekommen ist, auch nicht mehr aus den Augen und aus der Hand zu lassen. Spricht doch das Gesetz vom Jahre 1890 klar aus, daß die Kultusverwaltung die religiösen Interessen zu wahren und deren Institutionen zu verwalten habe. Daß die religiösen Belange nur von religiös gesinnten Menschen verwaltet werden können, ist eine Tatsache, die früher schon, auch in der demokratischen Zeit, zu Recht bestand und manche Vertreter der Aguda vor kurzem mit ihrem Austritt aus der Kul'tusgemeinde sinnfällig zum Ausdruck gebracht haben. Nun dränge die letzte Entwicklung in Oesterreich zwangsläufig auch zur Umstellung des jüdisch-religiösen Lebens in seiner Verwaltung und ihren Organen, „Die jüdische