Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1934)
- Date
- 1934-04-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 16 Der Israelit 19. April 1934 Das .Gebet der Gebete. Ein Erlebnis in Holland. In der Hauptsynagoge der holländischen Residenz, jenes größten und schönsten „Dorfes" der, .Welt, genannt der Haag. Es ist'Festg'ttesdienst. Der Raum, nicht allzugroß, aber sehr ausgiebig und praktisch ausgenutzt, ist voll gefüllt. Die Sitze sind so geordnet, daß sich das Auditorium um das Almemor in der Mitte konzentriert. Man hört kaum ein Wort außer dem lauten oder leisen Gebet. Alle, auch die Kinder, sind in Tallith gehüllt, kein dunkler Punkt trübt und stört das Bild hüben und drüben. Auch Schuljungen tragen den feierlichen harten Hut auf dem Kopfe. Die Aufsichtsbeamten, die würdig die Front abschreiten, haben nirgendwo Gelegenheit, zur Ruhe zu mahnen. Wie die Cherubim wenden sich beide Flügel der Gemeinde die Gesichter zu, um sich im G'tteslobe zu einen. Am Vorbeterpulte oben trällert ein Tenor litauische und holländische Melodien in so schöner gesunder Mischung, daß Jedem das Seine wird. Von der Empore herab singt ein gemischter Chor, in dem die Knabenstimmen wie Orgelregister pfeifen. Eine heitere Synagogenmusik ist es nicht, mehr Choräle und Kantaten, die das Rezitativ des Vorbeters sinn- und stimmungsvoll untermalen. Es ist eine Disziplin aus der Stimmung und Andacht heraus. Kein Kommen und Gehen, keiner verläßt seinen Platz, und der Nachbar hat dem Nachbar nichts zu sagen. Kein Tallith wird abgelegt, bevor der letzte Ton des Jigdal, des Epiludium eines jeden Sabbat- und Festg'ttesdienstes, verklungen ist. Der Einfluß der spanischportugiesischen Synagoge in ihrer traditionellen Grandezza ist auch hier unverkennbar. Der Thoraabschnitt ist verlesen, alle Segensformeln und eine Reihe bei uns unbekannter Zwischengebete für die Genesung Kranker und das Seelenheil Verstorbener verhallt. Da geht wie ein heiliges Beben durch die Gemeinde. Wie ein Mann erhebt sie sich, als hätte jemand auf einen geheimen Knopf gedrückt. Sie steht gerade, aufrecht, ja stramm da. Der auswärtige Gast, kaum der Ehre bewußt, die ihm damit zuteil geworden ist, nähert sich etwas verlegen und zögernd dem heiligen Schrein, zieht den kostbaren Vorhang auf und öffnet die Türen. Die heiligen Rollen in ihrer hellen Festgewandung mit den herrlichen Silberkonen leuchten in den dunkel abgetönten Raum. Das Gebet beginnt, das Gebet aller Gebete, das für das Heil der Königin und des königlichen Hauses. Langsam und bedächtig, wie kostbare Perlen, zählt der Rabbiner mit wohllautender Stimme Wort für Wort seiner Gemeinde auf, keine Silbe geht verloren, keine wird überhört, Aus den einzelnen Wortperlen reihen sich ganze Ketten, die Ketten winden sich zu einer güldenen Krone, die eine dankbare Gemeinde ihrer Landesmutter, ihrer Königin, reicht, da sie vor G'tt in Weihe und Festesstimmung steht. Sabbat für Sabbat, ja je am Montag und Donnerstag und so oft die Thorarolle ausgehoben wird, der gleiche Vorgang. Von der Residenz bis zur letzten Dorfgemeinde im ganzen Lande. Und immer die gleiche Ergriffenheit, die gleiche Innigkeit, der gleiche brausende Chor, der. nicht erst am Schlüsse, sondern schon nach jedem einzelnen Satze mit einem dröhnenden Omen einstimmt, .. Mählich überkommt es auch den Gast, der vor dem offenen Schrein der heiligen Handlung sozusagen aktiv, ja führend teilhaftig werden darf, und sein Omen klingt jetzt nicht minder innig und ehrlich aus dankbarem Herzen. In den fünf Minuten vor der geöffneten Lade erlebt er Geschichte. Wilhelm von O r a n i e n , der Befreier und Regenerator des Landes, das zur Friedensinsel einer ringenden Welt von G'tt ausersehen war, taucht aus der Versenkung der Vergangenheit auf: „In meinem Lande sollen Lichtsignale und keine Scheitrhaufen den Sieg künden" — Omen! ... Rabbi Mosche Uri, der kleine Rabbi von Emden um 1600, zieht mit seiner verkappten Schar der aus der spanischen Hölle Geflohenen nach dem großen reichen Amsterdam. Es sind spanische Menschen in spanischer Gewandung und von spanischer Zunge. Holland aber führt gerade den letzten Befreiungskrieg gegen Spanien. Was wollen diese fremden Kapuzenmänner? Wohl für Spanien spionieren? Wie sie im Keller einmal bei ihrem Kol-Nidre-G'ttesdienst aufgespürt werden, fühlen sie sich schon dem Flammentode geweiht. Läuten nicht schon die Glocken? Das „AI cheth" wird ihnen zum letzten Sündenbekenntnis. Kaum aber ist Holland über die Art der Menschen und ihrer Versammlung aufgeklärt, geht großes Lachen durch das Land. „Ihr seid Flüchtlinge? So sollt Ihr bei uns ein Heim finden. Ihr wollet zu Eurem G'tte beten? Tuet es nach Herzenslust, aber bitte nicht unten. Wir in der weiten Ebene lieben die Sonne, das Licht und die Luft. — Seht doch unsere Blumen! — Warum Euch hinter Licht verstecken? Wir sind doch keine Spanier! ..." — Omen! ... Dank, Dank, Dank weinen die Männer in der spanischen Kapuze. Das Jiskorgebet vorhin hat sie alle geweckt, hierher gerufen. Da stehen sie, schütteln das Haupt und stimmen mit ins Omen ein. Ein wundervolles G'tteshaus entsteht in Amsterdam, ein Heiligtum, in dem alle Liebe zu G'tt und zur alten Heimat, alle verhaltenen heiligen Gluten gehütet werden. Zedern aus dem heiligen Lande geben das Holz für die Säulen des heiligen Schreins, goldgeschmückt sind die Wände. So reich und kostbar ist der Silberschatz, daß er nur bei ganz besonderen Anlässen gezeigt wird. Im Schöße dieser Gemeinde, umhegt von der Liebe und dem, Vertrauen der. Umwelt und des königlichen Hauses, entstehen jüdische Werte von ragender historischer' Bedeutung.' Die Aschkenasimgemeinden in Amsterdam, im Haag wie überall im Lande wachsen in .der milden politischen Sonne zu Größe und Blüte empor. Der Ritus ist gepflegt und festgelegt, aber nicht in Formen und Reformen erstarrt. Im ganzen Lande spielt keine Orgel und keine Synagoge zeigt in ihrer inneren Einrichtung irgend einen Anklang an eine fremde Kirche. Mögen Einzelne hie und da ihre eigenen Wege gehen, die Gemeinde als solche und ihre Institutionen sind festgefügt im Jüdischen. Alle schwachen Versuche von Gegenspielern scheitern an der eisernen religiösen Disziplin, die wie ein großer gewaltiger Goldrahmen das ganze Bild so umklammert, daß auch einzelne disharmonische Striche im Gefüge bleiben. Am Sonntag kann man in diesem puritanisch frommen Lande beim jüdischen Kaufmann und Händler alles haben, so dieser nachweislich am Sabbat sein Geschäft streng geschlossen hält. Kein jüdischer Soldat braucht, ja darf am Sabbat Dienst tun und er ist angewiesen, die Synagoge aufzusuchen. Unter den kleinen Beamten können Juden in großer Zahl den Sabbat dienstfrei in Synagoge und Familie verleben. — Omen! . . . Ein armes, geplagtes, über die Welt gehetztes Volk hat in der von den vielen Stahladern der Wasserkanäle durchzogenen und der bunten Pracht der Blumenfelder gezeichneten Ebene eine Ruhestätte gefunden. Und hat diese Behandlung mit einer Liebe und Treue bezahlt, die sich nicht allein in den Gebeten bekundet, die nicht wenig zum Aufschwünge des Landes beigetragen hat, der just zu der Zeit einsetzt, da der Stern Spaniens ins Sinken kommt. Die Juden sind ein dankbares Volk. Fünf andächtige Minuten am offenen Thoraschrank, und der Gast erlebt ein Treuegelöbnis von Generationen. Omen, Omen, Omen! . . . —tz. Abschied vom Chaluzim. Der Zeiger der Bahnhofsuhr in Straßburg rückt auf Mitternacht. Zu einer Stunde, zu der gewöhnlich auf den breiten Bahnsteigen der elsässischen Metropole nur einige wenige Reisende auf ihre Züge harren und das Bahnpersonal, von der großen Leere und Oede einer nächtlichen Bahnhofshalle übermannt, schläfrig den späten Dienst versieht, staut sich auf dem Quai 3 vor einem Wagen des Straßburg-Marseiller Expreß eine dichtgedrängte Menschenmenge. Man kann nicht sagen, daß diese Menschen — Chawerim und Chaweroth, Freunde, Bekannte und last not least treue und opferbereite Annehmer der vier oixi:>n. die sich nun auf dem Wege zum Lande ihrer Träume befinden, — eine freudig erregte Masse darstellen. Hierzu ist jeder mit sich selbst zu viel beschäftigt. Denn — mag diese nächtliche Versammlung äußerlich gesehen ein Abschied von lieben Freunden und tapferen Kameraden sein, so ist sie weit mehr und alles andere eher als ein — Abschiednehmen. Man ist gekommen, um einen Funken aus einer glücklicheren Welt in sich aufzunehmen, indem man mit jenen sprach, für die unser Sehnen und das Hoffen — still verzichtendes Hoffen, — unserer Väter tatsächliche Wirklichkeit werden sollte. Die vier Freunde verloren in unseren Augen ihr eigenes Wesen und wurden zu lebenden Symbolen. Und wer die Stunde verstand, der sah, daß alle die Grüße und Aufträge, von denen man wußte, daß sie doch nicht ausgerichtet würden, was gar nicht wichtig war — die guten Wünsche in der banalen Form der nichtausreichenden Sprache — nur Bewegungen der Lippen waren, daß dahinter aber Gedanken sprudelten, Gefühle quollen, die sich über diese wnv'v hinweg in das -Land ergießen wollten, in dem allein sie Ruhe finden werden. Unsinnig oft drückte und schüttelte man die Hände, von denen man wußte, daß sie in kurzer Zeit Samen in heilige Erde versenken, den Pflug über Judas Boden führen werden. Doch wozu Worte? Die Rufe der Schaffner gingen unter unter dem Gesang des njpinn und das Zischen der Lokomotive wurde übertönt vom Liede der Hoffnung, in diesem Moment über jegliche politische Bedeutung erhaben. Als man fröstelnd auf den Bahnhofsplatz trat, aus einem Traum gewissermaßen erwachend, kam man sich wie ein trauriger Anachronismus vor, während ein Zug fahrplanmäßig nach Süden sauste. Der Vorabend der Abreise versammelte noch einmal alle Freunde des'Kibbuz Fegersheim in demselben Zimmer und immer;wieder wird der Zertifikate wegen — zu weit hat man sich in den kühnsten Träumen nicht verstiegen — eingehend besprochen und erläutert. Pünktlich am ersten Adar kommt das Glückstelegfamm. Allerdings können die vier nicht mehr zu ihren Angehörigen fahren, da die Zeit zu ■ knapp ist. Am Eingang zu Erez hakedauschoh noch bitteres Golusleid. Eine Mutter, weint ins Telefon, eine andere empfiehlt, neben Sätzen über das heilige Land, warme Wäsche für die Schiffahrt und mäßigen Fleischgenuß im Lande. i; ,■■ : Doch die Streiflichter,'die ich hier zum Schlüsse niederschreibe,, sollen als Ermunterung und Ermahnung.; zugleich gerichtet sein an alle, : die den dritten und vielleicht endgültigen Jischüw; aufbauen helfen wollen. Unsere Fegersheimer oniri waren undsind'own cnp», was wohl die hehre Aufgabe grade einer Erez Jisroel- Judenheit ist, '• ' Die vier .Bauern nehmen selbstverständlich wieder jüdische Jungens . . . Sie versorgten aus eigenem Antrieb die o^si^n mit reichlichem Reiseproviant . . . Das ganze Dorf ,nahm lebhaften Anteil an der Abreise s und beglückwünschte die a^ibn aufs herzlichste. Ein Bauer füllte für seinen Ytbn gesondert zwei Hektoliter Wein ab für den Sommer ... Der Maire (Bürgermeister) gab jedem f i^n zum Abschied 5 fres. — und vieles andere. Nichtigkeiten, die aber zeigen, daß eine unproblematische, schaffensfreudige Jugend vor den Augen der Welt bestehen kann, muß und wird. Hugo Adler, Straßburg-Ffm. Ein neues Palästina-Buch- In einem stattlichen Buche von 220 Seiten, mit reichlichen Illustrationen versehen, gibt der bekannte jiddische Schriftsteller und Mitarbeiter des „Jiddischen Togblattes" in Warschau, Mosche Mark, seine Eindrücke auf der Erez Israel- Reise, die er vor zwei Jahren im Gefolge des Gerer Rebben mitgemacht hat, wieder.*) Der junge Schriftsteller, von Haus aus vornehmlich Feuilletonist, hat ein scharfes Auge auch für die realen Dinge, eine weite Perspektive und eine Feder, die die Reportage mit Tönen von starker Musikalität zu untermalen weiß. So oft man auch schon aus der reichen Palästinaliteratur über diese Dinge: die Landschaft, die Menschen, die Arbeit, die Sehnsucht, das bunte Gewirre in den alten Gassen, die Tränen des Säens und den Jubel des Erntens gelesen hat, man liest es hier wieder gern und man erlebt die Schilderungen als Neues. Man bewundert auch den Reichtum der jiddischen Volkssprache, der ermöglicht, tiefes Erleben so anschaulich und farbenvoll wiederzugeben. Es kommt dem Autor zugute erstens, daß er sich als Mitglied einer Gesellschaft fühlen durfte, die, von einem Großen geführt, weiten, hohen Zielen entgegenstrebte; zweitens, daß ef mit dieser Gesellschaft nicht von einem Hafen aus Jaffa zudampfe, sondern durch fast ganz Südosteuropa über zehn Grenzen dem Lande der Sehnsucht „zueilte", und sich so gut einen Monat Zeit lassen konnte, all das, was dazwischen liegt, in sich aufzunehmen, So haben wir prachtvolle Schilderungen in dem Buch über die Fahrt durch die Tschechoslowakei, das jüdische Leben in Budapest, auf dem Balkan. Wir spazieren mit dem Autor durch die Straßen von Konstantinopel und arbeiten uns mit ihm durch Klein- Asien bis zu den Pforten Palästinas hin. In Palästina selbst sehen wir so ziemlich alles, was ein Jude, dort mit jüdischen Augen zwischen Ruinen und Aufbau sehen kann und muß. Viele Wege führen in dem Buche vom Einst zum Jetzt, und darin kann auch sein praktischer Wert liegen, indem es Wege von Alt zu Neu zeigt, die heute durch die inzwischen eingesetzte intensive orthodoxe Jugendarbeit im Lande immer mehr geebnet werden. Der Scharon blüht vor unseren Augen auf, der Emek dehnt sich in seiner geruhigen Weite, Hermon und Tabor ragen in den Himmel. Es fallen die dicken jüdischen Tränen auf die Quadern der heiligen Mauern und mächtig holen Hammer und Spaten, der Arbeit in Kolonie und Betrieb aus. Und das eine steht nicht im Gegensatze zum anderen, das eine wird und muß sich zum andern finden. Das wird auch in den wiedergegebenen Gesprächen mit dem Gerer Rebben, mit Rabbi Chajim Sonnenfeld ^>"St, und Oberrabb. Kuck u. v. a. bestätigt. Das wird auch schließlich mit den 28 ausgezeichneten und sinngemäß auf den Text verteilten Bildern von Heiligen, wie Arbeitsstätten belegt. Das Buch bietet einen vortrefflichen Anschauungsunterricht über Erez Israel von damals und heute und morgen. Wochenkalender. Vom 21. — 28. April 1934 / Vom 6. — 13. Ijar 5694 •»nr «p 21 ntno Samstag April 6 i 'a p-is> snxa ynm Sonntag 22 T'K 7 . T Montag 23 8 n •>w iriyn Dienstag 24 9 .1 Mittwoch 25 10 T- Donnerstag 26 11 n 'wnn ri'isrn Freitag 27 12 u ■ Samstag 28 13 •> 'i pns D'p'ip -nns ' *) Auf den Wegen von Erez Isroel. Von Mosche Mark. Verlag „Menorah", Warschau.