Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1934)
- Date
- 1934-04-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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19. April. 1934 D e r I, s r a e 1 i t Nr. 16 Seite 13 Literarische Warte« Das Phänomen Spinoza, ein Schicksalsbüd des Judentums. Von Dr; Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. (Schluß.) Nun pflegen aber Philosophen nicht immer aus ihren theoretische Geistesfolgerungen auch sogleich die Konsequenzen für ihr persönliches und praktisches Verhalten zu ziehen. Sagt man doch bekanntlich von den Philosophen scherzhaft, daß sie Architekten .gleichen, die sich nicht getrauen, die von ihnen erbauten Häuser selbst zu bewohnen. — Zu diesen gehörte Spinoza nicht. Er war nicht aus dem Holze geschnitzt, in den höchsten Fragen nur zu theoretisieren und dann zwischen Idee und Tat die Lücke der Inkonsequenz klaffen zu lassen. Sobald er von seinem Standpunkte aus erkannte, daß die Religion in seinem System keinen Platz mehr hatte, zerschnitt er auch praktisch das Band, das ihn einst so fest mit seiner Glaubensgemeinschaft zusammenhielt, kehrte dem religiösen Leben den Rücken und lebte nur noch seinem eigenen Geistesideale, fernab von jeder Religion. Das bedeutete natürlich noch viel niemals die judentumsabwegige Philosophie Spinozas, eine nicht tiefer zu denkende Gegensätzlichkeit zum Judentum, einen völligen Zerfall mit der Muttergemeinschaft und einen begreiflichen Feindschaftsanlaß, der sich zwischen dem Judentume und seinem untreu gewordenen großen Sohne auftat. Seitdem figurierte und figuriert noch bis heute Spinoza in der Reihe der bedeutsamen Widersacher des Judentums, die ihm zum Schaden gereichen und abgewehrt werden müssen. Und doch ist das gerade der Punkt, der ihn, bei aller wohlbegründeten Abstoßung, zugleich einer Art Wesensverwandtschaft mit dem Judentume nähert. Denn darin, daß er bei aller Widerwärtigkeit und Feindschaft, der er durch sein Denken und Tun ausgesetzt war, doch bei seiner Ueberzeugung blieb, und zwar nicht aus dem Willen sündigen Trotzes, sondern aus der Ruhe und Beharrlichkeit des innerlich ausgeglichenen Geisteshelden heraus, zeigte sich weit über den jüdischen Widersacher hinaus der Fürsprecher für das Judentum. Denn zu leben,, was man lehrt, und zu leiden für das, was man lebt und lehrt, ist geschichtlich gewordene urjüdische Art. Da war es, bei aller Widerstrebigkeit in der Sache, nur wieder der Jude in ihm, der von seiner nun einmal als richtig erkannten Auffassung nicht läßt, und gelte es auch dafür dem Schwersten ausgesetzt zu sein. So praradox es sich auch anhören mag, hier, bei dem Martyrium Spinozas für die geistige Ueberzeugung, die er, hier einerlei ob mit Recht oder Unrecht, vertritt, hebt, bei aller verdienten Ablehnung des Vertretenen an sich, das durchaus Jüdische in Spinoza an, ja, es beginnt hier in seinem eigenen Lebensbilde sich Zug für Zug das Lebens- und Schicksalsbild des Judentums selbst zu zeichnen, denn obwohl sich Spinozas Leben in Theorie und Praxis als gegen das Judentum gerichtet darstellt, in seiner sich vom geschichtlichen Hintergrund abhebenden großen Symbolik, spiegelt dieses Leben gerade das Leben des von ihm befehdeten Judentums wider. Blutgemäß bricht noch in dem jüdischen Antijuden, gewollt oder ungewollt, der Jude hervor. Wie im Judentume selbst, als „Volk der Nackenfeste" nach der Richtung der beiden Pole des Für und Wider hin, die These und Antithese als geschichtliches Charakteristikum auftritt, und zum Beispiel auf die jüdischen Nackenfeste des Treueides am Sinai die von Moses so bewußte jüdischen „Nackenfeste" der Abirrung beim goldenen Kalbe folgt und doch gerade dadurch erst recht die Beharrlichkeit am Sinai ihre Wertbestätigung wieder zurückerhält, so wird aus der These Judentum und der Antithese Spinoza, in der Art der Zeugung des einen für das erstere der beiden, nur wieder die Synthese Judentum. , Man hat die Synagoge, bezw. das damalige harte Verhalten der Amsterdamer jüdischen Gemeinde gegen den abtrünnig gewordenen .Philosophen, den sie bekanntlich in Acht und Bann taten, mit Unrecht verurteilt. Die Vorgänge sind gar nicht von dem Gesichtspunkte einer Urteilsänmaßung zu betrachten.. Hier sind vielmehr Perspektiven maßgebend, dieauf den Sinn des Geschehens hinweisen. Die jüdische Gemeinde war ja auch Blut von seinem' Blute und trug in sich dieselbe, durch die Jahrtausende erhärtete Art des Ausharrens und des unbeirrten Fortschreitens; auf dem Wege der Ueberzeugung. Konsequenz und Stahlhärte des Charakters standen sich da im gleichen Blute einander gegenüber. In beiden aber wirkte sich die Vorsehung zur Glorifizierung des Judentums aus. Auf der einen Seite, nämlich auf Seiten der Gemeinde, durch den Ausdruck eines eisernen Willens, der sich keiner Schwäche hingab und nicht einmal einer allergeringsten Toleranz verfiel, weil es in ihren Augen galt, die ererbte, SO oft mit dem Herzblute besiegelte Judentumslinie zu bewahren, und auf der anderen Seite, auf der Spinozas, durch eine Unbeugsamkeit in dem nun einmal im Geiste Erkannten und als richtig Befundenen zu verharren, die in ihrer bewundernswerten Vorbildlichkeit auf den ersten Blick an das Beispiel des Judentums selbst erinnert. Acht und Bann, Verlockung und Verfolgung, Armut und Vereinsamung, Krankheit und Elend haben nicht vermocht, Spinoza auch nur für einen Augenblick oder um Haaresbreite wankend zu machen, ja im Gegenteil, je mehr der Druck auf ihn einsetzte, desto mehr steigerte sich seine Festigkeit und wuchs sein Entschluß, sein eigenes Leben zu leben. So hat aber schon das Judentum von immerher gehandelt und so hat es in Spinoza auch nur der Jude in ihm getan. Das viel bewunderte und gepriesene Leben Spinozas, von dem Ernst Renan sagt, daß „seit den Tagen des Epiktet und des Marc Aurel kein Leben gesehen wurde, das so das Leben eines Weisen, so tief von den Empfindungen des G'ttlichen durchdrungen gewesen wäre", ist nichts anderes als ein Bild vom Leben des Judentums selbst, aus dem er herauswollte, dem er aber erst recht mit Leib und Seele verschrieben blieb. Keiner kann eben aus der Wurzel seiner blutsmäßigen Schicksalsverbundenheit heraus, ohne sich selbst aufzugeben, oder gerade erst recht für seine blutsmäßige Schicksalverbundenheit zu zeugen. — Und nicht nur mit seinem Leben, auch mit seiner Lehre muß er letzten Endes für das verneinte Judentum zeugen. Erkennen doch alle, die sich mit der Philosophie Spinozas vom Grunde aus beschäftigen, in der ganzen Art seiner Geistigkeit übereinstimmend die Art und Urkraft der jüdischen Geistigkeit wieder. Nur ein Jude konnte sich einer Philosophie verschreiben, die, einerlei ob sie gebilligt werden kann oder nicht, mit einer Wucht der Logik, die ihresgleichen sucht, gerade den Eing'ttesgedanken zum Hauptgegenstande ihrer Spekulation macht, so daß ein Novalis von ihm sagen konnte, er sei „trunken von G'tt" gewesen. Daß er dabei einer Verirrung unterlag, den jüdischen G'ttesbegriff verzerrte und in sein genaues Gegenteil umkehrte, ist betrüblich und verwerflich, hindert aber nicht, zu erkennen, daß schon dieser Trieb allein in G'tt und über G'tt sö grandios zu denken, von der Geistesart des Juden zeugt. Eben ein Jude konnte so auch den wenn auch bedauerlichen Mut zur letzten Konsequenz eines so großen, von aller Welt mißbilligten und befehdeten Denkens finden. Sigmund Freud, der Schöpfer der Psychoanalyse, der Vater einer Lehre, die ähnlich wie die Spinozas dem religiösen Standpunkt groß, aber nicht annehmbar, staunenswert, aber verwerflich erscheint, sagt einmal von sich wie folgt: „Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude ist. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung und der Oppostipn auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen." Das gilt auch von Spinoza und zwar in einem noch viel stärkeren und zutreffenderen Maße, Er steht wirklich völlig isoliert da, ohne Familie, ohne Gemeinde, vorerst lange ohne einen einzigen Gleichgesinnten oder nur Verstehenden, Er spricht vorerst völlig ins Leere oder vielmehr mit sich selbsvkein Ohr und kein Herz neigt sich ihm zu, „Seine Philosophie", sagt ein Kulturhistoriker von. ihm, „ist ein einziger herzbeklemmender Monolog, den ein von der Welt Verstoßener in einer stillen, ärmlichen Kammer in völliger Absperrung und Aussperrung mit seinem eigenen Ich führt." Das konnte wahrlich in diesem Maße am ehesten nur ein Jude. Darum mag auch und wird auch, bei aller schärfsten Gegnerschaft, das Judentum insoweit auf den Juden Spinoza nicht verzichten. So sehr das Judentum nicht aufhören kann, darf und wird, dem Spinozismus die Fehde anzusagen, und so wenig es seine Lehre, die sich vom wahrhaft Ewigen wegkehrt, eine unverlierbare Dauer zuspricht, so sehr kann es und darf es in dem aufgezeigten Sinne den Manen Spinozas in ehrlicher Würdigung gerecht werden und so wenig wird es seine Gestalt aus dem Pantheon der großen Judentumssprossen verstoßen. Es nimmt es auch als Anerkennung für sich in Anspruch, wenn Schleiermacher ausrief: „Opfert mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen Verstoßenen Spinoza," wenn es sich auch zur Apostrophierung „des heiligen" nur im Sinne eines Weisenlebens bekennen kann. Und wenn Heine in übersteigerter Weise sogar soweit ging, zu sagen, daß der Geist der alten jüdischen Propheten vielleicht noch auf dem späteren Enkel ruhte, so ist dies gewiß abzulehnen, trifft aber für seine Denkerkühnheit und sein Lebensschicksal doch in einem gewissen Grade zu. — Nicht minder wird das Judetnum darauf stolz sein dürfen, daß ein Goethe, gepackt von der Grandiosität der spinozistischen Denkerkraft, seine schönsten und tiefsten Dichterschöpfungen im Geiste dieses Mannes schuf. Es ist deshalb durchaus rechts- und empfindungsmäßig zutreffend, wenn der bereits zitierte Ernest Renan, in seiner berühmten Festrede zum 200. Todestag Spinozas im Jahre 1877 im Haag zur besonderen Würdigung des großen Weisen die jüdische Abstammung Spinozas unterstrich und darauf hinwies, daß er „zu dieser großen Rasse gehörte, welche durch ihren Einfluß und die Dienste, welche sie geleistet, eine so ausnahmsweise Stellung-in der Geschichte der Zivilisation einnimmt und die Religion des Menschengeschlechtes geschaffen hat," Diese Religion war zwar zeitweise durch eben den im Geiste des Judentums Gefeierten selbst bedroht, aber er hat ihr am Ende doch auch nicht geschadet. Ja, durch die wuchtigen Hammerschläge, die er gegen sie geführt, ist erst recht plastisch und deutlich die Judentumslehre herausgemeißelt und in das Gesichtsfeld aller Welt gerückt worden. Seine vernichtende Kritik am Judentum, hat gerade erst recht einen gesteigerten Anreiz ausgelöst, sich mit dem Judentume und seiner G'ttlehre um so eingehender, und zwar nicht nur glaubensmäßig, sondern auch denkerisch zu beschäftigen. So kam es, daß der Spinozismus im großen und ganzen ohne nennenswerte religiöse Schadenanrichtung verlief. Was gefährlich in ihm war, löste sich schließlich im krassen Materialismus auf und wurde dann vom Idealismus überwunden, und das Mindergefährliche, aber trotz-, dem Irreführende in seinem starren Rationalismus wurde erfolgreich vom Irrationalismus bekämpft. Heute ist man in der Philosophie und Religion längst über die Klippen des Spinozismus hinweg, indem man gelernt hat, G'tt nicht bloß in den eisigen Regionen des Verstandes und der Spekulation zu suchen, sondern in den unmittelbaren warmen Zonen des Herzens und der Seele, sowie vor allem in dem geschichtlichen Faktum, des Offenbarungscharakters. Was geblieben ist an Spinoza und lange bleiben wird, ist nicht seine gewollte Negierung des Judentums, sondern seine nichtgewollte aber doch bewirkte Bestätigung. — Das berühmte Wort am Schlüsse seiner Ethik: „Alles Erhabene ist ebenso schwierig wie* selten," das er selbst vorgelebt hat, ist eine Vignette, die ebenso genau auch auf das be-