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Der Israelit · 1934-04-19 · Heft 16 (19.4.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 16 (19.4.1934)
Date
1934-04-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage sraelit Nummer 16 1934 HB In Todesgefahr- Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Drei Wochen waren bereits vorüber, seit die Rückkehr des Fürsten gemeldet wurde. In dem Städtchen regte es sich wie in einem summenden Bienenkörbe. Hunderte von Arbeitern waren damit beschäftigt, den Palast in Stand zu setzen und das Städtchen zu schmücken. Die Hauseigentümer hatten kein einziges Zimmer, kein Dachstübchen, das nicht von den Gästen in Besitz genommen war, deren Zufluß mit jedem Tage wuchs. In den Schank- und Wirtshäusern wimmelte es von Besuchern, die vom frühen Morgen bis tief in die Nacht sich ablösten. Die Juden von Niedzwicz hatten alle Hände voll zu tun und gönnten sich nicht einmal Zeit zum Essen und Schlafen. Galt es ja vor allem, die Gäste zu befriedigen, die zwar nicht alles bar bezahlten, aber an dem Fürsten ihren Rückhalt hatten, der die auf den Türen der Schankstube ' mit Kreide gebuchten Schulden schon einlösen würde. Zudem kauften auch die Juden nicht für bar, sondern gegen Kredit ein, und wenn der Kaufmann nicht mehr trauen wollte, dann war Reb Schachne da, der ohne Zinsen Gelder vorstreckte. Er hatte eigens zu diesem Zwecke eine besondere Kasse, welche seine Frau Golda verwaltete, jedesmal glücklich darüber, wenn sich ihr Gelegenheit bot, Wohltaten zu üben und Kaufleuten aus der Verlegenheit zu helfen . . . ,,Dank und Preis, Dir lieber G'tt!" .sagte sie dann, ,,daß Du mir beschieden hast, Deine heiligen Gebote zu erfüllen, und daß ich dafür nach hundertundzwanzig Jahren meinen Lohn haben werde bei Dir im Himmel!" Und damit sie in ihrem Lohne ,,nach hundertundzwanzig Jahre" nicht verkürzt werde, indem ihr Mann die Wohltätigkeit für sich allein beanspruchte, schloß sie einen förmlichen Vertrag mit ihm ab, daß er die Hälfte des Lohnes, die er für seine an Armen und Dürftigen geübten Wohltaten von G'tt zu fordern habe, seiner Frau gutwillig abtrete. — Die Vorbereitungen für den Empfang des Fürsten waren bereits fertiggestellt, die Siegespforte prangte vor dem Eingange der Stadt in Blumen und Fahnenschmuck, die „Schlittenbahn" dehnte sich mit einer dicken Salzschicht über die Berge hin, alle Leibdiener des Fürsten prunkten in ihren neuen glänzenden Kostümen, die Musikkorps waren vollzählig versammelt, und Signor Tramontano war die ganze Zeit hinter Schloß und Riegel gehalten, damit er nicht inzwischen verschwinde. Selbst die Fackeln, welche bei der Ankunft des Fürsten den Palast von allen Seiten beleuchten sollten, waren schon in Bereitschaft. Um sich zu überzeugen, daß die Dienerschaft und der ganze Troß von Beamten und Söldlingen zu jeder Zeit für den Empfang vorbereitet waren, verstand es Reitan, sie zu verschiedenen Zeiten in Alarm zu setzen, indem er auf einmal die Kanenen donnern und alle Glocken läuten ließ, als ob der Fürst soeben seinen Einzug hält. $ Auch die Juden waren für den Empfang ihres Gebieters vorbereitet. Für den Baldachin war der schönste Vorhang der heiligen Lade bestimmt, "vier neue, grüngestrichene Stangen standen im Vorhof der Synagoge, die Musik von Slonim war bereits da, und der aus Kowno berufene Chasan liatte am Sabbat Chason glänzende Proben seiner Meisterschaft abgelegt. Seine süße und zugleich gewaltige Stimme riß alles zu lauter Begeisterung fort, und von Reb Schachne bis zu Michele, den Synagogendiener, war die ganze Gemeinde in Entzücken schier aufgelöst ... So war alles für jeden Tag, für jede Stunde auf den Empfang des Fürsten vorbereitet, doch vermochte niemand genau die Zeit anzugeben, nicht einmal der Marschall, weil alles von dem Willen des Fürsten abhing, der jede Stunde von einer anderen Laune beherrscht war. Deshalb wartete man geduldig, und auch die Juden waren ruhig, denn sie wußten, daß ihr Gebieter wenigstens acht Tage in seinem Waldschlosse bleiben werde, wo die Festlichkeiten immer den Anfang nahmen . . . Aber diesmal kam es anders. Es war am Abend . vor dem neunten Ab, jenem Abende, an welchem die Juden sehnsüchtig ihren Blick in die Vergangenheit zurücklenken, in ihre herrliche, ruhmreiche Vergangenheit, und ihr Herz in Klageliedern ausschütten Über den Verlust ihrer Heimat, ihrer Freiheit und Menschenrechte . . . Wie groß sind doch unsere Gesetzgeber, daß sie solche Gedenktage für ewige Zeiten festgesetzt haben, in denen der Geist des unglücklichen, geknechteten Volkes sich aufrichtet, indem es seinen einstigen Ruhm und Glanz sich vor Augen führt und Mut und Hoffnung schöpft aus der Zuversicht, daß es von seinem Sturze sich wieder erheben, daß die Fesseln einst gesprengt und der frühere Glanz sich wieder erneuen werde, daß bei aller Schmach und Erniedrigung in der Gegenwart noch immer die Hoffnung für die Zukunft blieb, die sich, wie einstmals, schön und herrlich gestalten werde. Der Faden, der die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhält, spinnt sich auch in alle Zukunft fort. Solange dieses alle Zeiten vereinigende und zusammenfassende Band in dem Herzen eines Volkes, möge es noch so getreten sein« nicht gelockert ist, darf niemand es als verloren, als aus dem Leben gestrichen ansehen, denn in ihm lebt eine Seele, schlägt ein fühlendes, verlangendes und nach Taten dürstendes Herz . . . Die Juden von Niesdwicz bereiteten sich vor, die Zerstörung Jerusalems und die Verwüstung des Tempels ganz wie es die Vorschrift haben will, zu beweinen und zu betrauern, Reb Schachne hatte für heute den Chasan aus Kowno eingeladen, die Klagelieder vorzutragen, und dieser erschütterte mit seiner gewaltigen Stimme ihre Herzen so sehr, daß sie alle in Tränen zerflossen und sogar der bucklige Jizchak, der längst als Ungläubiger bekannt war und es nie verstehen wollte, warum man sich einen Brand so sehr zu Herzen nimmt, der, „weiß G'tt, noch vor König Sobieski's Zeiten" eine Stadt verwüstet hat, auch dieser hartgesottene Sünder fühlte sich, ohne den Grund selber zu kennen, im Innersten seines Herzens erschüttert und schluchzte, an die Schulter seines langen und hageren Freundes Jakob gelehnt, daß es einen Stein hätte erweichen müssen .,. . Während die Juden von Niesdwicz, die Hände gegen die heilige Lade ausgebreitet, mit markerschütternder Stimme das Gebet vortrugen: „Wie lange wird Trauer in Zion herrschen und Jammer in den Gassen Jerusalems?" — in diesem Augenblick flatterte die Reichsfahne von der Turmspitze des Palastes herunter als Signal, daß Fürst Radczinski seinen Einzug hält ... In schnellstem Galopp ritt ein Eilbote in die Stadt, um anzukündigen, daß der Wagen des Fürsten in der Nähe sei. Sofort ließ Reitan das Signal geben, und im Augenblick marschierten die Beamten des Fürsten und die Edelleute im Eilschritt dem Triumphtore zu, welches aus tausend bunten Blumenlampions in unzähligen verschiedenfarbigen Flammen erstahlte. Als der Fürst mit seiner Suite, allesamt in Schlitten, ihren Einzug hielt, indem die Reiter auf Schimmeln mit lodernden Fackeln ihm voraneilten, da erhoben die Edelleute, welche in zwei langen Reihen am Eingange der Ehrenpforte ihn erwarteten, ihre Stimmen und sangen: Tu pan, tu pan, tu dobrozye nas! Die Musikbande intonierte mit ihren Streich- und Blasinstrumenten die Sobieskihymne, von den Schanzen herunter donnerten die Kanonen ihren Willkommengruß, kurz, alles lief programmäßig ab, keiner fehlte an seinem Platze, nur die Juden, welche sich in ihre Klagelieder allzusehr vertieften, überhörten alles, so daß sie ihrem Fürsten keinen Empfang bereiteten und überhaupt von seiner Ankunft erst erfuhren, als sie die Synagoge verlassen hatten. Nun ergriff sie alle Angst und Beben, besonders den Rabbiner, Reb Schachne und die anderen Vorsteher. „Dieses Vergehen wird uns nimmer verziehen werden", dachten sie in banger Ahnung, als sie mit gesenktem Haupte und schlotternden Knieen den Weg nach Hause gingen. In dieser Nacht floh fast alle der Schlummer,, und der Rabbiner wie Reb Schachne, welche als die ersten der Gemeinde sich mit Selbstvorwürfen quälten, versuchten es diese Nacht nicht einmal, sich zu Bette zu begeben. „Das haben wir verschuldet unserer großen Sünden wegen", seufzte der Rabbi, „weil wir nicht G'tt im Herzen hatten und all' unser Hoffen auf den .Fürsten setzten, der doch bloß ein Erdensohn ist, ein Geschöpf von Fleisch und Blut, wie wir alle. Weh uns, daß wir so schwer gegen G'tt uns versündigt haben!" Auf einen niedrigen Schemel sich niederlassend, senkte er das sorgenschwere Haupt in die flache Hand und vertiefte sich in seine traurigen Gedanken. Auch Reb Schachne vermochte keine Ruhe zu finden und, mit großen Schritten in seinem Zimmer auf- und niedergehend, sprach er vor sich hin: „0, könnte ich nur wissen, was jetzt im Palaste vorgeht! Hat der Fürst unser Ausbleiben bemerkt? Und was steht uns Armen bevor, falls er es bemerkt hat? Gewiß wird Reitan mir nichts verhehlen und noch diese Nacht hier eintreffen, — ach, wenn er nur schon hier wäre!" Dabei ließ er sich ebenfalls auf einen niedrigen Schemel nieder und brütete vor sich hin, entschlossen so auszuharren, bis Reitan kommen werde ... „Schachne", ermahnte ihn seine Frau vom Schlafzimmer aus, „warum legst Du Dich nicht nieder? Morgen wird Dich der Schammes schon vor sechs Uhr zum Morgengebet wecken!" „Sei unbesorgt, ich werde nicht verschlafen!" erwiderte Reb Schachne, sich weiter in seine Gedanken vertiefend. Nur. Einen gab es in der ganzen Gemeinde, der in jener Nacht sich eines gesunden Schlafes erfreute, Mendel, der Synagogendiener. Auch er hatte sich fest vorgenommen — wenn auch aus einem ganz anderen Grunde — die ganze Nacht sich wach zu halten, aber unser Können schließt sich nur sehr selten unserem Wollen an. Diese Nacht hatte Mendel für die Ausführung eines langgehegten und liebgewordenen Planes bestimmt, der, wenn er gelang, ihn zum glücklichsten Menschen der Welt machen müßte . . . Sehen lange war ihm nämlich sein Beruf als Synagogendiener überdrüssig, wvil er nicht einmal dazu ausreichte, seine kümmerlichsten Bedürfnisse zu decken, ja, ihn und seine darbenden Kinder vor dem Hunger zu schützen. Dazu noch hatte er nämlich ein Zimmer voll Kinder, die mit einem sehr kräftigen Appetit gesegnet waren und mehr verzehrten, als er durch schwere Arbeit verdienen konnte. (Fortsetzung folgt.)

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