Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1934)
- Date
- 1934-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 16 Der Israelit .19. April 1934 allen Belangen des Jischuw, vor allem aber in den politischen Aktionen nach außen ergeben. Das Zusammengehen in diesen Fragen ist unvermeidlich, Wenn es der Orthodoxie im Westen gelang, sich in einigen Städten als separate Gemeinden zu etablieren, so nur deswegen, weil die Gemeinden im Westen ihrem Wesen nach nur Synagogengemeinden sind, was aber im Osten Europas, wo die Gemeinde auch , alle sozialen und gesellschaftlichen Anliegen ihrer Mitglieder umfaßt, sich nie machen ließ. Um wieviel weniger wird diese strenge Scheidung in Erez Israel bei dem Tempo des Aufbaus von heute möglich sein! Zu bedauern ist nur, daß bis jetzt nur von Seiten des Misrachi zugegeben wird, daß ein Umlernen und eine Umstellung notwendig sei, während die Aguda, obwohl sie faktisch ebenfalls eine andere Richtung eingeschlagen hat, die Wandlung nicht zugeben will und sich immer noch an den Enttäuschungen des Misrachi weidet. Es bleibt die Frage offen, wer die bedauerlichen Zustände mehr verschuldet hat, der Misrachi, der ganz allein den Kampf im Zionismus zu führen hatte, oder die Aguda, die im Kampfe gegen den Zionismus zugleich auch den Misrachi bekämpfte, statt ihn zu unterstützen und ihm den Rücken zu stärken in seinem schweren Ringen für das positive Judentum in der Organisation. Die Aguda hat sich von Anfang an insbesondere in Polen und auch in Deutschland befestigt, ohne vorauszusehen, daß mit dem Aufbau des neuen JisChuw in Erez Israel das Zentrum der jüdischen Kraft in E. J, und von dort aus auf die Gola wirken würde. Damit hat die Aguda es verschuldet, daß dem ganzen gesetzestreuen Judentum der Boden unter den Füßen entzogen wurde. Es wäre unfair, zu verkennen, daß ohne die Arbeit und den Einfluß des Misrachi es um die Dinge in Erez Israel noch viel schlimmer stände, und es ist nicht richtig von der Aguda, die ehrliche Absicht des Misrachi, der jetzt ernstliche Einkehr hält, zu bezweifeln. Notwendig ist daher eine Verständigungskonferenz zwischen Aguda und Misrachi, auf der die Richtlinien für die gemeinsame Arbeit festzulegen wären. Jetzt, da es sich weniger um prinzipielle Scheidungsgründe als um rein formale Fragen handelt, ist eine solche Verständigung sowohl möglich als auch unabweisbar notwendig. Wenn die Aguda ihren Eintritt in die Jewish Agency von der Bedingung abhängig machte, daß das Erziehungs- und Schulwesen in Erez Israel aus der Oberhoheit des Keren Hajessod herausgenommen werde, so ist daran zu erinnern, daß Misrachi in der Krakauer Versammlung auf meine Anregung das gleiche erstrebte. So ergeben sich folgende Thesen: Die orthodoxe Konferenz kann hur dann zustande kommen, wenn Aguda und Misrachi sich im Bewußtsein an den gemeinsamen Beratungstisch setzen, daß es hier keine Sieger und keine Besiegte gibt, daß beide wohl die Zukunft im Auge hatten, aber nicht bis ans Ende 'der Entwicklung sehen konnten: Für beide Teile gilt das Primat der Thora und das Bestreben, alle gesetzestreuen Teile im Judentum zu sammeln im Geiste der Thora ohne politische Nebenabsichten. Die formale Frage, die uns heute noch trennt, die Frage des Austrittes aus der zionistischen Organisation, oder richtiger die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Orthodoxie und Zionismus muß der Beratung und der Entscheidung der gemeinsamen Konferenz überlassen bleiben,!; ohne daß, von der einen oder anderen Seite.derj Versuch gemacht wird, sich ,a priori festzulegen. .; Sollte es für die eine Partei nötig sein, bei der Nachgiebigkeit auf Prestigerücksichten1 zu verzichten, so möge sie sich durch die große gemeinsame Sache entschädigt wissen. Für beide Seiten gilt das Prophetenwort: ianx "lbiym naxn. „Die Wahrheit und den Frieden liebet." {Siehe hierzu „Wöchenrundschau".) Erste Landeskonferenz der Poale Agudäs Jisroel in Jerusalem. Jerusalem, 8. April. Die Konferenz der Aguda-Arbeiter mit allem, was ihr vorausging und nachfolgte, war schon mehr eine bxib in großem Ausmaße. Zweihundert Arbeiter, zum Teile solche, die erst kurze Zeit im Lande sind und Jerusalem noch nicht gesehen hatten, setzten sich am Freitag früh aus allen Punkten des Landes in Bewegung nach Jerusalem. Die Freude und Begeisterung der jungen Menschen, die trotz ihres Arbeitseifers am Chol-Hamoed die Arbeit ruhen lassen und volle acht Tage in der heiligen Stadt bleiben durften, war auf dieser gemeinsamen Reise unbeschreiblich. Im Diskin'schen Waisenhause fanden sie gastliche Unterkunft und im Agudalokal in der Jaffastraße wurde gemeinsamer S e d er unter Leitung von Rabbi Jonathan Ho - r o w i t z gehalten. Bis lange nach Mitternacht ergossen sich die Gesänge auf die Straße hinaus und immer und immer wieder klang der Refrain durch: „Dieses Jahr in Jerusalem! . . ." Am Festtage selbst versammelten sich die jungen Leute zum gemeinsamen G'ttesdienst an der heiligen Mauer und von dort ging es mit Sang und Freude wieder ins Lokal, das zu einem Zentrum echt jüdischen Festtreibens wurde. Am Sonntag aber, in Palästina erster Chol-Hamoed-Tag, ging man an die Arbeit. Die. Erste Landeskonferenz der Poale Agudas Jisroel eröffnete ihre Tagung, zu der jetzt zahlreiche Mitglieder, die am Festtag zu Hause festgehalten waren, noch herbeiströmten. Gäste in großer An2ahl hielten alle Räume und Plätze besetzt. In einer Eröffnungsrede begrüßte der Generalsekretär der Jerusalemer Poalim, Abraham Goidrat, die Freunde. In hebräischer und jiddischer Sprache erläuterte er Charakter und Aufgaben der Organisation. Gleich darauf hielt der Leiter der Tel Awiwer Zentrale, Jakob Landau, sein Referat über die Grundprinzipien der Poale Agudas Jisroel-Ideologie und über das, was diese von der der anderen Arbeiterorganisationen, auch vom Misrachi, unterscheide. Es referierte dann Naftali L e<w a s e r über die Wege zur Verwirklichung des P. A.-Programmes. Er appellierte an die Ghawerim, sich nicht von den besseren Löhnen und schöneren Lebehsmöglichkeiten in der Stadt von der Kolonisationsarbeit, die allein dem Arbeiter volle Bodenständigkeit gibt, weglocken zu lassen. Eine lebhafte Diskussion knüpfte sich an beide Referate, die bis in die tiefe Nacht hinein dauerte. Dann trat man im geordneten Zuge unter Psalmliedern den Marsch ins Nachtquartier zum Diskin'schen Waisenhause an. Am Montag fand ein gemeinsamer Spaziergang durch die alten Gassen und zu den heiligen Stätten von Jerusalem statt. Eine große Menge folgte dem geordneten Zuge, der sich so sehr von den gewöhnlichen Touristenausflügen auszeichnete. Der Montag schloß am Abend, mit einem Referat von Dr. Moses Auerbach ab, und zwar über die Pflichten der P. A'. J, auf dem Gebiete der Erziehung. Die Selbsterziejhung des frommen Arbeiters müsse dahin gehen, daß er seine Bodenarbeit im Geiste der Thora verrichte, Schuldirektor Baruch Rabinowitz, Kleines Feuilleton, Die schöpferische Idee des Judentums; Aus einem Vortrag des berühmten Theologieprofessor Thieberger in Prag über 'dieses Thema sei folgendes wiedergegeben: ' Es komme keinesfalls darauf an, das Judentum in Gegensatz zu der herrschenden Religion 'zu bringen, sondern es gelte zu beweisen, daß die herrschenden Religionen jüdisches originales Gedankengut übernommen und, allerdings auf selbständige Weise, verarbeitet haben. Die zentrale Idee einer jüdischen Religion ist ihre schöpferische Wirklichkeit. In drei Sphären sucht der Mensch in ' die Welt ihren Sinn au legen: 1. in die der sinnhaften Gestalt; 2. in ,die des subjektiven Erlebens, d. h. der eigenen seelischen Existenz, 3. in die der Koexistenz, des sozialen Raumes, in dem wir leben. Die schöpferische Idee, die das Judentum der Welt gebracht .habe, ist .die-des'Monotheismus. Nicht nur als geistiges und philosophisches System, sondern auch in seiner Wirkung in allen drei Sphären des religiösen Erlebens bedeutet der Monotheismus geradezu eine Revolutionierung des Geistigen durch seine Emanzipation von der erdhaft gebundenen Vorstellung einer Gottheit, vom Gespensterhaften, das einen jeden früheren Glauben charakterisiert. Der Monotheismus ist die historische Entdämonisierung der geistigen Welt. Er stellt sich als schöpferische Kraft in allen Sphären desmenschlichen Daseins daly und wenn er schematisierend auf die oben genannten drei Sphären bezogen wird, so findet man, daß er sich in der Sphäre der sinnhaften Gestalt auswirkt als das Vertrauensverhältnis, das ist die Lokalisierung allen Vertrauens auf den bestimmten, außerhalb des physischen Lebens gelagerten und unwandelbaren Pol, „des Vaters". Als Kinder dieses Vaters läßt er alle Menschen gleich erscheinen,;diei Gleichheit der Krea-? tur Vor G'tt bewirkt die Gleichheit der ..Kreaturen untereinander. Daher' kennt das,. Judentum wejler, Kasten, noch' dauernde soziale Differenzierung-1 In der zweiten Sphärei des subjektiven Erlebens bedeutet der* Monotheismus die, Befriedung (ies Seelischen. DeriGruß „Schalom" ist nicht .nur,, der Gegensatz, zum Krieg/ sondern bedeutet gleichzeitig „Vonkommenheit, Abgeschlöisenhelt". Durch diese VÄlPä'uensbeziehüng des Subjektiven zum* Unendlichen'; nimttit der Diesseits-' Glaube eine zumindest äquivalente Stellung zum Leben in jener Welt ein. In der Sphäre der sozialen Koexistenz ist bei Betonung der subjektiven Sonderheit doch die Gleichheit vor dem „Vater" die ausschlaggebende Schöpfung des Monotheismus:'daher die soziale Gruppierung der Qemeinde/ohne'. Ueber-.- und '; Unterordnung — die Stellung des, einzelnen n&chjtals ausruhendes Objekt, sondern beauftragt, bloß jsein^ Leben in einer Beziehung zum Unendlichen zu gestalten, daher die Auffassung'des lebendigen Sirines der Geschichte als der wahrhaften Sinngebung des subjekr tiven Lebens für das Unendliche. Der Monotheismus hat nicht nur die soziale Gesetzgebung der Bibel im Gefolge, sondern1 er schafft auch eine zur damaligen Zeit;geradezu epochale! .Errungenschaft:' den Sabbat, das Ausruhen von. dem Werke, das -G'tt:Selbst geschah fen, unmöglich zu vergleichen mit .dem auch; im Babylonischen bereits vorhandenen 'Zeitrhythmus der Siebenzahl. <<;■•• ■ " ....." Mit einem Ausblick auf das Christentum, das diese schöpferischen Ideen aus dem Judentum genommen hat, schloß Prof. Thieberger. Das Schiff „Jerusalem",;.,Die. Lloyd Tr£estinö*Gesellschaft gab einem ihrer P^aläs.tina-Dampfer. den (Namen m'J e r.u s a 1 e m Uri^ ter diesem Titel, fuhr. das. Schiff zum; ersten JVIale am Dienstag*," den 3. Nissan,' in den Hafen von Jaffa ein. Aus; diesem Anlaß wurde:'eine-schöne Sinnige .'.Feier auf dem Schiffi .abgehalten, zu der' Vertreter 'aller maßgebenden . . Organisationen, -vu.; a*;; der A!)g u d a $ J i s r oel, eingeladen waren. Nach einer Besichtigung aller Räume, der ausgezeichneten Schlaf- und Speisesäle, wurden die Gäste zu einem Imbiß im rituellen Speisesaale vereinigt. Auch die Presse, die hebräische wie die arabische, war bei der Feier vertreten. Reden wurden gehalten von den Herren I, G.rvü n,i bäum für die Jewish Agency, Rabbi Jonathan. Horö:w'it'z für Ag u d a s J i s r o e 1, Alma Tech!/ sprach;ifür den Wa a d'H a 1 e u'm i, Colöhel K i's c n für die Hände bs k a m m e r; urid zuletzt sprach nochein .Vertreter der arabischen Presse. Der Kapitän, antr ' wertete'mit einer herzlichen Dankrede. An die Dprek-. tion'in Triest wurde ein Dänktelegramm äbgeschicki." Der Dampfer brachte am Dienstägmörgen die Gäst'eJ' nach Jaffa, wo sich die Herren von der Schiffsleitung'' verabschiedeten.^ . . , .. .< •. <<