Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1934)
- Date
- 1934-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450821--80341-2538166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 3× ep/1004827
- Slonim 1× ep/1000502
OCR text
Feuilleton- Beilage In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewancio frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Was Wunder, daß die armen Juden auch solchen Herren, wie die im Dienste des Herrn Tram- Tram stehenden, mit gesenktem Haupte sich nahten? Das Einzige, was sie an diesen Herren zu loben fanden, war der Wolfshunger, den sie mitbrachten, so daß eine Stunde nach ihrer Ankunft von allen Speisen, welche sie vorbereitet hatten, keine Spur zurückgeblieben war und neue beschafft werden mußte. Eben hatten sich die Juden an diese Arbeit gemacht, als sie von drei mächtigen Hammerschlägen unterbrochen wurden, die sich an der Türe eines jeden jüdischen Hauses vernehmen ließen und von dem Rufe: „In Schül herein!" begleitet waren. Hastig warfen sie ihren Frauen die Arbeit zu und eilten mit raschen Schritten in die Synagoge, um dort das Abendgebet am Schlüsse des Fasttages zu verrichten ... Sechstes Kapitel. Bald nach dem Morgeng'ttesdienste des nächsten Tages wurde in der „Kahlstube" eine große Beratung abgehalten, zu welcher sich der Rabbiner und die ganze Elite der Gemeinde, darunter auch Reb Schachne, eingefunden hatten. Es handelte sich um den Empfang, der dem Fürsten bei seinem Einzüge bereitet werden sollte, und man beschloß, ihn an zwei Stellen zugleich zu empfangen, vor dem Stadttore und vor dem Palaste. An ersterer Stelle solle der Rabbiner ihn mit einer geschmückten Thorarolle in der Hand unter einem Baldachin erwarten, umgeben vom ganzen Rabbinatskollegium und allen Gemeindebeamten. Nachdem der Rabbiner den Ankommenden mit dem Rufe „Boruch Habo!" begrüßt, soll der Chasan mit seinem ganzen Chor den üblichen Segen „Mi scheberach" intonieren. Vor dem Paläste würde Reb Schachne mit allen Honoratioren der Gemeinde aufgestellt sein und, nachdem er dem Fürsten Brot und Salz überreicht, soll die Musik das frohe Lied „Schoschanas Jacob" anstimmen. Um dieses Programm würdig auszuführen, wurde der einhellige Beschluß gefaßt, den Chasan von Kowno mit seinem Chor zu berufen, weil das Städtchen Nidczwicz derzeit diesen Beamten völlig entbehrte. Zur Ausführung des musikalischen Teils sollte die Kapelle aus Slonim bezogen werden, deren Leistungen weit und breit gefeiert waren. Alle Kosten, sowohl für den „Chasan", als für die Musik, verpflichtete sich Reb Schachne aus eigener Tasche zu bestreiten. „Dieser Chasan," so fügte er hinzu, „ist als vorzüglicher Sänger und Vorbeter Euch Allen bekannt. Sollte er einwilligen, gegen mäßigen Ge-. halt in unserer Gemeinde den Posten anzunehmen, so bin ich gern bereit, ihn auf meine Kosten hier lebenslänglich anzustellen." Dieser Zusatz wurde von allen Seiten mit jubelndem Beifalle aufgenommen, und man geizte nicht mit Lobhymnen für den „Gewir" der Gemeinde, der in seiner Großmut vor keinem Opfer zurückschreckte, wo es das Wohl der Gemeinde galt. Aber damit war die Tagesordnung nicht erschöpft; noch eine wichtige Frage blieb zu erledigen und forderte reifliche Ueberlegung, die Frage, wie die Gemeindevorsteher und die Juden am Empfangstage gekleidet sein sollten, ob in Sabbat-, oder in Alltagsgewändern? Seit gestern hatten nämlich die drei Trauerwochen begonnen, und es war nicht unmöglich, daß der Fürst während der ersten neun Tage des Monats Aw kommen würde, in welcher Zeit es frommer Brauch ist, sogav am Sabbat Alltagskleider zu tragen! Diese Frage gab dem Rabbiner viel zu denken, bis er endlich einen Ausweg gefunden hatte. „Also, Rabosaj, wir machen es folgendermaßen", begann er. ,,Im Traktat Joma Blatt neunundsechzig Seite eins wird berichtet, daß, als Alexander von Mazedonien vor den Toren Jerusalems anlangte, der Hohepriester ihm zu Ehren in den Priestergewändern, umgeben von den Vornehmen Jerusalems, welche Fackeln in den Händen trugen, erschienen ist. Nun dürfen wir allerdings nicht außer Acht lassen, daß unser Fürst lange noch kein Alexander von Mazedonien ist, und deshalb machen wir es in folgender Weise: Kommt der Fürst bei Nacht, so empfangen wir ihn in Alltagskleidern; trifft er aber bei Tage ein, dann ziehen wir die Sabbatüber die Alltagskleider an, um nach beiden Seiten hin gerecht zu werden." „Mendel," rief der Kahlschreiber dem Synagogendiener zu. „Hast Du gehört, was unser Rabbi jetzt gesagt hat? Noch heute vor dem Abendgebet wirst Du seine Entscheidung in der Synagoge verkünden!" — Die Beratung war zu Ende. Rabbiner und Vorsteher entfernten sich, und auch Reb Schachne ging gemessenen Schrittes seinem Wohnhause zu. Als er in die Straße einbog, in welcher dasselbe lag, bemerkte er aus der Ferne seinen Diener Jekel, der ihm atemlos entgegenrannte. „Um wen läufst Du denn so?", fragte Reb Schachne. „Um den Balbos," keuchte der Diener. „Was ist denn vorgefallen?" „Ich weiß nicht, aber die Frau sagt, ich soll eiligst um den Balbos laufen, weil es dringend ist!" „Was kann es denn so Dringendes geben?" „Ich weiß nicht, aber der Marschall wartet seit einer halben Stunde in großer Ungeduld!" „So, der Marschall?" wiederholte Reb Schachne erleichtert. „Gut, ich gehe direkt nach Hause!" Daselbst angelangt, fand er in der guten Stube seinen Freund Reitan, dessen Züge so blaß und verstört waren, daß Reb Schachne bei seinem Anblicke selbst sehr heftig erschrak. „Was ist Dir denn, Felix? Du siehst ja ganz verstört aus?" fragte der „Gewir". „Lies, und Du wirst es bald wissen," erwiderte Reitan und reichte ihm mit zitternden Händen einen Brief. Reb Schachne entfaltete denselben und las: „Pani Cochanku! Ich ging mit Sapieha eine Wette ein, daß ich im Monat Juli per Schlitten nach Hause kommen werde. Ich trage Ihnen daher auf, Pani Cochanku, mir von Wilna bis zu meinem Palaste eine ordentliche Schlittenbahn herrichten zu lassen. Wenn Sie mir das nicht bis zur bestimmten Zeit zu meiner Zufriedenheit besorgen, so schwöre ich Ihnen, Pani Cochanku, daß ich Ihnen die Glieder zerbrechen und das Gesicht zerschinden werde. Fürst Radczinski darf nicht eine falsche Wette eingegangen sein, und was er ausgesprochen, darf nicht geändert werden. Radczinski, Fürst." „Nun, was sagst Du jetzt?" fragte Reitan. „Was soll ich sagen? Der Mann ist offenbar verrückt geworden!" erwiderte Reb Schachne, indem er unmutig den Brief auf den Tisch warf und mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. „Und weißt Du," unterbrach ihn Reitan, „was ich jetzt tun werde?" „Was?" „Ich werde ihm den Palast an allen Ecken anzünden und dann bis ans Ende der Welt fliehen; nachher kann er meinetwegen auf dem Rücken oder auf dem Bauch hierherrutschen, wenn er eine Schlittenbahn haben will!" „Nein, Felix, das wirst Du gewiß nicht tun. Wozu also das eitle Geschwätz? Viel gescheiter ist es, daß wir ruhig überlegen, was zu tun ist?" „Was hilft da alles Ueberlegen? Und wenn Du zehn Jahre nachdenkst, wirst Du doch mit allen Deinen klugen Einfällen im Juli keinen Schnee auftreiben und eine Schlittenbahn herrichten können!" Trotz dieses Einwandes hörte Reb Schachne nicht auf, sinnend im Zimmer auf und nieder zu gehen; dann ließ er sich am Tische nieder und verharrte, die Stirn in die Hand gestützt, mit geschlossenen Augen in tiefen Gedanken . . . „Grüble, so viel Dir lieb ist, ich will ruhig zusehen, was Du ausfinden wirst," sagte Reitan, indem er sich erhob und an das Rauchtischchen herantrat, wo er seine Pfeife füllte, diese anzündete und bald wie ein rauchender Schornstein vor sich hindampfte. Endlich öffnete Reb Schachne die Augen, und blickte den Freund triumphierend an. „Nun?", fragte Reitan spöttisch. „Hast Du schon herausgefunden, wie Schnee im Sommer erzeugt wird?" „Mir scheint ja," erwdierte Reb Schachne und glättete sich behaglich den Bart. „So laß hören!" „Spotte nur nicht! Es gibt Nichts, was das Geld nicht fertig bringen könnte!" „Gejd wäre schon genug da. Ich würde dem Schatze des Fürsten zwei Fässer Dukaten entnehmen, wenn mir nur damit geholfen wäre." „Mit diesen Dukaten richten wir eine prachtvolle Schlittenbahn her!" „Und woher wirst Du mitten im Sommer den Schnee beziehen?" „Ist denn für eine Schlittenbahn unbedingt Schnee nötig?"; fragte Reb Schachne lächelnd. „Was denn sonst?" „Ich glaube, daß uns Salz denselben Dienst leisten würde!" „Salz?!" wiederholte Reitan. „Aber zugegeben auch, daß damit eine Schlittenbahn herzurichten wäre — wo willst Du denn die Unmenge Salz auftreiben, die für eine solche Strecke nötig ist?" „Erstens haben wir Salz die Menge in unsern Salinen, zweitens weiß ich, daß sich in Grodno, in der Saline des Grafen Tisenkosen, eine Unmasse befindet. Ich würde selbst zu ihm hinfahren und mit ihm abmachen, daß er mir den ganzen Vorrat bis zum Winter leihweise überläßt, was ihm sehr gelegen sein wird, da in seiner Saline den ganzen Sommer die Arbeit ruht. Und diese Saizmassen, zusammen mit den bei uns vorrätigen, werden vollkommen ausreichen, um eine Strecke von zwei Meilen und noch mehr für eine Schlittenbahn herzustellen. — Was meinst Du dazu?" „Ich sage nur das Eine," erwiderte Reitan, „geh' Du und veranlasse, was Du willst; die Dukaten sollen fließen, so viel Dir lieb sind, und auch an Arbeitern will ich es nicht fehlen lassen; zu Tausenden sollen sie Dir zur Verfügung stehen. — Aber das sage ich Dir, falls Dein Plan trotz alledem sich nicht wird verwirklichen lassen, dann richte ich meinem verrückten Herrn statt einer Schlittenbahn in seinem Palaste ein Feuerwerk her, daß die Flammen bis zum Himmel emporschlagen und die Engel vor Hitze in Schweiß kommen sollen!" „Nur nicht aufgeregt!" beruhigte ihn Reb Schachne, indem er die Hand auf seine Achsel legte. „Sei versichert, daß alles zur Zufrieden-