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Der Israelit · 1934-04-12 · Heft 15 (12.4.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 15 Der Israelit 12. April;-1934 heit des Fürsten ausfallen wird, dessen Befehl uns heilig sein muß, weil wir von ihm leben. Ich werde seine Wohltaten nicht so leicht vergessen, und Du gewiß auch »nicht!" (Fortsetzung folgt.) Rabbiner Hirsch's Sefer Tauroh. Von Hermann Schwab in Halberstadt (London.) Der erste Peßach, der erste Jaumtow in London. In Golders Green, im Nordwesten dieser Stadt, die eigentlich ein Land ist, im Hause des Rabbiners Eli Münk eine kleine Schul, in der bekannte und fremde Nigunim in sympathischer Mischung den Gast schnell heimisch werden lassen. An der Misrach-Wand zwei Sefertauroh-Schränke: ein größerer mit zwei Seforim und auf einem' Nebentische ein kleines Schränkchen mit einem schlichten Porauches, das ein Sefer birgt. Der kleine Oraun Hakaudesch stand vor 50 Jahren in Frankfurt in der Parterrewohnung „Schöne Aussicht 5" im Hause des Rabbiners; dann im Arbeitszimmer seines Sohnes „Am Tiergarten" und kam im Wege des Erbganges über das Meer, um bei der Tochter des Direktors eine Heimstatt zu finden. Hier wurde er vor kurzem einer Enkelin Mendel Hirschs übergeben, und von ihr hat ihn das neugeschaffene Golders Green Beth Hamedrasch erhalten. Das kleine Sefer trägt altertümlichen Silberschmuck, ein braunsamtenes gesticktes Mäntelchen und eine Wimpel aus Sammet, und vor ihm stehen zwei kleine Jungen — Urenkel des Rabbiners —, an deren ernster, inniger Tefilloh der Urgroßvater seine Freude haben v/ürde. Das Rad der Weltgeschichte drehte sich, Berge wurden zur Ebene und das jüdische Volk in der Mitte der Völker findet nimmer Ruhe — aber das kleine Sefer in seiner heiligen Hülle grüßt — heute wie vor fünfzig Jahren — trostreich und kraftspendend aus der Welt des Friedens. Und im Dämmer des ersten Peßachtages zur Minchozeit leuchten die kleinen silbernen Kronen wie ein ewiges Licht; ein Schimmer des großen Sabbats in der Unrast und Zerrissenheit der Gegenwart. Das kleine Sefer in der kleinen Schul hat mir aber noch eine Botschaft besonderer Art gebracht: einen Gruß aus der Kindheit: Simchas Tauroh in der alten Schul in Frankfurt. Ein halbes Jahrhundert ist versunken. Wir kleinen Jungen schauen leuchtenden Auges zum Oraun Hakaudesch empor, wo Julius Friesländer an der Spitze der Führer der Gemeinde die erste Hakofoh beginnt. Hinter dem Chason der Rabbiner, im Arm die kleine Sefer Tauroh im braunsamtenen Mäntelchen von Silber gekrönt. Ueber dem Sefer schauen tiefe dunkle Augen auf die große Kinderschar, die nach vorne drängt, um die Seforim zu küssen. Der Ernst der Züge des Rabbiners ist durch die Freude des Tages gemildert, und mancher kann ein leises Lächeln erhaschen. Sechsundvierzig Jahre sind seit des Rabbiners letzter Hakofoh vergangen. Die alte Schul ist verödet, und ein neues Geschlecht, aus langen Jahren friedvoller Ruhe plötzlich aufgeschreckt, sucht tastend den Weg zu neuen Ufern. Da kommt Peßach, und in dem Beshamidrasch in Golders Green, fern der alten Heimat, wird aus Rabbiner Hirschs Sefer Tauroh verlesen, daß vor Jahrtausenden in mitternächtiger Stunde die Erlösung kam. Es ist Mitternacht — wir harren des Erlösers! Ein Sabbat in einem sowjetrullischen Städtchen. Im Newyorker „Vorwärts" veröffentlicht Mr. Lang seine Erlebnisse in der Sowjetukraine (Teil von Sowjetrußland). Es ist keine erhebende und erfreuliche Lektüre, aber es ist nicht damit getan, daß wir uns voller Entsetzen von den Dingen wie sie sind abwenden. Man muß den Mut haben, der Not ins Auge zu schauen und zu helfen, wo zu helfen ist. I. Ein herbstgrauer Sabbatmorgen. Sabbat? Man merkt so wenig davon wie am folgenden Tage etwas vom Sonntag. Vor dem Lenindenkmal auf dem Markte, auf dem man in Kot nahezu ertrinkt, steht ein kleiner Junge mit einem zerrissenen Wams bekleidet und einer viel zu großen Soldatenmütze auf dem kleinen eckigen Kinderkopfe. „Sag mal Junge, gibt es hier eine Schul? Weißt du überhaupt, was das ist? Eine Schul, ein Bethaus, meine ich, wo Juden am Sabbat zusammenkommen." „Doch, doch," ereifert sich der Junge, „weiß schon, mein Onkel geht auch dahin." „Und dein Vater?" „Manchmal, wenn es keiner sieht ..." „Wie alt bist du?"' „Bald elf Jahre." „Und du gehst mit deinem Vater nie in die Schul?" „Der Lehrer hat es uns verboten." „Was lernt ihr beim Lehrer?" „So allerlei." Aber er kann oder mag nicht bestimmt sagen, was er lernt. „Wer ist der Mann da oben?" frage ich, auf das Monument hinweisend. „Es ist der Vater der Sowjetunion," sagt der Junge geläufig wie ein eingelerntes Sprüchlein. „Und was ist es mit der Sowjetunion?" „Der Lehrer sagt, daß in Kürze die ganze Welt eine Sowjetunion sein wird." Dabei balanziert er so geschickt durch den halbmeterhohen Kot, daß ich ihm die Kunstfertigkeit eines Seiltänzers zuschreibe. Ich besitze diese Kunst nicht und bleibe dauernd mit meinen amerikanischen Schuhen stecken. „Und wenn die ganze Welt Sowjetunion ist, dann ist wohl die ganze Welt so voll von Kot und Morast wie hier der Marktplatz, meinst du nicht auch so?" Der Junge lacht aus vollem Herzen. Er ist politisch arglos und verträgt Kritik. Nun sind wir an der Schul angelangt, die am Abhänge steht und von einem wahren Sumpf umgeben ist. Man muß über Bretter und Stangen, die förmlich schwimmen, zum Eingang gelangen. Dicht neben der Schul haben sich einige Bauern mit ihren armseligen Landesprodukten postiert: Ein Häuflein kleiner saurer Aepfel, Gurken und Rüben. Drinnen geht der G'ttesdienst gerade zu Ende. So viele Juden sich im Räume befinden, so viele drehen sich nach mir um und umringen mich. Ein Mensch aus Amerika — man wird sofort als solcher erkannt — er bringt vielleicht Hilfe, Rettung . . . Alle reden auf mich ein, aber einer überschreit sie alle: „Juden, es wird wieder besser, ja, es wird sogar gut. Juden, wir werden nicht aussterben. Wenn noch ein jüdischer Mensch aus Amerika zu uns kommt, und gerade am Sabbat, dann muß es besser werden, dann muß bald Moschiach kommen." Er verfällt in hysterisches Schreien, das zwischen Lachen und Weinen sich bewegt. Alle schweigen. Einer von der Gruppe neigt sich zu mir hin und flüstert mir ins Ohr: „Schon drei Wochen her, daß er von nichts Anderem spricht als von Moschiach. Er kommt nämlich von dort . . . (der Redner weist nach unten, also aus der Hölle, dem Gefängnis) — Er wird auch jetzt noch täglich verhört und vernommen und weiß nicht einmal warum. Er war einmal ein steinreicher Mann, so wird vermutet, daß er irgendwo Gelder, Dollar versteckt hätte. Man läßt nicht von ihm, man sperrt ihn ein und läßt ihn wieder frei, man verschleppt ihn irgendwohin, und er kommt wieder. Er spricht aber anhaltend von Moschiach." Sabbat nachmittag. Auf dem verwilderten, wie mit Urwaldbäumen bestandenen jüdischen Friedhof im Städtchen Korestische w. Ein Leichenzug naht. Aller Jammer der Welt faßt mich an bei diesem Leichenzuge, bei dem jeder Jammer und jede laute Klage fehlt. Ein Leichenzug ohne Begleitung am heiligen Sabbat. Eine Mutter bringt mit eigenen Händen ihr verhungertes Kind z u Grabe, weil es daheim wegen der anderen Bewohner nicht mehr bleiben kann und v/eil sie nichts ihr eigen nennt, um es durch Andere besorgen zu lassen. Vor vier Wochen hatte sie schon ein Kind hier begraben, sie hat schon einige Routine. Nun will sie hier bis Nachtanbruch bleiben, um dann das Grab für ihr dreijähriges Kind zu schaufeln. Sie hat keine Träne, und das wirkt erschütternd . . . Ich habe grandiose Leichenbegängnisse miterlebt, mit Fahnen und Musik und Banner und militärischen Ehren, auch mit viel Klagen und Weinen und Jammergeschrei in jüdischen Gassen des Newyorker Ostens. Kein Tod, kein Begräbnis, kein Menschenjammer konnte je auf mich so niederschmetternd wirken wie dieser stumme Leichenzug. Eine Mutter trägt ihr verhungertes Kind zur letzten Ruhe, keiner hinter ihr, keiner vor ihr, sie allein mit ihrem toten Schatz und gebrochenem Mutterherzen. Keine Klage und keine Träne, am Sabbat nachmittag ... Als ich sofort Leute herbeirufe und sie beauftrage, gegen guten Lohn ihr die heilige Last und die Liebesarbeit abzunehmen, sieht sie mich erst ungläubig und stieren Augen an, und nun erst bricht sie in erschütterndes Weinen aus. „Gibt es noch wirklich eine Welt und noch gute Menschen auf der Welt? . . ." Ich und noch zwei Amerikaner, die wir uns an diesem Sahbat zufällig im Städtchen treffen, stehen dabei und weinen mit ... Personalien. Schweiniurt, 3. April. Am 1. April verließ Herr Distriktsrabbiner Dr. Salomon Stein,1' Schweinfurt, sein Amt, um in ■ den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Nur mit größtem Bedauern sehen wir Herrn Dr. Stein von uns ziehen. Was der Scheidende während seines 43jährigen überaus segensreichen Wirkens geleistet hat, kann hier nicht im Entferntesten zur Darstellung gelangen. Diese wenigen Zeilen sollen nur eine kurze Würdigung seiner hervorragenden Persönlichkeit und eine Versicherung der Treue bedeuten. Herr Rabbiner Dr. Stein hat sich durch sein gewinnendes, herzliches Wesen und sein besonnenes, von jedem Radikalismus entferntes, aber stets nachdrückliches Handeln viele Freunde erworben, weit über die Grenzen seines Rabbinatsbezirkes hinaus. Sein grenzenloses mvivr seine Güte, seine seltenen mWn und sein Verständnis für alle und alles _ mußten jedermann für ihn einnehmen. Seine geistvollen, rhetorisch vorzüglichen Predigten und Vorträge bildeten stets ein Erlebnis und hinterließen nachhaltigen Eindruck. Immer war dieser populärste bayrische Rabbiner auch außerhalb seiner Amtsobliegenheiten vielseitig in Anspruch genommen, da man seinen Rat in jüdischen Belangen nie missen wollte. Herrn Dr. Steins ganzes Wirken stand unter dem Leitsatz: D'öp avb "w ywn bl, gleichviel, ob er sich lehrend, mahnend oder charitativ mühte oder ob er sich den Angelegenheiten des bbs widmete. Mit welcher Hingabe und feinfühlenden Rücksichtnahme übte er, unterstützt von seiner verdienstvollen Gemahlin, die ion m^'aa nisa in weitestem Maße aus! Nie gab es für ihn andere als ideale Motive. Auch in jenen Kreisen, die seinen religiösen oder weltanschaulichen Standpunkt nicht teilen, stand deshalb Herr Dr. Stein von jeher in hohem Ansehen. In väterlicher Sorge um seine Gemeinde zog er sich von seinem rastlosen Schaffen erst zurück, als die Gewißheit für ihn bestand, daß ein von gleichem Geiste getragener Nachfolger sein Werk fortsetzen wird. Zu seinem künftigen Wohnsitz hat sich Herr Dr. Stein Frankfurt a. M. ausersehen. Er gedenkt, frei von den Bindungen des Berufes, dort nach seinem Herzenswunsche weiter zu lernen und zu leben. Wir werden sein erhabenes Vorbild auch aus der Ferne auf uns wirken lassen. Wir wünschen Herrn Dr. Stein o"'^ und seiner geschätzten Gemahlin: niBMJ'niPjn nK» Rotterdam, 28. März. Einer der geschätztesten Einwohner von Rotterdam, Herr M. S. Hausdorff, hat am 2. Nissan seinen 8 0. Geburtstag gefeiert. Schon kurz nachdem Herr Hausdorff nach Rotterdam gekommen war, nahm er eine führende Stellung in der jüdischen Gemeinde ein und er wurde bald zum Vorstandsmitglied erwählt; dieses Ehrenamt hat er 35 Jahre bekleidet. Das Thorajudentum hat während dieser Zeit einen warmen Verfechter in ihm gefunden. Welcher Rotterdamer Jehudi erinnert sich z. B. nicht der entschiedenen Weise, in der Herr Hausdorff vorgegangen ist, als ein Antrag bei dem Vorstand eingereicht wurde, um das Frauenwahlrecht einzuführen, ein Antrag, wogegen sein hochgeschätzter Freund, der damalige Oberrabbiner Rotterdams, Dr. Ritter, sein Veto ausgesprochen hatte. Hauptsächlich durch den Einspruch des Herrn Hausdorff wurde dieser Antrag damals abgelehnt. Auf allen drei Gebieten von n"MVi rrnay nun hat Herr Hausdorff sich bewährt. Als Vorsteher vom Beshamidrasch hat er sehr viel für die Verbreitung der Thora in Rotterdam getan. Seine Liebe zum Buche zeigt sich wohl deutlich in der Bibliothek, die er besitzt, und er kennt auch jedes Buch, das er hat. Sein „geflügeltes" Wort ist: Jedes Buch kommt zu statten! Man kann seine Verehrung für seinen Lehrer, Rabbiner Hirsch V"ST erkennen aus der großen Sammlung Hirschiania, die er angelegt hat. Auch auf dem Gebiet von Awaudo hat er sich sehr verdient gemacht. Es würde zu weit führen, zu erwähnen, was alles Herr Hausdorff während seiner Vorsteherschaft für das Dekorum des Synagogendienstes getan hat. Und was m anbetrifft, so ist die Kunst des Herrn Hausdorff, zu „schnorren", in Rotterdam sprichwörtlich. Es genügt, zu melden, daß Herr Dr. Ritter es nicht für nötig hielt, einen Hilfeaufruf zu unterzeichnen, wenn schon Herr Hausdorff seine Unterschrift darunter gesetzt hatte. Er sei so schon genügend wirksam, sagte er. Wegen seines hohen Alters ist Herr Hausdorff vor einigen Jahren aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde ausgetreten. Zweifellos ist es ihm eine große Freude, daß sein Sohn, ein bekannter Arzt in Rotterdam, jetzt auch Mitglied des Vorstandes ist und seinen Wegen auch im übrigen gänzlich folgt. — Wir wünschen Herrn Hausdorff von Herzen wsiö». Haßiurt a. M.f 29. März. Frau Jette Schloß ist im 83. Lebensjahr zur letzten Ruhe bestattet worden. Noch bis ins hohe Alter war sie körperlich und geistig frisch, als ein Unglücksfall, dem ein schweres Krankenlager folgte, ihrem inhaltsreichen Leben ein Ziel letzte. Mit Geduld und G'ttergebenheit hat sie die letzten Monate ihres/ Leidens getragen,, umhegt von den sorgenden Händen liebevoller* Kinder. Stets von freundlichem Wesen, beseelt von echt jüdischem Sinn, verband sie mit ihren Kindern ein selten inniges Familienleben und selten wohl wurde einer Mutter mit solcher Hochachtung und Kindesliebe gedankt. rraxin

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