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Der Israelit · 1934-04-12 · Heft 15 (12.4.1934) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 15 D Israelit 12, April $9M Dienste der Gemeinde und da setzt die Jagd zum Endspurt an. Wir haben, schließt „Stimme", eine viel zu gute Meinung von den guten Absichten der österreichischen Regierung, als daß wir annehmen könnten, daß sie eine Entrechtung der Juden auf administrativem Wege zulassen würde. — Wir auch! Der soeben nach Amerika zurückgekehrte frühere Gesandte der Vereinigten Staate n in Oesterreich, Earle, sprach sich gegenüber dem Vertreter der ITA. über die Situation der Juden in Oesterreich ungefähr wie folgt aus: Den Juden in Oesterreich drohen keine Gefahren. Die einzig mögliche Aenderung in dem österreichischen Regime wäre die Wiederaufrichtung der Monarchie; hiervon würden aber die Juden nicht besonders betroffen werden. Zum Schluß erklärte Gesandter Earle, der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, habe ihm versichert, daß die Juden als solche unter den jüng-i sten Umwälzungen keinen Schaden erlitten hätten. Der Oesterreichische Antisemiten b u n d hatte eine Versammlung einberufen, in welcher der christlich-soziale Abgeordnete Dr. Jerzabek und der Leiter des Kulturamtes der Deutschen Studentenschaft, Dr. Robert K ö r b e r, Referate erstatten sollten. Die Versammlung wurde polizeilich verboten. Der alte „jüdis Von A. Mannheimer in Dettelbach. Kultur! Ein vielgeplagtes Wort! Mit allem Möglichen und Unmöglichen wird es kombiniert und kopuliert. Das Heterogenste läßt sich in dieses geduldige Wort unterbringen. Körperkultur, Geisteskuitur, Sprachkultur usw. usf.! Und da sich alle Staaten und Völker auf der ganzen Linie eine ureigene Kultur zuschreiben, die zumeist in Kunst, Theater, Schrifttum in Erscheinung tritt, warum nicht auch das jüdische Volk? Gedacht und gesagt, gesagt und getan. Und schon ist der Boden da für einen „Jüdischen Kulturbund". Wer aber glaubt, unter diesen Begriff die gesamtgeistige Erscheinungsform des Weltjudentums subsumieren zu dürfen, der irrt. Zunächst handelt es sich um deutsche Juden, und dann nur um Musiker, Theaterkünstler, die ein freilich hartes Geschick schonungslos aus Amt und Beruf warf. Daß sie gleich Tausenden anderer sich unter den veränderten Verhältnissen in möglichst adäquater Art und Gestaltung ihr Stückchen Brot suchen, wird kein Vernünftiger, kein gerecht Urteilender ihnen verargen dürfen. Wir können ihr hartes Los nachfühlen und gönnen jedem eine neue, sogar bessere Existenz. Aber das kann niemand ernstlich bestreiten wollen, daß die hier organisierten Künstler in der Namengebung ihrer Vereinigung sich eines starken Mißgriffs schuldig machten, j Seitdem die babylonischen Exulanten ihre Harfen dort an die Weiden hängten, ist im jüdischen Volke keine Spur nachweisbar, daß Musik und Gesang das Wesen jüdischer Kultur ausmachen. Im Gegenteil. Wohlmeinend und scharfblickend wird uns der weise Rat erteilt, T1DK' mn D^ittn TW im Hinblick auf die Goluslage Lied und Spiel im jüdischen Kreise möglichst einzuschränken. Wenn nun aber gar Juden die Werke von nichtjüdischen Autoren oder judentumsfremde Werke jüdischer Autoren vorführen, so hat dies mit „jüdischer Kultur" nicht den entferntesten Zusammenhang. Ja, wenn ein David in die Harfe greift und ihr das Herrlichste und Höchste entlockt, was Gemüter erbauen und Seelen laben kann — weit über den jüdischen Kreis hinaus — dann wollen wir das als jüdische Kultur stolz gelten lassen. Ein jüdischer Kulturbund sind wir, seitdem vom flammenden Sinai jene ewig schönen „Zehn Worte" in das jüdische Volk und damit in die Gesamtmenschheit geschleudert wurden. Im Zeitalter des Radios wird man das Midraschwort begreifen, daß man die Donnerstimme der Offenbarung damals bei allen Völkern hörte und sie als ein Friedenssignal deutete. »]T\'> iaj^> jiy 'fl' Der Ewige gab heute Seinem Volk etwas Machtvolles, "ibwn lay rix "pa"» '7\> der Ewige segnete Sein Volk mit Frieden." (Ps. 29). Seit jenen Tagen ist aus den Zehn Worten ein schier unübersehbares Schrifttum auf erblüht, zu dem man sich immer und immer wieder in düsteren Zeitläuften flüchtete, Trost suchend, Kraft findend und Widerstandskraft schöpfend. Das war der alte, der ganz alte Jüdische Kulturbund, dessen wir uns wahrlich nicht zu schämen brauchen, dessen Schätze man auch außerhalb des Judenums als heiliges Gut wertet. Sollten wir nicht wissen, daß wir durch das Wort "mn ÖftK1» WVTp O^PD ro1?»» ihr sollt mir ein Priesterreich und ein heiliges Volk sein, zu einem Jüdischen Kulturbund für ewig zusammengeschweißt wurden? Es leiden außer den Künstlern auch andere Stände und Berufe bittere Not. Ihre seelischen Regungen sind zur Zeit gewiß nicht der leichtgeschürzten 7Vluse hold. „Und von der Freiheit gesäugt, wachsen die Künste der Lust." (Schiller.) Man sollte daher Bedenken tragen, das Judentum, die Judenheit einer falschen psychologischen Beurteilung auszusetzen. Nach außen könnte es so wirken; denn „der Mensch geht nur nach dem Scheine." Hätte man statt „Kulturbund deutscher Juden" die fachschaftliche Bezeichnung gewählt, etwa „Vereinigung jüdischer Musiker und Bühnenkünstler", kein Mensch hätte daran Anstoß zu nehmen das Recht gehabt. Was jüdische Kultur ist, das zeigte uns Rabbi Jochanan ben Sakkai zur Zeit, als man dieses Wort in seiner Verschwommenheit noch nicht kannte. Die Katastrophe war hereingebrochen, Staat und Tempel zerstört, Israel der . machtvollen Roma, erlegen. Da erbat sich Rabbi Jochanan ben Sakkai; von dem gewaltigen Sieger nur eines;; das Lehrh aus in Jabne erhalten zu dürfen. Damals und damit wurde die „jüdische Kultur" für , alle Zeiten gerettet.--• — (Unser gesch. Mitarbeiter gibt mit seinen Ausführungen einem in religiös-jüdischen Kreisen weit verbreiteten Empfinden Ausdruck. Trotzdem möchten wir seine Darstellung nicht als erschöpfend angesehen wissen. Der „Kulturbund" stützt seine Existenzberechtigung nicht allein auf das Lebensinteresse der Künstler jüdischen Stammes, die um ihrer Rasse willen leiden, sondern auch auf die unklare Sehnsucht des aus dem deutschen Kulturbereich plötzlich ausgestoßenen gebildeten jüdischen Publikums und sein Kunstbedürfnis. Man kann doch an der Tatsache nicht vorübergehen, daß all diesen Tausenden von Rassejuden jede innere Vorbedingung fehlt zum Erleben wahrhaft jüdischer — das bedeutet jüdisch-r e 1 i g i ö s e r :— Kunst, zum Verständniswahrhaft jüdischer — das bedeutet biblischrabbinischer — Kultur und erst recht zum Erleben und Verstehen allgemeiner ästhetischer Werte aus original jüdischen Wertmaßstäben heraus. Was sollen diese Menschen anfangen, nachdem man ihnen von heute auf morgen die Möglichkeit genommen hat, ihr legitimes ästhetisches Bedürfnis als aufrechte Juden in Ehren zu befriedigen? Der Kulturbund ist, von unsrem Standpunkte aus betrachtet, ein Nachtasyl für die innerlich depossedierten deutschen Juden. Vielleicht werden ihre Kinder dereinst einer wahrhaft jüdischen Kultur teilhaftig werden, die ^uNn nS"' irfS^"5' die „Schönheit Japhets in den Zelten Scherns" im Sinne des bekannten talmudischen Weisheitswortes verwirklicht. Red.) r zweiten deutsche Juden in Enuland. Im Woburn House, dem Zentralgebäude der Londoner jüdischen Verbände, wurde am 27. März die Anglo -jüdische Konferenz eröffnet, auf der die zweite große Sammelaktion der englischen Judenheit zugunsten deutscher Juden eröffnet wurde. Lord R e a d i n g hielt eine große Rede, in der er einen Ueberblick über die die derzeitige Lage der deutschen Judenheit bedingenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse gab und die Notwendigkeit finanzieller Unterstützung der Bestrebungen zum Neuaufbau jüdischer Existenzen begründete. Die Aufgabe, .denjenigen, die ins Elend geraten sind, und denjenigen,, die irgendwo ein, Asyl gefunden haben, zu helfen, sei — so führte Lord Reading aus — heute so gebieterisch, so,. dringend wie niemals zuvor. JJas Komitee habe erkannt, daß jedes Land, in das sich Auswanderer begeben haben, seine eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten hat, deshalb würde es nicht leicht sein, Arbeitspläne und Berufsmöglichkeiten für diejenigen zu finden, die Deutschland, wo sie einst geachtete und geehrte Bürger waren, verlassen haben. Er wolle daran erinnern, daß hier in England im vergangenen Jahre Juden aller Richtungen sich vereinigt haben, entschlossen,. dafür zu sorgen, daß, was immer geschehen möge, wieviel; Auswanderer immer nach England kommen sollten, die dadurch entstehenden öffentlichen Lasten von niemandem als ausschließlich von den englischen Juden getragen werden. Mit'Stolz und. Freude seien die englischen Juden bereit, diese Last auf sich zu nehmen. Wir möchten, schloß Lord Reading, daß die Seele der britischen Judenheit sich in der Hilfe für die Betroffenen kundtue. Jeder bringe sein Opfer auf dem gemeinsamen Altar dar.; . Die Grundlinien eines Plans für die Verwendung der Gelder, die durch die neue Aktion aufgebracht werden sollen, wurden in der Konferenz von Anthony de Rothschild, der den Vorsitz bei den Verhandlungen führe, dargelegt. Das Komitee habe im letzten Jahre 13.000 Pfund mehr ausgegeben als eingenommen, die Fürsorge für die in England eingetroffenen Auswanderer habe große Aufwendungen erforderlich gemacht. Der Redner behandelte die Notwendigkeit der Erhaltung der religiösen- Einrichtungen in Deutschland und der Akademikerhilfe. Schließlich erwähnte er die Auswanderung nach Palästina und anderen Ländern, die von vielen für das aussichtsreichste Arbeitsgebiet gehalten werden. Es handle sich hier um eine konstruktive Arbeit und es sei möglich; daß bei Besserurig dör wirtschaftlichen Verhältnisse eine'Mil-: derung der 'Einwanderungseinschränkuhgen vorgenommen werden'wird. Auch erwähnte der Redner noch die im Arbeitsplan des Komitees vorgesehene Möglichkeit, daß die Spender selbst über die Verwendung ihrer Beiträge bestimmen. Der nächste Redner, Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid erklärte, die Summe von 200.000 Pfund; die durch die neue Sammlung aüfgebracht werden solle, stelle ein Minimum für die Bewältigung der dringendsten Aufgaben dar. Dies sei schon daraus zu ersehen, daß der Wiederaufbau der Existenz'vön 10.000 Menschen in: einem ri^üen [Lände 300.000 Pfürid erfordern würde1,"da,:man mit einem durchschnittlichen Minimum von 30 Pfund pro' 'Kopf rechnen müsse. Was den Verwendungsplan des Komitees anbetreffe, so sei er bereit,' jeden Posten zu rechtfertigen.'' Das Züteilungskomitee der letzten ' Samrrilung sei-bestrebt gewesen, Ausgaben für bloße Unterstützungen zu n

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