Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1934)
- Date
- 1934-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450821--80337-2538162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12. April 1934 Der Israelit Nr. 15 Seite 5 Bergmann in der „Rundschau" zitieren, der besagt: „Viele werden diesen Peßach feiern, die ihn noch nie gefeiert haben. Nicht nur die Kinder werden fragen: „Was sind die Zeugnisse und Gesetze, die Euch G'tt befohlen hat?" Tausende fragen, Tausende wollen Antwort. Wir dürfen uns die Antwort nicht leicht machen. Wer von uns hat das Recht zu sagen, er wisse die Antwort? Das eine ist gewiß: ein politi-. sches Bekenntnis zum Judentum, und wäre es noch so gut formuliert, eine Organisation, und wäre sie noch so gut gefügt, ein Werk, und wäre es noch soverzweigt und nähme es noch so viele Kräfte des Volkes in Anspruch, kann die Antwort nach dem Wesen des Judentums nicht sein. Nicht Politik und nicht Organisation und nicht Kolonisation, so wichtig sie an sich sind, können die Antwort geben nach dem Sinn unseres Daseins. Und nach dem Sinn unseres Daseins, nach nichts weniger, fragen <lie vielen, die heute zu uns kommen und Bescheid wissen wollen. Es gibt keinen anderen letzten Sinn unseres Daseins, als den, von dem die Peßachffeschichte erzählt: daß wir „heiliges Volk" sein sollen, daß wir dazu da sind, in dieser Welt Zeugen G'ttes zu sein und durch unsere Zeugenschaft, durch die Tatsache und die Weise unseres Daseins einstehen sollen für die Realität einer Weltgeschichte, deren Weg von der Schöpfung durch die Offenbarung zur Erlösung führt — nur von dieser letzten Wahrheit aus wird alles verständlich, was mit uns geschieht. Jede andere Deutung des Judentums — so berechtigt sie in ihren Bezirken sein mag — wird dem Gesamtphänomen unseres Daseins nicht gerecht. Auch als Zionisten dürfen wir dies letzte nicht vergessen. Der Zionismus hat uns eine politische Tribüne, eine Organisation geschaffen, hat uns politisch denken gelehrt, hat uns körperlich ertüchtigt. A 11 -3 diese Dinge sind in der Linie der Verweltlichung des Judentums. Diese Phase war notwendig, aberwir dürfenbei ihr nicht stehen bleiben. Sie ist ein Mittel gewesen und das Mittel darf nicht zum Zweck werden. Um die entscheidende Frage unseres Daseins, den religiösen Cha- Wie die neue Verfassung aussehen wird, kann iran mit Bestimmtheit noch nicht sagen. In einer Unterredung zwischen dem Bundeskanzler D o 11 f u ß und dem Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde, über die ein offizielles Communique nur teilweise Auskunft gibt und in der höchstwahrscheinlich die ganze jüdische Situation in Oesterreich eingehend zur Besprechung kam, wurde die Versicherung gegeben, daß in der neuen Verfassung keine A e»n - derungderstaatsbürgerlichenStellung der Juden vorgenommen werden wird. Die bedeutsame Aenderung, die die neue Verfassung auf kultuspolitifestgelegt war, was er essen durfte und nicht essen sollte. Vom anderen sagte er, er möge nur essen, was sein Herz gelüste. Warum die unterschiedliche Behandlung? Den ersten gab er nicht auf, er wollte ihn retten und hoch bringen, darum war. es nötig, seine Behandlung an bestimmte Vorschriften zu binden. Bei dem anderen schien ihm alles verloren, warum sollte er ihm da den Genuß all. dessen versagen, was ihm wenigstens noch eine Augenblicksfreude bereitete? Im Kreise der Völker war damals Israel noch das einzige Volk, das durch Speiseverordnungen und eine Reihe anderer Gesetze zum Volke G'ttes gesun- Jen und emporwachsen konnte und sollte. Das sagen wir deutlich genug in dem Nachsatz, mit dem wir jeden Perek schließen: ni3ii> n*aj?n nsn btnw risnur weil G'tt Israel läutern wollte l^tb mxm min orb m*>n nur darum hat er ihnen die Thora und die vielen Vorschriften gegeben. Die Thora is1; für Israel und Israel für die Thora da. Kleines Feuilleton. Ein Dokument zum Andenken und zu Ehren Rabb, Dr. Markus Lehmanns VST. * (Zum Todestag am 24. Nissan.) Sr. Ehrwürden Herrn Doktor Lehmann hier. Mainz, 1. März 1859. Allverehrter Herr Doctor! Wir haben in Erfahrung gebracht, daß Ihnen ein rakter unseres Volkes, ist der Zionismus in der ersten Phase herumgegangen, weil er in jener Überall stischen Epoche nichts anderes tun konnte, als die Religion zur „Privatsache" zu erklären. Aber dies kann nicht das letzte Wort sein. Je mehr wir in uns Einkehr halten — und das Fragen derer, die jetzt von ferne zu uns kommen, wird uns nötigen, in die Tiefe unseres Wesens einzudringen —, desto deutlicher wird werden, daß das Tun des Zionismus in Wahrheit einen religiösen Sinn hatte und hat, ob es nun die Vereinigung des jüdischen Menschen mit dem heiligen Boden oder die Wiederbelebung der heiligen Sprache ist. Merkwürdig, wie die Weisheit der Geschichte sich so deutlich als viel größer erweist, denn die Klugheit derer, die ihr „mit versiegelter Ordre" dienen. Die Neubelebung des Hebräischen ging von einem Manne aus, der ungläubig war, ein richtiger Aufklärer, und der in der hebräischen Sprache deren säkular-nationalen Sinn sah, gewissermaßen das Attribut, das uns fehlte, damit wir ein Volk werden „wie alle anderen" — und gerade diese Wiederverbindung des Volkes mit der Sprache, deren Literatur zu 99 Proz. religiös ist, kann nur sakralen Sinn haben." Mit einer in zionistischen Kreisen auch heute noch seltenen Klarheit wird hier die Geburt des modernen Zionismus aus dem Geiste des liberalistischen Zeitalters erkannt und zugleich die tiefe Kluft zwischen dem unablösbaren historischen Charakter des wahren jüdischen Volkes und dem Homunkulus, der als künstliches zionistisches Volk das heilige Land zur Zeit beherrscht und die Arbeiterjugend in unfruchtbarem Radikalismus sich verzehren läßt. Leider ist nicht zu erwarten, daß die Auseinandersetzung zwischen den hier miteinander ringenden geistigen Mächten ohne schwere Kämpfe sich vollziehen wird. Wird die Orthodoxie die Kraft aufbringen, die alten Bastionen weiter furchtlos zu verteidigen und das ganze Volk — auch das 3"i — von Aegypten bis zum Sinai zu geleiten? sc'hem Gebiete bringt, besteht darin, daß allen Religionsgesellschaften öffentlich-rechtliche Stellung eingeräumt wird. Inzwischen ist an Stelle des früheren Gemeinderates die Wiener Bürgerschaft, bestehend aus 64 Mitgliedern, geschaffen worden, an deren Spitze der vom Bundeskanzler ernannte Bürgermeister steht. Es ist vorgesehen, daß neben Abgeordneten der anderen Kirchen auch ein Vertreter der Israelitischen Religionsgesellschaft in diesem Rate seinen Sitz hat. Ob es sich um die Berufung eines geistlichen oder Laienmitgliedes handelt, steht noch nicht fest. M—M— Ruf als Rabbiner in eine entfernte Gemeinde bevorsteht. Wenn wir einen Rückblick auf Ihr seitheriges Wirken in unserer Mitte werfen, wenn wir bedenken, was Sie uns seit fünf Jahren Gutes geleistet, und sollten nun die Früchte, welche unter Mühen und Kämpfen errungen worden sind, auf einmal durch Ihr Scheiden in Frage gestellt sehen, so glauben wir, als Organ unserer ganzen Genossenschaft, keine Fehlbitte bey Ihnen zu tun, wenn wir Sie inständig bitten, eine solche auf Sie fallende Wahl im Voraus abzulehnen. Wohl wissen wir, daß die Verhältnisse in unserer Gemeinde, und somit auch Ihre Stellung vieles, ja sehr vieles zu wünschen übrig läßt, aber wir appellieren an Ihren edlen Charakter. Sie haben seit fünf Jahren Gutes und Schlimmes mit uns geteilt, haben dieser Religionsgesellschaft unter mißlichen Verhältnissen vorgestanden, haben sie fest zusammengehalten, Sie waren es, der unserer Sache einen Halt verliehen, und sollten nun, am Vorabend einer besseren Zukunft uns verlassen? Und unsere Jugend! Was sollte aus ihr werden? Waren nicht Sie derjenige, der wiederum eine beträchtliche Anzahl dieser zarten Pflanzen um sich verr sammelte zur Belehrung in der Religion? Und nachdem wir lange gekämpft hatten, um dasjenige endlich zu erreichen, was der Jugend so Noth thut, nämlich eine tüchtige Schule, sollten wir die Stütze derselben verlieren? Nein, Herr Doctor, Jas können Sie unmöglich! Sie werden das nunmehr begonnene Werk nicht dem Zufall preisgeben, Sie werden auch ferner in unserer Mitte verbleiben, Sie wissen die treue Anhänglichkeit und Liebe, mit welcher alle Mitglieder unserer Corporation an Ihnen hängen, zu würdigen, Alle sehen In der Wiener Wochenschrift „Die Stimme" wird daran erinnert, daß auch die Christlichsozialen und Deutschnationalen sich in St. Germain spontan zum Minderheitenrecht bekannt hätten. Die Zeitung veröffentlicht einige Dokumente, die klär beweisen, daß auch die genannten Parteien es für selbstverständlich hielten und sich auch in aller Klarheit zu der Anschauung bekannten, daß alle Deutsch-Oesterreicher rechtlich und tatsächlichendieselbeBehandlungunddenselben Schutz genießen. Damit erledigen sich alle mehr oder minder wohlgemeinten Ratschläge an die Juden Oesterreichs, von selbst freiwillig auf einen Teil ihrer bürgerlichen Rechte zu verzichten, von selbst. Das neueste Schlagwort der Antisemiten heißt allerdings „ 0 s t j u d e n v e rjudung" und das christlichsoziale „Neuigkeits-Weltblatt", das oft aus eingeweihten Kreisen inspiriert ist, befaßt sich eingehend schon mit der Frage der Ueberprüfung der Einbürgerungen. Wir wollen hoffen, daß auch hier die Anregung des Blattes nur ein frommer Wunsch bleibt. Der Kampf geht in erster Reihe um die jüdischen Mittelschullehrer, Rechtsanwälte- und Aerzte. Die V e r e i n i g u rV| jüdischer A e r z t e in Oesterreich nimmt in ihrem Verbandsorgan scharfe Stellung gegen die Behauptung, die jüdischen Aerze seien erst nach dem Umsturz in diesem Maße tätig. Die übertriebenen Zahlen über den jüdischen Anteil an der Gesamtärzteschaft werden richtiggestellt. Tatsache ist, daß in den 64 öffentlichen Spitälern Oesterreichs nur ein einziger Jude Chefarzt ist, die anderen arbeiten an führender Stelle nur in Privat- und jüdischen Spitälern. Unter der Ueberschrift „Das große Wettrennen" wird in der gleichen Nummer der „Stimme" u. a. ausgeführt: Während der Ministerrat über die neue Verfassung berät, drängen dunkle Mächte ans Licht und wollen versuchen, vollzogene Tatsachen zu schaffen. Ueberfallsartig wollen sie in jüdische Wi.rtschaftspositionen eindringen. Ihr Kampfschrei gellt; „Der Jud', der Jud'!" Sie stürmen zur Futterkrippe, deren beste Stellen sie längst besetzt halten. „Numerus clausus!" tönt es im Chor, aber über den schon in vielen Berufszweigen bestehenden Numerus clausus schweigt man sich aus. Seit dem Ende des Weltkrieges wurde kein Jude Richter oder Staatsanwalt, kaum einer Staats-, Landes oder städtischer Beamter. Unter 20.000 Staatsbeamten kaum ein paar Juden, und das gleiche gilt von den ca. 60.000 pragmatisierten Dienstnehmern der Gemeinde Wien. Aber es gibt noch jüdische Aerzte im in Ihnen den Wächter des strenggläubigen Judentums, und es wäre in der Tat sehr zu bedauern, wollten Sie uns verlassen. Jetzt, wo die Verhältnisse anfangen, besser zu werden, dürfen Sie nicht von uns scheiden, und obgleich wir wissen, daß Sie nur der guten Sache zu Liebe ein Opfer bringen, so werden auch wir nicht ermangeln, wenn es irgendwie möglich wird, die Stellung baldigst besser zu gestalten. Genehmigen Sie die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung Vorstand und Ausschuß der Israelitischen Religionsgesellschaft: gez.: Jonathan Meyer, Jonas Levy, Moritz Ladenburg, Samuel Bondi, V. Teblee, S. L. Schlesinger, J. Simon, H. Moritz, Victor Koch, Jos. Wallerstein, David Goldschmidt, Abraham Levi, M. Simon. Wochenkalefider. Vom 14. — 21. April 1934 / Vom 29. Nissan bis 6. Ijar 5694 ■ | •nv «p snnn ">ih 'k p-i3 t>T3 Mauled Samstag vorm. Samstag •14 29 KS 9 Uhr 43r'A. Min. Sonntag April 15 30 30 Vlh B7N-H 'K Montag 16 VN 1 30 enn cw-n '3 Dienstag 17 2 10 Mittwoch 18 3 no Donnerstag 19 4 10 Freitag 20 5 3 Samstag 21 6 x 'a p->s ynxa ymn Die Entwicklung in Oesterreich.