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Der Israelit · 1934-04-12 · Heft 15 (12.4.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 15 12. April 1934 Schäften in Deutschland aus der Welt zu schaffen und so zu verhindern, daß in einer Zeit schwerster Not und Gefahr die Kräfte in innerem Kampf aufgerieben werden, nach außen aber der Name G'ttes entweiht wird. Diese Funktion zu erfüllen ist die „Reichsvertretung" zweifellos berufen und geeignet — es ist eine lein lTienschliche, eine ethische Funktion, und man muß den Männern dankbar sein, die sich ihr zu unterziehen bereit sind. Der ,,Reichsvertretung" ist indessen ein schlechter Dienst dadurch geleistet worden, daß in einem sich halbwegs offiziös gebenden Pressekommentar in der Monatsschrift ,, Der Morgen" (März-Heft) die Einrichtung der „Schlichtungsstelle" — ebenso wie die bekannte Veröffentlichung der Schulrichtlinien — zu einem h i stori-sehen Ereignis emporgeredet worden ist. Weil die Einrichtung der „Schlichtungsstelle" aus jener ominösen Beiratssitzung der Reichsvertretung hervorging, in der der heilige Zorn einzelner undisziplinierter Einheits-Zwangspolitiker gegen die Naumann-Gruppe auf der einen, die unbotmäßige Orthodoxie auf der anderen Seite entbrannte, sucht man nun die auf Versöhnung berechnete Schlichtungs stelle als eine mit dem „großen Bann" arbeitende Zucht- und Zwangsbehörde hinzustellen, beschwört Erinnerungen an Pfefferkorn und Spinoza aus dem Grabe der geschichtlichen Vergangenheit herauf und begeistert sich — wie bei den „Richtlinien" — für die Herstellung eines neuen deutsch-jüdischen Gemei n s chaftsbewußtseins, das dieser Gemeinschaft das Recht unbegrenzter Disziplinargewalt über den Einzelnen oder politischweltanschauliche Gruppen verleihen soll. Hier liegt ein Mißverständnis vor. Das jüdische Volk in seinem historisch gegebenen Charakter als Nation der Thora erkennt über sich — weder im ganzen, noch in seinen Gruppen — keinerlei Disziplinargewalt an und darf keine über sich anerkennen, die nicht ausschließlich im Rechte der Thora wurzelte! Was hier der „Reichsvertretung" von dem Offiziosus im „Morgen" zugemutet wird, würde eine völlige Umgestaltung der Reichsvertretung zur Voraussetzung haben — sie müßte dann ausschließlich aus unbedingt gläubigen, gesetzestreuen, mit überragendem Thorawissen ausgestatteten, zur Ausübung höchstrichterlicher Funktionen berechtigten Rabbin e n bestehen. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, so ist jede Ausübung einer Disziplinargewalt nach der reli- Die Sidra spricht zu uns . . - Ist das Peßachfest verklungen, 'dann sind es andere Einrichtungen und Gepflogenheiten, die die Töne aufnehmen und die Brücke aufrecht erhalten zwischen Auszug und Gesetzgebung, der Befreiung des Körpers und der der Seele des jüdischen Volkes. S f i r a s H a o m e r läßt uns die ganze Sehnsucht der Israel-, braut, da sie in die Wüste ihrem g'ttlichen Gemahle gefolgt ist, dem Trauhimmel des Sinai entgegen, noch einmal ganz und voll in uns erleben. Darum sind die Tage der Sefirah Tage der inneren Läuterung. Und die Tradition gibt uns zu diesem Zweck allsabbatlich — die zweite Einrichtung — die „Sprüche der Väter" in die Hand, die ein Läuterungsmittel wirksamster und schönster Art darstellen. * * * Es gab eine Sefirah der Sehnsucht; es ist die, wie vorhin erwähnt, in der ersten Maienblüte des jüdischen Volkes, kurz nach der Erlösung, da sich Israel, die Braut, mit jedem Tage mehr für den Ehrentag am Sinai schmückte. Es gab eine sonnige Sefirah des Jubels, da Israel, ein glückliches Volk auf gesegnetem Boden, «die erste Erntegabe mit Sang und Preis in den Tempel brachte und auf den Altar G'ttes legte. giösen Weltanschauung des Judentums eine U s u r pa t i o n von Rechten, die ausschließlich den legitimen Sachwaltern des G'ttesgesetzes zukommen. Einen Kampf der religiös gesinnten Judenheit gegen eine solche mißbräuchliche Amtsanmaßung heraufzubeschwören, liegt gewiß nicht in der Absicht der führenden Männer der „Reichsvertretung", die zweifellos nüchterner denken als die romantisch angehauchten Schriftsteller des „Morgen". Die weltanschauliche Zerklüftung der deutschen Judenheit in geduldiger Arbeit eines Tages aus der Welt zu schaffen und durch die Erneuerung des religiösen Traditionsgutes und des daran sich knüpfenden Gemeinschaftsbewußtseins auch die unterbrochene Rechtskontinuität wiederherzustellen — das sind gewiß auch für uns Ziele, ,,aufs innigste zu wünschen". Aber ihre wahrhaftige Verwirklichung kann durch haltlose und voreilige Fiktionen, wie sie dem „Morgen" so viel Spaß machen, nur vereitelt werden. Nicht die Konstruktion neuer Götter unter Verwendung alter, auf ganz anderem Boden gewachsener Formen, sondern nur die aufrichtige Rückkehr zu dem einen, einzigen G'tte und seinem im Thorarechte niedergelegten Willen kann uns helfen. Spannungen im Zionismus, Die Erwartungen, die man an die erste Zusammenkunft des zionistischen Aktions-Komitees in Jerusalem für den Frieden in den Arbeiterparteien geknüpft hat, haben sich in keiner Weise erfüllt. Immerhin fehlte es nicht an spannenden Momenten und wichtigen Beschlüssen. Zunächst ist die Auflösung des revisionistischen Sonder Verbandes, die mit 27 gegen 11 Stimmen der Revisionisten und Misrachisten beschlossen wurde, hervorzuheben. Selbst Ussischkin konnte mit seinem Antrag, dem revisionistischen Sonderverband eine Art Bewährungsfrist für ein halbes Jahr zuzubilligen, die Situation nicht mehr retten. Die Exekutive blieb hart, und der revisionistische Sonderverband existiert somit nicht mehr. Noch wichtiger und bedeutsamer war die Art, wie Misrachi diesesmal seine Forderungen geltend machte und die Stellungnahme der Mehrheit des A.-C, zu diesen Forderungen. Es zeigte sich dabei, daß der neue entschiedene Ton, den der rechte Flügel des Misrachi unter Rabbi A m i e 1 in Antwerpen (siehe Wochenrundschau in Nr. 13/14) anschlug, nicht ohne Wirkung in Jerusalem blieb. Die religiösen Sicherungen, die Es gab eine. Tränensefirah, damals im Mittelalter, als just mit Frühlingserwachen sich die Sturzwelle von Haß und Mordsucht in die kleinen jüdischen Gassen ergoß und sich Rhein und Main von jüdischem Blute rot färbten. Elegische Lieder, die wir in diesen Wochen in unsere Sabbatgebete einlegen, zeugen in erschütternder Weise von jenen furchtbaren Togen. Im chassidischen Osten, wo der Akt des Omerzählens mit besonderen Bräuchen und Gebeten ausgestaltet wird, geht das Zählen in einer Andachtsstimmung vor sich, in der all jene Sehnsucht und der Jubel, all die Seufzer und Tränen, aber auch alle frohe Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Israel und die Menschheit mitklingen und mitschwingen. » * * Die „Sprüche der Väter" sind die angemessenste Lektüre für diese Tage und Wochen der Einkehr und inneren Läuterung. Ein Buch der Ethik, Vorschriften für den Tag und die Stunde, Lehren des Anstandes wie sie vielleicht auch andere haben. Mit dem Unterschiede nur, daß sie bei uns Lehren sind, Thora, die „Mosche am Sinai empfangen und an Josua weitergegeben hat," damit sie dieser weiter und weiter gibt, bis zu den „Männern der großen Synode" und noch weiter bis auf die Lehren des heutigen Tages. Einleitend erklären wir: a'TiwV pbn an1? »' bw> b> „Allisrael — oder Jeder in Israel — hat Anteil an der zukünftigen Welt." Eine ganz positive Formel und Verheißung, die aber scheinbar nicht, übereinstimmt mit den folgenden Thesen, in denen uns ganze Kategorien von Menschen aufgezeigt werden, die ihren Anteil an der zukünftigen Welt verwirkt habep. Es läßt sich vielleicht dieser Widerspruch auf die einfachste Art erklären, wenn man die Psyche der Misrachi verlangte, waren ziemlich weitgehender Natur, und er ließ sich weder mit einer Klausel, die den Siedler auf Nationalfondboden zur Sabbairuhe verpflichtete, abspeisen, noch durch das verlockende Versprechen, einen Vertreter in die Exekutive entsenden zu dürfen, irre machen. Freilich bestand die Gegenmaßnahme des Misrachi nur darin, daß er eben die angebotene Vertretung in der Exekutive ablehnte. Bis zu jener organisatorischen Selbständigkeit, die es im Sinne unserer Ausführungen im besagten Wochenrundschauartikel der Aguda möglich machte, nicht nur von Fall zu Fall, sondern intensiv und in Permanenz mit Misrachi zusammenzuarbeiten, fehlen leider noch einige wichtige Schritte. Von Aegypten zum Sinai. Die dramatische Zusammenballung des geschichtlichen Erlebens der deutschen Juden — das, wie kaum ein anderes Geschehen der letzten Jahrhunderte, zum eingreifendsten Erlebnis der Judenheit des ganzen Erdenrundes geworden ist — hatte dem Peßachfest des Jahres 5693 den Charakter einer Zeitenwende aufgeprägt. Demgemäß sind die nun hinter uns liegenden Peßachtage des Jahres 5694 wohl überall zu Tagen ernsten, besinnlichen Rückblickes geworden, die aller Mizwohtat und jedem geheiligten Brauche, die dem ewigen Worte und Liede aus Vätermund neuen Sinn und lebendige Aktualität verliehen. Das gilt für den Kreis der Getreuen, gilt in abgewandelter Form aber auch für die vielen aus gänzlicher oder halber Entfremdung in die jüdische Heimat verwiesenen jüdischen Seelen, die zumeist im zionistischen oder zeitgemäß zugestutzten liberalen Judentum ein geistiges Obdach suchen. Für die Jugend wohnt dabei dem Zionismus die weitaus größere Anziehungskraft inne. Inwieweit der Zionismus selber nun von innen heraus wandlungsfähig nach der religiösen Richtung sei, ist daher eine bedeutungsvolle Zukunftsfrage. Mag man in dieser Beziehung noch, so skeptisch sein — wir sind es durchaus —, so muß man doch von gelegentlichen Symptomen Kenntnis nehmen, die, ganz im Gegensatz zu dem kämpferisch religionsfeindlichen Geiste der heute in der zionistischen Organisation allmächtigen Arbeiterpartei, ein gewisses Erwachen religiöser Sehnsucht verraten, einen Katzenjammer des politisch-organisatorischen Nationalismus als letzten Existenzgrundes des unsterblichen jüdischen Volkes. Nach dieser Richtung möchten wir einige Sätze aus einem Peßach-Artikel von Dr. Hugo M———^— Menschen in Bezug auf Gewinn und Verlust ins Auge faßt. Man strebt selten danach, etwas zu gewinnen und zu erringen, was man nie besessen hat. Man kennt es eben nicht und hat kein Verlangen danach; hält es keineswegs für wert, unbekanntem Gute Opfer an Zeit oder Geld zu bringen. Anders aber, wenn man schon etwas von früher her im Besitz hat; man wird solchen Besitz warten und pflegen und den Verlust solchen Besitzes zu verhüten suchen mit allen Mitteln. Auf unseren Fall angewandt: Es geht für den jüdischen Menschen nicht etwa darum, sich Olam Habba neu zu erringen, es ist nicht Neubesitz, nach dem ihm vielleicht der Sinn gar nicht steht, sondern es ist A 11 b e s i t z , den wir uns zu erhalten haben. w> burw1 Vs» Jeder Angehörige in Israel hat von Haus aus, von Vätern und Urvätern her Anteil an all den geistigen Gütern, die uns zu bewahren und zu erhalten die alte Väterweisheit uns verhelfen will. Dieses v zur Einleitung zeigt uns den besonderen Wert dieser Vorschriften für uns und ihre vitale Bedeutung für unser Leben als Menschen und Juden. » * * Auch die Sidrah stimmt in 'diese vom Feste übernommene Tonlage ein. 'im D'Emp Dn»m nnYmpnnv „Ihr sollt euch heiligen und heilig sein, denn heilig bin ich," damit wird das Kapitel der Speisegesetze, der erlaubten und unerlaubten Tiere und Vögel, beschlossen und begründet. Es ist eine seelische Reinhaltung, die uns mit den Speisegesetzen gegeben und gesichert wird, und darin liegt unser Vorzug, unsere Auserwähltheit, die uns mehr Pflichten auferlegt, als daß sie uns Vorrechte gewährte. Die alten Schriften erklären es mit einem einfachen Gleichnis: Der Arzt besuchte zwei Kranke; dem einen gab er einen genauen Speisezettel, darin im Einzelnen

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