Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1934)
- Date
- 1934-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. April 1934 Der Israelit Nr. 15 Seite 3 An der Pforte neuen Lebens. (Fortsetzung von Seite 1.) mit den andern um die Güter des Geistes und der Seele ringen, nicht mit den andern sich freuen und trauern. Kein Zweifel, die Umwelt hat unzweideutig Stellung zu uns genommen. Mit einem Lied, das uns bekannt sein sollte. Bis vor vier Generationen war es unseren Ahnen die Melodie, die sie hörten, wenn sie aufstanden, wenn sie sich legten. Aber jene haben wenigstens für sich mit ihrem Judesein etwas anzufangen gewußt. Was wissen wir damit anzufangen? Das ist der Punkt, an dem sich die Wege scheiden des jungen Geschlechts von heute und des von gestern. Von da an und weiter muß eine Epoche neuer jüdischer Geschichte beginnen. Vorbei ist der lahme Trott, in dem wir uns gestern bewegten, vorbei die Behaglichkeit, die uns gestern einschläferte, wir sind in einen Sturm hineingezogen und mit ihm in Bewegung, und die Bewegung ist die Feindin des Todes. Mischehe, Assimilation und Taufe sind auf absehbare Zeit von uns abgewendet. Fürs erste nur in Deutschland. Ob die andern Staaten und Völker nachfolgen, ist nur eine Frage der Zeit und des guten Willens. Heute wissen wir, nicht der Völkerbund, nicht die Umwelt garantiert uns unseren Bestand, große Geister und wissenschaftliche Errungenschaften, auch die von uns. teuer erkauften und erkämpften, hindern . nicht das Wiederaufleben mittelalterlicher Vorurteile. Wir wissen heute, die Ethik der Bibel ist noch lange nicht Gemeingut der Kulturvölker, und wir dürfen nicht mehr meinen, das Judentum könne in irgend einem Jahrhundert, in irgend einem Lande oder Staate seine Aktualität verlieren. Aber das alles sind nur negative Erkenntnisse, und bleibt unfruchtbar, wenn wir sie nicht als Zeichen unseres ururalten jüdischen Schicksals ansehen, das wunderbarlich uns durchs Leben führt. Wir sollen uns nicht mehr einreden, daß irgend ein Jahrhundert, irgend ein Volk oder Land uns eine geistige Heimat bieten könnte, die der gleicht, welche die Lehre unseres G'ttes und die Weisheit unserer Weisen uns in unserer Gemeinschaft aufgerichtet haben. Soll dem Nein, das uns die Umwelt zuruft, nicht ein ebenso starkes lebenbejahendes Ja von unserer Seite entgegengesetzt werden können? Fast scheint es, als ob die Zeit dazu reif wäre. Längst entfremdete Brüder wenden ihren Blick zurück auf die Geschichte, sie erinnern sich,' daß sie zu uns gehören und damit zu einem Volk, das die Vorsehung nicht von heute und gestern, sondern seit Jahrtausenden auf den Höhen der Geistigkeit und der Sittlichkeit zu wandeln rief. Die Stimme des Blutes meldet sich, verstaubte Ahnenbilder werden hervorgeholt, die Blicke wenden sich dem Lande der Väter zu, der Geschichte und ihrer Sprache. Und eine zweite Erscheinung, nicht minder stark, nicht minder elementar macht sich bemerkbar. Eingewurzelte soziale Vorurteile fallen, die Mädchen greifen zu Berufen des Hauses und die Jungen zum Handwerk, auf Aeckern und Gärten neigen sie sich wieder über die mütterliche Erde, alter Geschlechter Söhne greifen zum Wanderstab und Werkzeug, um da anzufangen, wo ihre Väter vor drei Generationen aufgehört haben. Eine Erneuerung bereitet sich vor, der Jude sucht in seinem Beruf wieder direkte Verbindung mit seinem Werk und mit der Natur, und die in der Luft schwebende Tendenz des Intellektualismus, die uns so unheilvoll gewesen und uns schließlich unfähig gemacht hat, starkes Leben zu tragen, und fortzupflanzen, beginnt ihre Anziehungskraft zu verlieren. Aber ist damit schon die Garantie gegeben, daß wir den neuen Weg als Juden gehen, als bewußte Juden? Dazu genügt weder Land, noch Sprache, noch irgend.. eine Berufsumschichtung allein. Die Grundkräfte unseres Volkes, die uns \ | und nur uns eigentümlich sind, sie müssen bloßgelegt und wieder aufgenommen werden, um der geistbedingten Erneuerung ihren geschichtlichen Sinn zu geben. Aeußerlich hat uns die Umwelt in die Situation von vor 150 Jahren zurückgezwungen. Das ist nicht unser Werk. Wollen wir daran nicht zerbrechen, wollen wir daran zum Guten Anteil haben, dann müssen wir suchen, uns wenigstens die seelischen Kräfte, die wir damals hatten, wieder anzueignen, um sagen zu können: „Ihr habt es anders gewollt, G'tt hat es zum Guten gewendet." Die seelischen Kräfte unseres Volkes, unserer Vergangenheit, sie sind nicht tot. Sie können jederzeit wieder von jedem Juden zu starkem Leben erweckt werden, wenn er sich in die Tauroh vertieft und in die Ueberlieferung, die auf ihn blickt, auf ihn wartet und zu ihm spricht, wenn er sich in die Geschichte versenkt jener Zeiten, in denen wir alle Juden und ganz Juden waren. ^Zu Selbstbesinnung und Selbstbewußtsein ruft uns unsere Zeit. Nur aus jenen zwei Quellen, der jüdischen Lehre und jüdischen Geschichte, können wir sie schöpfen. Nur sie können jüdische Kinder dazu erziehen. Und eine Schule, die nicht an sie heranführen will oder kann, weil sie selber nicht auf den Boden der Lehre und geschichtlichen Ueberlieferung steht, mag sie noch so national sich gebärden, und noch so laut zur Einheit rufen, sie kann der jüdischen Seele keine Heimstatt werden und auch jüdischen Kindern keine Heimat bieten, wie sie heute notwendig ist. Unsere Schule will für ihre Schüler nichts anderes, als daß sie stark werden, die innere Kraft und den mutigen Willen und die lebenbejahende Freude aufbringen, als Juden zu wirken und als Juden sich durchzusetzen. Wie ernst sie es damit meint, dafür zeugen die großen Opfer, die ihre Erhaltung fordert. Mögen diese Opfer bei G'tt für uns sprechen und für das Gelingen unseres Erziehungswerkes an unseren Kindern und mögen sie Euch, meine lieben Schüler und Schülerinnen, gegenwärtig sein, wenn Ihr nun heraustretetaus ihr und Eure eigenen Wege geht. Es fällt mir schwer, Euch daran zu erinnern, aber in all den Jahren, in denen Euch die Schule zur Selbstverständlichkeit und vielleicht zur drükkenden Selbstverständlichkeit geworden ist, wäre es begreiflich, daß Ihr daran nicht dachtet. Einmal muß es gesagt werden. Hunderte von Menschen mit Mesiras hanefesch haben sich gemüht, um die gewaltigen Mittel bereitzustellen, die Euch den Besuch unserer Schule ermöglichten. Unsere Gemeinde ist klein, die Erhaltung unserer Schule stellt Ansprüche an sie, die sonst nur einer Großgemeinde aufgebürdet werden. Sie tut es gern, und all diejenigen, die Tag für Tag an der Aufbringung der Mittel tätig sind und dafür auch Demütigungen in Kauf nehmen, sie tun es gern, wenn sie wissen, daß ihre Arbeit von Euch anerkannt wird. Darum bitte ich Euch, wohin Ihr Euch;auch wenden möget, tut nichts, was dem Geiste dieser Schule, die mit so großen Opfern erhalten, mit soviel Liebe Euch erhalten wurde, zuwiderläuft. Am heutigen Tage drängt sich der ganze Inhalt des letzten Jahres zusammen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was vorausgegangen, wird bald als mehr oder weniger schöner Traum der Erinnerung angehören. Die Geschehnisse des letzten Jahres aber mit ihrem Schmerze, mit ihren tief aufwühlenden Erschütterungen, sie werden noch lange nachwirken und den Grund abgeben, auf dem sich Euer Leben und Schaffen bewegt. Euer Lebensraum ist eingeengt. Aber in dieser Einengung liegt auch eine Quelle der Kraft. Ihr werdet Euren Weg als Juden gehen, wenn Ihr Euch zu Anstrengungen zwingt, die frühere Geschlechter nicht gekannt haben; so habt Ihr wieder vor ihnen voraus den Segen, der aus jedem Kampf und jedem Opfer der Jugend erwächst; Der Kampf ums Dasein wird Euch abhärten. Gewiß kann er auch manchmal erdrücken. Aber für uns Juden gilt ein anderes Existenzminimum wie für andere. Das lehrt uns unsere Geschichte, das lehrt die Jugend, die heute auf Palästinas Boden bei aller Entbehrung ein freudenreiches Leben führt. Das müßt Ihr wieder bewähren. Das ist der Weg der Thora: „Brot mit Salz, Wasser im kleinsten Becher, und der Boden zum Schlafen." Die Tauroh hat diesem Leben unserer Weisen Elastizität und noch im Alter jugendliche Kraft, eine „Seele mehr" gegeben, um Arbeit zu leisten, Entbehrung zu widerstehen, der Vernichtung zu trotzen und zum Ziel zu gelangen. Aber Tauroh, mit der keine Berufsarbeit verknüpft ist, kann nicht bestehen. Dann erst könnt Ihr befriedigt Tauroh lernen und der Thora die Treue halten, wenn Ihr auch Eure Berufsarbeit habt. Diese erst verleiht Euch nach den Worten unserer Weisen Anteil an dieser und jener Welt. Denn nur in seinem Werk kann der Mensch den Glauben an sich und'an das Leben gewinnen, und erhalten. Das driüe aber, was Euch die Schule des „Tauroh im derech Erez" ans Herz legen wollte, das ist das Arewus, das Verantwortungsgefühl für jeden einzelnen Eurer Brüder und Schwestern und für das Gan2e. Tauroh und Beruf sollen Euch nicht auf Euch zurückwerfen. Ueber diese Periode des Individualismus sind wir hoffentlich für immer hinaus. Eue: Leben und Schaffen betrachtet vielmehr als Bausteine am Bau Eures Volkes. Denn erst die Stelle, die Euer Leben einnimmt, und die Fäden, die Ihr zieht, nach rechts und nach links, nach vorwärts und nach rückwärts, von Vergangenheit zur Zukunft, von. Geschlecht zu Geschlecht, erst sie stellt den Sinn Eures Lebens dar. Ein solches Leben fordert Idealismus. Wenn aber Ihr, die Jugend, nicht den Idealismus habt, von wem soll ich es verlangen? Ich habe gesehen, daß Ihr ihn habt. Mir bleibt nur übrig zu wünschen, daß eine gütige Vorsehung Euch helfen möge, Eure Ideale festzuhalten, oder, wie unsere Weisen so schön sagen; „daß Euer Alter nicht Eure Jugend beschäme." Denn, so stark, so gut Euer Wille ist, allein werdet Ihr ihn nicht durchsetzen; auch wenn er noch so rein und heilig ist. Aber der Segen G'ttes steht denen bei und entwickelt höchste Kraft bei denen, die reinen Willens sind. So erzählt uns der Midrasch: Als Moses die Bretter aufstellen wollte, auf denen das Zelt und die Wohnung ruhte, da merkte er, daß seine Kräfte nicht ausreichten. In demselben Augenblick richteten sich die Bretter von selbst in die Höhe. Darauf baue ich auch bei euch, Ich habe nur Hand anlegen können. Ich weiß, es ist nicht ganze Arbeit, es kann nicht ganze Arbeit sein. Aber die Kraft, die G'tt in Euch gelegt und seine Lehre, in Euch entwickelt, durchströme Euch, daß Ihr aufrecht bleibet und jeder an seine Stelle gelange, die ihm im Ganzen unsres Volkes zugedacht ist. Ich kann das nicht besser ausdrücken, als wie es damals unser Lehrer Moses getan hat: lr^y irr nwsrai up^K 'n oxm tpi •'naalD w ntyyai Wochenrundschau- Mißverständnisse. Vor einigen Wochen hat die „Reichsvertretung der deutschen Juden" eine Schlichtungsstelle errichtet oder, besser gesagt, sich selbst als Schlichtungsstelle konstituiert, deren nächste Aufgabe es sein soll, zu nschlichten", das heißt also, Streitigkeiten zwischen jüdischen Körper-