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Der Israelit · 1934-11-15 · Heft 46 (15.11.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 46 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 46 1934 Der Chofez Chajim fährt nach Erez JisroeL. Alle großen Männer unserer Geschichte trügen sich mit dem brennenden Wunsch herum, nach Erez Israel zu übersiedeln, um dort ihre letzten Jahre zu verleben und in. heiliger Erde begraben zu sein. Doch; war es nicht-jedem, wie etwa Nachmanides, Obadja aus= Bartenora oder Jesajas Horowitz (Scheid) gegönnt, diesen Wunsch erfüllt zu sehen. Der Wilna er Gaon, der, aus unbekannten Gründen, aus Königsberg, wo, er sich bereits auf der Reise nach dem Heiligen Lande befand; plötzlich nach Wilna zurückkehrte, soll geäußert haben: „Der König der. Welt braucht, Diener, die i m? Palastej unmittelbar, vor ihm Dienst tun und; auch solche, die draußen, vor dem Palaste, treue Wacht halten. Mich schickte G'tt zurück, daß. ich d ra u;ß.en auf meinem, Posten bleibe." Auch der Chofez Chajim. war bis., zu seinen; letzten: Lebenstagen von dem Wunsche beseelt, nach Erez Israel zu pilgern. Dieser Lebenstraum begann ihn schon in frühester Jugend-zu beschäftigen, und er erfüllte noch den. Neunzigjährigen. Und so wie die Geullah an sich für iha etwas absolut Reales, Gegenwärtiges, Greifbares war, so war die Erez Israel-Reise für ihn keine Phantasie, kein Zukunftsgedanken. Er rüstete sich tatsächlich zur Ausreise. ■ ■ --' In den „Tnoim" (Verlobungsverträgen), die er bei. der Verlobung seiner Töchter unterschrieb, befindet sich überall eine Klausel, die ihn für den Fäll, daß er bald nach dem heiligen Lahde übersiedele, von den übernommenen Verpflichtungen gegenüber den Schwiegersöhnen (Kost, Versorgung) entbindet.' Auch im Ehevertrag, den er bei seiner vor dreißig Jahren erfolgten Heirat mit seiner zweiten Frau abschloß, befindet sich die Bedingung, daß die Frau ihn nicht hindere und sich im Gegenteil ihm arischließe, wenn er demnächst nach Erez Israel auswandern sollte. Er war vollkommen für die Reise gerüstet, als der We 11 k r i e g ausbrach und ihm wie allen anderen alle Wege verbaute. Aber selbst in seiner Verbannung im Inneren Rußlands, wo er „Galuth.im Galuth" erlitt, verließ ihn der Gedanke an Erez Israel keinen Augenblick. Kaum wurde es ein wenig ruhiger, da sprach er zu seinem — inzwischen verstorbenen — Schwiegersohne, Rabbi Hirsch: „Eigentlich sind wir schon auf dem Wege nach dem Heiligen Lande, sind nicht weit von Odessa, und dort ist das Schwarze Meer, von wo Schiffe über Konstantinopel nach Jaffa fahren. Also fahren wir! ..." Sein Verwandter, Rabbi Mordechai Breitblatt (jetzt Jeschiwaleiter von Radin), war ebenfalls für den Plan gewonnen und er sollte ihn nach dem Lande seiner Sehnsucht begleiten. Aber nur dann, wenn die Jeschiwa, die mit in die russische Verbannung gezogen war, besser gesichert sei. Alle Pläne zur Befestigung der Lehranstalt versagten aber zunächst, und so mußte die Reise noch aufgeschoben werden. Als gegen Kriegsende der Rabbi mit, allen anderen von Rußland zurück nach Polen konnte^ kehrte er nach Radin zurück und setzte seine ganze Kraft darein, dort die Jeschiwa so zu sichern, daß er nun seinen Reiseplan ausführen konnte. Da aber steigerte sich flutartig die Not auch aller anderen Jeschiwoth im polnischen Randgebiet, dieser Lebenszentren des polni sehen und gesamten Judentums. Und die Rabbinen. flehten ihn an, jetzt, in 'der Stunde schwerer Not, die Lehrstätten nicht im Stiche zu .lassen. „Ich bin ein alter Mann," sagte er, „was kann ich hier noch tun?" Darauf der große Gaon unserer Zeit, Rabbi Chajim O s e r aus Wilna: „Ein Vater wird nie zu alt. Und wenn er auch nichts mehr tun kann, wenn er nur bei Tische sitzt, dann wirkt schon seine bloße Anwesenheit, und es ist Ordnung im Hause . . ." Als nun vor zehn Jahren der Waad H a j eschiwoth unter seiner kräftigen Hilfe ins Leben gerufen war, hielt er es nun an der Zeit, seinen Reiseplan durchzuführen. Mit ihm und seiner Frau sollte sein jüngster Schwiegersohn, Rabbi Menachem Sachs, fahren. Alle Papiere werden., rasch besorgt; Von Rabbi Chajim Sonnenfeld V'XT kommt -die Anforderung, und bald sindalle Formalitäten für die Ausreise, Pässe und: Visa, in bester Ordnung. Diesem Auslandspasse verdanken wir auch das B i l d' des Rabbi. Er weigerte sich von jeher, sich photographieren zu lassen, so daß sogar die Behörden ein Nachsehen hatten und der Rabbi zur ersten Knessiah nach Wien mit einem Auslandspaß ohne Bild fahren konnte. Bei dieser überseeischen Reise über mehrere Grenzen ging es aber nicht ohne Bild, und der Chofez Chajim entschloß sich schweren Herzens, Erez Israel auch dieses Opfer zu bringen. Es geschah in aller Stille und Heimlichkeit. Man holte einen fremden, ganz unbekannten nichtjüdischen Photographen, der auch nicht erfahren durfte, wer sein Kunde sei. Die Platte mußte sofort vernichtet werden. Aber die Sache kam dennoch heraus, und ein jüdischer Photograph setzte sich mit seinem Kollegen in Verbindung, um in den Besitz eines Abzuges zu kommen. Auf diesem Wege kam das Bild nach dem Ableben des Chofez Chajim in die Oeffentlichkeit. In Palästina selbst traf man alle Vorbereitungen zum Empfange des großen Gastes. In der Kolonie Petach Tikwah war ein würdiges Haus für ihn hergerichtet, das heute noch das „Chofez Chajim-Haus" genannt wird und als Mensa für die Schüler der Lomschaer Jeschiwa dient- Die Reise sollte über Wien und Triest gehen. Und die A g u d a s J i s r o e l in Wien traf bereits fieberhafte Vorbereitungen, den Gast würdig zu empfangen und seine Anwesenheit zu einer großen Propaganda für Erez Israel in der orthodoxen Welt auszunutzen. Der Reisetermin war für den Tag nach Pessach des Jahres 1925 festgesetzt worden. In Wilna tagte aber am Cholhamoed eine Rabbinerversammlung, die zum Schlüsse kam, daß die Abwesenheit des Chofez Chajim in diesem Augenbljcke den Zusammenbruch der Jeschiwoth tiedeuten könnte. Eine Deputation begab sich nach Radin, der es nach langem Bitten und Flehen gelang, die Reise auf ein halbes Jahr, bis zu Beginn des Monats Elul zu verschieben. In diesen Sommermonaten entfaltet der Rabbi eine für sein Alter und seinen Gesundheitszustand ganz erstaunliche fieberhafte Tätigkeit für die Jeschiwo] „Muß schon der Vater seine Kinder verlassen, so soll er sie wenigstens erst ganz sicher steilen," spornt der Freund, Rabbi Chajim Oser, an. Inzwischen werden gegen Sommerende alle letzten Vorbereitungen getroffen. Die nötigen Gegenstände werden eingepackt, vor allem die Matrizen seiner Werke; entbehrlicher Hausrat wird versteigert, billig verkauft oder verschenkt. Eine Abschiedsdraschah in der Schul von Radin am Sabbat vor Elulbeginn rührt alle Herzen auf. Eine große Gemeinde schluchzt laut. Es ist das Testament eines alten Vaters an seine Kinder. Ein jugendliches Feuer glüht aus ihm, wenn er vom Sabbat, von der Familienreinheit und anderen Grundgesetzen des Judentums spricht. „Sollte ich jemand beraubt oder benachteiligt haben — es könnte vielleicht auch einmal eines meiner Hühner in einen fremden Garten gedrungen sein — so bitte ich um^Verzeihung, und ich überlasse zur Sühne einen von mir auf meine Kosten angelegten Brunnen für die Stadt. Von meinen letzten Resten fließen hundert Dollar in die (von ihm selbst gegründete) Leihkasse „Gemillus Chessed". Ein ähnlicher Abschiedsbrief an das Judentum der Golah, voll der Ermahnungen und der Geullahverheißungen, ist fertig geschrieben und unterzeichnet und soll am Tage der Abfahrt, am ersten Elul, in den orthodoxen jüdischen Zeitungen veröffentlicht werden. Aber zum zweiten Mal begibt sich zwei Tage vor der Fahrt aus dem Hause von Rabbi Chajim Oser in Wilna, wo eine Rabbinerkonferenz tagte, eine Delegation nach Radin. Es sind in ihr vertreten Rabbi Boruch, der „Kamenitzer Raw", Rabbi Elchonon Wassermann aus Baranowitz, Rabbi Jeruchem und Rabbi Finkel aus Mir u.v.a. Sie wagen nicht mehr viel zu verlangen, eigentlich kamen sie nur, um sich, zu verabschieden. Aber Rabbi Boruch aus Kameniz, ein intimer Freund und Vertrauter des Chofez Chajim, faßt sich ein Herz. „Rebbe", weint er, „Ihr dürft uns wenigstens in den heiligen Tagen nicht verlassen." Und wieder gelingt es, die Reise bis nach den Feiertagen zu verschieben. Am Dienstag in der zweiten Woche nach den Feiertagen ist der letzte Termin, tags darauf sind die Papiere abgelaufen. Und so soll die Reise an diesem Dienstag endlich angetreten werden. Am Montag vorher aber erkrankt seine Frau schwer, so daß man sie nach Wilna überführen muß, wo sie sich einer Operation unterzieht. .,Ein Zeichen vom Himmel!" sagte Rabbi Chajim Oser, daß man euch hier festhalten möchte. „Vielleicht auch eine Strafe, daß ich so lange gewartet habe," gibt Chofez Chajim zurück und wartet weiter bis zur Genesung seiner Frau. Inzwischen waren die Papiere abgelaufen und viele Mühe und Kosten waren verloren. Vom Mobiliar war das Meiste veräußert, viele Kisten waren schon abgegangen, Kaum war seine Frau aus dem Spital entlassen, als er die Vorbereitungen von neuem begann. Nun aber in aller Stille, um nicht gehindert zu werden. „Die ersten Tafeln wurden zerbrochen, weil sie in aller Oeffentlichkeit unter Donner und Blitz gegeben wurden, die anderen blieben, weil sie in der Stille überbracht wurden", zitiert er ein Wort aus dem Midrasch. Freunde in Erez Israel beschaffen neue Einreiseerlaubnis, und die Vertrauten in Polen besorgen neue Pässe und Ausreisepapiere. Aber nun ein neues Zeichen vom Himmel! Am Tage, da die Zertifikate anlangen, erkrankt seine Tochter, die Frau von Rabbi Sachs, so schwer, daß der Vater zunächst nicht fort kann. Nach ihrer Genesung erkrankt der Rabbi selbst. Ein Sepzialist aus Wilna, den man eigens nach Radin geholt hatte, findet den Patienten schon auf dem Wege der Besserung. Er stellt aber fest, daß der Rabbi ohne Gefährdung seines Lebens sich bei seiner Konstitution die Reise

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