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Der Israelit · 1934-11-15 · Heft 46 (15.11.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 46 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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15. November 1934 Der Israelit Nr. 46 Seite 9 zwischender älteren Generation und der Jugend und dem . Mangel an Aufklärung zurückzuführen. Die Aguda hat es sich daher seit ihrer Gründung zur Aufgabe gemacht, die irregeleitete Jugend auf den Weg der Religiosität und der Thora zurückzuführen. Mit Hilfe der Jugend, die sie für sich gewonnen hat, will sie von nun ab am Aufbau Palästinas teilnehmen. Was bisher in diesem Belange versäumt wurde, sollnachgeholt werden. Und das mit Hilfe des „Keren Hajischuw, der von allen Juden, die noch etwas für Religion übrig haben, unterstützt werden muß. Es sprach hierauf der Leiter der Vijnitzaer Jeschiwah, Rabbiner David Schneebalg, welcher seine Rede mit einem Hoch auf den König einleitete. Redner verwies in längeren dokumentierten Ausführungen auf die bisherige Tätigkeit der Aguda, welche es verstanden hat, nicht nur die Jugend und die ältere Generation, sondern auch die Frauen und Mädchen heranzuziehen und als erste religiöse Organisation nicht nur an die geistige, sondern auch ein die wirtschaftliche Not der Juden gedacht und diese auch gelindert hat. Von starkem Beifall begrüßt, ergriff hierauf der Delegierte der Weltzentrale, Herr Meier Schwarzmann aus Warschau, das Wort. Er schilderte die Lage der Juden in der Welt. Er bespricht die B a 1fourdeklaration. Es gibt eine viel heiligere und stärkere Deklaration für Palästina als diese. Eine Deklaration, die schon in der Thora enthalten ist und die seit Jahrtausenden in jedem Juden lebt. Diese Deklaration gab G'tt uns. Die Sehnsucht nach Palästina wohnt uns allen inne und keine Macht der Welt vermag diese Deklaration aus unserem Herzen zu reißen. Daß dem so ist, ist zum großen Teil ein Verdienst der jüdischen Orthodoxie, welche es verstanden hat, durch die Thora, durch die Gebete der Juden, die Sehnsucht nach Palästina zu erhalten, Nun ist das religiöse Judentum erwacht. Es fühlt sich stark genug, um mit dem Palästinaaufbau im Sinne der Thora zu beginnen. Dazu hat es eine feste Organisation geschaffen, welche keine (andere bekämpfen will, aber für sich das Recht verlangt, in ihrem Sinne für Palästina wirken zu dürfen. Wir wollen stolz, "wie jedes andere Volk an unserer Tradition, unserer Eigenart, unserer Religion, unserer Mentalität und unserem Charakter festhalten. Wir haben das Recht und die Pflicht, das zu tun." Redner setzte sich im Verlaufe seiner weiteren Ausführungen mit der linken Ideologie auseinander, polemisierte heftig gegen sie und gab schließlich der Bereitschaft der Aguda Ausdruck, ini Rahmen der „Jewish Agency" an Palästina mitzuarbeiten, wenn diese Organisation sich dazu bereit erklären wird, bloß kolonisatorisch tätig zu sein und sich in kulturelle Fragen nicht einzumischen. Als ein Zuhörer aus dem Publikum an den Redner die Frage richtete, welcher Unterschied zwischen der Aguda Und dem Misrachi bestehe, und Herr Meier Schwarzmann erklärte, der Misrachi handle inkonsequent, da er mit den Linken gehe, kam es zwischen zwei Gruppen von Jugendlichen aus dem Publikum zu einem Handgemenge. Polizei erschien, die darüber wachte, daß der Saal in aller Ruhe geräumt wurde. Tschechoslovakei. Die Juden und die Bodenreform in der Tschechoslowakei. Prag, 6. Nov. Am 11. Mai 1934 erklärte im englischen Unterhause der Eearl of Winterton im Zusammenhang mit einer Kritik an der nach dem Kriege in der Tschechoslowakei durchgeführten Bodenreform, daß fast der ganze Boden in der Tschechoslowakei jüdischen Finanzleuten gehöre. Auf Anregung der Exekutive der Jewish Agency in London wurde daraufhin im Prager Abgeordnetenhause an die tschechoslowakische Regierung die Anfrage gerichtet, wieviel Boden anläßlich der Bodenreform den Juden zugewiesen worden sei. In dieser Woche wurde nun die Antwort der Regierung auf diese Interpellation im Abgeordnetenhause erteilt. Die tschechoslowakische Regierung stellte darin fest, daß im Zuge der Bodenreform 718 Juden insgesamt 5996 ha Boden erworben haben. Dieses Ausmaß repräsentiert nur 0.47 Proz. der gesamten Zuteilung mit der Bodenreform. Laut der Volkszählung von 1930 leben in der Tschechoslowakei 356.830 Juden, die 2,42 Proz. der gesamten Bevölkerung bilden. Daraus ist ersichtlich, daß der Anteil der Juden an der Bodenreform weitaus geringer war, als es ihrer Bevölkerungsquote entsprechen würde. Frankreich. Zum Ableben von Baron Edmond de Rothschild. Paris, 8. Nov. Die französischen Zeitungen bringen immer noch Artikel, auch Reminiszenzen und Anekdoten um Baron Edmond de Rothschild wie die Rothschildfamilie überhaupt. Sie heben die großen Verdienste Edmonds um den französischen Staat und das französische Volk hervor und feiern ihn als einen der größten Patrioten und der besten Männer im letzten halben Jahrhundert. Seine Verdienste um Palästina werden insbesondere im „Le Jour" gewürdigt. Ueber das Testament des Barons kursieren allerlei Gerüchte, doch weiß man nichts Genaues, da dasselbe bis jetzt nicht veröffentlicht wurde. Aus Warschau wird gemeldet, daß auf Beschluß der jüdischen Gemeinde der jüdischen Bevölkerung vorgeschlagen werden soll, alle j ü d i s ch e n Knaben, die in diesem Monat in Polen geboren werden, nach dem verstorbenen Philantropen den Namen Benjamin zu geben. Auf einer von der zionistischen Exekutive in London veranstalteten Gedenkfeier für Baron Edmond de Rothschild sprachen Sir Eli de Avigdor Goldschmid, Ben-Gorion, Berl Locker und Rabbi Perlzweig. Goldschmid sprach im Namen des Board of Deputies Berichtigung. Im Aufsatze über Baron Edmond de Rothschild in der jüngsten Nummer heißt es auf Seite 5, Spalte 1; „Lord James Rothschild is\ heute Mitglied des englischen Oberhauses". Diese fast von allen Blättern, so auch von der „Frankfurter Zeitung" in ihrer Morgenausgabe vom Samstag, den 3. November gemachte Angabe trifft nicht zu. Baron (nicht Lord) James, der zweite Sohn von Baron Edmond de Rothschild, ist Vertreter der Isle of Ely im Unterhause. Lord Lionel Rothschild, der Mitglied des Oberhauses ist, entstammt der englischen Linie der Rothschilds, die von N a t h a n i e 1, dem dritten Sohne Mayer Amschels, begründet wurde. An diesen Lord Rothschild (nicht, wie irrtümlich angegeben, an Baron Edmond) war auch die Balfour-Deklar a t i o n gerichtet. England. Dr. S, Birnbaum spricht im Londoner Noar Agudati über „Assimilation". London., 11. Nov. Vorige Woche hielt der ehemalige Professor an der Hamburger Universität, Dr. Salomon Birnbaum (Sohn von Dr. Nathan Birnbaum) ein Referat über „Assimilation". Redner wies in seinen Ausführungen auf Grund von mehreren Beispielen aus verschiedenen Gebieten nach, daß auch in Kreisen der Orthodoxie der Assimilationsprozeß eine derartige Entwicklung genommen habe, daß trotz der religiösen Einstellung man das wahrhafte Wesen des Judentums zugunsten von christlichen Auffassungen und Gebräuchen oft vertusche. Der heute von vielen jüdischen Kreisen propagierte Nationalismus sei auch nicht jüdisch und die von den Zionisten eingeführte Aussprache des Neuhebräischen sei in demselben Mäße ein Stück der Assimilation; er könne keine Berechtigung für den Standpunkt, daß Iwrith mit dem sogenannten sefardischen Hebräisch zu identifizieren sei, finden. Es entwickelte sich dann eine interessante Diskussion, in deren Verlauf eine Auseinandersetzung mit den Birnbaum'schen Ausführungen stattfand. Dr. W. Bodenheime r betonte, Dr. Birnbaum hätte in seinem Referate eine Differenz zwischen jüdischer und allgemeiner oder christlicher Kunst machen wollen. Nach Auffassung des Diskussionsredners sei das nicht möglich. Kunst sei Kunst und unabhängig von allen Begriffen religiöen und weltanschaulichen Charakters. Jacob Felsenstein meinte, daß die Anschauungen Dr. Birnbaums in den Ruf: „Zurück ins Ghetto" zusammenzufassen seien. Hätten sich aber die Dinge im Ghetto wirklich so ideal gestaltet? Keinesfalls liegen Beweise hierfür vor; im Gegenteil ergäbe sich aus Heines „Der Rabbi von Bachrach" ein durchaus abstoßendes Bild vom Leben im Ghetto. Ferner, erklärte Felsenstein, könne sehr schwer eine genaue Unterscheidung zwischen dem, was assimilatorisch und echtjüdisch sei, gemacht werden. Die Thora müsse mit einem Gelände verglichen werden, das dem Architekten zwecks Errichtung eines Gebäudes übergeben wird, wobei die Ausgestaltung des Bauwerks dem Architekten überlassen bleibt. Edgar M. Stern, der dann zu Wort kam, ging auch auf das Referat ein, setzte sich aber vor allem mit den Meinungen der ersten zwei Diskussionsredner auseinander. Er glaube, daß Dr. Bodenheimer kaum recht hätte, wenn er eine Trennung zwischen Kunst und Religion zu machen versuche. Wenn beispielsweise ein Künstler ein Gemälde malt, so bringe er durch diese künstlerische Schöpfung seine innersten Gefühle auf der Leinwand zt-m Ausdruck. Wenn daher durch Umstände wie Erziehung, Milieu, Beeinflussung usw. die innersten Gefühle des Künstlers religiös seien, so müsse konsequenterweise das Kunstwerk dementsprechend sein. Redner kritisierte dann stark die Auslassungen Felsensteins. Heine sei wirklich nicht kompetent zur Beurteilung jüdischer Probleme und Zustände. Felsenstein solle einmal nachlesen, was Heine über das Leben in London, das er beinahe wie eine Hölle darstellt, schreibt und er würde einsehen, daß, so geistreich auch Heine war, er doch nicht in allen Fällen als maßgebliche Quelle angeführt werden könne. Wenn man aber Kunstwerke zur Beurteilung des Ghettos heranziehen wolle, was an sich eine sehr fragliche Methode sei, solle er die bekannten Oppenheim'schen Bilder etwas studieren. Aus diesen herrlichen Bildern ergebe sich, daß das jüdische Familienleben im Ghetto sich in glücklicher und höchstidealer Weise vollzogen haben müsse. Ferner habe Felsenstein die Thora mit einem Gelände, das einem Architekten zur Errichtung eines Gebäudes übergeben wird, verglichen. Dieser Vergleich hinke an allen Ecken. Man könne höchstens sagen, daß die Thora dem Bauplan, der alle kleine Einzelheiten über die Ausführung des zu errichtenden Gebäudes darstellt, gleichkommt. Michael L e v y unterstrich nocheinmal die Tatsache der weitverbreiteten Assimilation innerhalb mancher Kreise der Orthodoxie Seiner Ansicht nach sei dieser Zustand auf den übertriebenen Patriotismus und seine Begleiterscheinungen des Gleichseinwollens zurückzuführen. Ohne unsere Pflichten als gute Staatsbürger zu vernachlässigen, müßten wir uns stets bewußt sein, daß wir uns immer noch im G o - 1 u s befinden. Diesem Standpunkt schließt sich auch H. A. Goodman an, der aber im Gegensatz zu Dr, Birnbaum weniger die Angleichung an christliche Sitten, sondern die Assimilation an d e n Europäismus als Gefahr für das Judentum betrachtet, Goodman meint außerdem, es sei heute unmöglich, uns hinter Ghettomauern zurückzuziehen, wie dies als Ideal aus dem Referate des Abends hervorzugehen schien. Vielmehr wäre es heute unsere heilige Pflicht und Aufgabe, uns inmitten des täglichen Berufslebens als gute und überzeugungstreue Jehüdim zu. bewähren. Im Namen der Versammlung dankt dann H. A. Goodman als Vorsitzender dem Referenten und beschließt den Abend. General Smuts über die Mission der Juden in der Welt. London, 8. Nov. Bei der unter dem Vorsitz der Marquise of R e ad i n g im Londoner Savoy-Hotel zu Gunsten der Hilfsaktion für j ü d i s c h e * K i n d e r aus Deutschland abgehaltenen Veranstaltung hielt der südafrikanische Justizminister und ehemalige Ministerpräsident General Smuts eine eindrucksvolle Ansprache über die Mission der Juden in der Welt, in der er u. a. ausführte: „Die Juden hatten einst eine große Mission in der Welt; und eine große Mission bleibt ihnen noch zu erfüllen, denn die Geschichte ist mit dem Alten Testament nicht zu Ende. Auch weiterhin nimmt die Judenheit an dem Leben der Welt teil und trägt

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