Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 46 Der Israelit 15. November 1934 Oesterreich. Oesterreichische Regierung ficht zugesicherte Einbürgerungen an. Wien, 6. Nov. Mit der nach dem Kriege erfolgten Aufteilung Oesterreichs ergab sich für unzählige altösterreichische Staatsbürger, die in Neu-Oesterreich verblieben waren, die Notwendigkeit, neuerlich um die Verleihung der Staatsbürgerschaft anzusuchen, wenn ihre Heimatgemeinden, in denen sie geboren bezw. zuständig waren, zu den abgetretenen Gebieten gehörten. Der Vorgang bei dieser Staatsbürgerschafts- Verleihungen war der, daß die Wohngemeinde, also zumeist die Gemeinde Wien, unter gewissen Voraussetzungen die Zusicherung der Aufnahme in den Heimatverband erteilte, worauf der Betreffende die Entlassung aus dem Staatsverband seiner früheren Heimatgemeinde zu erwirken hatte und, nachdem er diese Entlassung nachgewiesen und eine bestimmte Taxe bezahlt hatte, das neue Heimats- und Staatsbürgerschaftsdekret ausgestellt erhielt. Mit der Ausschaltung des Parlaments in Oesterreich ist keine Einbürgerung mehr durchgeführt worden. Es blieben jedoch 76 Fälle anhängig, in welchen die Zusicherung der Aufnahme in den Heimatverband bereits vor dem 21. November 1933 beschlossen bezw. erteilt worden war, ja in mehreren Fällen haben die Einbürgerungsbewerber inzwischen auch die Entlassung aus dem alten Staatsverbande erwirkt. Bis zum Februar 1934 hat die Wiener Gemeindeverwaltung den Betreffenden auch die Bescheide über die Zusicherung der Aufnahme in den Heimatverband, sowie auch die Heimatsdekrete zugestellt. Die Regierung hat jedoch alle diese Fälle beim Obersten Gericht angefochten. Die Anfechtung ist in keinem einzigen Falle wagen etwaiger Unwürdigkeit des Betreffenden erfolgt. Die Regierung steht bloß auf dem Standpunkt, daß alle nach dem 2 1. November 19 3 3 zugestellten Bescheide ungültig sind, da auch frühere Zusicherungen rein administrative Akte sind, die durch die Verordnung vom 21. November paralysiert wurden. Abgesehen von der entsetzlichen Lage aller derjenigen, die nun ihr Leben lang als „Ausländer" zu gelten haben und allen gewerberechtlichen und administrativen Beschränkungen der Ausländer bei Ausübung eines Berufes, bei der Einschulung ihrer Kinder usw., unterworfen sind, gibt es eine Anzahl von Einbürgerungsbewerbern, die bereits aus dem früheren Staatsverbande entlassen wurden-und daher vollkommen schutzlos dastehen. (ITA.) Schwere finanzielle Lage der Wiener Kultusgemeinde. Wien, 6. Nov. Im Rahmen einer Pressekonferenz erörterte der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann, die schweren Aufgaben, die der Gemeinde infolge der schlechten wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder erwachsen. Die Anforderungen an die Kultus gemeinde haben sich in einem bisher noch nicht dagewesenen Ausmaße gesteigert. Im Jahre 1932 hat das Fürsorgewesen allein 249.875 Schilling erfordert. Im Jahre 1933 wurden bei einem Gesamtetat von sieben Millionen Schilling 2.557.877 S. für die Fürsorgezwecki verausgabt. Um den gesteigerten Erfordernissen gerecht zu werden, wurden umfassende Sparmaßnahmen durchgeführt und ein zwanzigprozentiger Zuschlag zu den Kultussteuern wurde erhoben. In diesem Jahre will der Gemeindevorstand angesichts der . allgemeinen Wirtschaftskrise diese Zwangsmaßnahme nicht mehr durchführen. Er appelliert jedoch an die Mitglieder, die noch hierzu in der Lage sind, ihm freiwillig eine Abgabe entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu entrichten, damit die Fürsorge in vollem Maße aufrechterhalten werden kann. Der Zentralkataster der Fürsorgezentrale der Wiener Kultusgemeinde hatte rund 12.000 Akten von insgesamt 55.000 Personen zu erledigen, da auf einen Petenten in der Regel vier bis sechs Personen fallen. Demnach ist ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung auf direkte oder indirekte Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen. Etwa 95.000 Mahlzeiten wurden verabreicht, 265.000 kg Kohlen usw. verteilt. Ein ganzer Kranz von Anstalten wird von der Gemeinde erhalten, z, B. das Krankenhaus mit seinen 235 Betten und den jährlichen Kosten von 914.000 Schilling, die als Musterinstitution bekannte Versorgungs- und Siechenanstalt, das Blindeninstitut Hohe Warte, die Wanderfürsorge, die Kinderheime und Waisenhäuser für Mädchen und Knaben, Lehrlings- und Erziehungsheime, Kindergärten und Kinderbewahranstalten, Ambulatorien für Kinder in Verbindung mit Tagesheimstätten usw. In dem einen Ambulatorium im Augarten sind mehrere hundert tuberkulöse Kinder mit ausgezeichnetem Erfolg untergebracht gewesen. Berücksichtigt man all das, so wird die Summe von 2J4 Millionen Schilling nicht hoch erscheinen. Zu der Not der einheimischen jüdischen Bevölkerung kam in den letzten anderthalb Jahren die Not der aus Deutschland ausgewanderten Juden. Unter der Aegide der Wiener Kultusgemeinde hat das Hilfskomitee für deutsche Ju de n bis zum Zeitpunkt der Beendigung seiner Arbeit im Sommer d. J. insgesamt 300.000 Schilling aufgebracht. SchweiZ- Semester-Eröffnung in der Jeschiwoh in Montreux. Montreux, 11. Nov. Am Sonntag, den 21. Oktober, fand in Anwesenheit mehrerer Gäste von Zürich, Bern, Bex, Montreux die Eröffnung des 16. Semesters der Jeschiwoh in festlicher Stimmung statt. Der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, begann die akademische Feier mit einer herzlichen Ansprache, die aufnahmefreudige Hörer fand. Es war aus der Rede zu entnehmen, daß auch in diesem Semester unter den neuen Dozenten aus Litauen und den 42 Schülern eine schöne Anzahl französischer Schüler als Vollhörer für ein ganzes Jahr in der Jeschiwoh beifnden. Die Jeschiwoh in Montreux wird stets darauf achten, daß das von ihr in Frankreich zu neuem jüdischen Wirken entflammte Thoralicht auch weiter genährt und verbreitet wird. Nach geistvollen halachischen und agadischen Ausführungen über Zweck und Bedeutung des Thorastudiums hielt der Rosch Jeschiwoh eine talmudische Abhandlung über Kp'SD pso /Hpin Hierauf begaben sich die Gäste und Schüler in das Haus des Leiters derselben, WO in fröhlichster Stimmung und heitersten Gefühlen die Semestereröffnung gefeiert wurde. Unter anderen sprach auch Herr Menki Koschland aus Zürich, Vorstandsmitglied der I. R. G. in Zürich herzliche Worte der Anerkennung. Polen. Eine Sejmrede des Dep. Oberrabb. Aron Lewin. Warschau, 12. Nov. In der Generaldebatte des Sejm stand am Dienstag eine Rede von Oberrabbiner Lawin über die katastrophale Lage der jüdischen Bevölkerung im Mittelpunkte. Nach Besprechung des drohenden Defizits kam er auf die Aeußerung der Minister zu sprechen, Polen sei Agrarstaat. Polen, sagte der Redner, sei aber kein Parterregebäude, sondern ein vielstöckiges Haus, das in all seinen Teilen feststehen müsse. Auch der Handel müsse geschützt werden. Die Lage der jüdischen Bevölkerung sei trostlos, sie trage die größte Steuerlast auf ihren Schultern und verarme mit jedem Tage mehr. Von den über drei Millionen Juden sei ein Drittel, also mehr als eine Million, auf Unterstützung angewiesen. In Warschau fallen 22 Proz., in Wilna 23 Proz. und in Lodz 32 Proz. der jüdischen Bevölkerung der öffentlichen Unterstützung anheim. Die beabsichtigte Zwangssonntagsruhe würde den Juden noch den Rest geben. Helfen könne nur eine gerechte Steuerverteilung, eine Zulassung der Juden zu den kleinen Amtsstellen wie zu den städtischen Arbeiten, ferner Kredite für Handel und Industrie aus staatlichen Mitteln. Auf das jüdische Schulwesen übergehend, schilderte der Redner die Folgen, wenn die religiösen Schulen aus Mangel an Mitteln ihre Pforten schließen müßten und eine verwilderte Generation dem Judentum wie auch dem Staate verloren ginge. Die Juden seien mit Polen historisch, wirtschaftlich, kulturell und politisch so eng verbunden, daß die Lösung all dieser Probleme auf polnischem Boden erstrebt werden muß. Die große Rede wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört und vom ganzen Hause beifällig aufgenommen. Litauen. Der Rogatschower Gaon über Awodah Iwrith. Riga, 12. Nov. " Veranlaßt durch den Mißbrauch seines Namens von misrachistischer Seite, nimmt jetzt der bekannte Weltgaon von Dwinsk, Rabbi Josef Rosin, genannt „der Rogatschower", Stellung zur Frage der jüdischen Arbeit in Erez Israel. Sein Gutachten gipfelt in folgenden Thesen: 1. Aus allen Quellen, von der Thora bis zu den letzten Dezisoren, ergibt sich mit Klarheit, daß jüdische Unternehmer jüdische Arbeiter beschäftigen und bevorzugen müssen. 2. Um scheinbare Widersprüche in den alten Quellen in dieser Frage auszugleichen, stellt der Gaon fest, daß die Bevorzugung jüdischer Arbeiter nur dann als Pflichtgebot zu betrachten sei, wenn die Lohndifferenz nicht gar zu groß ist. Aus „Jeruschalmi Kilajim" ergibt sich, daß man bis zu einem Drittel hierin gehen muß, also sich ein Opfer von 33 Proz. aufzuerlegen hat, um die jüdische Arbeit zu unterstützen. Darüber hinaus braucht man nicht zu gehen. 3. Die Bevorzugung des jüdischen Arbeiters schließt den Juden, der leichtfertig die Gesetze übertritt (pasvft IS"!») nicht aus, nur muß man bei ihm nicht bis zu einem Drittel, sondern nur bis zu einem Fünftel gehen, also sich ein Opfer von 20 Proz. auferlegen, um ihn zu beschäftigen. 4. Handelt es sich aber um G'ttesleugner aus Ueberzeugung .(ompiDSi pn)» so lasse man sie unbeachtet, auch wenn sie die Lohngrenze der Araber nicht überschreiten. 5. Einen Zwang auf die jüdischen Arbeitgeber in dieser Beziehung auszuüben, darf sich heute keiner anmaßen. Es bedürfte dazu eines legitimierten Bes-Din (i^nom), das wir heute nicht haben. Das Wachestehen vor den Arbeitsstätten sei unter allen Umständen abzulehnen, weil daraus Gewalttätigkeiten entstehen, die den jüdischen Namen entweihen. Rumänien. Eine Massenkundgebung der „Aguda" in Czernowitz. Czernowitz, 3. Nov. Im Rahmen der von der Aguda-Organisation unternommenen großzügigen Propaganda-Aktion fand Sonntag, um 8 Uhr abends, im großen Saale des Jüdischen Hauses eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt. Nachdem Kultusvorsteher Roll im Namen der jüdischen Gemeindeverwaltung die' Versammlung begrüßt hatte, ergriff der Vijnitzaer Rabbiner, Oberrabbiner, H a g e r , das Wort zu einer kurzen Eröffnungsansprache, in welcher er die zur Versammlung erschienenen Führer der Orthodoxie, das zahlreiche Publikum und die Vertreter der Presse begrüßte. Es handle sich um eine unpolitische, rein religiöse Bewegung, welche den Zweck hat, die orthodoxe Judenheit aus ihrer Lethargie aufzurütteln und sie in eine feste Organisation zusammenzufassen, um für den religiösen Aufbau Palästinas zu kämpfen. Auf die Erfolge der Aguda und des Keren Hajischuw in Polen und in anderen Ländern verweisend, gab Redner zum Schlüsse der Hoffnung Ausdruck, daß sie auch in der Bukowina weitgehende Unterstützung finden werden. Es sprach hierauf Rabbiner Baruch Hager (Cotzmani), welcher erklärte, die Aguda wolle für den Aufbau Palästinas im Sinne der Thora und der Religion eintreten. Redner kam hierauf auf das Buch Otto Hellers, „Untergang des Judentums", zu sprechen, polemisierte gegen den Autor und erklärte, daß dieses Buch immerhin die Juden zum Nachdenken anregen müsse. Es sei nicht zu leugnen, daß ein ■: großer Teil der Jugend sich von der Religion abgewandt und sich linksgerichteten, religionsverleugnenden und selbst religionsfeindlichen Strömungen angeschlossen habe. Das ist auf den Mangel an Kontakt