Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 46 Der Israelit 15: November 1934 Es scheint überhaupt, daß auch weite Kreise der Thorajudenheit sich zu sehr auf das Materielle einstellen und nicht das G'ttvertrauen, die Gesinnungsstärke und -Reinheit dokumentieren, die Heiligung des g'ttlichen Namens und damit die wirksamste Propaganda bedeutet hätten. Die Zustände im neuen Jischuw erinnern mitunter an Sowjetrußland und malen — wovor G'tt behüten möge — erschreckende Zukunftsmöglichkeiten. Wie kann das anders sein? Ein großer Teil der Schulen negiert die Thöra, als Gefäß der Religion, die Arbeiterschulen und die Erziehungswerke der radikalen Kewuzoth gar bekämpfen systematisch jede religiöse Entwicklung und pflegen den Atheismus, Hingegen haben es die Misrachi- und Talmudthora-Schulen nicht einmal zu eigenen, von der Weltanschauung der Thora durchzogenen Schulbüchern gebracht. Es gibt unter den vier Tageszeitungen nicht eine, die auf der Thora basiert. Tagtäglich erscheint populäre Literatur, doch die in ihr webende, Atmosphäre ist in der Regel nicht die jüdische, häufig aber eine auf nicht geschultes jüdisches Denken zerstörend wirkende. Es gibt viele Vertage, aber nicht einer, hinter der.ein Thorajude mit Thorainteressen als seine Lebensaufgabe stände. Wo sind die populären Schriften, die in moderner Form und Methodik den alten Thorageist propagieren? Es ist doch ein unmögliches Verlangen, siegen zu wollen, ohne vorher diszipliniert, organi- Von Abraham Woli in Berlin. Die geistige Lage der deutschen Judenheit, besonders aber ihrer Jugend hat sich nicht bloß geändert, sondern grundsätzlich gewandelt. Das Bestreben, die Tragweite dieser grundsätzlichen Wandlung zu überschauen, war der Grundakkord des Esratreffens am Schabbos Bereschis in Frankfurt a. M. Diesem Streben ist noch "nicht volle Erfüllung geworden. Weder die endgültige Lösung der neuen Problematik, noch auch der ganze Umfang der Problematik sind erkannt. Alles ist im Werden, nichts ist ausgereift. Dies gilt für alle drei Probleme des Treffens: Bildungsfragen, Chaluziuth, Sinn der Agudas Jisroel, von denen jeder Erzieher heute weiß, daß sie eine Einheit bilden. Und doch ist die. Bildungsfrage das Kernproblem. ■ Hier geht es um die jüdische Persönlichkeit. Mehr als. früher liegt die Verantwortung für Bildungsidee und Bildungsgang bei den Jugendbünden; mehr als früher fehlen aber den Bünden die Kräfte, sich ihrer Verantwortung. zu unterziehen. Wenn.:die Arbeit trotzdem gewagt' wird, dann deshalb, weil si,ch die Führer de,rj Bünde auch :-noch.!mehr>,;ajs(,früher den. Gegen-1 wartsaufgaben zur Verfügung stellen — für.die' Theorie und für die Leistung. , . 'Theoretisch gilt es, das Bildürigsziel 'zu klären. ' Es wurde das alte ''Bildungsziel ' dargestellt,. und es wurde aufgewiesen, daß die Vorbedingungen grundsätzlich andere geworden sind. Das Esramilieu war beherrscht von akademischer Denkungsart. Die Probleme der Auseinandersetzung mit der Wissenschaft'uri'd der Philosophie füllten stofflich schon einen großen Teil der Arbeit aus. Aber auch die Art der Fragestellung, und Lösung und auch die Auswahl der innerjüdischen Probleme war clurch die akademische Denkart mitbestimmt. Man könnte vereinfachend formulieren: die Tauroh gab den Denkinhalt, die Universität die Denkform — wenngleich es solch reinliche Scheidungen in der Wirklichkeit nicht .gibt. . ..■•«!. Um die! Bereitschaft zum Nachdenken^ brauchte vom Bund aus nicht gar zu viel gesorgt siert; und gekämpft zu haben. .Die. dreifache Vorbereitung verlangt aber die besten Lehrmethoden und die-besten Waffen, Man muß! die Waffen der" anderen kennen und übertreffen! Die Entwicklung bleibt nicht stehen, sie geht vorwärts oder rückwärts. Der alte Jischuw istv ins Hintertreffen gekommen, weil die. Galuthjudenheit . mit ihren Galuthschlacken 1 und das moderne Leben mit seinen Gefahren für die Erhaltung der jüdischen Atmosphäre zu schnell und zu mächtig in den Dornröschenschlaf von' Erez TsraeT'einbrachen,' und weil der alte Jischuw bisher nicht die Kraft aufgebracht hat, der neuen Situation Herr zu werden. Wer sich in Erez Israel zur Thorajudenheit zählt und vor seinem G'tt, seiner Thora. und seinen Ahnen einst am' Lebensende will ruhig Rechenschaft ablegen können, muß sich von dem ganzen Ernst dieser schicksalsschweren", entsicheidüngsvöllen Zeit tragen lassen/ Dann wird; er nicht in der Sorge um seine;Existenz die Sorge um die Thora vernachlässigen und in kurzsichtiger Eigenbrödelei -die Entfremdungen innerhalb der thöratreuen Kreise aufrecht' halten». Heiligung des g'ttlichen Namens wird ihm für sich, Einigkeit für die Thorajudenheit höchste Aufgabe bedeuten. Erstens gewährt dem Einzel-: nen, letzteres der Gesamtheit Pröpagandakraft für die Thora. Die Zukunft unserer Kinder gehört der Thora, wenn wir ehrlich wollen! werden, das leistete der Beruf und unser Milieu automatisch. Wie aber erhalten wir unserem Kreise lebendige .Geistigkeit, wenn uns, von außen nicht mehr das Nachdenken aufgezwungen wird? Die nächstliegende Antwort ist die Verlängerung der Jeschiwazeit. So erwächst aus der Not eine Tugend. Und doch: so schön es ist, wenn das Lernniveau sich steigert, das Problem ist so noch nicht gelöst. Die Jeschiwah vermittelt Wis-» sen und erzieht dazu, daß die theoretische Weltanschauung zum. ureigensten Persönlichkeitsbesitz wird. Was die Jeschiwah c^es Ostens jedoch nicht lehrt, ist die jüdische Einstellung im und zum Beruf unserer Menschen; denn dazu ist dieser Lebenskreis dem der östlichen Jeschiwoh zu ungleich. Für uns, Schüler von Hirsch, ist der Beruf ein Wert; es gibt höhere Werte als den Beruf, aber der Beruf ist nicht bloß Erwerb — sei es der akademische Beruf oder ein 'andere*. Stets werden wir nach der jüdischen Deutung des Berufsethos fragen. Solcher jüdischen Bewerr tung der Gegebenheiten außerhalb der Thöra zu dienen, ist unsere spezifische1 geistige Aufgabe1. Hier half uns das Akademikertum, hier, müssen;wir huns selbst Ersatz schaffen.> Vieles, -jl.eisteit •jauch"Hierfür die Jeschiwoh,' aber -vieles -bleibt Iboch zu tun.*' Wie geschieht dies? per: Klarheit '.jcles ..Problems' as^man nahegekommen.\, \ < U Aber die Lösung ist noch nicht da. Mail wifr zunächst an Bestehendes anknüpfen., Die jüdische höhere Schule gewährt noch geistige Schulung für Menschen unseres Kreises. Was bis zum Alter von fünfzehn Jahren hier erreicht wird, kann gewiß nicht ausreichend sein, auch hat die Schule grundlegende Umwälzungen nicht vollzogen. Aber sie ist da und wirkt. Es. wurden weiterhin Möglichkeiten eines Auf haus 'von den iBünden aus geprüft. . All;,dies.sind Versuche, Das ' Problem des -neuen Bildungsganges; ist" noch ungelöst. .'" . " ' ' :'' ' |; Die positive Einstellung zu Erez Jisroel und zum Gedanken der Klall-Organisation wurde vielfach begründet, aber 'doch letztlieh vielleicht gefühlsmäßig gewonnen. Das Tempo der Außenwelt ist von stürmischer Eile,; im Geistigen reift alles nur . in ruhiger Entwicklung.. ' t;;; Korrespondenzen/ Deutsches'Reich. Amtsdauer des Direktoriums der' Berliner Jüdischen Gemeinde verlängert. Berlin, 6. Nov. Die Berliner Gemeindeverwaltung hat beschlossen,, die Amtsdauer des ursprünglich bis zum 1. Ok-; tober eingesetzten Direktoriums zu y e r 1 ä,n g e r.n. Das Direktorium besteht aus den Herren Direktor; Heinrich Stahl, Rechtsanwalt Dr. Alfred K1 e e | und Moritz Rosentha V Während de'r' Abwesenheit des Herrn Direktor Stahl, der eine längere Orientreise angetreten hat, vertritt ihn im Direktorium der Berliner Jüdischen Gemeinde Herr Kammergerichtsrat a. D. Leo, Wq.lfJ. - Die Ausbildung jüdischer Sozialarbeiter in Deutschland. — Schulkurs für Wohlfahrtspflege 1934. y'" ' .''Berlin, 11. Nov. Der von der Z e n t r a 1 w o h 1 f a h r t s s t e 11 e der deutschen Juden am 3. Oktober eröffnete Schulungskursus für Wohlfahrtspflege ist abgeschlossen. Der Kurs wurde eingeleitet durch den Vortrag von Rabbiner Dr. Wiener über die geistigen Strömungen im deutschen Judentum, in dem er die unter dem Einfluß,.von;Emanzipation und Liberalismus sich vollziehende- Umformung des Ghettojudentum in die religiöse und jüdische-politische Struktur des heutigen Judentums schilderte. Die Verwurzelung der jüdischen Sozialarbeit im: jüdisch-religiösen Ideengut^ ihre Ausgestaltung in. den verschiedenen Geschichtsepochen und ihre gegenwärtigen Aufgaben und Ziele behandelten ■<die Referate von Dr. OiÜendorff über „Grundlagen, Aufbau und Probleme der jüdischen Wohlfahrtspflege" und von Dr. K r e'U t z b e r g e r . über „Grundlagen, Aufbau und Probleme der jüdischen Sozialpolitik". Die Grundfragen der Organisation der jüdischen Sozialarbeit wurden dargestellt von Dr; Eppstein, Direktor Borchardt und Dr. Lilienthal. Die Ergänzung hierzu. bildete die von Dr. Lubinski gegebene, durch Beispiele veranschaulichte Darstellung der sozialen und. sozialpsychologischen Struktur des jüdischen Hilfsbedürftigen, der der jüdischen Sozialarbeit das unterscheidende und entscheidende Gepräge gibt. Mit dem Aufbau des jüdischen Bildungswesens befaßten . sich die Referate von Dr. Eppstein über Erwachsenenbildung und Dr. Leschnitzer über Schulwesen, in . denen die geschichtlichen Gmndlagen und die gegenwärtigen Erziehungsaufgaben der jüdischen Bildungseinrichtungen dargelegt wurden. Der Bterichti von^Erau'tProfessor; B.e. r 1 i n e r über die , Organisationsformen des deutschen Judentums gab einen Ueberblick über die öffentlich-rechtlichen und privatrechtlichen jüdischen Vereinigungen; und ihre Zielsetzungen. . . , ",. >'•■ Auf dem Hintergrunde , dieses Gesämtbildes des deutschen 'Judentums in seiner geistigen und organisatorischen Gestalt wurden die gegenwärtigen Aufgaben der Sozialarbeit behandelt. In seinen Ausführungen über Organisation und Leistungen der öffentlichen Fürsorge und über Ausländerrecht legte Wittelshöfer die für die jüdische Wohlfährtsarbeit grundlegenden gesetzlichen: Bestimmungen dar. Frl., B l a n k sprach über Wohlfahrtspflege in den Kleiri^emeinderi, über die besonderen Notstände, 'die' sich u. a. aus der Ueb'öralterimg und "der Berufsschichtung der Bevölkerung ergeben, und die notwendigen organisatorischen Maßnahmen zu ihrer Ueberwindurig. Die Organisation der Wohlfahrtspflege in Berlin als Beispiel einer Großgemeinde und ihre Arbeitsweise beschrieb- Dr.. Adelheid L e v y. v , ,i:E)eV Besondere';Aufgabenkreisj der j?Jugendarbeit : wurde umrissen durch die Vorträge von Dr. Brod- Vom Esrt*.