Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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15. November 1934 Der Israelit Nr. 46 Seite 5 alten jüdischen Feste, die aus Freude über Siege eingesetzt worden sind, müssen abgeschafft werden, denn sie interessieren den modernen Menschen nicht. Durch die künftige neue Gesellschaft wird es möglich sein, alle Tage zu Festen zu machen." Solche und ähnliche Aussprüche finden sich in den Spalten der Zeitung, die das Denken des Arbeiters beeinflußt. Unter solchen Umständen kann es nicht überraschen, wenn sich folgende Vorkommnisse verzeichnen lassen: In Haifa veranstalteten die linken Poälei Zion am Jorakippur -Abend (Kol-Nidrei) mit Eintrittsgebühr einen Vortrag gegen die Religion. Soll man da nicht glauben, in Rußland zu sein? In Haifa verkündeten vor Roschhaschanah und Jomkippur Bekanntmachungen der Arbeiter, daß dies« Tage zu Besuchstagen im Gefängnis zu Akko bestimmt worden seien. So fuhr man denn an diesen heiligsten Tagen nach Akko, um dort die Genossen zu besuchen, die das Weiterbauen eines Hauses gestört hatten. In dem Haifaer Arbeiterviertel „Krith Chajim" gibt es Eltern der Arbeiter, die noch nach der Thora leben wollen, aber nicht die Kraft haben, ihre der Thora entfremdeten Kinder zu beeinflussen und fatalistisch nichts gegen die neuen Dinge zu tun wagen. Derartige Bilder kann man in Erez Israel auf Schritt und Tritt sehen, — und in diesen Zuständen liegt eine große Schwächung für alle Besserungen erstrebenden Anstrengungen aus den Kreisen der Thorajudenheit. Diese Alten also erbaten von dem Arbeiterrat des Viertels ein Lokal, um Roschhaschanah und Jomkippur ein besonderes Minjan zu veranstalten. Das Lokal wurde bewilligt. Eine frevelhafte Hand stellte am ersten Abend des Festes während des Minjans das elektrische Licht ab, und während der Nacht vernagelte die gleiche Frevlerhand die Tür. Vor der Arbeiterküche in Haifa sitzt am Sabbat eine Chaluzah und verkauft Eßmarken. Natürlich ist das Essen eben so wenig koscher wie in der Arbeiterküche im Zentrum Tel Awiws. Doch schließen wir mit diesen Stichproben aus den Zeitungen nur weniger Wochen die Akten, Hinzugefügt sei nur noch, daß die Zerstörung der Traditionswerte des jüdischen Volkes, die durch Organisierung und Propagandierung bei den Arbeitern besonders in die Augen fällt, auch in Teilen der anderen Bevölkerungsschichten Tatsache ist. Wer gegen die Wirklichkeit nicht blind sein will, dem muß schon auf der Ueberfahrt nach Erez Israel das Fernhalten der großen und kleinen geistigen, politischen oder wirtschaftlichen Führer des Jischuw von den koscheren Tischen und von den Minjan- Veranstaltungen belehren, daß ihm trotz der nationalen Phrase viel Galuth-Assimilation begegnen wird, und daß die Negierung der Grundlagen der jüdischen Vergangenheit im Jischuw nach Herrschet strebt. Die Gefahren der Zukunft. Dieser Artikel ist nicht aus Freude an der Kritik geschrieben worden. Denn die Kritik hat sich bisher als fruchtlos erwiesen; die, die sie betraf, haben ihr Verhalten und Tun keiner Prüfung unterzogen. Es hat aber auch der Teil des Jischuws, der unter dem Banner der Thora lebt, aus den Kritiken — das heißt aus den ihn angehenden Warnungen, wie sie solche Beleuchtungen enthalten — nicht die nötigen Konsequenzen gezogen. Für den Thorajuden in Erez Israel brauchte es gar nicht der Zeitungsberichte; seine eigenen Erfahrungen müßten ihn schon genügend belehren. Doch im allgemeinen ist es beim Klagen und Jammern geblieben und nicht zur Erkenntnis der Notwendigkeiten gekommen. Eine zehnjährige aufmerksame Beobachtung hat mich überzeugt, daß die Thorajuden sich schwere Unterlassungssünden haben zuschulden kommen lassen. Jeder von ihnen wußten doch schon, daß in dieser revolutionär von Grund auf veränderten Zeit die früheren Methoden allein nicht mehr genügen. Aus Jeschiwah und Judengasse stammen häufig die radikalsten Negierer der Tradition im neuen, im nationalen Jischuw. Aber selbst im alten, im religiösen Jischuw, ist der Abfall der Kinder von der Thora der Eltern keine Seltenheit mehr. Die Erhaltung der eigenen Kinder selber hätte ernsteste Nachprüfung verlangt, auf welche Weise die Jugend unter der heute auf sie leicht einwirkenden Atmosphäre zu schützen und zu kräftigen ist. Die Masse, die hier in Frage kommt, ist aber meist in ihrer Allgemeinbildung und Weltkenntnis zu primitiv, um eine wenn auch nur mit den Schlagworten Allgemeinbildung und Weltkenntnis sympathisierende Jugend fesseln zu können. „Wenn dein Sohn dich an einem morgigen Tage, das heißt: an einem Tage, der nicht wie der heutige ist, fragt, so mußt du ihm antworten," mahnt unsere heilige Thora. Welcher Mensch aber, der nur in einem Cheder Osteuropas oder Jerusalems, Tiberias, Saffeds oder Persiens, Marokkos, Arabiens usw. die Schulung erhalten hat, findet sich außerhalb sei- Durch Hilfe zum Aufbau! Erwerbt die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau! nes traditionellen Denkkreises, der ihm Halt gewährt, zurecht? Diese Massen hätten erzogen und geführt werden müssen. Solche Aufgabe sollte zuerst den Rabbinen obliegen. Aber die vielen, vielen Rabbinen in Erez Israel, das einen großen Teil der russischen Rabbinen aufgenommen hat, stehen mit wenigen Ausnahmen den heutigen Anforderungen hilflos gegenüber, da sie die geistigen Strömungen der Gegenwart nicht überblicken und daher ihren Gefahren nicht zu begegnen wissen. Wer aber von ihnen Verständnis und Willen hat, wird durch die Widerstände eingeschüchtert. An Widerständen fehlt es nicht. Da sind die Aengstlichen, deren Unkenntnis von jeder Aenderung eine noch größere Gefährdung befürchtet. Da sind die Politiker, deren Interessen häufig nach anderer Richtung weisen. Da hemmt das Mißtrauen der verschiedenen Landsmannschaften und religiösen Färbungen gegen einander. Der Litwak hegt Vorurteil gegen den Polen, das ihm der letztere in nicht geringerem Maße zurückgibt; der Gerer Chassid sieht den Czortkower Chassid und dieser wiederum den ersteren nicht als voll an; die Temener, das sind die aus dem Jemen in Arabien stammenden Juden, halten sich für die Elitejuden, — und so geht es in der Ueberhebung und gegenseitigen Verkennung zum Schaden der Einigkeit der Thorajudenheit weiter. Die Situation ist aber längst eine solche, daß sie über Voreingenommenheit und Uneinigkeit hinweg 'zur Einigkeit hätte führen müssen. Das ist jedenfalls der Vorwurf, der dem alten Jischuw gemacht werden muß! Die gleichen Menschen, die z. B, in ihrem Geschäft unermüdlich vorwärtsstreben und auch, wenn es ihre Existenz verlangt, beherzt nach neuen Methoden greifen, sind betreffs der jüdischen Zukunft ihrer Kinder und überhaupt betreffs der Interessen der Thorajudenheit zu lässig und passiv. Wie sie bei allen Schwierigkeiten in ihrem Geschäfte unermüdlich Wege des Gelingens suchen, so hätten sie es auch für die Entwicklung der Thorajudenheit tun müssen. Die Wege wären dann schon gefunden worden; — daß sie nicht genügend gesucht wurden, bleibt der Vorwurf. Aber in der letzten Stille Auf der Erde, in. der Seele, Leuchtet G'ttes ewiger Wille, Seine wortlosen Befehle. Ueber tausend Einsamkeiten Wird ein Cherub seine Flügel breiten. Immer weiter wird er mich geleiten, Bis entblößt von allen Eitelkeiten Ich ins Antlitz aller Welten seh. Fritz Rosenthal (Ben-Chorin). Gute Worte. Am Montag und am Donnerstag sagen wir nach dem Verlesen des Thoraabschnittes das Gebet 'n» fun» „Es sei der Wille unseres Vaters im Himmel." Jeder Abschnitt beginnt mit dieser Formel, mit Ausnahme des letzten *tns» rpa vpriN' „Unsere Brüder, das gesamte Haus Israel." Wo bleibt hier das lisn TP? Wenn alle Juden sich als Brüder im einheitlichen Hause finden, dann ist der Wille G'ttes schon von selber da. Es bedarf dies keiner besonderen Betonung. Die Gemeinde sagt das Achtzehngebet leise mit geschlossenen Augen, der Vorbeter aber laut mit erhobener Stimme. Wer für sich selbst bittet und betet, tut es gesenkten Hauptes, leise und verschüchtert. Will man etwas für Andere erreichen (wie es der Vorbeter tut), da kann man es schon hocherhobenen Hauptes und mit lauter Stimme tun. Merkwürdig.' Auf der Straße gehen die Menschen oft achtlos aneinander vorüber, kaum treffen sie sich in der Schul, stecken sie die Köpfe zusammen, tuscheln und schwatzen, auch mitten in den heiligsten Gebeten. Das ist das Werk des „Jezer hora", der die Menschen auseinanderjagt, wo sie .zusammengehören, und sie aneinanderdrängt, wo sie auseinander bleiben sollen. Vielleicht ist es auch der tiefere Sinn des Satzes im Hohenliede, fwa ixsax >5» nxa 7.7?» '» „O, daß du mir ein Bruder wärest auf der Straße", um mir im schweren Lebenskampf zu helfen, nicht in der Schul, um den G'ttesdienst zu stören. Im ganzen Buche Hiob ist keine Rede von Brüdern und Schwestern des großen Dulders. Erst im letzten Kapitel, da sich das Blättchen zu seinem Glücke wendet, lesen wir "131 W»»n«l T>n* IHWl, „Und es kamen alle seine Brüder und Schwestern und Freunde von früher her . . ." Kommentar überflüssig! im» besteht aus vier Buchstaben, deren jeder beim Aussprechen noch einen gleichen nach sich zieht (an »Ii So viel Geld man auch zusammengerafft hat, man will immer mehr. „Hat jemand Hundert, will er Zweihundert", heißt es im Talmud. Und: rpa wkui'sm no.D*TK J»K „es konnte noch keiner auf dem Sterbebette von sich sagen, daß er auch nur die Hälfte seiner Wünsche erfüllt sah ..." (Die Flaggenfrage in Palästina,) Wie Palnews meldet, begegnet die neugegründete palästinensische Schiffahrtsgesellschaft „Palestine Maritim Lloyd Ltd." in der Flaggenfrage großen Schwierigkeiten. Die beiden von der Gesellschaft angekauften und in Dienst gestellten Schiffe, die die Namen Har Hacarmel und Har Zion tragen sollen, verkehren bereits fahrplanmäßig auf der Linie Haifa, Istambul, Cosntanza. Die Schiffe der Gesellschaft müßten selbstverständlich die palästinensische Flagge hissen. Eine solche gibt es aber nicht. Alle Bemühungen der Direktion der Gesellschaft bei der Palästina-Regierung in dieser Hinsicht sind bisher ergebnislos verlaufen. Die ganze Flaggenfrage ist in Palästina ungeklärt. So kam es kürzlich im Haifaer Hafen zu einem Flaggenkonflikt, als ein japanisches Schiff mit der Begründung, daß Palästina kein englisches Land sei, sich weigerte, die englische Flagge zu hissen. Wochenkalender. Vom 17. _ 24. Nov. 1934 / Vom 10. — 17. Kislew 5695 '81»!}T Samstag 17 10 l'&rpp w NS'l Sonntag 18 11 ry Montag 19 12 n? Dienstag Nov. 20 pprnn 13 BJ» Mittwoch 21 14 B Donnerstag 22 15 KS Freitag 23 16 30 Samstag 24 17 KQp «aa a nto'!