Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15. November 1934 Der Israelit Nr. 46 Seite 3 Grundwerte des Judentums. '^Fortsetzung von Seite 1.) Einzig wie G'tt ist aber auch seine Lehre" und sein Gesetz. Sie bringt Klarheit ins Chaos wogender Gefühle. Wenn wir die Bibel aufmerksam lesen, so merken wir bald, daß hier in der Tat ein einzigartiges Vermächtnis vorliegt. Nicht die uralten geschichtlichen Erinnerungen, die darin aufbewahrt sind, sind das Wesentlichste daran; auch diese sind uns natürlich wichtig und dem überheblichen Achselzucken gegenüber, mit dem frühere Ge- . schlechter über die Authentizität dieser Ueberlieferungen sprechen zu dürfen glaubten, erfüllt uns tiefe Genugtuung darüber, daß inzwischen Stein und Staub zu reden begannen und bestätigt haben, daß wir es in der Bibel doch mit Wirklichkeitsberichten zu tun haben. Aber das ist doch nicht das Wesentlichste, wesentlicher als die Geschichte, die uns die Bibel erzählt, ist doch der Sinn/den sie der Geschichte gibt, und die Deutung, die das Leben erfährt, die die Bibel zum .Buch der Bücher und^zu allen Zeiten zum revolutionärsten Geistesdokument macht: i.Ein einziger Wille lebt". Sie öffnet uns den Blick für die Hand G'ttes in der Geschichte und in •der Natur, als einzig wirkender Macht. Sie lehrt, daß in allem Ringen der Völker G'tt über den Ringenden steht, der ausgleichenden Gerechtigkeit zum Siege verhilft, im Einzel- und Völkerschicksal Schuld ahndend und Liebe erweisend zu uns spricht und auf uns wartet. Und auf der andern Seite: daß hinter all den vielfältigen Erscheinungen unseres Alls, hinter der reichen, bunten Fülle der Natur, im Werden, Wachsen und Vergehen, im Leben von tausend und abertausend Kreaturen, vom kleinsten Wurzeltierchen bis zu den vorsintflutischen Kolossen, im Glanz des Firmaments, im Kreislauf der Gestirne und in den Tiefen des Meeres, ein Gesetz, eine Ordnung, eines Vaters Hand wirksam ist. Erst mit diesem zwiefachen Monotheismus kann in der Geisteswerkstatt der Völker von einer Geschichts- und Naturwissenschaft oder überhaupt von Wissenschaft die Rede sein, die ein Gesetz in allem voraussetzt. Was aber noch bedeutsamer ist: Mit dem Glauben an einen einzigen G'tt hält erst das Wissen um die Einheit des Menschengeschlechtes seinen Einzug in die Rechtsgeschichte der Völker. Erst von da an gibt es ein Sittengesetz. Wo Vielgötterei herrschte, da gibt es auch vielerlei Völker und Menschen, die wie ihre Götter auch selbst einander fremd, wenn nicht feindlich gegenüberstanden. Wie eng diese beiden: Monotheismus und Humanität, miteinander zusammenhängen, mag am Beispiel Griechenlands klär werden:*) Griechenland war die Heimat der Philosophie und Kunst, beide Mütter der Humanität genannt. Und dennoch sagt ein berühmter Altphilologe wohl mit Recht, es kann nichts Ungriechischeres geben ,als Humanität. Und in der Tat haben selbst; Griechenlands größte Meister, Plato und Aristoteles, nie daran,gedacht, Nichtgriechen auch nur derjenigen Rechte teilhaftig' werden zu lassen, die ihnen rein als. Menschen zufalleil, die die Juden im Sinne ihres offenbarten Gesetzes ohne weiteres dem Ger Toschaw anerkannten. Jene dachten gar nicht daran, das Sittengesetz, von dem Sokrates ihnen einen so hohen Begriff übermittelt hat, etwa auch zu Gunsten der Nichtgriechen, die sie. kurzweg Barbaren nannten, anzuwenden., Platq predigt Krie& gegen die Barbaren, ganz gleich, wie sie; zu den allgemein menschlichen,, Pflichten stanr!, den, während die Juden doch, die Bekenner der schewa mizwpth benei Noacli von den! I^riegsgese'tzen ausnahmen. Eine Solidarität, wie sie etwa, Jesaja gegenüber den Völkern fühlte, hat es bei den Griechen » nicht gegeben. Nichthellenische Menschen sind nach; Aristoteles zur .Sklaverei geboren, und als ob er eine humane Behandlung, die die Sklaven bei den Juden erluhren, verhindern wollte, setzte er hinzu: ,,sie sind wie Tiere und Pflanzen zu nutzen."**) Hier zeigt sich also am eindringlichsten der Zusammenhang zwischen Einzigkeit G'ttes und Frieden, Vielgötterei und Völkerhaß. Erst als die Vielgötterei in Griechenland ein- Ende nahm begann von der Einheit des Menschengeschlechts eine Ahnung aufzudämmern. Aber um wieviel tiefer stand dieser stoische Versuch, wie primitiv wirkt er gegenüber der Auffassung der Juden, War jene nur von der vermeintlichen Ruhe in der Natur abgeleitet und auf eine Art tierischer Bedürfnislosigkeit und Passivität hinzielend, so folgte diese aus dem Dasein eines Vaters aller Menschen, der alle zu kräftiger Mitteilnahme am Maasse bereschith erschaffen hat, ein ethischer Universalismus, der höher steht als alle folgen' den in . dieser Richtung liegenden großen geschichtlichen Versuche: des Christentums, der Humanitätsepoche, des Sozialismus. Denn er kennt keinen Unterschied zwischen Nationen, Konfessionen und Rassen, wo es sich um die Menschenrechte handelt. Nur wo diese nicht respektiert wurden, nicht aber wo Konfession oder Klasse nicht zusagte, nur da war der Mensch gering geachtet. Ele toldoth adam! Das war der große Satz, um dessentwillen die Thora nicht wie die Gesetzbücher anderer Völker begannen oder endeten. Begannen diese mit der von einem ihrer Götter abstammenden eigenen Nation, so beginnt unsere Thora mit der Konstatierung, daß es nur einen Vater aller Menschen gibt. Und endeten jene mit dem Ausblick auf die stolze Größe des nach allen Seiten gesicherten eigenen Volkes, so schließt unsere Bibel mit der Einbeziehung aller Völker in den Bund mit G'tt. Das ist vielleicht die kühnste Konzeption, in der sich die Einzigkeit und der Auserwähltheitscharakter des jüdischen Volkes dokumentiert; die großartige Idee des Messianismus. Dreimal haben die Völker einen Anlauf genommen, um einen ähnlichen Bau aufzuführen. Einmal, als das Christentum einer durch die römische Soldateska verwüsteten Welt und einer friedlos gewordenen Menschheit ein neues Heil verkündete. Der Versuch blieb mitten im ersten Anlauf stecken und resignierte schließlich mit den Worten: mein Reich ist nicht von dieser Welt. Der zweite Versuch wurde von den Aufklärern nach der französischen Revolution unternommen. Man konstruierte damals eine in stetem Fortschritt befindliche, zu einem technisch-wissenschaftlichen Zeitalter hinstrebende Welt. Man kann wohl sagen, daß der Weltkrieg diesem Glauben, daß .durch Technik und Wissenschaft der ewige Friede heraufgeführt werden könne, allen Boden entzögen hat. Der dritte Versuch wurde von den Arbleitern gemacht, im Sozialismus formuliert, und. schließlich in der Sowjetrepublik aufs traurigste ad absurdum' geführt. ' All; diese Versuche zeigen, daß der Messianismus der Bibel, ebenso wie der Monotheismus und Humanismus nur auf einem einzigen Boden gedeihen kann und heute noch einzig ist in seiner Art. Und aus diesem Dreiklang lösten sich Stimmen, die heute noch, nach dreieinhalb Jahrtausenden, den Denkern und Dichtern der ganzen ^7elt: in unverminderter Stärke sprechen, ja überall, wo auf Ehrlichkeit gesehen wird, in heiliger Scheu geehrt werden müßten: Die Zehngebote, die Psalmen, die Propheten. Die Zehngebote, daran ist nicht zu rütteln, sind durch das jüdische Volk der Menschheit vermittelt worden. Und was seitdem an ethischen Werten und sittlichem Wollen und Gewissen der Völker Wurzel gefaßt hat, einschließlich der Ethik *) Vgl. Gutmanh, Das Judentum und seine Umwelt. I **) J. Heinemann, Morgen 1930. des fernen Ostens, es geht aus von den 10 Geboten, oder es ist unzulänglich. In den Psalmen aber fand sich die gesamte Menschheit in ihrem Naturgefühl, in ihren geschichtlichen Wendepunkten, fänden sich die Menschen in ihrem Leid und in ihrer Freude immer wieder. Wo gibt es ein Buch, das so zum Gebetbuch der Menschheit geworden, das so den Völkern und Religionen, den Häusern und Kirchen, den suchenden Seelen, der weinenden und jauchzenden Kreatur zum Licht in den Nächten, zum Trost in den Leiden, zum Hymnus in der Freude geworden wäre? Und wer steht nicht staunend, vor den Propheten! Das war vielleicht das erstaunlichste Denkmal, zunächst für uns aufgestellt, aber schließlich, wie der Dekalog und der Psalter doch in die Weite wirkend und bis auf den heutigen Tag die gesamte Menschheit erziehend. Das waren Männer, die heute noch als Träger für alles sittlich Starke und menschlich Große und g'ttlich Fordernde ewige Vorbilder sind, die -heute noch nichts von ihrer genialen Gewalt und hinreißenden Wucht eingebüßt haben, mit; der sie damals ihre Stimme erhoben und ihr Volk zur Rechenschaft vor der Ewigkeit gefordert haben, um im Namen G'ttes das ewige Ziel nationaler und menschlicher Bestimmung zu verkünden. Das sind die Propheten von Arnos bis Maleachi. Und bei allem eigenen Gepräge, das jeder von ihnen hatte, das haben sie alle gemeinsam, daß jeder von ihnen die Frage des Judeseins als eine Frage tiefsten, ernstesten und anspruchvollsten Menschseins stellten. Für sie ist, was das Menschliche anbetraf, kein Unterschied zu machen zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen Jerusalem und der Welt, zwischen Heiligtum und Alltag, zwischen heute und morgen. Denn Monotheismus, Humanismus und Messianismus sind in ihnen zu persönlichstem Ausdruck gekommen. Ihre Einzigartigkeit könnte uns stolz machen. Sie ist, was wir Auserwähltheit nennen, wozu sich jeder Jude, mag er im Laufe der Zeiten noch so entfremdet sein, von seiner Barmizwah an, bei jedem Hintritt zur Thora in seinen Segensspruch bekannt: D^ÖSTn ^Dö 133 im (Schluß folgt.) Wochenrundschau- Die „Protokolle". Unsere Protokolle liegen seit dreitausend Jahren und noch länger offen vor aller Welt Augen, Was darin verzeichnet ist, sind die Trag-, balken der Ethik und des Gesetzeslebens aller positiven Religionen. Die Bilder, die diese. Pro-, tökölle1,; illustrieren, von Abraham bis Moses, ziehen, wie bunte Lichter der Menschheit auf; ihrem Leidensweg durch die Geschichte von Generation zu Generation voran.. Die von'den Propheten angelegten Dokumente g'ttriajbier Menschlichkeit sind in die Grundmauern "des > sittlichen Weltenbaus versenkt. Genau 400 Jahre ist es her, daß der große Reformator unsere ,.Dokumente" verdeutschte, womit ein weltgeschichtlicher Prozeß eingeleitet wurde, der den ganzen Gang und Aufwärtsdrang des Volkes ' und der Völker entscheidend beeinflußte. ,,Von Zion'i'geht die Thora aus und das Wort GHtes von Jerusalem!" Andere „Protokolle der Weisen von Zion" kennen wir nicht. Undum dieses nachzuweisen, mußte man jenen gewaltigen Apparat in der schweizerischen Bundesstadt in Bewegung setzen, der vor einigen Wochen eingestellt wurde, um demnächst wieder/in Funktion zu kommen. Der Komödie zweiter, und hoffen wir letzter Akt beginnt. Möge dann der eiserne Vorhang fallen über jene G r o-