Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 46 Der Israelit ' 1 15. November 1934 Die Bedeutung des Haber'schen Stickstoffgewinnungs-Verfahrens für Deutschland im Kriege. Nürnberg, 13. November. Der in Nürnberg erscheinende „Fränkische Kurier" weist in einem Bericht über einen Vortrag des Studienprofessors Dr. Dittmar in der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg auf die große Bedeutung der Erfindung Prof. Dr. Habers, Stickstoff aus der Luft zu gewinnen, für die Ermöglichung des Durchhaltens Deutschlands im Weltkrieg hin, ohne, wie es sonst die Gepflogenheit der Zeitung bei der Erwähnung jüdischer Persönlichkeiten ist, die Rassenzugehörigkeit des Gelehrten zu betonen. „Man erinnert sich," schreibt das Blatt, „der aufsehenerregenden Forschungen Prof. Dr. Habers und seiner Entdeckung, den für die Landwirtschaft lebensnotwendigen Stickstoff der Luft zu entnehmen. Ohne diese Erfindung wäre Deutschland 1914 schon kurz nach Ausbruch des Krieges verloren gewesen, da die Einfuhr von Chile' Salpeter gesperrt war, ohne Salpeter oder einen vollwertigen Ersatz dafür aber weder die Landwirtschaft noch die Sprengstöffindustrie bestehen kann . . . Die Abschnürung Deutschlands vom Auslandsmarkt, die 1914 zur Tatsache wurde, schien eine Katastrophe zu bedeuten. Aber schon war die Erfindung von Prof. Dr. Haber praktisch ausgeprobt. Ueber Nacht entstanden die riesigen Werke von Oppau und das Leuna-Werk. D Chile-Salpeter war überflüssig geworden . . ." Weltanschauung, Rassenkunde und Judenfrage im Schulunterricht. Berlin, 8. November. Reichserziehungsminister R u s t hat jetzt ein weiteres Verzeichnis der Lehrmittel bekanntgegeben, die im Schulunterricht über E r b - künde, Erbpflege, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik als Grundlagen verwendet werden können. An der Spitze der Werke stehen die weltanschaulichen und bei ihnen wird wiederum an erster Stelle Adolf Hitlers „Mein Kampf" erwähnt. Weiter kann bei Erörterung der weltanschaulichen Grundlagen u. a. das Werk von Alfred Rosenberg „Der Mythos des 20. Jahrhunderts" verwandt werden. Unter den zahlreichen Werken, die für die Rassenkunde gestattet sind, befindet sich H. St. Chamberlains „Rasse und Persönlichkeit ". Aus dem Abschnitt „Rasse und Kunst" ist das Buch von Schultze-Naumbufg „Kunst und Rasse" zu erwähnen. Für die Erörterung des Bauerntums in den Schulen empfiehlt der Minister, vor allem auch die Schriften des Reichsbauernführers R. Walther Darre. In der J u d e n f rag e werden in der neuen Liste folgende drei Schriften als Unterrichtsgrundlage aufgeführt: „Handbuch der Judenfrage" von Th. Fritsch, „Rassenkunde des jüdischen Volkes" von Hans F. K, Günther und „Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik" von Alfred Rose n b e r g. Preisüberwachungsaktion und Rasse, Die noch vor der Ernennung Goerdelers angekündigte, als M-aterialsammlung charakterisierte Preisüberwachungsaktion der Parteileitung der NSDAP, ist nunmehr in Gang gekommen. Die Durchführung der Erhebung liegt bekanntlich in der Hand der NS-Hago oder der „Reichsbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk" innerhalb der Deutschen Arbeitsfront. Bekanntlich war in Aussicht genommen, daß die Parteigliederungen ihre Kontrolle im wesentlichen auf Mitglieder beschränken; dies liefe praktisch also wohl darauf hinaus, daß alle außer den „nichtarischen Firmen" auf diese Weise erfaßt werden sollen. Ueber die sachliche Auswahl, also über die Zusammenstellung und Formulierung der den Geschäftsinhabern vorzulegenden Fragen war Näheres bisher nicht bekannt. Aus einem jetzt vorliegenden Fragebogen, der wohl einheitlich im ganzen Reich bei der Erhebung benutzt werden dürfte und der ebenso für Groß- und Einzelhändler wie für Fabrikanten bestimmt ist, geht hervor, daß sowohl Preiserhöhungen, ihrem Ausmaß, ihren Gründen als auch anderen Zusammenhängen nachgegangen wird. So wird insbesondere auch nach den Beziehungen zu den Lieferanten gefragt und zwar zunächst unter politischen Gesichtspunkten wie mit den Fragen: „Wer sind die Lieferanten?" (die Preiserhöhungen vorgenommen haben). Weitere Fragen richten sich auf die Beziehungen zu den Lieferanten unter anderen als preispolitischen Gesichtspunkten: „Werden Kredite gekürzt, verweigert oder wird jetzt sofort Bar2ahlung verlangt?" und „Müssen Sie heute noch von j ü d i s c h e n L \ eferanten kaufen, warum und welche Waren?" Hier geht die Aktion, wie die „Frankf; Ztg." bemerkt, offensichtlich also über eine Nachprüfung der Preisentwicklung hinaus und beschäftigt sich außerdem auch, mit der Rassenfrage, die grundsätzlich auf die freie Wirtschaft.iiicht übertragen werden sollte. . .. .; Anklage wegen Rassen Verleumdung in Kanada- Montreal, 8. November. In W i n n i p e g wurde am 8. November ein Gerichtsverfahren eröffnet, in dem, anscheinend zum ersten Male im Gebiet des britischen Weltreichs, die Aktivlegitimation von Einzelnen oder Personengruppen zur Klage wegen Verleumdung, der jüdischen Glaubens- und Rassegemeinschaft in Anspruch genommen wurde. Der Oberste Richter des Winnipeger Gerichts hat gegen den kanadischen Nationalisten und Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, William Whittaker, eine einstweilige Verfügung erlassen, durch die ihm verboteniwird, Ver 1 eiuni>d u n g e n g e g e. n die Juden veröffentlichen. Dier Klage wurde vom kanadisch-jüdischen Kongreß auf iGrund eines neuen Gesetzes erhoben, das" Einzelpersonen das Recht gibt, für. (Veröffentlichung ,von Verleumdungen gegen:..die Rasse oder den Glauben, dem sie angehören,, Entschädigung zu. verlangen. . Ü-> , Die Verhandlung in diesem Prozeß wird? im, Monat Dezember stattfinden. Die cforistKcfo^ Verständigung eine Tauf Propaganda. Wien, 13. November. Die Ansicht der Skeptiker, die hinter der in der vorigen Woche in einem in der „Reichspost" erschienenen Artikel des Jesuitenpaters Bichlmair angekündigten christlich-jüdischen Verständigüngsaktion nichts als ein Manöver der Mis~ sionskreise sahen, ist durch den Inhalt der ersten Nummer der für diese Aktion bestimmten Zeitschrift „Die Erfüllung" bestätigt worden. 'Den größten Raum nehmen zwei Aufsätze des Konvertiten Johannes Oesterreicher ein, in denen erklärt . ,wird, Israel, das versagt habe, als der Stifter erschienen war, könne wieder der Gnade teilhaftig werden, wenn es sich der Taufe zuwende. . ■ In jüdischen Kreisen wendet man sich verbittert von diesem unter Ausnutzung der bedrängten Lage der österreichischen Judenheit eingeleiteten Bekehrungswerk ab und erklärt, daß eine solche „Verständigung" durch Aufgabe des Judentums und Annähme des Katholizismus schon vor der spanischen. Inquisition möglich .gewesen wäre. Die jüdische 'Wochenschrift „Die Stimme" schreibt zu diesem Fall u. a.: „Es ist ganz interessant, die Entwicklung dieser-Misionssache zu verfolgen. Sie begann mit dem bekannten Buche des ehemaligen Ministers Czermak „Ordnung in der Judenfrage" und fand, ihre Fortsetzung in geheimen Besprechungen mit einzelnen Juden, denen jede Legitimation fehlte, über (die Ordnung der Judenfrage in Oesterreich, zu verhandeln. Diesem unverantwortlichen Treiben haben verantwortliche Faktoren der Wiener Judenheit seinerzeit ein Ende gemacht ... Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß bei den Christen das Wissen vom Judentume sehr gering; ist. Wenn nun Pater Bichlmair wirklich die Absicht hat, in seiner Zeitschrift, die den vielsagenden Ttel „Die Erfüllung" trägt, von der Weisheit im Talmud und von chassidischer Frömmigkeit zu sprechen, und wenn er weiter seine Leser dem Geiste Christi näherbringen will, dann möge er sein Betätigungsfeld in erster Linie bei seinen Glasubensbrüdern suchen . . . Auch, innerhalb der katholischen Verbände, die eben jetzt eine getarnte Boykottaktion gegen die jüdischen Geschäftsleute durchführen, könnte Pater Bichlmair viel Gutes schaffen. Wir Juden hegen gegen die christliche Kirche keinen Haß. Es besteht zwar kein Zweifel, daß auch im Judentum eine Mission notwendig ist, und zwar in der Richtung der Vertiefung des Wissens vom Judentume und der Religiosität. Aber dieses innere Missionswerk muß bei den Juden von Juden geleitet werden. Die christlichen Kreise mögen ihre Mission in ihren Kreisen vornehmen und wir Juden werden dasselbe bei uns besorgen. Das erscheint uns als "der einzige. Weg zur -Bereinigung der sicher vorhandenen Differenzen." Verschleppung und Taufe. Saloniki, 12. November. Der Fall des minderjährigen jüdischen Mädchens Anna Levy, das auf der Insel Tinos von Nonnen heimlich getauft wurde und seither irgendwo in Europa, vermutlich in einem Kloster, verborgen, gehalten wird, beginnt nunmehr, die: Oeffentlichkeit auch außerhalb Griechenlands; zu;i beschäftigen. Da man vermutet, daß Anna Levyi(; sjch in einem italienischen, Kloster Jbefjndet, hatj/ dine prpminente jüdische Persönlichkeit in Italien.; den.. -Ministerpräsidenten . Mussolini mit. •diesem«, FaJL bekannt gemacht.Mussolini,, hat, daraufhin* persönlich der Polizei den Auftrag; gegeben^ Nachforschungen nach der jungen Athener Jüdin anzustellen. " " „ ''