Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1«1934 Der Israeli Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz FranküuE-t a. 3VL 15. November 1934 8. Kislew 5695 Mummer 46 Jllctlsclie Not In. Polen in entrollt im polnischen Sejm ein Dep. Oberrabbiner Le w In einer großen Budgetrede des Führers' der polnischen Orthodoxie, Oberrabbiner L e w i n , im Sejm entrollte er ein erschütterndes Bild von der steigenden wirtschaftlichen Not der Juden in Polen. In Warschau und in W i 1 n a ist fast ein Viertel der. jüdischen Bevölkerung auf Unterstützung angewiesen; in Lodz macht die Zahl der jüdischen Unterstützungsempfänger 33 Proz. aus. Von den drei Millionen Juden in Polen ist über eine Million dem Hunger preisgegeben, der von den Gemeinden und öffentlichen Hilfsstellen nur zum kleinen Teil gestillt werden kann. Zu der großen Armee der Armen von früher her kamen die durch den harten Steuerdruck und die Wirtschäftskrisis aus ihrem früheren bürgerlichen Wohlstand herausgerissenen Massen. Der Redner verlangt, ohne in die üblichen Anklagen gegen die Regierung zu verfallen, intensive Abhilfe durch Gewährung von Krediten und Steuermilderungen. Die Rede bildete den Höhepunkt des Verhandlungstages und wird, wie man hofft, nicht ohne praktische Folgen verhallen. (Siehe auch Korrespondenzenteil auf Seite 8.) Antisemitische Studentenexzesse in Krakau. Krakau, 13. November. An der Jagiellonischen Universität inf Krakau wurden nach einem Trauerg'ttesdienst zum Andenken an den vor drei Jahren bei einem Zusammenstoß getöteten Studenten Waclawski mehrere jüdische Hochschüler von nationalistischen Studenten überfallen und mißhandelt. DiesV drangen sodann in die Vorlesesäle ein und verdrängten aus ihnen die jüdischen Hörer. Bei einem Versuch, einen Straßenumzug zu veranstalten, wurden einige Demonstranten verhaftet. InLemberg wurde gegen das Lokal des Bethar ein Bombenanschlag verübt. Verletzt wurde niemand. Die in einem Polizeikommunique ausgesprochene Vermutung, der Anschlag könnte von Jüdischen Gegnern des Bethar verübt worden sein, wird in jüdischen Kreisen im Hinblick auf den in Lemberg streng eingehaltenen innerzionistischen Frieden als abwegig bezeichnet. Auch wird darauf hingewiesen, daß der Sprengkörper in die nationaldemokratische Zeitung ,,Kurjer Lwowski" eingepackt wai. Aus dem Inhalt: Weltanschauung, Rassenkunde und Judenfrage im Schulunterricht . Seite 2 Preisüberwachungsaktion und Rasse . Seite 2 Anklage wegen Rasseverleumdung in Kanada Seite 2 Die christlich-jüdische Verständigung eine Taufpropaganda..... . Seite 2 Die Protokolle .......... . Seite 3 Die jüdische Zukunft Erez Jisraels . Seite 4 Vom Esra............. . Seite 6 Ausbildung jüdischer Sozialarbeiter . Seite 6 Eine Sejmrede Oberrabbiner Lewins Seite 1 und 8 General Smuts über die Mission der Juden Seite 9 Berichte aus Palästina ...... Seite 10 Bild der jüdischen Lage. Die, Zahl der jüdischen Medizinstudenten. Berlin, 12. November. Im „Deutschen Aerzteblatt" gibt Dr. Tornau eine Aufstellung über die Zahl der jüdischen Studenten an den medizinischen Fakultäten der deutschen Universitäten. Er teilt mit, daß im Sommersemester 1932 1893 Studenten der medizinischen Fakultäten der jüdischen Konfession angehörten. Im Sommersemester 1933, nach der Machtübernahme der NSDAP., waren es nur noch 916. Im Wintersemester 1933/34 war die Zahl der Medizinstudenten jüdischer Konfession bereits auf 366 gesunken, lag also um vier Fünftel niedriger als im Sommersemester 1932. Bei diesem Zahlenmaterial handle es sich allerdings nur um die Religionszugehörigkeit. Grundwerte Von Dir. Dr. Elias in Frankfurt a. M. Juden, Judentum und Judenfrage sind längst keine Begriffe mehr, die nur uns interessierten. Aus dorn kleinen Völkchen, das, gering an Zahl, von der Vorsehung aus der Mitte der Nationen erwählt wurde, ist längst ein Volk geworden, das in der ganzen Welt seine Träger hat. Sie sind nicht überalLwohl gelitten, aber ob gern gesehen oder nicht, ob geliebt oder gehaßt, ob geduldet oder verfolgt, gleichgültig ist es niemand. Kein Mensch, geschweige denn der Jude, kann heute noch an der Frage vorbei,. was eigentlich jüdisch:sei. Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben, jedenfalls schwerer als auf die entsprechende Frage bezüglich anderer Völker, Was Deutsch, Französisch oder Englisch sei, ist oft genug schon Gegenstand eingehender Untersuchungen* gewesen. Man kann nicht sagen, daß sie auch nur im wesentlichsten allgemein gültige Ergebnisse gezeitigt hätten. Verrenkungen, gezwungene, mehr oder weniger gelungene subjektive Betrachtungen führten meist zu dem Ergebnis, daß das Volk, dem' der Verfasser angehörte, am besten dabei wegkam. Ein verhältnismäßig wahrheitsgetreues Bild kann nur aus der Objektivierung eines Volkes, wie es in seiner Geschichte und Literatur, inseiner Kunst und Wissenschaft zutage tritt, sich zeigen. Auch wir werden uns an diese Quelle halten müssen,' Wir sind ja in der glücklichen Lage, auf drei Jahrentums. tausende zurückblicken zu können, und in dieser Zeit haben wir Geschichte nicht nur gepflegt, sondern gelebt, da ja jeder Jude viel intensiver die Geschichte seines Volkes erlebt hat. Wir brauchten die Denkmäler der Geschichte und Literatur nicht unter Glas zu sammeln, und nicht in Erz zu gießen, sie wurden auch so durch zwei Jahrtausende hindurch lebendiger Besitz. I. Vertiefen wir uns in Leben und Schrifttum unserer Ahnen, so erkennen wir bald, daß kein Begriff dem Juden enger ans Herz gewachsen, kein Wort eine so zentrale Bedeutung in unserer Weltanschauung hat, wie das Wort echod einzig. Mit diesem Wort schließt das Sch'ma- Gebet, mit diesem Wort haucht der Jude seine Seele aus, es ist das Wort, dasunser Aufstehen und unser Schlafengehen begleitet. Einzig ist unser G'tt, nichts ist außer ihm, nichts vor ihm und nichts nach ihm. Nichts hat letzten Wert, nur er, nichts hat Macht über uns, nichts hat Recht über uns, nichts bindet und nichts löst uns, außer Ihm. Die Aufteilung in der Welt in so viel Gewalten als Erscheinungen zutage treten, als Kräfte wirksam werden und Leidenschaften spürbar, hat ein Ende. Eins ist im Himmel und auf Erden, in Licht und Finsternis, in Gut und Böse, (Fortsetzung auf Seite 3.)