Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450820--80330-2538136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

29. März 1934 Der Israelit Nr. 4 Seite 3 den wir Knechte G'ttes; wir vertauschen die erniedrigende Hörigkeit der Tyrannen mit der adelnden G'tteshörigkeit. Auch das Brot der Armut War nur deshalb so bitter, weil es uns ungerecht aufgezwungen und aufgebürdet war. Aber freiwillige Bedürfnislosigkeit und Schlichtheit des Lebens bringen uns G'tt näher und sichern die Freiheit des Menschen in allen Lagen des Lebens. Die Einheit des Hallel. Das Hallel ist ein Liederkranz von Psalmen, des 113. bis 118. Psalms. Es war schon ein Weitblick der Weisen, daß sie diese fünf Psalmen als eine Einheit empfanden und als solche herausgestellt haben. „Die Propheten unter Israel," sagen sie, „haben das Hallel eingeführt, daß sie es an jeder Zeitenwende und bei jeder über sie kommenden Not sprechen, und wenn sie wieder davon erlöst sind, es zum Dank für ihre Erlösung sagen." Welche Momente rechtfertigen diese von der Tradition gelehrte Einheit? Zunächst ergibt sich als verbindendes Element die Dreiergruppe: Jisrael, Beth A h a r o n und Jir'e Haschern; Israel, das Haus Arons und die G'ttesfürchtigen, die Frommen der Völker, die in 115, 9—11, 12—13 und in 118, 2—8 als Träger des Psalms auftreten. Während der Psalm 113 noch von der akereth habajis, von der Heimatlosen, spricht, nennt Kapitel 115 das Beth Jisrael und Beth Aharon, hat also Israel und die Priesterschaft eine Stätte der Heimat gewonnen. Während in Kap. 115, 2 die Völker noch spottend fragen: wo ist ihr G'tt?, werden sie alle in 117, ebenso wie zu Anfang in 113 die Knechte G'ttes, zum Einstimmen in G'ttes Lob aufgefordert. Während 115, 1 G'ttes Liebe und Wahrhaftigkeit erbittet, wird in 117, 2 gesagt, daß G'tt Sein Chessed und Sein Emmeth bewiesen und erwiesen habe. Endlich wird in 117 versprochen, G'tt ein Dankopfer zu bringen, in 118, 26 und 27 die Darbringung des Dankopfers vollzogen. Hat sich also die Psalmenfolge als eine Einheit erwiesen, so ergibt sich aus diesen Verbindungsgliedern auch der Gedankengang des Hallel. Der erste Psalm spricht noch unbestimmt von: „Knechten G'ttes", der zweite fixiert diese Vorstellung genauer auf Israel und die Familie Jakobs, der dritte und vierte sieht feindliche Völker in Gegensatz zu Israel und seiner Priesterschaft; aber mehr und mehr haben sich G'ttesfürchtige von außen her ihnen angeschlossen. Der 117. Psalm vermag schon alle Völker aufzurufen, das Welthallel anzustimmen. An dieser Stelle ist die Cäsur, ein Einschnitt. Was die letzten Psalmen versprochen hatten, den Dank, die huldigende Anerkennung G'ttes in Jerusalem durch ein sewach toda, ein Erlösungsdankopfev zum Ausdruck zu bringen, das e r f ü 111 sich jetzt mit dem letzten Psalm. Es teilt sich das Hallel also ganz natürlich in zwei große Hälften, deren erste mit einem ,,HaIIeIuja" beginnt und schließt, und deren zweite mit: „hodu, danket G'tt, denn Er ist gut", einleitet und ausklingt. Schon in diesem Refrain, daß das Ende den Anfang wiederaufnimmt, zeigt sich, daß hier etwas ans Ohr tönen soll, was eigentlich keinen Anfang und kein Ende hat, was dort, wo sein Ende ist, wieder auf den Anfang zurückweist, was sich immer weiter fortpflanzt, in der Menschheit verbreitet, von Mund zu Mund, von Herz zu Herz getragen wird. Die erste Hälfte spricht vom wachsenden G'ttesreich, wie zuerst sich nur Einzelne zum Dienste G'ttes bereitfinden und dann in fünf Stufen der Kreis der G'ttesbekenner sich zur Allmenschheit erweitert. Die Geschichte dieses G'ttesreiches ist, Nach dem Brauche Hillels sollen wir nicht Mazza und Maror getrennt, sondern „ineinander gewickelt" essen. Keine Freiheit und Erlösung wird uns ohne Leid und Opfer zuteil; es gibt aber auch kein Leid, das zweck- und sinnlos wäre, das nicht zu erhöhter Daseinsstufe führte. wie der obenzitierte Talmudausspruch es charakterisiert, aus prophetischer Schau geschrieben. Die fünf Psalmen stellen dann die Entwicklung der messianischen Menschheit in folgenden Stufen dar: 1. Das neue G'tteserlebnis. Der messianische G'ttesbegriff der awdej Haschern. 2. Die Erwählung Israels. 3. Die geistigen Kämpfe der G'ttesanhänger mit den Heiden. ' 4. Das Martyrium der G'ttesschar und ihre Errettung. , 5. Der Dank der erlösten Menschheit im Angesicht des Tempels. Mit Fug und Recht gilt uns das Hallel auch als innere Einheit; es ist darin gewissermaßen ein Ueberblick über die ganze Entwicklung der Menschheit bis zu ihrem letzten Hochziele geschaut. Die Einzelbetrachtung. Ps. 113. Hallalu awde Haschern. Der Psalm spricht voneinemneuenG'tterleb e n. „Wer ist wie unser G'tt?" Gewiß ist G'tt groß, erhaben über die Völker alle, gerühmt vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang; gewaltig in Natur und Geschichte. Wer aber ist wie unser G'tt, der so hoch thront und so tief hinabsteigt und des Armen Sich annimmt und ihn emporhebt, zu den Edlen setzt und die Heimatlose zur Mutter macht? Das neue G'tterleben ist das Erleben des persönlichen G'ttes, des G'ttes der Vorsehung, G'tt als der Herr der Welt war allen bekannt. Jetzt hat Er sich offenbart als G'tt der Liebe, der vom Kehrichthaufen den von allen Verworfenen aufhebt. Dieses neue G'tterleben ist das G'tterleben Israels. Der philosophische G'tt ist der G'tt des Allgemeinen. Das ist aber nicht der G'tt der Religion. Dieser kommt herablassend zum Einzel menschen, zum E i nz e I v o 1 k. Er schaut alles Leid, Er wertet den Menschen nicht nach Macht und Erfolg, Er vermag den Adel des' Herzens zu verleihen, der jeden aus seiner Niedrigkeit emporhebt zur höchsten Menschheitsstufe. P s. 1 1 4. B'zeth Jisrael. Der erste Psalm war eine Anrede, ein Anruf: „ihr Diener G'ttes, ihr zur Persönlichkeit erweckte Wesen, lobet G'tt!" Es ist das erste „ihr", das hineintönt in die Geschichte. Haileluja ist ganz eigentlich seine Form. Den G'tt, der sich euch rinden läßt, den sollt ihr loben. Vielleicht aber ist dies G'tterleben eine Täuschung? Ist wirklich das alles geschehen, dessen sich die Beglückten nvon unserem G'tte" rühmen? Der zweite Psalm redet daher in der Form des Tatsachenberichts; in ihm finden wir kein „wir" und kein „ihr". Er ist der Psalm der Geschichte. Er berichtet: als Israel aus Aegypten auszog, da war das und das; von „uns", dem subjektiven Miterleben, wird nicht gesprochen. Er erzählt; die Berge, das Meer und die Natur verrieten, daß ein Ungewöhnliches geschehen ist. Hier ist keine Illusion möglich. Die Spaltung des Schilfmeeres kann keine Täuschung gewesen sein. Die beiden Psalmen gehören als Ergänzungen zueinander eng zusammen. Der erste ist die Verkündigung, der zweite ist der Beweis, damit nicht der skeptische Hörer sagt: du sagst, G'tt richtet dich auf. Täuschst du dich nicht, war es nicht ein Zufall? Der Sänger läßt das Ungeheuerliche des Geschehens in der Verwunderung des Zuschauers nachklingen. „Was ist dir, Meer, daß du fliehst, Jordan, daß du dich rückwärts wendest, ihr Berge, daß ihr wie Widder tanzet, ihr Hügel wie junge Schafe?" Die Frage spiegelt so recht die Erregung über all das Außerordentliche! Eine Antwort wird auf sie nicht erteilt. Nur wie beruhigt sagt der Dichter, als Sprecher der Knechte G'ttes: ja, vor einem Herrn zittre Erde, — du hast jetzt einen Gebieter gefunden —■ vor dem G'tte Jakobs, So haben wir den ersten Akt in der Menschheitsheilesgeschichte kennen gelernt, indem der persönliche G'tt in den Gesichtskreis tritt, erfahren und erkannt wird, und die Erleuchtung der Wenigen auf Ihn hinweist. Damit ist der erste Schritt zur Welterlösung getan, ein erstes glückvolles Beginnen. P s. 1 1 5. L o 1 a n u. Eine Schar g'ttergebener Menschen hat es auf sich genommen, als Diener einer höheren Welt das Haileluja G'ttes zu künden, den rein geistigen, unsichtbaren Lenker und Leiter der Geschicke zur Anerkennung zu bringen. Verständnislos aber sehen es die vielen, vielen in Naturvergötterung und der Anbetung des Sichtbaren Verstrickten. Unser Psalm malt uns die Kämpfe, die Folgen der Erwählung des Hauses Jakobs. Die drei Gruppen: Israel, das Haus der Priester und die Frommen der Völker, also der kleine Kern, um den ein größerer Kreis: die Jereim aus der ganzen Welt, sich sammelt, stehn in hartem Gegensatz zu den Heiden, die voll Spott und Hohn auf jene wie Sonderlinge blicken. Denn allzuoft gibi der Schein des Augenblicks den g'ttfeindlichen Völkern recht. Darum betet die Anhängerschaft G'ttes: „nicht uns, G'tt, sondern Deinem Namen gib Ehre, um Deiner Liebe und Wahrheit willen. Warum sollen die Völker, sprechen: bitte, wo ist euer G'tt?" Ist nicht Religion eine große Täuschung und die Frömmigkeit nicht eine Illusion, die der Wahrheit nicht standhält? G'tt, Du mußt helfen, nicht nur weil Du voll Liebe bist, sondern auch um Deiner Wahrheit willen. Wenn der Fromme leidet, kommen uns Zweifel an der Wahrhaftigkeit G'ttes. Ist G'tt Wirklichkeit? Warum ist das von Ihm berufene Volk, warum ist der Teil der Menschen, der sich Seinem Dienste widmet, so schwach? Immer wieder wird die Religion als Lüge verdächtigt. Wer das Religionsgesetz befolgt, gefährdet sein Fortkommen in der Welt. Also wo ist die Wahrhaftigkeit des allmächtigen G'ttes? Warum sollen die Völker sprechen: wo ist euer G'tt? Wir sehen ihn nicht, wir merken ihn nicht. Die Entscheidungsfrage über Wahrhaftigkeit und Wahrheit der Religion wird hier aufgeworfen. Die Anderen können immer auf das, was ihnen wert und groß ist, hinweisen, ihre Götzen sind sichtbar, schimmern und glänzen. Aber in innerer Kraft erhebt sich der Sänger und sagt: Tote Götzen sind sie, Bilder des Todes. Die Anbetung des Materiellen macht den Menschen selbst zu einem Stück vergänglicher Materie. Er verfällt in das, was er anbetet. Ganz anders diejenigen, die dem G'tt Himmels und der Erde sich anvertrauen. Demütig aber sagen sie nicht: wir sind besser als die andern. Es kleidet sich ihr Anderssein, ihr Gegensatz zu den Heiden, in einen Imperativ, einen Appell: Israel, Haus Arons, ihr Frommen, vertrauet auf G'tt, euren Schild und Beistand! Und in Zuversicht und Hoffnungsgewißheit spricht ihr Herz es aus, daß der G'tt. der ihrer gedacht und sie auserwählt hat, sie segnen und siegreich machen wird, sie alle, die Kleinen samt den Großen, daß auch ihre Kinder nicht irre werden an dem unsichtbaren G'tt, dessen Wahrhaftigkeit man anzweifelt und von dem man glaubt, Er sei weiter nichts als ein Phantasma. Dieser Segen macht sie stark, für G'tt die Erlösung zu wirken. So sprechen sie die gewaltigen Verse: der Himmel, er ist der Himmel G'ttes, und die Erde hat Er den Menschenkindern gegeben. Die Erlösung der Erde soll durch uns geschehen, nicht durch G'tt. Der Mensch soll hie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.