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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 32

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 32)
Language
German
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Seite 4 Nr. 4 Der Israelit 29. März 1934 nieden messianisch wirken, er soll in ihr die Tat des Guten vollbringen. Aus dem Tode soll er die Welt erlösen, er allein, gewissermaßen als Genosse G'ttes. So wächst und wird sie zum Reiche G'ttes. So klingt ihre Zuversicht denn in das stolze Bekenntnis aus: nicht die dem Tode Verfallenen können G'tt loben, nicht die zum stummen Grabe Hinuntersteigenden. Wir aber, wir loben G'tt von jetzt an bis in Ewigkeit; wir werden nicht von unserem Ziele abstehen, bis voll die Erde ist der G'tteserkenntnis, wie Wasser das Meer bedecken. P s. 1 1 6. A h a w t i. Der Psalm 116 spricht nicht mehr vom ,,Wir", nur vom Ich. Aus der Wir-Gemeinde ist ein Ich geworden, eine Einheit von Leib und Seele. Wir hören von den Leiden und Kämpfen, von den furchtbaren Nöten, die sie durchmachen. Es sind zwei Worte, die bei diesem Psalm im Vordergrund stehen: Erstens Ahawti, ich bin jetzt zur Liebe gelangt. Es ist ein Wunderbares, daß Israel bekennt: zur Liebe G'ttes ist es erst im Leid gekommen. Zweitens: Heemanti. Nun glaube ich, nun habe ich Vertrauen, nun zittere ich nicht, da ich G'tt liebe. ,,Es umdüsterten mich die Wehen des Todes und die Qualen der Hölle trafen mich, immer neu mußt' Leid und Not ich finden: Da rief ich G'tt an: ach 'G'tt, rette doch meine Seele." Es ist noch mehr in Gefahr als das Leben; auch die Seele ist gefährdet. Bei der Not ist mehr bedroht als die Zahl der Leiber. „G'tt rette meine Seele." Nur die bange Wahl war dem Juden gegeben: Taufe oder Tod. Israel wählt den Tod und nicht die Hölle, und G'tt rettete sie vom Tode: über alles Leid der Welt siegt die Liebe des frommen Menschen, über alle Not der Gedanke, G'tt nahe zu sein. „Ich bin von Liebe erfüllt, denn Er hört meine Stimm e." Israel hat in der Not beten gelernt und erfahren, daß wenn es in Seelenangst schreit, G'tt hört. Es hat so die Kraft gefunden, die Hölle zu besiegen. Von den Menschen, die doch Israel all das Leid angetan, wird anfänglich nichts gesagt. Erst als die Seele zu ihrer Ruhe gelangt, als sie froh ausruft: „nun bin ich voll Vertrauen, wenn ich mich noch so arm bekennen muß," jetzt erst denkt sie an die ihr feindliche Menschheit: „In meiner Uebereilung dachte ich, die ganze Menschheit täuscht." Wir wollten ein Ideal der Menschheit schenken, den höchsten Trost ihr bringen und werden dafür geschlagen und verfolgt. Das hat — enttäuscht. Sonst nichts. Kein Wort der Bitterkeit wird über die anderen Völker gesprochen. Der Kampf bleibt für Israel siegreich. Es wird gerettet. „Wie soll ich nun G'tt danken? Ich nehme den Becher des Heils und will den Namen G'ttes künden." Schon im Leid haben wir von G'tt als Retter, als Aufrichter des Gebeugten, als Annehmer der Armen gekündet. •Aber das Letzte, was wir der Menschheit zu lehren haben, das ist nicht die Vorstellung von dem G'tt des Leids. Den Becher des Glücks, der Menschheitserlösung, will ich erheben und den Namen G'ttes rufen. Allerdings wenn nun diese Stunde kommt, wo das Leid überwunden, der Augenblick der Erlösung da ist und die gerettete Menschheit den Dank anstimmen will, dann vermissen wir diejenigen, die zur Strecke kamen, die Opfer alle des Kampfes für G'tt. „Gold und Silber kann man zurückgeben. Wer gibt uns Rabbi Akiba, den Märtyrer, und seine Genossen wieder?" Darum wendet sich der Psalmist zu uns und sagt: glaubt nicht, daß die Blutopfer unbeachtet geblieben wären. „Teuer und unersetzlich ist in G'ttes Augen der Tod Seiner Frommen." Unendlich wertvoll auch — wie der. Midrasch dazu deutet — der Lohn, den Er Seinen Frommen in der zur Messiaszeit verwirklichten Auferstehung bereitet. Die Geretteten aber beschämt das Gefühl, daß sie, die Unwürdigen, die Märtyrer sollen überlebt haben. „Ach, o G'tt, wer bin ich, daß ich die Rettung verdient hätte, daß Du mir, der ich doch nur Dein Knecht, der Sohn Deiner Magd bin, meine Banden gelöst hast! Nun will | ich Dir das Opfer des Dankes bringen, alles verwirklichen, was ich Dir versprochen, inmitten der Menschheit, am Hochziel der Erlösung, in Deiner Mitte, Jerusalem." Ps. 117. Hallalu eth Haschern kolgojim. Nun kommt ein Psalm von zwei Sätzen, das Hallel der Menschheit. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir zu allen Völkern sprechen: stimmet das Hallel an. Als wir um die Verwirklichung des G'ttesreiches gebetet, da hatten wir G'ttes Liebe und Wahrheit angerufen. Beides hat sich vor der Menschheit Augen bewiesen. Seine Liebe war übergroß. Und die Wahrheit G'ttes, jetzt zeigt's sich, ist für die Ewigkeit. Erst in der Messiaszeit ist G'tt wahr, Solange müssen wir um die Wahrheit kämpfen. Wird einmal die Menschheit über die Schrecknisse der Welt, hinweg den Weg zu G'tt gefunden haben, dann ist als Resültat alles Fragens und Forschens die Wahrheit G'ttes erlebt. Für die messianische Ewigkeit ist sie in Klarheit absolut erkannt. P s. 1 1 8. Ho du. Unsere letzte Betrachtung gilt dem herrlichen 118. Psalm. Er stellt die Erfüllung des von der erretteten Menschheit gegebenen Versprechens dar, inmitten Jerusalems, in den Höfen des Tempels das Opfer des Dankes darzubringen. Das beweisen die Verse: „öffnet mir die Tore des Heils, daß ich eintrete und G'tt danke," wo also die dankende Gemeinde vor den Toren des Tempels steht, ferner der Willkommensgruß, den die Priesterschaft den Ankommenden zuruft: „gesegnet sei, wer kommt im Namen G'ttes", und dann die Aufforderung: nun bindet das Festopfer, das die Dankesgabe darstellt. Der Psalm beginnt mit dem Vers: „hodu laschem," danket G'tt, denn Er ist gut, denn in der messianischen Erlösung, leolam, hat sich Seine Gnade erwiesen." Solange noch Träne und Not auf der Welt ist, solange noch Herzen brechen, Menschen verzweifeln und die Liebe keine Stätte hat, ist unser Bekenntnis ein halbes. Früher hieß G'tt deshalb; J a h. Aber jetzt dankt dem die Welt beherrschenden G'tt, denn Er ist gut. Erst jetzt ist die Menschheit erlöst, jetzt ist G'tt erst gut. Wie es schon vorher hieß: die Wahrheit G'ttes ist eine Wahrheit der Erlösung, genau so mit der Anerkennung, daß G'tt gütig ist. Seine Güte kann erst erkannt werden in der letzten Weltvollendung. Heute ist sie nicht erkannt. Wenn die Menschheit dereinst nach Jerusalem pilgert, dann singt sie beseligt: bekennet G'tt, daß Er gut ist, Angeredet ist mit dem „hodu" nicht mehr die Schar der G'ttesknechte wie im Eingang des Hallel, sondern alle und jeder. Es ist der sich immer weiter ausbreitende Ruf, der jetzt in allen Landen und Zonen Verständnis findet. Bezeugen aber sollen diese Gnadenerweisungen G'ttes: Israel, die Priesterschaft und die G'ttesfürchtigen der Völker, die durch die Jahrhunderte hindurch alles Leid der Welt getragen — daher bezeuget doch — und nun es aussprechen können, daß alles, was sie getroffen, durch die endliche, endgültige Erlösung überwunden,, versöhnt und in Glück, verwandelt ist. Die nächsten Verse sind gleichsam das Wanderlied, die Melodien, welche die Pilger auf ihrem Zuge G'tt zu Ehren, singen. Sie sind in Wechselchören geschrieben. Immer variiert der folgende Vers den vorhergehenden refrainartig. „G'tt war bei mir, ich brauchte nichts zu fürchten, was hätte mir der Mensch tun können!" Und der Gegenchor: „G'tt war mir unter meinen Helfern, da konnte ich ruhig blicken auf alle meine Feinde." Oder der eine Chor singt: „Besser ist es, G'ttes zu harren, als auf Menschen zu vertrauen." Und der Gegenchor: „Besser ist es, G'ttes harren, als auf Fürsten sich zu verlassen." In solch wachsender Begeisterung, die immer wieder vergleichend zurückblickt auf die Zeit der Not, als die Menschheit noch G'tt in Seiner ganzen Größe und Erhabenheit nicht erkannt hatte,. als, er noch Jah und nicht H a sc h e m war, steigt der Hymnus bis zu den Versen, die G'ttes siegreiche Rechte, die wundertätige, die Alles besiegende feiern. Diese erlöste Menschheit weiß, daß alles Leid nur vorübergehend ist, daß G'tt den Menschen zwar züchtigt, aber dem Tode nicht preisgibt; und was vorher ein Wunsch war: „ich möchte wandeln im Angesichte G'ttes in den Landen des Lebens," das ist jetzt glückselige Gewißheit. „Ich werde nicht sterben, ich werde leben und das Wunderwirken G'ttes preisen." Jetzt gelangt der Zug an die Tore des Tempels, jetzt mögen sie wirklich um Einlaß bitten; alle, die ins Tor G'ttes eintreten, sind ja Fromme. Aber bevor sie die Stufen hinanschreiten, sprechen sie demutvoll ihre erste Danksagung aus: „ich danke Dir, G'tt, daß Du mich arm gemacht und mir zum Heile warst. Du hast den Stein, den die Bauleute verworfen, die Religion und G'tteserkenntnis, die man für den Aufbau der Welt als gleichgültig und entbehrlich gehalten hat, zum Grundstein aller messianischen Kultur gemacht, so daß die G'ttesbekenner, die man verachtet und als minderwertig gescholten hat, jetzt als die Vermittler und Bringer des Weltenheils sich erwiesen haben. Das ist das größte Wunder der Weltgeschichte, das ein Glücksereignis, über das wirklich Freude und Jubel herrschen darf." Und daran schließt sich das messianische Gebet. „O G'tt, laß Dein Heil erscheinen, kröne das Werk der Erlösung mit Gelingen und Dauer." Nun treten sie in den Tempel ein. Die Leviten rufen ihnen den Segensspruch entgegen: Sie erwidern ihnen: „wir segnen euch, ihr vom G'tteshause". Das Opfertier wird herangeführt. Wie jeder, der ein Toda darbringt, dem Priester die Ursache, die ihn zur Darbringung bewegen hat, mitteilt, so sagt die Menschheit: als alimächtig hat Sich uns Haschern erwiesen, hat uns auf dunklem Lebenspfad erleuchtet. Und dann legen sie die Hände auf das Opfertier und bekennen den Dank: „Du bist mein G'tt, ich will Dir danken, Mein G'tt, ich will Dich preisen." Dieser Dank ist besonders ergreifend. Bei der Huldigung am Eingang in das Heiligtum betonten die Geretteten das Wunderwalten G'ttes, das die Verachteten zum Eckstein des Weltenbaues hat werden lassen; jetzt, wo sie im G'tteshause sind, da heißt es nicht: ich danke Dir, G'tt, daß Du mich errettet hast, nein: „Du bist Mein G'tt, ich will Dir huldigen." Daß sie G'tt haben, das ist das Höchste, wofür sie danken müssen. Alles, was uns an Sieg und Glück in der Welt zuteil werden mag, das ist nichts gegenüber dem Glücke, sich G'ttes gewiß zu sein, daß man sprechen kann: Du bist mein G'tt. Fragen wir uns aufrichtig und ehrlich, was wir an Wünschen in uns tragen, dann werden wir wohl antworten: daß der Druck des Lebens,' die Verständnislosigkeit der Völker, der Kampf und die Not, all die Ungereimtheiten und Halbheiten des Lebens von uns genommen werden. Aber unser Psalm sagt uns: wenn dies erreicht ist und wir als erlöst aufatmen, dann sind all die Geschenke der g'ttlichen Gnade nichts gegen das Gilluj Schechina, gegen die große Begnadung voller und uneingeschränkter G'tteserkenntnis, gegen das Sich-Einswissen mit G'tt. „Du bistmein G'tt, dafür danke ich Dir." Wenn sie jetzt aus dem Tempel treten, dann hallt immer wieder neu das „hodu". Immer wieder ergreift's die Einzelnen und die Massen: „danket G'tt, denn Er ist gut."--- Das Hallel atmet Weltüberlegenheit und Weltüberwindung; über alle Not und allen Zweifel des Tages hinaus weist es auf das große Endziel der Zeiten hin. Das Hallel ist der Ausdruck dafür, daß wir an der messianischen Zukunft festhalten; und jedes heilvolle Ereignis ist uns ein neuer Beweis für die Gewißheit ihres Kommens. Wir sprechen heute schon „hodu", wir nehmen die Vollendung vorweg. Wenn der Jude an das Erleben der Vergangenheit denkt, dann dämmert in ihm die Sicherheit und Wahrheit der Zukunft.

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