Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934:, er nahm das Amt ganz ernst, wovon viele schriftliche Aufzeichnungen, geist- und inhaltsvolle Predigten, die sich in seinem Nachlaß befanden, zeugen. Er sah von Anfang an in seiner Macht und seinem Reichtum eine Verpflichtung gegenüber dem Judentum. So war er auch der Hauptgeldgeber für die 1721—22 in Frankfurt a. M. bei Johann Kellner fertiggestellten Talmudausgäbe. Es gab kaum eine Thora- oder Wohltätigkeitsinstitution in Deutschland oder in Oesterreich, in der er sich nicht verewigt hätte. In seinem Testamente sicherte er die Versorgung von fünfzig Gelehrtenfamilien und wünschte, daß sein jüngerer Sohn Joseph sich ganz dem Talmudstudium widme. Für alle Enkel wurden Legate bestimmt, damit sie bei Ehrschüeßung nicht auf Geld angewiesen seien. Samson Wertheimer starb 1735, betrauert von der gesamten Judenheit, als Mann, der „Thora und Größe" vereinigte. Der dritte Hofbankier, den wir hier im Bilde zeigen, Salomon Rothschild, ist den Lesern als einer der ,,Fünf Frankfurter" und als Begründer des Wiener Rothschildhauses bekannt. Als Salomon Rothschild 1821 nach Wien kam, durfte er sich hier als fremder Jude noc!jA nicht einmal ankaufen. Er wohnte im Hotl'' „Zum Römischen Kaiser" in der Renngasse, in dessen Nebenhaus sich später die Rothschildbank befand. Noch zwei Jahrzehnte später konnte er die Erlaubnas, sich im Bergbau zu betätigen, nur nach den größten Schwierigkeiten und als besondere Vergünstigung erlangen, obwohl die Brüder, also auch Salomon, schon 1822 in den Freiherrnstand erhoben worden waren, in der Zwischenzeit die größten Geschäfte mit dem Staat getätigt und im Wiener Bank- und Börsenwesen den ersten Platz besetzt hatten. Führend war der Wiener Rothschild auch bei Eisenbahnbauten, und besonders durch den Bau der Nordbahn hat er das österreichische Wirtschaftsleben stark befruchtet und beeinflußt. All die Unternehmungen Rothschilds fanden die weitgehendste Unterstützung des Fürsten Metternich. Obwohl so das Wiener Rothschildhaus eine der Hauptpositionen der Familie wurde, hat Salomon Rothschild nie die Popularität erlangt, die späteren Mitgliedern der Familie zuteil wurde. Gewiß hat sich auch Salomon seinen Verpflichtungen gegenüber der jüdischen Gemeinschaft nicht entzogen und blieb auch von Anfeindungen nicht verschont. Hatten doch die Judenfeinde die Mär aufgebracht, das Eintreten Metternichs und anderer hochgestellter Persönlichkeiten auf dem Wiener Kongreß für die Gleichberechtigung der Juden beruhe auf einem Pakt zwischen diesen Männern und der Rothschildfamilie, Das Volk, das für Skandale in hohen Kreisen immer ein empfängliches Ohr hätte, sollte dadurch durch eine Art Bestechungsaffäre geschickt vom Kernpunkt des Problemes: den Menschenrechten und der Dankesschuld gegen die Juden, die nach den Befreiungskriegen dem Staate entstanden war, abgelenkt werden. Dieser Feldzug war nicht gelungen, aber auch die den Juden zugedachten Menschenrechte kamen bekanntermaßen nicht lückenlos zustande. Wir zeigen ferner im Bilde dasi Innere der Synagoge in der Seitenstettengasse, die älteste und größte Synagoge Wiens (gebaut 1823), die während der' Hochflut der , Reform Schauplatz geistiger Kämpfe gewesen ist, in der aber trotz Mannheimer und Jellineki den Schönredner der Reform, sich Orgel und sonstige durchgreifende Reformen bis auf den heutigen Tag nicht durchgesetzt haben. Ein weiteres Bild zeigt uns türkische Juden in Wien. Die Kolonie der türkischen Juden in Wien hatte ihre ersten Anfänge wohl im 15. und 16. Jahrhundert. Ihre Synagoge ist eine der jüdischen Sehenswürdigkeiten der Donaust#dt. Es wird darin nach orientalischem Ritus in sephardischer Aussprache gebetet und die Hausord-, nung ist bis auf den roten Fez auf dem Kopfe Wiener Hofjuden. Samson Wertheimer der Kultusbeamten traditionell „türkisch" geblieben, * Die türkischen Juden hatten bis zuletzt noch eine eigene Gemeindeautonomie und Wm, ^^^^^i^-^r:>; '•' iiJii^l Wiener Hofjuden.(i . r Baron Salomon' Rothschild zählte prominente reiche Persönlichkeiten zu ihren Mitgliedern. Auch sie hat unter der Not der Zeit gelitten und die Abnahme ihrer Leitungskraft, zwang sie, nähere Verbindungen mit der Kultüsgemeinde zu suchen, , r. Jüdische Gotteshäuser unct Friedhöfe in Württemberg; : -. Mit drei Bildern. . - Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs hatte aus Anlaß seiner Hundertjahrfeier im Dezember 1932 beschlossen, ein Werk: „Jüdische G ' 11 e shäuserr und'Friedhöfe in Württemberg" mit Historischen Nachweisungen zu veröffentlichen. Dieses Werk ist dann in ausgezeichneter Austattung im Verlag von Dr. Benno Filser G.m.b.H. — Augsburg — erschienen und im Buchhandel zum Preise von Mk. 10.— für das Stück erhältlich. Die Einführung gibt über die vercshiedenen Perioden jüdischer Siedlungen in Württemberg und den Charakter ihrer baulichen Zeugnisse Auskunft. Hierauf folgt eine von dem theologischen Mitglied des Oberrats, Stadtrabbiner Dr. Rieger-Stuttgart, bearbeitete vollständige Zusammenstellung sowohl der mittelalterlichen Siedlungen, als der nicht mehr bestehenden jüdischen Gemeinden und Siedlungen in Württemberg vom 16. Jahrhundert an, endlich der derzeitigen israelitischen Religionsgemeinden Württembergs je mit Angabe des frühesten nachweisbaren Auftretens von Juden und weiteren'historischen Nachwei-. sungen. Außerdem ist eine sorgfältige Karte der Siedlungen beigegeben. Der Bilderteil, der weit über 150 zum allergrößten Teil erstmals veröffentlichte hervorragende Aufnahmen alter und neuer Synagogen, Friedhöfe, Grabsteine usw. enthält, zeigt zunächst „Jüdische Kulturreste aus dem. Württemberg im Mittelalter," beginnend mit einem bedeutsamen Fund aus der allerletzten Zeit, nämlich einer Katakombe in Heilbronn, und sodann bestehende G'tteshäuser und Friedhöfe, wobei sämtliche israelitischen Religionsgemeinden Württembergs berücksichtigt sind. Ein Ortsregister und ein Verzeichnis der benützten Quellen machen den Schluß. Die hier wiedergegebenen Bilder sind aus dem alten Judenfriedhofe zu H e i 1 b r o n n.. Die Inschrift Nathan ha Parnes (DJIDH befindet sich im Keller des Hauses Lotharstraße 22, wo sich bis 1348 die Synagoge befunden haben soll. Hier handelt es sich also um eine Katakombe, wie sie die italienischen Juden auch in Deutschland, wohin sie ausgewandert waren, als Friedhof benutzten. Dieser Vorsteher Nathan, dessen Namen in der Nische verewigt ist, wohl ein sehr verdienter Mann, lebte im 9. Jahrhundert. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß in dieser Katakombe sich noch mehr Gräbernischen befanden, die zugemauert wurden. Mit der Feststellung der Katakomben verliert die Tatsache, daß man keine jüdischen Grabsteine aus der Zeit vor 1000 gefunden hat, für die . Feststellung der ersten, Judensiedlungen in .Deutschland jeden Wert. Zu den ältesten jüdischen Friedhöfen in Württemberg'' gehört' auch der in Rexin- ,g e n j den wir hier im Bilde zeigen. Eeben und Treiben in der Kewuzah Grussenheim. Von Moritz Gelernter. , Das bekannte Sprichwort: „Die Zeiten ändern; .sich .und die Menschen mit" bewahrheitet sich . wieder j einmal. Wer hätte noch vor Jahresfrist gedacht, daß : ein . großer Teil der orthodoxen jü-; dische.n Jugend in Deutschland .sich auf den landf wirtschaftlichen und: handwerklichen Beruf umstelle« würde? Es-schien doch beinahe jedem, als (Selbst-: •Verständlichkeit, weiter Kaufmann zu bleiben oder! seine akademischen .Studien fortzusetzen und''es ger hört schon eine: Portion Mut dazu, seine bisherige Tätigkeit, aufzugeben und sich wieder die Berufe zu erwählen, die bereits unsere früheren Generationen ausgeübt haben. De.r-junge Jude,: der von der Assi-r; milation schon sehr stark berauscht war, wurde durch