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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 2 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 ein Skeptizismus, der Erstaunen erweckte. Fragen an die Lehrer von einschneidender Schärfe und in diesem Kreise nie vernommener Kühnheit tauchten auf und ließen in ein Wunder von Klugheit und zugleich in eine Tiefe von Abwegigkeit schauen. Ein Saulus-Paulus-Phänomen kündete sich an. Noch aber war nichts geschehen, was den mit allen Fasern seines Lebens im Boden des Judentums wurzelnden jungen Stürmer zu einem faktischen inneren Bruch und Wandel hätte kommen lassen müssen. Der Weg der Kritik und des Suchens an sich muß, solange er sich innerhalb der eigenen jüdischen Grenzen bewegt, noch durchaus nicht zu Konsequenzen äußerster Art führen. Erst als sein rastloser Geist weiterdrängte und sich auch mit dem fremden, außerjüdischen Geistesgut berührte, begann bei ihm das allmähliche Hinausgleiten aus den Wahrheiten, de ihn bisher trugen. Sich auch außerhalb des Judentums und seines religiösen Gedankenkreises nach der Wahrheit umzusehen, kann natürlich nicht als Fehler und Sünde angesehen werden, aber nur solange man die Wahrheit mindestens so stark wie im -neuen Fremden, auch noch im alten Eigenen sucht und vermutet. Aber Spinoza betrat die Bahn des außerjüdischen Geistesgebietes mit einer bereits eingetretenen Minderbewertung der eigenen jüdischen Grundlehren. Das Heil der Wahrheit schien ihm nur noch von der neuen Suche abzuhängen, und dies ward ihm im jüdischen Sinne zum Verhängnis. Durch die lateinische Sprache, auf die er sich mit dem Heißhunger eines von Wißbegierde Besessenen stürzte und die er sehr bald gründlich erlernte, erschloß er sich den ersten und in der damaligen Zeit wichtigsten Zugang zur Philosophie. Die Antike und das Mittelalter, mit dem mehr autoritären und dogmatiscen Charakter des Denkens, berührten ihn indessen weniger. Erst die Bekanntschaft mit der neueren freieren und mehr evolutionistisch angehauchten Wissenschaft, die in ihrer grundstürzenden Denkart und Methode seinem eigenen Wesen stark entgegenkam, übte auf ihn ihre volle Anziehungskraft aus. Und da hatte es ihm vor allem der philosophische Apostel seiner Zeit, der als der Vater der neueren Philosophie bezeichnete Renee Descartes, Cartesius, angetan. Der Skeptiker Renee Descartes verfolgte bekanntlich die Methode, durch das Mittel der vorersten Verneinung alles Wissens in den Bereich des wirklichen Wissens vorzudringen, alles und jedes zunächst zu bezweifeln und, wenn, angängig, zu verneinen, ja selbst das eigene Ich nicht ohne weiteres als existent anzusehen, und dann erst, nach gelöstem Zweifel, um so fester und sicherer zur wahren Wirklichkeit und zur Bejahung zu gelangen. Als Mittel auf diesem Wege des Vorstoßes vom Ungewissen zum Gewissen, führte Cartesius den fortan in der rationalistischen Philosophie dominierenden Begriff des Denkens ein. So gelangte er zu der berühmten Formel: „Cogito ergo sum", „Ich denke, somit bin ich". Alles in Welt und Leben kann dem Menschen keinen sicheren Beweisschluß dafür liefern, daß er selber überhaupt existent ist, weil ja alles, was dem Anscheine nach da ist, eine Kette von aneinandergefügten Abhängigkeiten darstellt und den Menschen selbst mit darin einschließt. Erst die unbestreitbare Tatsache des Denkens an sich — so argumentiert Cartesius — gibt die Gewißheit, daß der Denkende auch vorhanden ist, denn wie würde er sonst sich selber denken können, wenn er selbst nicht existent wäre. — Auf der Tatsache des Bewußtseins beruht demnach die Ueberzeugung, daß es überhaupt so etwas wie eine Wirklichkeit gibt .Der Weg zum Wissen führt also — wie übrigens ähnlich schon Sokrates lehrte und Spuren davon auch im Judentum sich nachweisen lassen — über das Nichtwissen. Wir wissen nichts, wir denken nur über uns und die Lebensdinge nach, aber indem wir das eben tun, indem wir denken, wissen wir, daß wir und mit uns die Dinge da sind. Spinoza griff den Skeptizismus Descartes mit großem Eifer auf. Er benützte ihn aber nicht dazu, etwa von den Zweifeln in Glaubensdingen, die ihn erfüllten, entsprechend zu ihren Beweisen vorzudringen, z. B. aus dem Denken über G'tt auf G'tt selbst zu schließen und bei diesem Schluß zu verharren und ähnliches mehr. Er blieb diesbezüglich vielmehr im Skeptizismus stecken und übertrug ihn vor allem gerade auf die Probleme der Religion, insbesondere auf die Bibel und ihre Lehren. Ja, er ging geradezu zu einem Generalangriff auf die Bibel über und zog alles und jedes in ihr zumindest in Zweifel, indem er ihr im wesentlichen überhaupt die Originalität absprach, was ihm den von unserem Standpunkte aus recht zweifelhaften Ruhm des ersten Bibelkritikers eintrug. Die Krone aber setzte er seinem destruktiven System des alles Bezweifeins mit seiner kühnen, allzu kühnen Lehre von G'tt auf, die einer völligen Verneinung G'ttes gleichkommt. Da G'tt, nach ihm, durch nichts bewiesen und durch nichts zu beweisen ist, bliebe nur höchstens übrig, ihn vorauszusetzen. Aber G'tt voraussetzen heißt, so sagt er, nichts anderes als ihn zugleich leugnen, als zu gestehen, daß er eben unbeweisbar und somit unexistent ist. Man könnte ihn vielleicht, so gibt er einen Augenblick zu, aus dem klaren Denken erweisen, aber dieses zeigt uns in keinem Punkte die Rechtfertigung eines außerweltlichen persönlichen G'ttes. Denn wir nehmen nur Wirkungen, aber kein Wirkendes wahr. Wenn es deshalb einen G'tt gibt, so nur einen, der sich selber in uns denkt, aber keiner außerhalb unserer und der Welt. Denn alles — so sagt er und erinnert damit an das ,,Eins und Alles" der Eleaten — ist nur ein einziges Sein, das zugleich auch G'tt ist, oder die Substanz, wie er das Allsein definiert. Unser Ich, die Natur und G'tt, das ist im Wesen eins und dasselbe, nur von verschiedenen Gesichtspunkten aus gesehen. Diese Gesichtspunkte sind das Denken und die Ausdehnung, sie bilden die Attribute dieses einen Seins. Alles Geschehen, Leben und Dasein sind nur die Modifikationen davon. Von einem persönlichen G'tt reden heißt danach, sich in das Reich der Illusionen begeben. Dasselbe heißt es auch, G'tt einen freien Willen zuzusprechen, oder ein freies Handeln nach Zielen und Zwecken. G'tt ist von ewig her so, wie er ist, und handelt von ewig her nach den ihm ewig innewohnenden Gesetzen des So¬ und Nichtanderskönnens. Er kann nicht aus der Natur heraus, wie die Natur nicht aus ihm heraus kann, denn „deus sive natura", „G'tt, das ist die Natur". In diesem Satze gipfelt seine Lehre, die in ihrer scheinbaren Vereinfachung und Vereinheitlichung der letzten und höchsten Fragen und Vorstellungen durchaus geeignet ist, den Betrachter zu verblüffen und seine Zustimmung zu erzwingen. Sieht' man sich aber erst einmal das ganze Gedankengebäude näher und in Ruhe an, so wird man alsbald nicht nur schwere Lücken in seinem Gefüge finden, sondern auch schnell erkennen, daß ihm zuzustimmen einer Verleugnung nicht nur aller religiösen, sondern auch aller ethischen Grundlagen gleichkommt. Denn aus der Gleichung und Identifizierung von G'tt und Natur, die etwa an die Gleichung der Natur des Dreiecks erinnert, wonach nämlich die. Summe seiner Winkel gleich zwei Rechten ist, folgt mit Notwendigkeit die Auflösung der höchsten Lebensbegriffe in tote mathematische und mechanische Formeln. So folgt u. a., was Spinoza selbst offen gesteht, z. B. daraus, daß es, wie bei G'tt, so erst recht beim Menschen keinen freien Willen gibt und damit keine Verantwortung und kene Rechtfertigung, keine begründete Belohnung und keine verdiente Strafe und selbstverständlich keine Einwirkung und keine Gnade. Alles und jedes ist danach vielmehr der Determination unterworfen, d. h. gezwungen, so zu handeln, wie gehandelt wird. Ein Mensch, der nach Spinoza jemals meint, frei zu sein, ist vom größten Irrtum befallen und ist etwa wie ein Stein, der während des Wurfes sich einbildet, zu fliegen. — Wie kommt Spinoza, dessen Intellekt von Jugend auf in den Lehren des Judentums geschult, ja in eine Atmosphäre absoluter G'tttrunkenheit getaucht war, zu dieser Lehre, einer Lehre, die bei aller eigenen Genialität doch unverkennbar auf eigene Ursprünge und Einflüsse, von ersten Quellen zurückgeht, die doch unmöglich nur im Außerjüdischen liegen? Gewiß, die Berührung mit dem Außerjüdischen hat die bereits angesetzten Keime zur Entfaltung gebracht, aber die Keime selbst muß er sich doch wohl im Jüdischen selbst geholt haben. Wie weit ist das wirklich so? Dem'Judentum feindlich Gesinnte werden schnell mit der Antwort zur Hand sein und sagen, daß es im absoluten Sinne wirklich so ist. Spinoza hat seine destruktive Lehre, die alles in Schaum auflöst und G'tt eine Illusion sein läßt, aus seinem Judentume geschöpft und man kann daraus wiederum ersehen, wie sehr eben alles zersetzende, nihilistische Denken vom Judentume ausgeht. Aber dem ist lange nicht so. Wohl sind die Keime seines machtvollen G'ttdenkens im Monotheismus des Judentums zu suchen, aber seine nihilistische Umbiegung des G'ttgedankens ins G'ttverneinende ist einzig und allein auf das Konto eben seiner Wegwendung vom Judentume zu setzen. Der Extremist in ihm, nicht der Jude an sich, der Marrane, in dessen Adern besonderes Schicksalsblut floß, hat sich, wie bereits ausgeführt, in diesem Punkte zur Auswirkung gebracht. Insoweit gerade dasNichtvolljüdische in ihm zutage trat, tat er das, was er tat, und es ist das, was einmal die talmudischen Weisen in die Absicht Hiobs verlegen. Hiob wollte, so sagen die Weisen sinnbildlich, die Schüssel seines ihm zugeteilten Maßes auf die Gegenseite umstülpen, ohne zu bedenken, daß dabei der Inhalt überhaupt verloren ginge (Baba-Bathra 16/1). Spinoza tat das aber wirklich, was Hiob nur tun wollte. Er fand im Judentume die Idee des Universalismus vor, den uralten G'tteinheitsgedanken, und wandelte ihn in sein gerades Gegenteil um. Der streng konsequente jüdische Monotheismus stellt allerdings eine Allg'ttlehre dar, jedoch, eine, die die Welt G'tt und nicht G'tt der Welt ein- und unterordnete. Die Welt ist von G'tt, ihrem Schöpfer, Bildner und Lenker erfüllt. „Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit", läßt Jesaia die das Dreimalheilig rufenden Engel sprechen. Die Kabbala und der Midrasch fügen noch hinzu, daß G'tt der sie fassende Ort der Welt ist, aber die Welt ist nicht der ihn absorbierende Ort G'ttes. G'tt ist der „En-Soff", der unendliche Urgrund, das absolute Wesen ohne Ende, während die Welt, wie man feststellen kann, in allen ihren Aeußerungen und Bestandteilen von Begrenzungen und Enden bedingt ist. Diesen positiven Pantheismus, nach dem die sichtbare Welt mit ihren wahrnehmbaren Wirkungen eben von dem unsichtbaren G'tt, dem wirkenden zeugt, griff Spinoza mit einer allerdings genialen, aber verhängnisvollen Wendung auf und bog ihn in sein negatives Gegenteil um. Die Welt ist, nach seiner Darstellung, in G'tt nicht etwas Besonderes, G'tt ist vielmehr schon in der Welt enthalten und ist nichts außer ihr. Er stülpte die Schüssel um und verschüttete den Inhalt. G'tt, was eben G'tt sein soll, geht ihm dabei verloren. Den neuen G'tt aber, den er dafür einsetzt, hebt er in sich selbst wieder auf. Denn gibt es — wie Spinoza darlegt — nur die eine Substanz, in der G'tt und Natur identisch sind, so müßte diese Substanz die Ursache ihrer Selbst sein. Dieses aber, nämlich eine causa sui, sozusagen eine Selbstursache des eigenen Selbst, gewissermaßen eine Sich- Selbsterzeugung, ist undenkbar. Spinoza führt in seinem eigenen System den Beweis, daß es nichts ohne Ursprung und Ursache geben kann. Sein ganzes Lehrsystem baut sich überhaupt darauf auf, daß alles auf Ursachen und diese wieder auf Ursachen zurückzuführen sei. In welcher letzten Ursache sollte nun die Welt münden, wenn sie, als eben mit G'tt identisch, in sich selbst schon als ihre Ursache angesehen werden müßte? Wie

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