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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Das Phänomen Spinoza, ein Schicksalsbild des Judentums. Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Mari weiß nicht, ist es Tragik oder ist es Gnade, daß sich das Judentum mehr als einmal .gerade mit den geistigen Gegnern, die ihm aus seinem eigenen Schöße erwuchsen, am meisten und stärksten auseinanderzusetzen hatte. Man braucht nur z. B, an Paulus zu denken oder an Acher, und sie sind wahrlich nicht die einzigen und nicht die geringsten, die ihre Größe und Geltung ursprünglich aus den Mutterbrüsten ihre Volkes sogen und dann hingingen, sich zu wandeln und gegen die eigene Mutter zu zeugen. Das Jesajanische Wort: Herbei eilen deine Kinder, deine Zerstörer und Verwüster ziehen von dir fort" Jesaja 49/17), hat mit einem gewissen Rechte die bekannte Variante erhalten: ,,.. . Deine Zerstörer und Verwüster — *jaö' von dir selber gehen sie aus". Spinoza, der Amsterdamer ' sephardische Judensprößling, dessen 300. Geburtstag die Geistes- und Kulturwelt unserer Zeit im letzten Jahre feierte, ist ebenfalls einer von jenen in diesem Sinne bemerkenswerten Gestalten. Was er aus seinen Grundlagen heraus geworden ist, ist er aus dem Judentum heraus geworden, aber er wandte sich gegen das Judentum, Die Verteidiger seines Vorgehens verglichen sein Verhalten mit dem Vorgang eines Vogels, der, wenn seine Zeit da ist, dem Mutterei entschlüpft und dabei die Schale, die ihn bisher beherbergte, zerbricht. — Aber das Ei ist nicht des Vogels Mutter, sondern nur die Hülle seines Selbst, Nicht der Mutter entschlüpft der regsam gewordene Vogel, wenn er die Eierschale sprengt, an sie schmiegt er sich vielmehr jetzt erst recht an, die ihn ernährt und erhält. — Des Judentums geistige Mutter ist in erster Reihe die Lehre des Judentums. Ungetreuer ist dieser Lehre aber kaum jemals einer ihrer geistigen Gegner geworden als Spinoza, und nur in wenigen Figuren weist die Geschichte ähnliche starke jüdische Widerparten der jüdischen Weltanschauung auf. Es soll und kann nicht Gegenstand und Aufgabe dieser Abhandlung sein, dieses im besonderen und näheren erschöpfend aufzuweisen. Die totale Auseinandersetzung des Judentums mit dem Spinozismus ist ein Kapitel, und wahrlich kein geringes, für sich. Aber soweit es im Zusammenhange liegt, soll indessen auch darauf entsprechend eingegangen werden. Dabei sei aber sogleich vorweggenommen, daß die Lehre des Judentums auch aus dieser Versuchung ungebrochen hervorging und, wie schon manch einmal in der Geschichte, sich auch den Angriffen und Ideen eines Spinoza, die in ihrer Wucht wie aus dem Granit der Philosophie aller Philosophien gemeißelt zu sein scheinen, gewachsen erwies. Das Fundament des Judentums, das im Glauben und Wissen von dem einig einzigen persönlichen G'tt und im Festhalten an den biblischen Wahrheiten wurzelt, ist auch durch Spinoza nicht erschüttert worden, wie es denn aus allen Wenden und Wandlungen der Menschen, Zeiten und Weltanschauungen stets siegreich hervorgegangen ist und bis auf den heutigen Tag befehdet, aber nicht überwunden dasteht. Spinoza selbst — und das soll als das Charakteristischste aus dieser Untersuchung hervorgehen — muß mit eigener Person in Leben und Lehre, ob auch ungeahnt und ungewollt, dafür zeugen. Wie es von der Ehrung des Sabbats einmal Heißt, daß der Engel des Widerspruchs selbst sein Ja und Amen dazu sagen muß, und wie im Jakobsringen mit dem Gegengenius, der Widerpart selbst schließlich Jakob seinen Segen erteilen mußte, so haben alle der Lehre des Judentums geistig Widerstreitenden, und unter ihnen auch Spinoza, nur zu seiner um so stärkeren Bekräftigung und Befestigung beigetragen. Und das ist es, was die Tragik, wie stets, auch in dem Falle Spinoza in Gnade für Israel umwandelte. Aus dem anfangs gefürchteten Fluche wurde hier wiederum einmal ein heilsamer Segen. ,,Sub specie aeternitatis", „unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit betrachten", das ist Spinozas höchster Grundsatz, zu dem sich nach ihm das menschliche Denken erheben muß. Das Denken soll darnach zur intuitiven und letzten Geistesschau des Intellekts hinführen. Mit dieser berühmten Formel erreicht sein tiefgründiges Hauptwerk „Die Ethik" seinen Höhepunkt. Man könnte aber dieses hohe Wort mit weit größerem Rechte als Schild und Motto über Lehre und Leben des Judentums, das zu überwinde* „Die Ethik" mit vorhat, setzen, denn dieses erweist sich für jeden, der ihm ehrlich bis zu seiner höchsten Schau folgt, als wirklich für die Ewigkeit begründet. Die Jahrtausende seiner Unüberwindlichkeit haben sich schon rein äußerlich als Spiegel seiner Innerlichkeit erwiesen und .gezeigt, daß an das Judentum herantreten sich an die Ewigkeit heranwagen heißt und daß es deshalb nur; unter dem Gesichtswinkel eben der Ewigkeit zu betrachten ist. Ob der Spinozismus und mit ihm ebenso alle Gedankengebilde der Welt, die sich gegen die jüdische Gedankenwelt wenden, das von sich sagen dürfen, wird mindestens noch zu erweisen sein. Die Jahrtausende werden es erst noch zu bestätigen haben. In seiner Jugend gab es auch für Baruch de Espinoza nur eine einzige große Wahrheit, das Judentum; er mochte es nicht anders als unter dem Gesichtswinkel der höchsten Wertung betrachten. ■ Wenn es später anders kam, so lag es nicht am Judentume, daß sich etwa in einer objektiven Unhaltbarkeit erwies, sondern es lag an ihm, der ein anderer wurde und es subjektiv nicht mehr wie früher sah. Es bewahrheitete sich an ihm das talmudische Wortspiel zu dem Schriftvers „...und mache daran (an der Bundeslade) einen goldenen iKranz ringsum" ant 1t (Exod. 25/11) „Dem wahrhaft Begnadeten wird die Thora zum Kranze (")i)> dem von der Gnade Verlassenen aber wird sie zur Entfremdung {*)),) wobei das Wort in beiden Fällen das gleichgeschriebene bleibt und nur durch die Punktation einen verschiedenen Sinn erhält. (Joma, 72/2). Spinoza entstammte bekanntlich einer alten Marranen - Familie, die, wie viele andere dieser Art, um sich wieder offen zum Judentume zu bekennen, sich von dem unduldsamen Spanien nach dem freien Holland, und zwar nach Amsterdam, dem „Neujerusalem" des 16. und 17. Jahrhunderts, wandte. Die geistige Atmosphäre, in der der junge Baruch heranwuchs, atmete reines, echtes und felsenfestes Judentum. Das Bibel- und Talmudstudium, ja auch das der Kabbala blühte, wie denn der ganze Kreis der spaniolischen Gemeinde von einer ungemein tiefen Frömmigkeit und einer religiösen Gewissenhaftigkeit stärkster Art erfüllt war. In diesem Milieu saß der überaus begabte Jüngling zu Füßen berühmter Lehrer und Meister, deren Lieblingsschüler er wurde. Man wurde übrigens auch darüber hinaus sehr bald auf ihn aufmerksam und setzte große Hoffnungen, auf ihn, ja man meinte in ihm bereits den zukünftigen großen geistigen Führer sehen zu dürfen. Sein Eifer und ständig wachsender Erfolg im Studium waren auch dazu angetan. Dazu kam, daß er nicht bloß bei den rein theologischen Disziplinen, den hebräischen Fächern, stehen blieb, schon sehr früh suchte er sich vielmehr auch mit den Problemen der Religionsphilosophie bekannt zu, j machen. Denker, wie z. B, der große Kritiker und Bibelexeget Abraham Ibn Esra, der tiefschürfende und kühne Geistesstürmer Chasdai Creskas und vor allem der Geistesfürst Moses Maimonides zogen den jungen Wissensdurstigen machtvoll an und übten eine tiefe, Zeit seines Lebens anhaltende Einwirkung auf ihn aus. In seinem ungemein lebhaften Geiste gestalteten sich indessen die Eindrücke mehr ins Reflektive, wenn nicht gar Destruktive, als ins Rezeptive gehend. Schon indem er etwas in sich aufnahm, ließ er den Zweifel darüber mit in sich ein. In seinen Adern rollte Marranenblut. Von den Extremen angezogen und zugleich abgestoßen, trieb sein Geist, wiewohl äußerlich völlig der Ruhe ergeben, unruhig von Pol zu Pol, ewig suchend und stürmend, wie; das Schicksal der Marranen im äußeren Gleichmaß innere Stürme in sich barg. Neben tief erlebter und betätigter Frömmigkeit, eine von den schwersten Zweifeln zerrissene Seele. Schon in dem fünfzehnjährigen, dem Thorastudium ganz Ergebenen äußerte sich

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