Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 20 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 geblichen Entscheidungen der Thora und unserer Führer, der Talniide Chachomim, unbedingt fordern. Wir waren also nicht nur jetzt, sondern seit jeher darauf bedacht, in unserer Schule unsere spezifisch-jüdische Eigenart zu wahren. Ausführlich habe ich darüber schon im Jahre 1928 in einem Vortrag gesprochen, den ich vor den Mitgliedern und Eltern der Adaß Jisroel im Tiergartenhof halten durfte. Ich trage Ihnen also hier nichts vor, was vielleicht eine post festum entstandene Konstruktion v/äre. Ich werde mir jetzt erlauben, meine Damen und Herren, Ihnen einen kurzen Ueberblick über den Lehrstoff zu geben und Ihnen gleichzeitig an einigen Beispielen zu zeigen, wie wir dabei unserer speziellen Aufgabe gerecht zu werden trachten, den gesamten Unterrichtsstoff unserem jüdischen Erziehungsideal dienstbar zu machen. Daß hierzu der spezielle hebräische, talmudische und Biblische Geschichtsunterricht dem verständnisvollen, seiner Aufgabe stets bewußten Lehrer Anregungen und erwünschte Angriffspunkte, erzieherisch auf die ihm anvertraute Klasse einzuwirken, in reichem Maße bietet, ist so selbstverständlich, daß ich jede dieser Stunden als verloren betrachte, die eine derartige Gelegenheit nicht nutzt. Andererseits wird der erfahrene Lehrer der Gefahr . einer zu langen oder sich zu oft wiederholenden Diskussion ausweichen, um sich nicht von vornherein seines Einflusses zu berauben. Betrachten wir einmal den Verlauf eines Vormittags in der untersten Klasse: Ich folge der Eintragung des Lehrers in das Klassenbuch vom Jahre 1928. Die Kinder haben, wie üblich, den ersten Abschnitt des Sch'ma im Chor auswendi; gesungen, zum Teil gesprochen. Der Lehrer eri-ihlt ihnen die Geschichte von Esow und Jacob. Die Kinder geben sie wieder; und nehmen Partei für und gegen das Brüderpaar. Ueber die Geschwisterliebe werden Betrachtungen angestellt, und daß Esow nicht nach dem Essen gebenscht hat, gebührend verurteilt. Im Hebräischen liest und schreibt die Klasse die Sätze /n nmai nmvi nioxi apy» m nans npmi usw. Deutsch gelesen und gedruckt werden die Worte: Esau, Jakob, Jäger, Zelt, Zwillinge, Wildbret. Und kleine Sätze: Rebekka liebte den Jakob. Er war fromm. Einmal kochte er Linsen. Im Sachunterricht bildet „die Jagd" das Thema, und Tierquälerei wird gehörig gegeißelt. Im Rechnen wird der Begriff „Zwillinge" in „Paar" umgesetzt und mit „Paar" und 1X2 operiert. Modelliert und gezeichnet werden nach Wahl: Ein Jäger, ein Hund, ein Hirsch, ein Zelt usw. Nun möchte ich Ihnen aus dem Sach- und Erlebnisunterricht, also aus einem Teil des Deutsch-Unterrichts, vom ersten Schuljahr einige Themen mitteilen, die zwischen die profanen gestreut sind: Festtagserlebnisse im häuslichen Kreis; Der Sedertisch; Vom Wochenfeste; Die drei Wochen; Daheim und in der Synagoge am Neujahrsfeste; Wenn die Großen fasten; In der Laubhütte; Meine Fahne am Simchas-Tauroh; Ich helfe der Mutter vor dem Sabbat und Festtag; Bei uns am Freitag-Abend; Der Vater bringt einen Gast mit; Sabbat-Ausgang; Chanukahspiele; Der Bäume Erwachen am Chamischo-Ossor; Maskerade an Purim. Gezeichnet und geformt werden u. a.: Eine Mazzoh, eine Barches, ein Becher, eine Mesusoh, Sefer Tauroh, Schaufor, Jahrzeitslicht, Lulow, Esrog, eine Sukkoh, eine Besomim-Büchse usw. Daß die Kleinen aus dem Siddur bald die Gebetsstücklein lesen, die sie auch singen können, erwähne ich nur nebenbei. Soviel über die Arbeit im ersten Schuljahr. * Der Deutsch- und Heimatkunde-Unterricht wird in den folgenden Klassen ebenfalls mit Besprechungen aus dem täglichen, dem sabbatlichen und festtäglichen Leben des Juden durchsetzt und zu Diktaten und Aufsätzen geformt. Profane Lesestücke, Fabeln, Gedichte und Sagen werden vom jüdischen Moralstandpunkt beleuchtet und, wo es nur angeht, Parallelen zu Stellen aus Tenach und Midrasch gezogen. Im Schreiben, Zeichnen und Singen verwenden wir ebenfalls nach Möglichkeit jüdische Stoffe und lassen sie mit den profanen abwechseln. Das Gleiche gilt für den Unterricht in den Volksschulklassen. In den Volksschulklassen, das ist vom 5. bis 8. Schuljähr, wird der gesamte Profanunterricht in ähnlicher Weise durch jüdische Gedankengänge gewürzt. Ein Gedicht wie die „Bürgschaft" wird in Beziehung gesetzt zum Freundschaftsbündnis Davids und Jonathans; das „Gewitter" führt uns zu der hohen Auffassung des t-nn 'n ov •»rr npb jt\i in: 'n und Ludwig Uhlands „Frühlingsglaube" mit seinem Refrain: Nun armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles alles wenden! findet seine Vertiefung durch Psalmen wie vbv -\no3 und "ionff vb '»T 'n. Freiligrath's „Auswanderern" wird Morris Rosenfelds „Sturm" aus „den Liedern des Ghetto" gegenübergestellt, die Dramen „Nathan der Weise",' der „Kaufmann von Venedig", soweit sie in der Volksschule behandelt werden, vor den Richterstuhl jüdischer Ethik und Gerechtigkeit gerufen. Es gibt kaum ein Thema im Gesinnungsunterricht, zu dem wir nicht in ungezwungener Weise vom Standpunkt der Tauroh aus Stellung nehmen und das so der Erziehung zu unserer Lebensauffassung dient. Der Hebräische Unterricht, der die Behandlung des Chumesch, einiger Haftauraus, der wichtigsten Dinim, ausgewählter MiscKnajoth-Traktate, ferner des Siddurs und Machsors umfaßt,, wird hervorragend in den Dienst der Erziehung gestellt. In der biblisch-jüdischen und Weltgeschichte halten wir es mit Samson Raphael Hirsch, der da sagt: Dieser Unterricht dient mehr zur Erkenntnis der Menschh e i t s entwicklung als zu der dem Leben fernliegenden Kenntnis der Dynastien; die ganze Geschichte ist nichts als ein Kampf, ob Geist oder Schwert, ob, wie unsere Weisen sägen, Jerusalem oder Cäsarea das Herrscheade sein soll. Ueber den naturkundlichen Unterricht habe ich eingangs schon einige Bemerkungen gemacht. Wir regen in ihm die Kinder zum Fragen über Weltentstehung und Weltenbildung an. Die Kinder lesen Bücher und Zeitungen, die ihnen häufig von den Hypothesen der Erdentstehung und Artentwicklung erzählen und zwar in einer Weise, daß sie mit den von uns gelehrten Erklärungen in Widerspruch kommen müssen. Da gilt es zu helfen. Wir zeigen ihnen, daß jene Hypothesen nur Versuche zu einer Lösung sind. Wir legen ihnen Bücher vor ,die andere Hypothesen, bringen, wir machen es ihnen klar, daß alle Gelehrten schließlich vor den letzten Fragen Halt machen müssen, wie das erste Lebewesen entstanden, aus dem die andern sich entwickelt'haben sollen, wie die erste Nebelwelt, der erste Sonnenball, aus dem sich der andere gelöst haben soll, gebildet, wie die Gesetzmäßigkeit im Laufe der Gestirne geregelt worden ist. Wir stellen unsere Unzulänglichkeit im Forschen nach den letzten Dingen fest, und wir sorgen dafür, daß die Tauroh unerschüttert und in ihrer ewigen Wahrheit maßgebliche Richtschnur in unserem Denken und Tun bleibt. Daß der Gesinnungsunterricht in der Oberstufe in der Hand eines Lehrers liegt, wie die Richtlinien es wünschen, haben wir immer durchführen können. Im letzten Jahr haben wir auch Gelegenheit genommen, die Geschichte der Neuzeit parallel mit unserer jüdischen Geschichte zu behandeln. Daß auch in der Oberstufe in diesem Jahr die Geographie Palästinas eine besondere eingehende Behandlung erfuhr, erwähne ich nur nebenbei. Ebenso daß wir in 4 Wochenstunden, in vier J ahrgängen der Volksschule seit Mai vergangenen Jahres englischen Unterricht am Vormittag mit nettem Erfolg erteilen. ' Ferner muß ich noch erwähnen, daß wir 4 Kurse für die hebräische lebendige Sprache eingerichtet haben, die 2 mal wöchentlich am Nachmittag stattfinden, und von den Kindern des zweiten bis achten Schuljahres besucht werden Endlich möchte ich noch nachtragen, daß viele Knaben Schiurim unserer Lehrer freiwillig besuchen, in denen sie Mischnajoth bezw. Gemorohunterricht erhalten. Und nun noch ein kurzes Wort über die zukünftige Entwicklung unserer Schule. In einem Referat, das ich Anfang Januar in unserer Lehrkonferenz gehalten habe, besprach ich die Planänderung die ich im neuen Schuljahr durchgeführt sehen möchte. Uns dürfte hier Folgendes interessieren: Im hebräischen Unterricht sollte der eigentliche Sprachunterricht am Vormittag eingeführt und für alle Schulkinder als obligatorisch erklärt werden. Im Geschichtsunterricht ist die allgemeine Weltgeschichte kürzer zu behandeln, und immer das Schicksal der Juden in dem jeweiligen Zeitabschnitt zu erörtern, wie überhaupt Parallelen mit jüdischem Erleben zu ziehen sind. (Schluß folgt.) Jüdisches Lehrerelend. Vor etwa zwei Monaten brachten diese Blätter eine Zuschrift des Kollegen Kahn-Höchst i. 0., in der an einem recht krassen Fall geschildert wurde, in welches Elend eine jüdische Gemeinde ihren Beamten hineingeraten lassen kann. Denn es gehört wirklich Mut dazu, sich eines schönen Tages in dem einmütigen Entschlüsse zusammenzufinden: Von heute ab bekommt unser Lehrer keinen "Pfennig Gehalt mehr! Man höre: Es erfolgte nicht eine Reduzierung der seither gewährten „fürstlichen" Honorierung, sondern glattweg die vollständige Streichung. Es darf jedoch nicht verschwiegen und kann als Milderungsgrund angeführt werden, daß gerade diese "Gemeinde, wie; uns von vertrauter Seite mitgeteilt wird, durch die Wirtschaftskrise besonders stark mitgenommen und zum großen Teile verarmt ist. Aber immerhin sind auch noch Mitglieder vorhanden, deren Leistungsfähigkeit außer Zweifel steht, deren Leistungswilligkeit jedoch nicht sehr weit vom Nullpunkt entfernt ist. Die Herren glauben genug getan zu haben, wenn sie verlangen: Unser Rabbiner und. der Landesverband, dem wir angehören, sollen dafür sorgen, daß unser Lehrer etwas bekommt:;.Wir geben jhm freie. Wohnung, das genügt uns. . So sieht es mit <jem jüdischen Pflichtbewußtsein in manchen Landgenieinden aus; so weit ab von jeder gutjüdischen. Gesinnung sind unsre edlen Glaubensgenossen entfernt. Wenn jedoch Kolli Kahn meint,.daß der erwähnte Fall wohl immer noch ein vereinzelter sein mag, so können wir ihm .leider auf Grund der uns izugegan,- genen Zuschriften nicht beipflichten. Da hören., wir, daß man einem Kollegen, der im nächsten Jahre das Glück hat, .sein 50jähriges Dienstjubiläum zu feiern, sein seitheriges, die \ ansehnliche Höhe von 900 Mk. erreichendes Gehalt auf 450 Mk. reduzierte, denn so meinte einer der Herren Gemeindemitglieder: das ist genug für den Lehrer. Er hat ja erwachsene Kinder, die sind dazu da, ihren Vater zu erhalten, nicht wir. Daß der Lehrer ein halbes Jahrhundert ein treuer Arbeiter für miayi mm stets war, daß er in seiner jetzigen Gemeinde, die ihn so herzlos behandelt, auch schon bald 30 Jahre tätig ist, läßt die Herren kalt, denn es ist ihnen schon längst jedes Gefühl dafür verloren gegangen, was das Judentum an Opferwilligkeit von seinen 'Bekennern verlangt. Ein anderer Fall: In einer Landgemeinde nicht sehr weit von dem Entstehungsort dieser Zeitung waltet in einer jüdischen Gemeinde deren früherer, heute pensionierter Volksschullehrer seines Amtes als Religionslehrer und Yorbeter. Als Entgelt für diese Leistungen stellt die Gemeinde dem Lehrer eine ziemlich erbärmliche Wohnung zur Verfügung. Das ist alles. Und nicht nur das! Sondern die Gemeinde stellt an den Kollegen das Ansinnen, er solle, um die Kosten der Heizung zu sparen, den Religionsunterricht in seiner Wohnung, abhalten. Chuzpe! Der Lehrer lehnt natürlich ab und schaut sich nach einer anderen Stelle um. Wir sind in der durchaus unangenehmen Lage, die angeführten Fälle, die davon zeugen, wie man heutzutage den jüdischen Lehrer zu behandeln wagt, noch um einige weitere Beispiele, die von der gleichen Art unjüdischer Handlungsweise jüdischer Gemeindevorstände und ihrer Gemeinden berichten, zu vermehren. Doch das Gesagte dürfte genügen, um als Beweis dafür zu dienen, daß das Judentum wahrlich keinen Grund hat, auf solche Gemeinden stolz zu sein, in denen man so mit dem Beamten und Diener des Judentums umgeht. Wir wiederholen: Wir wissen, daß viele Gemeinden in große Not gekommen sind, aber ebenso sicher steht fest, daß man bei sinkender Konjunktur sofort und ohne Bedenken bereit ist, sich an dem Gemeindebeamten schadlos zu halten und seine Bezüge gehörig und über das erlaubte Maß hinaus zu beschneiden. Die Folgen dieser unjüdischen und oft auch unmenschlichen Methode sind mancherlei Art und sehr" zum Schaden des Judentums. Der regulär vorgebildete Lehrer verschwindet allmählich und ist schließlich nur noch in wenigen,; aus einer wirtschaftlich besseren Zeit stammenden Exemplaren vorhanden. Er ist besonders auf dem Lande zum Aussterben verurteilt. Seit einiger Zeit zeigt sich jedoch im jüdischen Leben der Landgemeinden eine neue Erscheinung. Da sind es verkrachte Kaufleute, ehemalige Arbeitslose, Leute, die es in den verschiedensten Sparten erfolglos versucht haben, zu etwas zu kommen, die auf einmal den hehren Beruf in sich verspürten, sich als jüdischer Lehrer aufzuspielen. Vorbildung irgend welcher Art ist zwar nicht vorhanden. Das ist offenbar kein Manko, denn den Klein-. und Kleinstgemeinden kommt es darauf nicht an, sie sehen nur auf die Billigkeit, und in dieser Beziehung sind die sich offerierenden Herren „Lehrer" Idealgestalten reinster Prägung, sie arbeiten und „unterrichten" für jeden Preis; auf schnellem Stahlrosse, oft auch Motorrade, durchsausen sie die Lande, spüren das letzte jüdische Kind auf, um über es die Fülle ihres reichen jüdischen Wissens auszugießen; sie versäumen nicht, die törichten alten Herren, die auf ihre Seminärbildung und ihre langjährige pädagogische Tätigkeit so sehr stolz sind, bei ihren Gläubigen und Anhängern in ein recht schiefes Licht zu setzen, sie kräftig zu unterbieten und allein ihre Kraft und Tüchtigkeit in allen Farben und Tonarten zu preisen. Und solche Leute tauchen auch in Gegenden auf, in denen einst ein blühendes Schulwesen und ein ebenso blühendes Gemeindeleben zu finden war. Tempora mutantur, sie haben sich wirklich geändert, nicht zum Nutzen und Vorteile des Judentums. * Um naiüa a^vn zu sein, wollen wir zum Schlüsse das Bild einer Gemeinde hinstellen, deren Mitglieder natürlich ebenso unter den derzeitigen Verhältnissen zu leiden haben wie die anderen Gemeinden. Diese Gemeinde hatte das Unglück, daß ihr Beamter an einer schweren Krankheit dahinsiechte. Ueber ein , Jahr hat die Gemeinde ihrem erkrankten Beamten! da;s Gehalt, das an. sich schon über die Höhe der allgemein auf dem Lande gezahlten Lehrergehälter hinausging, in vollem Betrage ausgezahlt. Als das Schächtverbot sich auswirkte, wurde außerdem der größte Teil der ausfallenden Schächtgebühren von den Gemeindemitgliedern durch freiwillige Spenden aufgebracht. Es kann zum Lobe der Gemeinde gesagt werden: Bei dieser zur Tat gewordenen Brudergesinnung schloß sich niemand aus. Ein jeder tat seine Schuldigkeit mV u:t ups b> Alle drängten sich zur Zahlung ihrer Beiträge, niemand schloß sich aus, ein jeder wollte teilhaben an der großen nix» der Erhaltung des schwer Erkrankten und seiner Familie. Leider starb der Beamte nach mehr als einjähriger Krankheit. Auch dann versagte, das jüdische Brudergefühl nicht. Die Witwe erhält' monatlich eine ansehnliche Unterstützung ausr der npis-Ka^se dtlr Gemeinde, deren Mitglieder wirtschaftlich a\ich heute nicht auf Rosen, gebettet sind. Man sieht,*,,e;s geht auch so, wenn der Wille zu einem Judentum .vorhanden ist, das sich formt zu lebendiger Tat.