Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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]jöTö|öirö=ölfö1[?ll5H m!H! °i Erziehung* und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands C&sUU—! ^][M]Q= —III MM— ■—1 llololloll o—o llolioioll -HUMUM" SIIHll^ sara Verantwortliche Schriitleitung: L. Kaufmann. Sprendlingen (Kreis Offenbach) Zur Erinnerung an Albert Hirschberg b'XI* Siebenundvierzig Jahre stand Albert Hirschberg im Dienste der Israelitischen Volksschule zu Frankfurt a. M. Seine berufliche Tätigkeit galt ihm als heilige Berufung, als o->nv mxbn- Die Grundlage zu dieser hohen Auffassung war ihm im Elternhause gegeben worden, mwn '3-n war er aufgewachsen. Von seinem Vater, einem anerkannten osn vnbn, war er zu den Öuellen des jüdischen Schrifttums hingeführt worden. Und dieses Erfülltsein von o'ni? ns-P ist ihm sein ganzes . Leben hindurch wesenseigen geblieben. Wenn des Schicksals Stürme ihn noch so wild umtobten und gar oft tief zur Erde niederbeugten, seine in festem Grunde wurzelnde Frömmigkeit richtete ihn immer wieder auf. tuv d'vjz? ona U'/NJB? >»». Hirschberg hat fast das biblische Alter erreicht, oami pxi bizv und viel Schweres hat ihm die Vorsehung auferlegt. Der einzige Sohn — sein Stolz und seine Hoffnung — fiel als Opfer des Weltkrieges. Mochte aber noch so unergründliches Weh das vielgeprüfte Herz erfüllen, seine Schüler ließ er es nie empfinden. Die Schule war der Boden, aus dem er stets neue Lebenskraft sog. Im Kreise seiner Kinder war er heiter und jugendfrisch. Und so blieb er bis in sein Alter jung und lebensfroh, seine äußere Lebendigkeit war gleichsam ein Spiegelbild seiner inneren Elastizität. Unsere Weisen bemerken zu dem Schriftwort, >rji d^iv? Dianas D^am -»p-Hsm ypnn nma iTfir a^svnm ,,Die Weisen werden leuchten wie der Glanz des Himmels, und die viele zur Tugend leiteten wie die Sterne für immer und ewig." mpiiT nwn i^R D'ain >pma Esriel Hildesheimer V'XT. hat den Vergleich der Lehrer mit den Sternen durch eine geistvolle Deutung erklärt. Die Sterne, gewaltige Himmelskörper von außerordentlicher Größe, erscheinen dem Erdenbewohner infolge ihrer unendlichen Entfernung wie kleine Lichtpunkte. So geht mancher Lehrer, der innerhalb der vier Schulwände von den Menschen nicht beobachtete, nicht gewürdigte und doch so ungemein wertvolle Kleinarbeit leistet, leicht ungekannt unter seinen Zeitgenossen einher. Hirschberg war einer von denen, die auf hartem und steinigem Boden in Anspruchslosigkeit und unermüdlicher Treue geackert haben. Begabt mit hohen geistigen Fähigkeiten, ausgestattet mit Geist und Witz verstand er es, seinen Zöglingen auch den sprödesten Stoff mundgerecht zu machen. Er vermochte sich meisterhaft in das Seelenleben seiner Pflegebefohlenen einzufühlen, die verschiedenen Begabungen herauszufinden und zur Entwicklung zu bringen, die »sozialen Verhältnisse mit Takt zu berücksichtigen. Hirschberg war ein jüdischer Lehrer innan? nnnp iKün nKVso wurde der jüdische Unterricht bei ihm zur Erbauungs- und Erhebungsstunde, und dem profanen Unterricht fehlte die jüdische Note nicht. In dam halben Jahrhundert seiner Lehrtätigkeit wechselten dar oft die pädagogischen Anschauungen, die methodischen. Auffassungen. Er versackte nicht, sondern er blieb durch alle die Jahre hindurch ein guter Lehrer. Und das darum, weil er nicht unab- "bringlich am Hergebrachten haftete, weil er aber auch nicht zur Zunft der Stürmer zählte, die bei jeder Raddrehung der Zeit verbrennen, was sie bisher angebetet haben. Er prüfte alles und behielt das Beste. So verwuchs in ihm das brauchbare Alte mit dem Guten der fortschrittlichen Entwicklung zu einem organischen Ganzen. Seiner Verantwortung gegen die Schüler und Schülerinnen fühlte er sich nicht ledig, wenn sich die Schultüren nach der Beendigung des Unterrichts geschlossen hatten oder wenn die Kinder nach Ablauf ihrer Schulzeit entlassen waren. Er betreute sie unter Aufopferung von Zeit und Geld auch außerhalb der Schule, und er wachte in seiner religiösen Gewissenhaftigkeit aiich über die Schulentlassenen, deren geistiger Fortbildung er sich bis in sein hohes Alter annahm. Wie Hirschberg aber in der Schule ein Meister der Kleinarbeit war, so auch auf dem Gebiete der Lehrervereinstätigkeit. Der Bund gesetzestreuer Lehrer pifriwar sein Lieblingskind. Von der Wiege an hatte er es umsorgt. Er war der Schriftführer dieses Vereins, der seiner Devise gemäß zur Festigung des Glaubens gegründet worden war. In Zurückgezogenheit und Bescheidenheit leistete er dem Vereine den wertvollsten Dienst, dabei die Bestrebungen des Bundes mit Wort und Beispiel, mit Rat und Tat fördernd. Seinen schönsten Lohn fand er darin, wenn er sich unerkannt als treuer Helfer der be drängten Kollegen, als hilfreicher Beistand der Leh rerwitwen, als wahrer Vater der Lehrerwaisen bewähren konnte. Ein arbeitsreiches Leben ist zu Ende gegangen, Hirschberg ist eingegangen in das Reich ewigen Friedens, möge er dort die Frucht der Segenssaat ernten, die er in dieser Welt ausgestreut hat. Unsere Stellung zu den Richtlinien und ihre Verwirklichung in der Adass Volksschule- Von M. Sinasohn, Rektor in Berlin. (Fortsetzung.) Wir haben als Lehrer unseren Stolz darein gesetzt, uns in dem Unterricht der Gesinnungsfächer in nichts von den christlichen Lehrern zu unterscheiden. Wir haben dagegen gekämpft, wenn man uns an Simultanschulen als Deutsch- oder Geschichtslehrer nicht zulassen wollte. Und wir Lehrer an jüdischen Schulen haben ebenfalls den Unterricht so deutsch, so patriotisch gestaltet, daß unsere Schulräte mit Recht mit uns zufrieden sein konnten. Wohl herrschte in den jüdischen Schulen, die das Glück hatten, von gesetzestreuen Lehrern betreut zu werden, in den Bibl. Geschichts-, in den Religionsstunden jüdische Atmosphäre. Das meint wahrscheinlich auch Direktor Elias, aber mehr war -es nicht. Weder stand der jüdische Unterricht im Mittelpunkt des Schulbetriebes, noch waren die Gesinnungsfächer von jüdischem Geist durchweht. Wir haben ja den früheren Unterricht an den jüdisch-deutschen Volksschulen zum Teil als Lehrer, zum Teil als Schüler kennengelernt, um uns ein genügendes Urteil bilden zu können. Wir müssen daher das Erscheinen der Richtlinien, wenn wir auch die eindeutige, jüdisch traditionelle Stellungnahme vermissen — wir müssen die Aufrüttelung vieler Lehrer aus altem Trott, die Anleitung, die sie allen Suchenden gewährt, freudig und anerkennend begrüßen. Ich betrachte sie als einen ersten Schritt vorwärts zur Schaffung der spezifisch jüdischen Volksschule. Nun noch ein Wort, meine Damen und Herren, über den hebräischen Sprachunterricht. Wir haben in unserem Lager immer noch manchen Gegner des hebräischen Sprachunterrichts und besonders der sephardischen Aussprache. Es sind Männer, deren Wort gewichtig ist, von deren Erfahrung und Weisheit wir gerne Nutzen ziehen. Ihnen erlaube ich mir, Folgendes ZU bedenken zu geben: Der Wunsch nach hebräischer Sprachfertigkeit ist ohne Zweifel nicht nur eine Augenblicksforderung, ist nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Umstellung, der besseren Lebensmöglichkeit im Falle der Auswanderung nach Palästina, oder gar ein national-jüdisches Postulat, es ist m. E. ein mit der Selbstbesinnung auf unsere Eigenart, mit der Vorrangstellung der jüdischen Kultur zusammenhängendes Problem. Unsere Talmide Chachomim haben auch Loschaun hakaudesch geschrieben und gesprochen. Geschäftliche und familiäre Mitteilungen sind auch in Deutschland noch vor 100 Jahren häufig in hebräischer Sprache brieflich übermittelt worden. Und soll nicht gerade der heilige Geist der hebräischen Sprache auch unsere Werkta£s?prache durchwehen? Der Standpunkt, daß Loschaun hakaudesch nur im G'ttesdienst gesprochen werden soll, muß verlassen werden, wir gesetzestreue Lehrer müssen fordern: Die Jüdische Volksschule soll das lebendige- Hebräisch so pflegen, daß die Kindernach vollendeter Schulpflicht fähig sind, sich in Wort und Schrift in genügender. Weise auszudrücken. Es ist bemerkenswert, daß die Richtlinien ergänzend schreiben ^„aus der nachbiblischen und modernen hebräischen Literatur sollen Werke jüdisch-religiöser Grundhaltung hinzutreten." Wenn wir das Wort traditionell zu jüdischreligiös hinzufügen, sind unsere Belange gewahrt. Das ist das Wort, das wir vermissen, das ist die Tat, die wir verlangen, und nur der Halbheit oder "Vieldeutigkeit der Richtlinien gilt unsere Kritik. Ich komme jetzt, meine sehr Verehrten, zum zweiten Teil meiner Darlegungen, zur Darstellung der Entwicklung der Adaß Jisroel-Volksschule im Hinblick auf die Weisungen der Richtlinien. Ich werde Ihnen zeigen können, daß wir das meiste bereits erfüllt haben. Als im Mai des Jalrfces 1919 der ehrenvolle Ruf an mich erging, die neug^Jründete Vorschule der Israelitischen Synagogengemeinde zu leiten, da war es mir klar, daß hier eine Schule entstehen müsse, die mehr sein sollte, als eine profane Vorschule mit Religionsschulbetrieb. Das Ziel war gesteckt worden in einem Schreiben des Vorstandes an die Gemeindemitglieder, in dem es hieß: Die Schule soll die Möglichkeit zu einer jüdisch individuellen Ausbildung und Erziehung geben. Unser heiliges hebräisches Schrifttum, wie unsere religionsgesetzliche und schöngeistige Literatur dürfen nicht mehr im Hintergrund der Jugendausbildung zu einer kläglichen Mitwirkung am Erziehungswerke verurteilt bleiben. Die Jugend sollte ihre schönsten Jahre nicht nur den allgemeinen Kulturwerten, sondern auch der Sittenwelt der Thorareligion und den Wissensschätzen des Judentums . . . widmen." Ein bedeutsames Mittel zur Erreichung des Ziels schwebte mir — abgesehen von dem Unterricht in den Religionsfächern — anfangs gleich vor, nämlich eine vom Gemüts- und Willensleben stark beeinflußte Disposition zu schaffen und harmonische Uebereinstimmung zwischen Schule und Familie zu erwirken. Es ergaben sich selbst Momente, und es fügten sich von selbst Elemente zueinander, die in ihrem Enderfolg noch kaum geahnt, sehr bald in den Klassen eine j ü - dische Atmosphäre über die eigentlichen Religionsstunden hinaus verbreiteten. Da war zunächst neu, daß an jedem Vormittag hebräischer Unterricht in 6—S Wochenstunden getrieben wurde, der dieselbe Wertung erfuhr, sowohl was die Hausaufgaben, als die Benotung' der Leistungen anbetraf, wie der Profanunterricht. Da wurde jeden Morgen mit den Kleinen der erste Abschnitt des Schema gesungen, und am Rauschchaudesch trat Hallel hinzu, da saßen die Kinder in allen Stunden im Käppchen, und daß man sich zum Frühstück waschen konnte, daß man auch auf dem Hof seinen Kopf bedeckt hielt, daß man ungeniert benschen durfte, war besonders den aus anderen Schulen zu uns kommenden Knaben eine freudig begrüßte Einrichtung. In Gesang traten zu deutschen Liedern liturgische Weisen und hebräische Liedchen hinzu. Und als wir in den heimatkundlichen Unterricht die jüdischen Erlebnisse unserer Kinder einschalteten, da war eine ganz neue Note in unseren Unterrichtsbetrieb gekommen. Auf der Grundschule war es vor allem, wo sich der jüdische Geist zuerst in allen Fächern bemerkbar machte. Am leichtesten, vollkommensten, ließ sich die Idee, den gesamten Unterrichtsstoff jüdisch zu formen, in der uniten Klasse verwirklichen. Es hat natürlich Jahre gedauert, bis wir zu der Erkenntnis gelangten, daß wir die planmäßige allseitige Entwicklung des jüdischen bekenntnisfrohen und gefestigten Menschen nur erreichen, wenn wir den gesamten Unterricht, besonders die Gesinnungsfächer, unserem Erziehungsdeal dienstbar machen, wenn wir unsere Schule in allen ihren Disziplinen auf den Boden der thoratreuen Weltanschauung stellen. Für mich persönlich war es ein tiefes Erlebnis, als ich vor Jahren einmal in einer Grundschulklasse die „Ameise und die Grille" behandelte und plötzlich auf den Einfall kam, dieses Geschichtchen vom Standpunkt des jüdischen Menschen kritisieren zu lassen. Es war das erstemal, daß ich im Deutschunterricht einen deutschen Stoff im Zeichen der jüdischen Problemstellung behandelte. Von hier aus weiter zu bauen, war selbstverständlich. Bevor ich auf weitere Einzelheiten eingehe, möchte ch noch feststellen, daß wir uns im Lehrerkollegium seinerzeit bei Einführung der Arbeitsschulmethode und Forderung der Pflege des Individualismus darüber klar waren, daß wir gesetzestreue Lehrer uns eine Reserve aufzuerlegen hatten. Wir mußten den Respekt vor der Autorität, vor den maß-