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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 „Herr Gronauer! Fühlen sie sich vielleicht nicht wohl? Ich bemerkte beim Anfange des Seder, daß Sie plötzlich ganz blaß wurden, und ich befürchte, daß die Rücksicht auf uns Sie davon abhält, von Ihrer etwaigen Unpäßlichkeit zu sprechen. Seien sie doch überzeugt, daß Sie sich unter Freunden befinden, und eröffnen Sie uns freimütig, was Ihnen ist. Ich sehe, daß selbst den Kindern Ihre Schweigsamkeit aufgefallen ist." Gronauer raffte sich mit Gewalt aus seinem Hinbrülen auf. „Ich danke Ihnen für ihre Besorgnis, die zum Glück unbegründet ist", erwiderte er. „Was Sie als Zeichen einer Unpäßlichkeit ansahen, ist nur die Folge eines überraschenden Vorkommnisses, das ich mir nicht erklären kann, so sehr ich mich — gegen meinen Willen — damit abquäle." Und als er aller Blicke fragend auf sich gerichtet sah, fuhr er fort: „Die Haggado, die Sie mir gütigst vorlegten, ist ein Exemplar einer weit verbreiteten deutschen Ausgabe, von der in meinem Elternhause eine ganze Anzahl vorhanden war. Ich selbst führe in meinem Reisekoffer ein solches Büchlein mit, das ich nur werfen des Schabbos nicht hierhergebracht habe, zumal es mir als Andenken an eine innigst geliebte fromme Schwester, die frühzeitig aus dieser Welt gerufen wurde, gar teuer ist. Sie hat selbst ihren Namen in dieses Viereck unter dem Bilde vom „Auszug" geschrieben. Daher suchte ich unwillkürlich sofort das kleine Rechteck auf, erkannte aber darin zu meinem maßlosen Staunen — meinen eigenen Namen. Es besteht für mich kein Zweifel: Diese Haggodo habe ich selbst als Kind besessen." Alle Anwesenden waren überaus verv/undert, und das Büchlein mußte die ganze Tafelrunde durchlaufen, da alle selbst den Namen sehen wollten. Der gelehrte Dr. Frank betrachtete eingehender die Inschrift und fragte: „Mir fällt der Name auf: apy v'^sra. Wieso konnten Sie zu dem Frauennamen vor Ihrem eigenen?" Der junge Mann lächelte. „Sie würden sonst wohl vermutet haben, daß gar viele den Namen Jakob tragen. Da aber ich auch den Namen meiner seligen Mutter führe, die kurz nach meiner Geburt verschied, so ist ein Irrtum ausgeschlossen." Das sah man wohl jetzt ohne weiteres ein, und es begann ein Rätselraten: Wie kommt dieses Buch hierher? Die Hausfrau erinnerte sich, daß sie einmal gegen Ende des Winters mit ihren Kindern — damals waren erst zwei geboren — bei ihren Angehörigen in Deutschland war, und da hatte eine entfernte Verwandte, die man in der ganzen Familie „Tante Selma" nannte, dem Knaben beim Abschied im Hinblick auf das nicht mehr so ferne Pesachfest eine Haggodo geschenkt. Um diese könnte es sich wohl handeln. „Tante Selma!" Kaum war der Name erwähnt worden, da kam auch Gronauer die Erleuchtung. „Tante Selma?" rief er. „Ist das vielleicht Selma Steinfels?" Und als Mrs. Lanzing nickte, fuhr er lebhaft fort: „Dann ist das Rätsel schon gelöst. Tante Selmd in Köln ist auch mit uns weitläufig verwandt, und berühmt ist sie unter anderem wegen ihrer Gewohnheit, erhaltene Geschenke gelegentlich weiterzugeben. Wahrscheinlich hat einmal einer ihrer Knaben in meinem Elternhause eine der vielen vorhandenen Haggodaus bekommen, ohne daß man wußte, daß mein Name, allerdings unauffällig, hineingeschrieben war. Und diese durchlief die halbe Erde, um wieder in die Hände ihres ehemaligen Eigentümers zu gelangen." Jelzt lachten alle über diese einfache Lösung, die besonders auf die Kinder Eindruck gemacht hatte. Dr. Frank aber sagte noch, bevor man zur Fortsetzung des Seder überging: „Einfach un.'I dennoch wunderbar! Ein Gegenstand unter Millionen mal Millionen geht unter ihnen nicht etwa verloren, nein! — Nach zwanzig Jahren findet er zurück zu seinem Eigentümer. Sollte das uns nicht ein erneuter Hinweis auf die Wahrheit sein, daß ein Volk unter den Völkern der Erde, ein Volk, das sich der Allmächtige aus dem Schmelzt^egel Aeglptens geholt und zu seinem Volke gemacht hat. daß dieses Volle nicht auf die Dauer verloren gehen kann? Kleine Vorkommnisse öffnen uns oft erst die Augen für das Große, und was wir heute erlebten, das paßt so recht in den Rahmen des kindertümlichen Aufbaus unsres Seder. ' Damit hatte Dr. Frank ausgesprochen, was alle gedacht. Innig, in froher, zuversichtlicher Stimmung, wurde die Feier fortgesetzt und beendet, und man durfte es dem jungen Gaste wohl glauben, wenn er beim Abschied versicherte, daß er an diesen Seder niemals vergessen werde. Das hebräische Alphabet, Von Siegfried Geller in Berlin. Habt ihr schon einmal näher über die Buchstaben unseres hebräischen Alphabets nachgedacht? Sicherlich noch nicht? Ich möchte euch daher im Folgenden etwas darüber sagen. Die einzelnen Buchstaben stellen rohe Umrisse sinnlicher Gegenstände dar. An einem Teil der Buchstaben ist das auch heute noch zu erkennen. Da haben wir zum Beispiel das a üra) n»a ist die verbundene Form (status construetus) von n?a „Haus". Wenn ihr euch den Buchstaben 3 auch einmal näher anseht, so werdet ihr selber finden, daß er die rohe Gestalt eines Hauses darstellt. Die offene Seite müßt ihr euch als Eingang, als das Tor des Hauses denken. Der nächste, sehr interessante Buchstabe ist das a (bm) Ihr kennt ja alle das Wort Kamel, Was hat der Konsonant a aber mit. dem Kamel zu tun, werdet ihr mit Recht fragen? Nun, das ist ganz einfach! Ihr seht doch, daß das a nach innen zu einen Höcker hat, also ist der Zusammenhang schon da. Auch mit dem n ist es ganz „komisch". K'rt heißt nämlich „Luftloch", daher hat das n auch einen kleinen Zwisc i.snraurn, eben ein kleines Luftloch. Dem i erkennt man ohne weiteres seine Bedeutung an. Ii heißt „Haken", und auch unsere heutigen Haken sehen ja genau so aus. Auch für das n gibt es eine schöne Deutung, n'n heißt nämlich Zaun oder Gehege; aber jeder Zaun muß doch auch seinen Eingang haben, daher hat das n unten einen „Eingang". Dann haben wir den kleinsten, bescheidensten Buchstaben, das 1 (tO; Dieser Buchstabe soll vielleicht nicht nur die Hand bildlich darstellen, sondern soll uns auch ein Symbol sein, immer einfach und bescheiden zu sein. Wir sollen eben nicht überall unsere „Hand" ausstrecken, um überall dabei zu sein, sondern wir sollen uns auch etwas Zurückhaltung auferlegen. Denn wer ist wirklich groß? Wer bescheiden ist! 3 ist die gekrümmte Hand, auch das ist deutlich zu sehen, (sjslv (]\v) bedeutet „Auge", da wir uns oben ein Augenpaar denken können. Noch ein sehr interessanter Buchstabe ist das v, ]V heißt „Zahn", und in der Tat haben wir sogar drei Zähne, also schon bald wie ein kleines Gebiß. Ich habe euch hier nur die interessantesten Buchstaben des hebräischen Alphabets vorgeführt und euch etwas über deren Bedeutung gesagt. Die übrigen Konsonanten haben selbstverständlich auch ihre Bedeutung, aber an ihnen sind heute die Gegenstände, die sie symbolisieren sollen, mehr oder minder gut erkennbar, da die Form der Buchstaben mit der Zeit immer mehr systematisierte wurde. Lichtbräuche* In unserem schönen Süddeutschland gibt es noch so allerhand Minhogim, die man anderwärts nicht kennt. Da ist z. B. das Brennen zweier Kerzen während des Vorlesens der Megillah. In meiner Heimat wurden diese Kerzen gar noch handgemacht. Es kostete aber Mühe, bis die Kerzen fertig waren, und die Freude am Lichterglanze mußte erst verdient werden. Schon im Herbst mußte man daran denken, daß man im Frühjahr Kerzen nötig hat. Das rfelbe Honigwachs mußte im Herbst beim Imker besorgt werden, und zwar gleich so viel, daß es für das ganze Jahr, zu Schabobs, Chanukah, Purim, und sonstige Gelegenheiten, reichte. Das Amt des Kerzenmachens wurde als Mizwoh vergeben, und ich erinnere mich noch, als wir auch einmal diese Mizwoh erhielten. Unsere Großmutter, später unsere Mutter, ließen, es sich nicht nehmen, die Kerzen allein herzustellen, lediglich unter Heranziehung der Kinder, um sie für später auch hieran zu gewöhnen, und um ihnen die Freude zu verschaffen, daß sie mitgeholfen haben. Das Wachs wurde zunächst in kleine Stückchen zerschnitten; dann wurde es weich gemacht — meistens in heißem Wasser — über einem Spirituskocher geknetet, weil die Flamme des Spirituskochers am wenigsten die Finger verbrannte. Inzwischen band jemand dicke Baumwolle an einen Haken oder an die Türklinke, und dann gings los. Ein Knäuel wurde zwischen die Kne genommen, und während man schrittweise zurückging, wurde das warme Wachs um die Baumwolle gewickelt. Das gab dann einen 2—3 Meter langen Wachsdraht, der dann gedreht wurde, und als Schabboskerzen in der Synagoge gebrannt wurde, und zwar l:genartiger Weise 10 Stück. Zu Chanukah wurde der Wachsdraht nur einfach, dafür dicker, gedreht. Am schönsten war es aber, wenn die Purimkerzen gemacht wurden. Diese wurden ähnlich wie Hawdolohkerzen geflochten, nur breiter und größer. Da mußte man mit den einzelnen Wachsdochten so lange beim warmen Ofen stehen, bis vier Dochte fertig waren, und dann mußten sie ganz rasch geflochten werden, sonst brachen die enzeinen Dochte, und die Kerzen konnten nicht gebraucht werden. Wie waren wir stolz, wenn wir zur Megillah kamen, und die Kerzen brannten so schön, bei deren Herstellung wir „im Schweiße unseres Angesichtes" mitgeholfen hatten Unsere Mutter hatte immer Kerzen im Vorrat, damit ja welche da waren, wenn sie einmal aus irgendwelchen Gründen nicht dazu kam, frische Kerzen zu machen. Schade, daß die „elektrische Zeit" diesen schönen Brauch fast ganz in Vergessenheit geraten ließ. Am längsten hat sich der Brauch bei uns für die Purimzeit erhalten. Selma Rosenthal, Köln. In der Synagoge. Von Arthur Silbergleit. Durch die Traumwelt blauer Scheiben Strömt des Morgens rote Woge, . Und die dunkle Synagoge Lädt sie lächelnd zum Verbleiben Und geruhig einzufließen In die hohen Wächterkerzen, Die wie goldne Blumen sprießen Ueber samtnen Deckenschwärzen. Vor geheimnisvoll durchglühten, Reichbestickten Vorhangfalten Knieen biblische Gestalten, Schwarze, gläubige Leviten, Und sie küssen heiß die Säume Vor den zedernhohen Pfosten, Ihre stolzen Königsträume Pilgern im Gebet gen Osten. Siegeslieder wie Debora Jauchzen sie, zieht im Gepränge, Auf den Lippen Festgesänge, Der Rabbiner mit der Thora. Wie ein Trost von G'ttes Throne Klingt der stolzen Tempeltochter Klirrend hohe Silberkrone Ueber Seufzern Unterjochter. Vom Gebetpult strömen Greise, Männer, Kinder ihr entgegen, Träumen auf der Tempelreise Wieder sich auf Zions Wegen, In ihr seidnes Brautzelt weben Sie den Wunsch: Es möge jeden Fesseln für das ewige Leben Mit unlösbar festen Fäden! Die vier Brüder und der hohe Gast. Vier Brüder sind wir und Wegebereiter Für hohen Gast, der kommt mild und lau. Der erste ist ein Münzenmann, der andere ein Streiter, Ü2n dritten kennt ihr an seinen Farben: rot und aschgrau. Und winkt der vierte in Mondeshelle, Müssen schon die Hände fleißig auslangen, Und alles ist bereit zur Stelle, Den hohen Gast zu empfangen. (#«mn »mjmn yans srnx rma nix-n rmiap ntfna ">:wai rnrnns p-ioa fnymN nnaa D^nns nsaina nniiV mns nrra hs>k nst ovim xbi ö'sisx Wims tpisw -»«a nuxnpa n'tna^i nsiap K'fl "itwn nianrn nto nan« Tim nain 'D,D3D bvi 'Wim? t\w nti 'a trn mnj?a •mxa o»m 'mwn iso bvn Dürrns wpa I. Tayer. *) Da dieses hebräische Rätsel in der jüngsten Kinderecke durch einige Druckfehler bis zur Unlösbarkeit entstellt wurde, sei es hier wiederholt. Wer weiß es? 1. Lösung: 11 Buchstaben. VKpTrr» Kap. 16 Vers 47 jn'ninyiroi Vspirr Kap. 20 Vers 44 Drrti^yai —ina's Kap. 9 Vers 3 a'JsnffnKm 2. Lösung: 1 Buchstabe. onn Kap. 32 Vers 6 n ittxs? vsa nrn Richtig geraten haben: A. J.-Gruppe Edith Kaufmann, Edith Kahn, Edith Gottlieb, Gretl Rothschild, Edith Stern, Liesel Westheim und Hannah Weil; A. Davidsohn, Cantor i. R., Tilsit (Ostpr.), Ch. Bernstein, Wiesbaden; Erich Gradmann, Frankfurt a. M.

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