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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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29. März 1934 Der Israelit Nr. 13/14 Seite 17 . Kinderecke, Kinder bleibt wach! Ihr werdet es, liebe Kinder, gehört haben, daß die letzten Lieder der Haggada nur dazu da seien, euch Kinder wach zu erhalten. Habt ihr auch einmal die Tiefe und die Schönheit dieser Lieder begriffen, dann könnten sie euch über den Sederabend hinaus wach erhalten, wach für das Judentum und seine heiligen Lehren im ganzen harten Leben. 1. Eins wer kennts? Wer kennts nicht? Einer ist unser G'tt im Himmel und auf Erden. Aber G'tt will nicht allein sein, so hat er sich Israel angelobt und einen Bund mit ihm geschlossen, der doppelte Verpflichtung enthält: Gehorsam gegen G'tt und Liebe zu den Menschen. Die fünf Gebote auf der ersten Tafel zeigen die Pflichten gegen G'tt an, die fünf auf der zweiten Tafel sagen uns, was wir den Menschen schulden. So kommt zu der Eins noch die Zwei, die zwei Tafeln des Bundes. Wer hat uns diesen Bund überliefert? Die Drei und die Vier: die drei Erzväter und die vier Mütter. Und niedergeschrieben und enthalten im Einzelnen sind unsere Verpflichtungen gegen G'tt und Menschen in Fünf und Sechs: in den fünf Büchern der schriftlichen und sechs Teilen der mündlichen Lehre. Wie weit reicht die Verpflichtung des Bundes? Ohne Ende und Grenze. Sie erfaßt den ganzen Menschen in allen Tagen der Woche, in allen Stunden des Lebens,, darum kommt zu Fünf und Sechs die Sieben die sieben Tage der Woche. Denn schon am achten Tag nach der Geburt wird dem jüdischen Knaben der G'ttesbund aufgeprägt, vielleicht auch früher schon. Die Verpflichtung wird dem Juden und der Jüdin aus früheren Generationen angeboren, ist in seinem Blute verbürgt. Alle jüdischen Seelen, auch die damals noch nicht geboren waren, standen am Sinai. Darum zu all den früheren Zahlen noch die A c h t, die Neun und die Zeh n, d. h. Abrahams Bund, Geburt und Sinai. Und was wir mit diesem G'ttesbund anfangen sollen? Die Sterne (von elf spricht der Dichter) sagen es uns: Gleich ihnen haben wir zu leuchten und die Erde zu beleuchten, wenn die Nacht am dunkelsten ist. Wir sind das Volk Seiner Wahl und gehören zu Ihm wie JtLr zu uns. Auf der Brust aes Hohenpriesters prangten. C h o s c h e n und E p h o d. Auf dem Choschen waren die zwölf Stämme" G 'tt es angebracht, Ephod war das Symbol der Einigkeit G 't t e s gegen jede , Verfälschung und Verflachung durchs Vielgötterei. Und beide gehörten zu einarider, wir huldigen Gftt als dem E i n e n Einzi g'e n. Er macht Israels Stämme zu einem einzigen Volk. Darum, gehören die Zwölf (Stämme) und die Dreizehn (Eigenschaften G'ttes) zusammen. Und alle gehen zurück auf den Einen und den Einzigen im Himmel und auf Erden. . ' n ' Das Lied vom Lämmchen, das zwei Sus gekostet hatte und von der Katze gefressen würde. Man findet Aehnliches auch in anderen Kinderlesebüchern und gar erst in Midrasch; und Agada! . Was hindert uns aber daran, den ganzen:'Ablauf der jüdischen Geschichte an diesem Kihderliede zu erkennen? Ist doch die ganze Weltgeschichte nichts Anderes als ein Kampfspiel zwischen Hund und Katze. Die einen kamen, die anderen gingen, fraßen einander, man konnte nie sagen, wer der Letzte sein wird. Die Kosten dieses Spieles trug oft genug jenes Lämmchen, mit dem im Hohenliede und auch sonst in den Quellen das jüdische Volk verglichen wird. Womit und wie konnte sich aber das zerstreute Lamm Israel inmitten dieses Kampfes behaupten? KTtf NniO' mit dem Feuer in seinem Herzen konnte es den S t a;b, der ihn zur Zuchtrute wurde, verzehren. Ein, Feuer hatte Rabbi Jochanan in Jabne angezündet und es überdauerte das gewaltige Rom. Das Feuer im Herzen der Makkabäer verzehrte, den gewaltigen Syrerstab, der als NIBin die Welt beherrschte. Allein Wasser, kam. Wir erlebten es seit hundert Jahren, wie in der Sonne der Emanzipation sich das jüdische Leben verwässerte und verflachte, und wie dieses Wasser jenes heilige Feuer von Jabne und Modin auslöschte. Viele gingen so, . weit, um mit den drei Wassertropf e n der Taufe alle Beziehungen zu ihrem Volke und zu ihrer Vergangenheit auszulöschen.! Was hat es genützt? Es kamen neue Gewalten, die auch jenes Wasser unbrauchbar und nutzlos mächten. Es wird nicht mehr nach dem Taufscheine gefragt, der Jude wird, ob er will oder nicht, auf sein Blut verwiesen, an seine Vergangenheit erinnert und heimgeschickt. 0, daß sie alle, die heute aus der Fremde geschickt werden, wirklich heimfänden. Die Zeit wäre dann nicht fern, von der der Chad Gadjo- Dichter zum Schlüsse sagt, daß in ihr der Heilige, gelobt sei Er. kommt, um seine Welt wieder in Ordnung zu bringen und Israel zu erlösen. Ein Seder in Amerika. Von Heinrich Einstädter. Wenige Tage vor Peßach war es, da traf es sich, daß gegen Abend in einem kleinen Bäckerladen einer nordamerikanischen Stadt durch einen der Käufer eine Stauung verursacht wurde, während sich sonst beim Bäcker das Geschäft schnell und glatt abzuwickeln pfegte. Ein junger Mann erkundigte sich recht eingehend, ob der oder jener Brotart Fette beigegeben seien, um schließlich doch nur ein paar Wasserbrötchen zu erstehen. Ein älterer Herr, der sich gleichzeitig in dem Verkaufsraum befunden hatte, war jenem Gespräche mit Interesse gefolgt. Er war wohl der Einzige gewesen, der die Beweggründe des jungen Mannes sofort erkannte, und nach dem Verlassen des Ladens trat er sogleich auf ihn zu, indem er höflich den Hut zog „und seinen Namen nannte: „Ich heiße Dr. Frank und vermute, in Ihnen einen Glaubensbruder und Landsmann begrüßen zu können." Angenehm überrascht, verbeugte sich der junge Herr. „Sie haben richtig geraten. Mein Name ist Gronauer, und obwohl ich schon mehrere Jahre geschäftlich Amerika bereise, konnten Sie aus meiner Aus- ■< spräche auf mein Heimatland schließen". . Es fand sich bald, daß beide Herren, ohne > einen großen Umweg machen zu müssen, eine! Strecke , miteinander gehen korinten. Schon; nach | einer Viertelstunde. |:waren sie auf gemeinsame 'Bekannte gestoßen , und in die;Lage gekommen,; sich gegenseitig Aufschlüsse zu geben und Erinnerungen auszutauschen. Aber es hätte dessen nicht bedurft, um die: beiden Leute einander, näher 1 zu bringen. . Waren sie doch gesetzestreue Juden, die sich durch einen Zufall, weit von der gemeinsamen Heimat getrennt, in der Fremde getroffen und kennengelernt hatten, und nichts bringt Menschen fester aneinander als das Blut und der Glaube. Dr. Frank war erst vör wenigen Wochen angekommen. Hier wohnte seine alte Schwester1, 'deren Gatte eiriem bedeutendenindustriellen Unternehimeii ■vorstand, und die ein Haus führte, ganz nach Vorschrift des jüdischen Gesetzes, und nach der 'Weise ihres heimatlichen Kreises'.' Sein jugendlicher "Begleiter stammte ebenfalls aus guter, streng religiöser' Familie. Unter größten Opfern und durch bedeutende Anstrengungen hatte er es »durchgesetzt, im mittleren : und ^westlichen Amerika zu reisen; ohne je den Sabbat zu entweihen oder die Speisegesfetze zu verletzen.: Jetzt wollte er in dieser Stadt, die eine Anzahl jüdischer Einwohner.und eine Geirieinde umschloß, über Peßach verbleiben. „Haben Sie auch schon ein gutes Speisehaus gefunden?" fragte Dr. Frank. „Es wurde mir eine Restauration als „streng koscher"empfohIen", antwortete Gronauer, „aber ganz entzückt bin ich nicht davon*'. „Da schlage ich Ihnen vor, mich zu meiner Verwandten zu begleiten. Sie wohnen hier in unmittelbarer Nähe und werden sich innig freuen, Sie kennen zu lernen. Von ihnen werden Sie alle Aufschlüsse erhalten können, die Ihnen über die rituellen Verhältnisse noch erforderlich scheinen". Dankbar folgte Gronauer diesem wohlgemeinten Rate. Er fand eine Familie von einer Lebensart, die seine weitgehendsten Erwartungen übertraf, eine Oase in der Wüste, eine Insel im Weltmeer. Eine deutsche Familie nach Herkunft, Sprache und Sitte. Eine jüdische Famliie nach Führung, Lebensanschauung und Lebensrichtung. Im Innern Amerikas, an einem Platze, von dem viele tausend alteingesessener amerikanischer Juden versichern würden, daß es geradezu unmöglich sei, dort als Volljuden nach dem Wort der Thora so zu leben wie Eltern und Großeltern vorzeit in Deutschland und sich dabei nicht nur ernähren, sondern es zu einer angesehenen Lebensstellung bringen zu können und die Kinder in der gleichen Anschauung zu erziehen —, hier sah er sich plötzlich in einer Umgebung, die er nur mit dem Geschätztesten vergleichen konnte, das er in seiner Heimat kennengelernt. hatte. Zunächst empfing ihn Mrs. Lanzing, die Frau des Hauses, eine Dame, deren Gemüts- und Geistesbildung schon in der ersten Minute erkennbar war. Ihr Gatte, der erst etwas später aus seinem Geschäft zurückkam, zeigte sich als ernster, lebenskluger Herr. Mit ihm kam ein jüngerer Mann, der als Hauslehrer 'besonders für die hebräischen Fächer angestellt war und sich noch in seiner Freizeit geschäftlich betätigte. Sie konnten den Fremden wegen der Zuverlässigkeit des Restaurants beruhigen, baten aber gleichzeitig aus daß er die Sederabende mit ihnen gemeinsam feiere. _ Freudig und dankbar nahm Gronauer die liebenswürdige Einladung an. Und wie schnell waren die wenigen Tage bis dahin vergangen, bis zu dem Schabbos, der gleichzeitig den Anfang unseres Frühlingsfestes bildete, und Gronauer sah sich inmitten eines festlichen Kreises, den eine tiefgehende Gleichartigkeit der Stimmung seiner Glieder fast vom Beginn der Feier an fest zusammenschloß. Außer dem Hausherrn und seiner Gattin, drei Söhnen und zwei Töchtern, dem Bruder der Hausfrau, dem Hauslehrer, der Köchin und dem Gaste war nur noch ein junges Mädchen zugegen, das bei der Firma Lanzing angestellt war. Licht und Wärme erzeugten Behaglichkeit in dem nicht zu großen Raum, dessen Mittelpunkt der festlich gedeckte Sedertisch bildete. Die Kinder begrüßten den Gast mit sichtlicher Freude, und bald schienen sie schon mit ihm vertraut zu sein. Als sich alle die Teilnehmer zum Seder niederließen, da schaute der Hausherr zufrieden auf lauter fröhliche Gesichter. Es ist etwas Eigentümliches, was zur Sederstimmung gehört, etwas, das man wohl am richtigsten als ein Gefühl der Abgeschlossenheit von der Außenwelt bezeichnet. Dieser Gedanke kam dem jungen Deutschen sogleich, als er sich hier niederließ zur Feier der Lejl Schimurim, der Nacht der Behütung. So weit, so weit weg von der Heimat hatte ihn und die anderen Teilnehmer der Former aller Geschicke geführt, um in einem Erdenraume, der noch vor Jahrzehnten von Urwald bedeckt und von Wilden bevölkert gewesen war, bei Matzo und Moraur inmitten von Gesinnungsgenossen im Geiste den Weg seines Volkes durch vier Erdteile zu verfolgen, einen Weg, an dessen Anfang G'ttes Wunder und zu dessen Seiten G'ttes Wunder flammten, um hinzuweisen und hinzuführen zu G'ttes Wundern. Und dieser Weg führte durch tiefste Finsternis. Sieht doch der größte Teil der Menschheit jene Wunder, nicht, selbst eine große Zahl der Geführten ist blind für jene Flammenzeichen! Nur in den Wohnungen der G'ttes kämpf er strahlt Licht! Als Gronauer, sich mit tiefstem Danke im Herzen dieser Stimmung hingebend, dazu anschickte, die Haggodo, die auf seinem Platze lag, zu öffnen, als er die Seiten umblätterte, und die schlichten Bilder betrachtete, die ihn schon in seiner frühen Kindheit entzückt hatten, da fiel sein Blick auf ein kleines Viereck, und ein heiliger Schauer durchrieselte seinen Körper: War es möglich? Konnte es Tatsache sein? Er hielt in seinen Händen die Haggodo, die er einst als Kind besessen hatte! — . In dieses Viereck hatte er als dreizehnjähriger Knabe vor nunmehr zwanzig Jahren selbst seinen hebräischen Namen eingezeichnet! — Still und in1 sich gekehrt blieb er während des ersten Teils des Seder, still und ernst auch bei der Mahlzeit, bis der Hausherr freundlich und teilnehmend die folgenden Worte an''ihn richtete:

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