Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450820--80312-2538118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 13/14 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Ich denke mir so," versetzte Reb Peisach, der mehr der Gegenwart als der Vergangenheit lebte, „wär ich heute Pontajowski, dann würde ich alle Edelleute zusammenrufen und ihnen Folgendes sagen: „Hört mich an, meine lieben Freunde! Ihr seid unzufrieden darüber, daß ich Euer König bin; nun ich bin auch nicht sehr erfreut darüber, daß Ihr meine Untertanen seid, denn was frommt meine Regierung, wenn ich von inneren Feinden umgeben bin? Deshalb, wenn Ihr sowohl mir, als auch Euch Ruhe verschaffen wollet, so laßt uns miteinander folgendes gütliche Uebereinkommen treffen: Ihr zahlt mir bar hunderttausend Dukaten aus, nicht einen Heller weniger, dann trete ich Euch gutwillig den Thron ab, der Euch ganz überlassen bleibt, aber, wie gesagt, früher muß ich meine hunderttausend Dukaten bar ausbezahlt, bekommen. So sagt, liebe Leute/war' das nicht1 der beste Ausweg?" „Schade*um so einen Ministerkopf!" höhnte ein Schankwirt. „Aber doppelt schade ist es, daß keiner von den Edelleuten mehr gekommen ist, und daß ich umsonst so viele Speisen und Getränke vorbereitet habe!" * ' „Das kannst Du nach dem Fasttage Alles für Dich selber brauchen!" „Ein teurer Bissen für einen armen Kerl wie ich — so was kann sich nur ein Mann. wie. Reb Schachne gönnen. Ich muß nach dem Fasttag mit einem Stück Brot und einer Zwiebel vorlieb nehmen, und auch zu solchem Mahl reicht der heutige Verdienst kaum aus! Und wenn wirklich, wie Peisach sagt, Krieg kommt, dann wird's noch schlimmer . . . Aber, was ist das? Hört Ihr?" unterbrach sich der Redende, als sich in diesem Augenblicke schmetternde Töne von der Hauptstraße vernehmen ließen. „Ist das ein Jagdhorn oder eine Trompete?" fragten alle durcheinander. „Sollten wieder einige Eilboten gekommen sein?" Mit diesen Worten sprangen alle auf und liefen in wilder Eile der Hauptstraße zu, um zu erfahren, was Neues vorgefallen sei, und als sie dort angelangt waren, bot sich ihren erstaunten Blicken ein merkwürdiges Schauspiel. Auf acht weißgesprerikelten Rappen mit roten goldg^efransten Schabracken ritten langsam und i ■feierlich acht Reiter einher, welche, mit bunten: Kleidern ausstaffiert, in der Linken die weißen j Zügel der Pferde hielten und in der Rechten blin- \ kende Trompeten, auf denen sie mit lautem Schall den Sobieski-Marsch bliesen. Wenige Schritte hinter ihnen kam in kurzem Trab ein kleiner Ponny, auf dem ein wunderschöner Knabe aufrecht 'stand, dessen goldblonde Locken gegen den Nacken zurückgeworfen waren, ganz in Trikot gekleidet, mit geschickt angebrachten ' Flügeln auf den Schultern, ein kleiner Amor, der eine hochrote . Fahne über . seinem; Haupte , schwang. Zwischen der zweiten und dritten Reiterreihe schritt pathetisch ein Zwergkamel, das auf seinem Rücken eine Bettstätte trug,. welche, mit einer blauen Atlasdecke verhüllt, die Umrisse eines menschlichen. Körpers erkennen ließ. Hinter diesem Zuge folgten fünf verdeckte Riesenwagen, welche mit vier Pferden bespannt waren. Als die Kavalkade auf dem Ringplatze angelangt war, ließ sich plötzlich unter der blauen Atlasdecke auf dem Kamele ein schriller Pfiff vernehmen, die Trompeten verstummten, und in demselben Augenblick schnellte aus der emporfliegenden Atlasdecke eine Gestalt wie ein Kautschukballen in die Höhe, blieb auf dem Kamele aufrecht stehen und begrüßte nach wiederholtem Klatschen mit den Händen die Menge: „Guten Morgen, Juden!" „Sieh';, das ist ja der Herr Tram-Tram!" erscholl es wie aus einem Munde; die Begrüßten erkannten im Nu ihren guten Freund, den heiteren Gesellen, drängten sich in unbändiger Freude an ihn heran und streckten ihm mit lautem Jubelrufe die Hände zur Begrüßung entgegen. Dieser Liebling der ganzen Bevölkerung hieß Signor Tramontane und war Italiener. Es gab kein Kind in der ganzen Gegend, das ihn nicht kannte und sich nicht an seinen Tollheiten, lustigen Streichen und an seinem guten Herzen ergötzt hätte. Im Palaste bekleidete er gar viele Aemte'r: er war Theaterregisseur, Kapellmeister, Vortänzer, Schalksnarr, Eskomateur, Bauchredner, Arrangeur aller Bälle und Lustbarkeiten, der Liebling aller Insassen des Palastes und zumal des Fürsten,, bei dem er nicht nur wegen , seiner launigen Einfälle und possierlichen Streiche in Gunst stand, sondern auch wegen seiner unübertroffenen Meisterschaft im Trinken. Aber trotz aller Beweise fürstlicher Gewogenheit war er nicht für lange Zeit an den Palast zu fesseln, so daß er plötzlich für einige Monate verschwand, um sich in der Umgegend herumzutreiben, wo er die tollsten Streiche verübte, seine Taschen mit Geld füllte, um dasselbe ebenso schnell zu verschwenden; Waren die Taschen leer, dann tauchte er plötzlich wie ein Meteor wieder im Palaste des Fürsten auf, dessen Zorn über sein Verschwinden er mit einem leichten Scherz oder mit einem guterdachten Vorwande zu versöhnen wußte. So log er einmal, daß er in seiner Eigenschaft als Theaterregisseur in Wilna gewesen sei, um neue Dekorationen anzuschaffen. „Und wenn das nicht wahr sein sollte, Pane Cochanku?" fragte ihn der Fürst. „Dann möge mein Gebieter so gnädig sein, mich aufhängen zu lassen — an den Hals des Fräulein Petrumlio!" Das Fräulein Petrumlio war die schöne Tochter eines Palastbeamten, deren Liebreiz sogar der verwöhnte General Murawski, der Brudersohn des Fürsten, nicht zu widerstehen vermochte. „Du Erzschalk, Qu!" lachte der Fürst, sofort ausgesöhnt. „Wahrlich Du hast Dir einen Galgen ausgesucht, den der Unschuldigste nicht verschmähen würde!" ,Jch verschmähe ihn ja auch nicht, was allein schon ein Beweis für meine Unschuld ist."' So gelang es diesem Schalk immer, seinen Herrn zu versöhnen, bis er dann eines Tages ihm wieder entschlüpfte und monatelang sich nicht blicken ließ . . . Was Wunder daher, daß die Juden den lustigen Italiener von Herzen lieb; gewannen, sein Verschwinden jedesmal wirklich bedauerten und eine wahre Sehnsucht empfanden, als er' nach der Abreise des Fürsten das Städtchen verlassen , hatte. Er trieb, sich während der ganzen Zeit mit seiner Komödiantentruppe in den Schlössern der Umgegend herum, und der Zufall fügte es, daß der Eilbote, den Reitan nach ihm ausgeschickt hatte,.damit auch er beim Empfange des Fürsten anwesend sei, ihn bei einem Edelmann in der Nähe antraf. So kam es, daß er schon so früh mit seiner Truppe seinen Einzug in das Städtchen hielt ... Kaum war Tramontane von seinem Kamel auf die Erde, gesprungen, als er sich einem Juden nach dem andern an den Hals warf und wie einen alten, guten Freund begrüßte. Darauf ließ er abermals einen Pfiff vernehmen, klatschte zweimal in die Hände und schrie: „Holla hopp! Allons, Marsch! Eins! zwei! drei!" In demselben Augenblicke flogen die Verdecke von den Riesenwagen auf, und aus diesen sprangen Zigeuner und Zigeunerinnen, Zwerge und Riesen, Mohren, Akrobaten, Ballettänzer — kurz, ein ganzes Heer von Komödianten und Komödiantinnen, alle mit verkommenen, überwachten Gesichtern, in auffallenden Kostümen von grellen und schreienden Farben. „Marikia, wo steckst Du?" rief Tramantano plötzlich, als er sein Heer musterte und seine erste Ballettänzerin vermißte; dann verschwand er sofort in einem der Wagen, um einen Augenblick später behutsam aus demselben wieder herauszusteigen, in den Armen ein schönes, schlafendes Kind mit wildaufgelöstem Haar, das wie schwarze Fluten sich ihm über Gesicht, Nakken und Schultern ergoß. Diesen seinen Liebling vorahtragend; begab sich der Italiener mit der ganzen Truppe auf den Ringplatz, während die Wagen die Richtung nach dem Palast nahmen . .. In der Judengasse angelangt, zerstreuten sich die Komödianten in die verschiedenen Häuser, wo sie von den Bewohnern, die sie alle bei Namen kannten, mit lauten Freudenrufen bewillkommt wurden. Alsbald flackerte auf jedem Herde ein lustiges Feuer, über welchem in Töpfen, Kesseln und Bratpfannen verschiedene leckere Gerichte schmorten und brodelten. Alle Insassen des Hauses, Männer, Weiber und Kinder, tummelten sich, um den „Gästen" mit Dienstleistungen aller Art zur Hand zu sein, und verrichteten auch die niedrigste Arbeit mit Lust und Eifer, weil ihnen ja ein, wenn auch karger, Verdienst winkte. Die Komödianten nahmen ihre Dienste nicht als Gefälligkeit, sondern als Pflicht entgegen, erteilten stolze Befehle, machten zornige Gesichter und schrieen ihre Wirte derb an, wie Herren ihre Sklaven. Die Juden hörten den Schimpf an, ohne zu antworten; wohl verachteten sie in ihrem Herzen die Grobiane, da sie ja wußten, daß es nicht mehr als hergelaufenes Gesindel war, aber doch bückten sie sich vor ihnen — galt es ja die „Parnoße"! So sind die Zustände in jenen Provinzen geartet, in welchen die Bevölkerung nur aus Herren und Knechten besteht, so daß für den Mittelstand, zu welchem die Juden gehören, gar kein anderer Lebensuntrhalt bleibt, als unter dem Tische der Reichen die Brotkrumen und abgenagten Knochen aufzulesen. Bei dieser Erwerbsart' haben die armen Juden sich daran gewöhnt, ewig sich zu bücken, Andere über sich herrschen zu lassen, Schimpf und Schmach ruhig hinzunehmen und mit Geduld Demütigungen zu ertragen, gegen welche Jeder, in dem noch ein Funken von Ehrgefühl vorhanden ist, sich empören und aufbäumen müßte. Aber in den großen Nöten und Bedrängnissen, in welchen die Juden dort seit undenklichen Zeiten leben, erlosch nach und nach jeder Funke von Selbstachtung, Selbstbewußtsein und Menschenwürde in ihrem Herzen, zumal in Nidczwidcz, in diesem verlorenen und g'ttvergessenen Städtchen, das, von der Welt wie abgeschnitten, weder Handel noch Erwerb, noch irgend welchen andern Nährungszweig bot. ,,, \ (Fortsetzung folgt:)