Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450820--80313-2538119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 Nr. 13,14 Der Israelit 29. März 1934 Kleines Feuilleton. Bunte Bälle - ein Frankfurter Exportartikel. Nein — es ist kein Irrtum, wie Sie annehmen und diese Betrachtung ist nicht für den Handelsteil irgend einer Zeitung bestimmt, sondern er gehört schon dahin, wo er steht: in den „Israelit"! Frankfurt, das ja auch sonst „voll Merkwürdigkeiten steckt", exportiert wirklich bunte Bälle und wenn das den Frankfurter Exporteuren und Kaufleuten vielleicht nicht allgemein bekannt ist, dann sollen sie nach — — Palästina gehen, da werden sie dann diese Mitteilung bestätigt und vielleicht noch manch andere Anregung zu ähnlichem Export finden. Also hören Sie: in Jerusalem ist ein jüdisches Waisenhaus, ein Waisenhaus, wie man es auch in Frankfurt, in Berlin und an vielen anderen Städten findet: ein Waisenhaus nicht besser und nicht schlechter, wie Waisenhäuser eben sind. Und ob Sie das Wiasenhaus in Jerusalem oder wo anders besichtigen: es sind überall dieselben Gefühle, die einem überkommen. Das Gefühl des Mitleids mit den elternlosen Kindern und das Gefühl der Befriedigung, daß es überall gütige und gescheite Menschen gibt, die den Waisen das Elternhaus nach Möglichkeit zu ersetzen suchen. Aber etwas fand ich im Jerusalemer Waisenhaus, was ich sonst noch nirgends sah: ich beobachtete, daß die kleinen Mädchen und Buben mit einer merkwürdigen Art bunter Bälle spielten, die anders waren, wie Bälle,'mit denen Kinder sonst zu spielen pflegen. Primitiver, sozusagen ungleichmäßig in Form und Farbe, keine Spur von der Exaktheit, mit der die Spielwarenindustrie aller Länder ihre Produkte herzustellen pflegt. Als ich die Bälle betrachtete, dachte ich erst an die doch noch unentwickelte Industrie von Palästina und dann rechnete ich mit der Möglichkeit, daß es sich um Erzeugnisse arabischer Volkskunst handeln könne. Und weil mir gerade, als ich so nachdachte, solch ein Kinderball an den Kopf geflogen kam und eine nette „Tante" in der Nähe war, fragte ich die nach der Herkunft besagter Bälle und die Auskunft, die ich bekam, war nicht nur für mich überraschend — sie wird es auch für manchen Leser des „Israelit" sein: keine Spur von palästinensischem Industrieerzeugnis — kein Gedanke von arabischer Hauskunst, sondern--hören Sie: „Sie wissen, jede Woche kommen deutsche Auswanderer und Touristen hierher und fast jedesmal ist einer aus Frankfurt dabei, der uns ein paar Dutzend dieser Bälle für unsere Kinder mitbringt. Da lebt nämlich in Frankfurt ein ganz altes Großmütterchen, mit müden Augen und zittrigen Händen, aber mit einem Herzen voll Güte und voll Willen, Freude zu bereiten und dieses alte Mütterchen „fabriziert" diese Bälle und schickt sie uns durch Frankfurter Freunde hierher." Meine Einbildung, ich könne Industrieprodukte beurteilen und ihre Herkunftsländer erkennen, hat eine böse Erschütterung erlitten — aber ich freute mich, aufs neue feststellen zu können, daß Frankfurts Güte und Liebe exportiert und das kann auch geschehen durch „Bunte Bälle aus der Ostendstraße." J. L. Warum ist Laban schlimmer als Pharao? Die Schwierigkeiten in der Erklärung des 'an? '■oi 'aK naiK in der Haggada sind allbekannt. Die Erklärung dieses Verses, durch welchen der Verfasser der* Haggada die größere Vernichtungsgefahr durch Laban als durch Pharao beweisen will, erscheint nur möglich, wenn wir diese Gefahr nur in geistig-seelischer Beziehung auffassen. Jacob konnte nie zu Israel werden, während und solange er bei Laban blieb. Ein Aramäer, ein zu Grunde gehender, war mein Vater. Trotzdem er bei Laban materielle Güter erwerben konnte und trotzdem er dort volle bürgerliche Freiheit genoß, wäre er dennoch dem Untergang verfallen. Denn wenn auch Jacob bei Laban die Tradition seiner Väter wahren konnte und auch wahrte,, seine Kinder, sicherlich seine Enkel, von aramäischen Müttern aufgezogen, mit dem aramäischen Milieu verwachsen, hätten diese Tradition nicht mehr wahren wollen, selbst wenn sie sie noch kannten; sie v/ürden sie aber auch nicht mehr kennen. Von diesen hätte Laban mit Recht sagen können: „Die Söhne sind meine Söhne und die Töchter sind meine Töchter." In Aram aufgewachsen, den Aramäern gleichgestellt, hätten sie sich bald selbst als Aramäer gefühlt und würden auch als solche angesehen werden wollen. Die Erinnerung an ihre Abstammung würde, immer mehr bei ihnen verblassen und wäre bald auch ganz ausgelöscht. DT»a uV'xa n-apnv Der Ewige errettet uns auch von dieser Gefahr der totalen Vernichtung dtd durch unsere Feinde selbst. Mit dem Ansammeln der materiellen Güter erhob sich der Neid der Söhne Labans mit dem bekannten Geschrei und Gerede: Jacob hat uns alles weggenommen. Alles gehört uns. Auch Laban sah Jacob nicht mehr so freundlich an. Da besann sich Jacob auf seine Bestimmung, die doch nicht im Ansammeln von Reichtümern durch das Weiden fremder Herde sein kann, und begann, sich nach dem Land seiner Väter zurückzusehnen. Auf dem Wege dorthin kehrte er auch sofort zur Sprache seiner Väter zurück, und aus Labans xmiav 13' machte Jacob ein isi>> „Er ging nach Aegypten und wurde dort zum Volk, daraus ist zu entnehmen, sagt die Haggada, daß die Juden dort gekannzeichnet waren, nm D'l'isa Vielleicht wurde ihnen dort neben den materiellen Bedrückungen auch noch der gelbe Schandflecken angeheftet, aber sie wurden dort zum Volk und trugen mit Stolz ihren gelben Flecken. In jedem Zeitalter, sagt deshalb die Haggada, will man uns vernichten. Aus den Bestrebungen Labans kannst Du entnehmen, daß auch die Zeiten der Emanzipation für das Judentum eine vielleicht noch größere Gefahr in sich tragen, die Gefahr der Assimilation und der vollständigen Auslöschung 3Tn urrxa rrapm. aber der Ewige errettet uns. B. Krupernik, Zürich. (Eine neue Peßach-Haggada.) Unter dem Titel "jnb /mm», veröffentlicht Dr. A. M i c h a 1 s k i, der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe, im Verlage von J. Kauffmann, Frankfurt a. M., ein neues schmuckes Haggadabüchlein, mit einer Erläuterung nach dem Forschungssystem S. R. Hirschs b"*t- Das Büchlein ist dem Gedächtnis des langjährigen Kantors der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe, Israel B a r u c h s. A., gewidmet, und der Reinertrag soll zu gleichen Teilen der S. R. Hirsch-Schule in Frankfurt und der Religionsschule der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe zugute kommen. Vorangeschickt wird dem Haggadatexte das 28. Kapitel des C h o - r e w , in dem die Peßachmizwos behandelt sind. Alsdann folgt eine ebenfalls im Geiste Rabbiner Hirschs geschriebene Erläuterung der auf den Sederabend bezüglichen Mischnäabschnitte des Traktates Peßochim. Der Kommentar zur Haggada selbst ist kurz gefaßt in einer leichten, volkstümlichen und dabei doch die Gedanken scharf herausarbeitenden Sprache geschrieben und wird sich bei Groß und Klein viele Freunde erwerben. Die Ausstattung ist vorzüglich. Das Büchlein kostet brosch, Mk, 2,—, geb, Mk. 3.— und ist bei allen jüdischen Buchhandlungen erhältlich. Es wird hoffentlich seinen Weg in alle jüdischen Häuser finden. (Blätter der agudistisch-chaluzischen Jugend.) Der Noar Agudati gibt zu Peßach 5694 die erste Nummer seiner Blätter heraus Die vorliegende Nummer richtet sich vor allen Dingen an den Bund selbst. Sie soll richtunggebend sein für die Arbeit in den örtlichen Gruppen, auf der Jeschiwa, in den Hachscharoth. Gleichzeitig gibt das Blatt der religiösen Oeffentlichkeit Kenntnis von der Erez Jisrael-Arbeit der agudistisch-chaluzischen Jugend Deutschlands. Das Blatt ist erhältlich bei allen Agudajugend- und Esragruppen, sowie direkt von der Bundesleitung: Sarai Stolberg, Frankfurt a. M., Röderbergweg 43. Personalien. Berlin, 23. März. Herr Rabbiner Dr. Link ist nach langjähriger segensreicher Tätigkeit in den Ruhestand getreten. Als Generalsekretär der Bruderschaft „Chewra Kadischa" Groß-Berlin hat er ganz Enormes auf dem Gebiets von mas bv wm in der Weltstadt Berlin geleistet. Dabei galt es hier oft, bei Ausübung größter Liebestat hart wie Eisen zu sein — wenn er, der so überaus friedfertige Mann, bei Verbrennungen die mnü versagen mußte und sich bei irgend einer Abweichung von der Tradition auf gar keine Konzessionen einließ. Wie gelang es ihm doch, den Chewragedanken in die weitesten Berliner Kreise hineinzutragen und die Chewra zu einem sozialen Faktor im jüdischen Leben zu machen. Sie wird ihren Geist und Charakter auch weiterhin unter Leitung des Nachfolgers, wiederum eines gesetzestreuen Rabbiners, behalten. Herrn Dr, Link wünschen wir aber, daß er bei voller Gesundheit in einem heiteren Lebensabend den Lohn seiner aufopfernden Aufbauarbeit genieße. wsnay Guido Bier V'T« Berlin, 23. März. Aus weiter Ferne traf hier die schmerzliche Kunde von dem Ableben des edlen und vornehmen Menschen und Jehudi ein, der Jahre hindurch zu den Zierden der Adaß Jisroel-Gemeinde gehörte, und die Kunde löste allenthalben innige Teilnahme und Wehmut aus. Guido Bier, der schon in Frankfurt a. M. zu den Besten der Israelitischen Religionsgesellschaft gehörte, erwarb sich in Berlin als Mitchef der weltbekannten Firma J u 1 i u s M. Bier, die er in Gemeinschaft mit seinen gleichgesinnten Brüdern als wahrhaft königlicher jüdischer Kaufmann leitete, die grollte Achtung und Wertschätzung aller Kreise. Als würdiger Schüler seines großen Meisters, Rabbiner S. R. Hirsch ^"XT, begriff er, daß auch das Erwerbsleben getragen sein müsse von den hohen Idealen jüdischer Pflichterfüllung, damit es geweiht und geadelt in den Kreis der 'i mias? emporgehoben werde, rmnsa nmi mm. so lautet nach der Meinung eines Teiles unserer Weisen die erste Frage, die er an die ins Vaterhaus heimgekehrte jüdische. Seele gerichtet wird, während nach der Ansicht anderer Weisen die erste Frage mwV 0'n? n?ap> heißt. Guido Bier b~u. begriff, daß man als redlicher Kaufmann auch sich selbst gegenüber Treue üben muß, daß man im Getriebe des Erwerbslebens nicht die Ansprüche des seelischen Partners unbeachtet lassen darf, die einen Rechtsanspruch auf die Befriedigung ihrer geistigen Interesesn habe. So wurden ihm beide Begriffe zu einer Einheil. Aus der Pflicht heraus rumsa pui twu zu sein, war es ihm eine Selbstverständlichkeit Mlp r\-\-\nb ow zu sein. Mit gewissenhafter Pünktlichkeit nahm er an den D'WE? teil, die in den vornehmen Räumen des Geschäftshauses in der Leipziger Straße regelmäßig abgehalten wurden. Er war die Verkörperung des Ideals eines Menschen und Jehudi, wie ihn sein großer Frankfurter Meister lehrte. Durch sein ganzes Leben 'vn enpa zu sein, war sein einziges Streben, und daß dieses Streben von Erfolg gekrönt war, werden Alle bezeugen, die das Glück hatten, dieser vornehmen, bescheidenen Persönlichkeit nähertreten zu dürfen. In seinem Streben fand er liebevolle Unterstützung durch die gleichgesinnte Gattin, die der rühmlichst bekannten Familie Hackenbroch entstammt, die zu den Trägern Hirsch'schen Gedankengutes in Frankfurt gehörte. Möge die Gattin, die nun schmerzlich trauert, "»mj?2 bV2 bv und mögen die Söhne, die einen solchen Vater verloren haben und mögen die Freunde alle, die um den Hintritt eines hervorragenden Menschen und Jehudi trauern, in dem Bewußtsein Trost finden, daß ein solches Leben mit dem Tode nicht endet, daß ein solches Leben beispielgebend noch lange lange segensreich fortwirkt und unendliches Heil stiftet. TDinV pnx nar Halberstadt, 26. März. Herr Hermann Schwab, dessen große Verdienste um Bedrückte und Bedrängte nicht nur jüdischen Glaubens und jüdischer Rasseangehörigfceit hier in Halberstadt allein, vielmehr in weiten Kreisen jüdischer und nichtjüdischer Oeffentlichkeit, ganz besonders auch in seiner Heimatgemeinde Frankfurt zur Genüge bekannt ist, hat uns zum Leidwesen seiner vielen alten Bekannten aus alter und neuer Zeit, aus allen Tätigkeitsgebieten und Gesinnungsrichtungen, ja sogar Glaubensrichtungen jeder Art, von etwa 14 Tagen — hoffentlich nicht iür immer — verlassen, um in der neuen Heimat seinem Sohnes auch sich ein neues Arbeitsgebiet zu schaffen, das ihm hoffentlich diejenige alte, neue Schaffensfreude bringt, deren er ganz besonders bedarf, um auch zu seiner bisherigen, mehr ideellen, ihm lebensnotwendigen Betätigung genügend sorgenlos zu sein. — Unser alter Freund fehlt uns hier, zunächst innerhalb der Gemeinde, nicht nur als Vorsitzender der Repräsentanten der Gemeinde, als Vorstandsmitglied vieler Chewraus, als überaus glücklicher und erfolgreicher, alleiniger Verwalter des Aguda-Kriegswaisenfonds zu Gunsten russisch-polnischer Kriegswaisenhäuser, die noch heute im Gang sind, er fehlt darüber hinaus seinen vielen persönlichen Freunden in allen jüdischen Kreisen — ja sogar in nichtjüdischen Kreisen war er trotz der radikalen Umschaltungen der Neuzeil wegen seiner Uneigeniiützigkeit und steten Hilfsbereitschaft beliebt und geachtet —, überall, wo ein Mann der Rede und der Feder vonnöten war, stellte er sich jederzeit zur Verfügung; nie versagte er sich, wo und wann immer man an ihn herantrat und die Gelegenheit dazu bot sich gar häufig und überall da wird man ihn vermissen, zumal in einer Zeit, wo hilfsbereite, bewährte und vielfach geeignete Kräfte besonders notwendig sind. Wenn wir nun durch die Verhältnisse der Entwicklung gezwungen wurden, Hermann Schwabs Weggang zu ertragen, der selbst sich auch nur ungern aus liebgewordenem Familien-, Freundes- und Tätigkeitskreis, innerhalb dessen er einen großen Teil seines Lebens verbrachte, trennte, so wollen wir ihn, dessen literarische Betätigung als Schilderer Frankfurter Erlebnisse „aus seiner Jugendzeit" sowie als Verfasser städtischer und landschaftlicher Schönheiten wir nicht ganz unerwähnt lassen möchten, nicht von uns scheiden sehen, ohne ihm in seiner neuen Heimat, die ihn ein gnädiges Geschick finden ließ, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, daß G'tt ihm in seinem lieben Familienkreise das Glück zuteil werden lasse, bald von neuem ansässig und heimisch zu werden und neben bestem geschäftlichen Erfolg auch die Befriedigung zu finden, sich auch außergeschäftlich so bbin r\y\xb zu betätigen, wie es ihm in der ersten Hälfte seines Lebens vergönnt und zur Lebensgewohnheii geworden wir. S. S. Wochenkalender. Vom 31. März bis 7. April 1934 / Vom 15. — 22. Nissan 5694 I j "nv *p VI3 Samstag 31 15 ta 'S 0V> n 0 3 Sonntag April j 16 na '2 BT> n D 3 Montag 2 17 B». j Dienstag 3 ISP 3 / nsnan hm ■ Mittwoch 4 ]0'3 19 Kl Donnerstag 5 20 33 1 Freitag 6 21 JJJ 'I Dl' no3 Samstag 7 22| II D'-l'Wn T>t7 -:n- DV nop