Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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29. März 1934 _' geengten Lebens nicht an der Wurzel zu fassen suchen. Wie dem Kranken auf die Dauer Betäubungsmittel nicht helfen können, so kann — mit dem besten Willen — unserer Seele mit Zerstreuungen, wie sie der yerehrl. „Festanwalt" genefeil verordnet, kein heilbringendes Medikament verabfolgt werden. Abgesehen davon, daß eine große Zahl jüdischer Menschen — und nicht die schlechtesten — für diese „Gesundungskur" nicht in Frage kommen. Unsere jüdische Lebensgestaltung ist zum Teil selbst schuld, daß wir die-Wege der Ablenkung erst suchen müssen, weil unsere Häuslichkeiten sie nicht mehr bieten. Von sehr berufener Seite wurde erst vor kurzem in Ihrem Beiblatt eindringlich auf diese Tatsache hingewiesen. Mir sagte jüngst ein Vater, „ich sehe fast kaummeine Kinder mehr. Wochentags bin ich wenig zu Hause, und am Schabbos, ja, da sind alle fort, sie müssen doch zu ihren Schiurim." Das freute ihn. Aber ein Gefühl des seelischen Wehes über die häusliche Sabbateinsamkeit war herauszuhören ... Und hierzu nun noch die „verordneten" Feste, an denen Frau und Kinder doch auch teilnehmen müssen! Die Ausführungen von Rabb. Hirsch ^"ST' in den Gesammelten Schriften sollten heute wahrlich jeder jüdischen Familie zugestellt werden. Kommt es uns doch vor, als wären sie gestern für uns geschrieben. Nur die jüdische Häuslichkeit kann uns die seelische Gesundung bringen und uns die Kraft geben, Schweres, Allzuschweres zu tragen und — zu überwinden. Halten wir die Augen offen und verschließen uns nicht denen, die heute leer, doppelt leer ausgehen. In diesem Zusammenhang gedacht, sollte es gewiß nicht vorkommen, daß jüdische Akademiker in Deutschland — die eben noch von der Universität abgehen — wohl in jüdischen Institutionen landen können, aber keinerlei Möglichkeit haben, für ihren eigenen materiellen Lebensbedarf aufkommen zu können. Kann diesen jungen Menschen der Kopf nach Festen stehen, und wäre es diesen nicht tausendmal lieber, in ihnen zukommenden Kreisen eine Häuslichkeit zu finden? Verlegt einen Teil der Schiurim, verlegt die Forderungen des Lebens nach Musik, Kultur und Wissenschaft in Euer jüdisches Haus, dann werden sie Segen bringen Euch und Euerer Jugend!" am Chomezfeuer wieder beten: Räume fort aus unserem Innern die Mutter des Erevrav! Das ist: Entferne •den Stamm des Gemischten aus dem Kern unserer Seele! Es ist zu viel „mit uns aus Mizrajim gezogen," — zu viel Mentalität der frisch aus dem Ghetto in «die Gleichberechtigung gelangten Leute an uns g e - wese n. Und es ist neuestens zu viel Mentalität •der um ihre Gleichberechtigung und ihre Errungenschaften betrogenen Leute an uns. Wir hatten gar zu •sehr vergessen, daß auch der Meister die Emanzipation nur als ein. solches Glück gesegnet hatte, das in gerechten Zeiten von selber kommt und dessen Ankunft man gleichmütig abwarten kann. 5. Wie tief war uns doch dieser Stolz ins Innerste gedrungen! Gewiß, — nicht Umstürzler waren wir geworden, wie der „Sklave, wenn er die Kette bricht." Aber um so armseliger war der Bettelstolz unserer Seele auf die neue „gesetzentsprechende Formgere'chtigkeit." — Wir müssen ein großes Chomezfeuer entzünden. Wir müssen es noch nicht einmal selber entzünden. Es brennt langst. Einst, so lehrt uns der Midrasch, müssen alle Religionen der Welt, alle Völker mitsamt ihren Göttern die Probe eines großen Feuers nestehen, und auch sich selber und sein Volk nimmt der Ewige von dieser Probe nicht aus -cswi 'n nan '5/ Und nur was diesem Feuer trotzen kann, nur das wird in Ewigkeit fortdauern. Auch an unserer Seele hatte Schlacke den Kern, Derech Erez den Thorageist, Form die Sache überwuchert und erstickt. Da kam das Feuer der heutigen Zeit, und es läuterte Manchen der TJnsrigen von der Schlacke. Selbst die Getreuesten, die G'tt sich so nahe erachtet, daß mit ihrem Gerichte;auch er sich gerichtet, gäpJ wka» mit ihrer Läuterung auch er sich selber gebrannt fühlt, — .auch sie alle -jnüssen von den Flammen unserer Zeit sich als geprüft erkennen. Der Israeli! Es ist höchste Von E. Bilitzky in Antwerpen. In der letzten Zeit wird in allen Lagern der Judenheit viel von einer Einheitsfront geredet. Auch in orthodoxen Kreisen wird hin und wieder darüber schüchtern gesprochen, aber leider führen derartige Aeußerungen nicht nur nicht zum gewünschten Resultat, sondern sie werden sogar durch allerlei parteipolitische Mittel im Keime erstickt. Es ist höchste Zeit für die Orthodoxie, umzulernen, wenn sie 'n^bri nicht noch schwerere Schläge als die bisherigen erleben will. Ist die orthodoxe Judenheit so verblendet, daß sie nicht sieht, wie groß ihre Verluste sind? Leider geht uns ein Teil unserer Jugend sowohl in Palästina Wie auch im Galuth verloren. Erez Jisroel wird auf unjüdischer Grundlage erbaut, das mXIKn üy steigt von Tag zu Tag, die ganze Denkart eines großen Teiles unserer , Jugend ist von Thorageist so entfernt mTB pTlID aiyaö und die Orthodoxie vereinbart es jetzt mit ihrem Gewissen, sich in mehrere Lager zu teilen und sich gegenseitig, manchmal sogar gehässig, zu bekämpfen und zwar so, als ob der . Bruderkampf der Charedim gegeneinander mit zum Thoraprogramm gehöre. Es scheint, daß von manchen sogar führenden Persönlichkeiten der Kampf gegen die Gesinnungsgenossen für eine Art mSö nanVa gehalten wird, den sie nn*n IV bis zur völligen Niederlage oder Kapitulation des vermeintlichen Gegners führen müssen, sonst wäre es unbegreiflich, warum sich zum Beispiel Agudo und Misrachi bis jetzt noch immer nicht einigen konnten. Eine der führenden Persönlichkeiten des Misrachi, Herr Rabbiner A m i e 1 zu Antwerpen, hat angesichts der drohenden Gefahr für die gesamte orthodoxe Judenheit ein Friedensangebot gemacht. Leider aber ist es von der Gegenseite bis auf wenige Ausnahmen entweder ganz ignoriert oder mit eisiger Kälte abgelehnt worden. Man kann über den Misrachi denken, wie man will, aber Gerechtigkeit muß man ihm auch widerfahren lassen. Man muß zugeben, daß an seiner Spitze auch viele rTTinn 'bna stehen und daß mrO ''"IX?! seine Absicht jedenfalls wohlgefällig war. Es ist gar keine Frage, daß die Schöpfer und Führer des Misrachi seit jeher dasselbe Ziel vor Augen hatten wie die der Aguda und zwar 'tf mD^öa üblST Ipn*?- Nur die Mittel und Wege waren verschieden. Leider haben dje Wege b e i - 6. Und wenn Flammen schon leuchten, so möge ihnen auch der suchende Kerzenschein des Erew- Peßach-Vorabends vorangehen und bis in die tiefsten Abgründe unserer Seelen uns das Böse finden und beseitigen lassen. Es ist gar zu vieles in uns gedrungen, was die Umwelt harmlos nennt, was aber in der Lehre unserer Weisen Sünde heißt. Wohl wußten auch unsere Weisen, daß in manchen Zeitaltern infolge ästhetischer Verfeinerung der Menschen manche Dinge nicht mehr zu bewußten Begierden führen, Dinge, die früher sichere „Makler der Sünde" waren. Dennoch haben unsere Weisen ihre Sittsamkeitsvorschriften ohne zeitliche und räumliche Einschränkung uns erteilt. Denn sie wußten, daß im Innern der Seele, jenseits der Bewußtseinspforten überall und immer der Mensch durch Verletzung dieser Vorschriften in Sünde gerät, und sie wußten, daß die Thora von uns verlangt, die ganze Seele, auch den nicht bewußten Kern der Seele allezeit rein zu erhalten. Die Zeit, in der wir leben, hat mit schonungsloser Grellheit alle diese Zusammenhänge neu aufgedeckt, die der überästhetischen Biedermeierzeit nur des Ignorierens wert erschienet? waren. Um so mehr wäre es unsere Pflicht heute, diese altneuen Erkenntnisse zu unserer Läuterung bis ins Innerste und Unbewußteste auszuwerten und die lange verkannten Sittengesetze unserer Weisen in vollem Umfange in allen unseren Lebensbeziehungen aufs Neue zu befolgen. 7. Das Gebet am Chomezfeuer um Befreiung unseres Innersten von fremden Elementen gewinnt im Lichte dieser Erkenntnis einen neuen und doch ewig gültigen Sinn. Nur ist es nicht Gebet allein; es ist auch Vorsatz und edler Entschluß zur innersten Läuterung. In unserem Inneren geht die Wandlung vor sich, wenn wir am Chomezfeuer stehend uns für mehrere Tage des Besitzes alles Gesäuerten entledigen, das den ab- Nr. 13,14 Seite 5 der Parteien bis jetzt nicht die erwarteten Ergebnisse gezeitigt. Auf beiden Seiten sind Teilerfolge zu verzeichnen, leider haben sie aber auch beide viele Mißerfolge aufzuweisen. Nun muß es aber den Misrachiführern hoch angerechnet werden, daß sie den Mut haben, nach dreißigjähriger Tätigkeit für eine Idee, weiche ihr ganzes Leben ausgefüllt hat, kehrt zu machen und zu sagen: *pin it K1?* Das war der Fall bei der Misrachikonferenz vom Aw vorigen Jahres in Krakau. Seitdem befindet sich der Misrachi an einem neuen "Scheidewege. Den Anstoß dazu hat ein Referat des Herrn Rabbiner Amiel gegeben, welches von bewundernswerter politischer Kühnheit und Folgerichtigkeit war. Er hat dem Zionismus und bisherigen Misrachismus die Meinung gesagt, so wie es der extremste Aglldist nicht besser und ablehnender hätte tun können. Sein Referat wurde vor kurzem offiziell vom Misrachi in Form einer Broschüre unter dem Namen „Die ideologischen Grundlagen des Misrachi" herausgegeben. Das beweist, daß Rabb. Amiel mit »einen Gedankengängen nicht alleinstehend in se^em Lager ist. Aus dem Inhalt der Broschüre wollen wir Folgendes hervpxheben. Herr Rabbiner Amiel vertritt dort die Ansicht, daß einer der Hauptfehler des Misrachi darin besteht, daß dieser trotz seiner dreißigjährigen Existenz noch immer ideologisch nicht begründet ist. Aus gewissen politischen Gründen ist er in Eile während des zweiten Zionistenkongresses als zionistisches Anhängsel ohne genügender Ueberlegung über Ziel, Notwendigkeit und Ideologie desselben geschaffen worden. Das Programm des Misrachi war einfach eine Zusammenkoppelung von Tauroh mit dem Baseler Programm, so wie die alten Maßkilim sich ungefähr gedacht haben, daß Thpra und Haskala Hand in Hand gehen müßten, oder noch weiter vielleicht so etwas wie das Thora im Derech Erez-Prinpiz von Hirsch b'^f' Eigentlich müßten solche Verbindungen wirklich keine Gefahren in sich bergen, denn was Haskala betrifft, so liefert uns die Geschichte insbesondere aus der Epoche des Rambam und seiner Anhänger schlagende Beweise dafür, daß sie sich mit dem Thorageist gut vertragen kann und warum das Baseler Programm, d. h. der Wille zur Schaffung einer nationalen Heimstätte für unser geplagtes Volk in unserem heiligen Lande mit der Emuno in Konr zulegenden Stolz auf Selbstgeschaffenes versinnbildlicht. Versinnbildlicht und nicht mehr? Es deutet nicht nur an, sondern es bewerkstelligt der Chomezverzicht den Stolzverzicht, und es heißt nicht nur die Mazza des Seder ein amo»n snnb Brot der Gesundung, sondern sie ist es auch und hat noch niemanden, auch nicht den Entfremdesten unbeeinflußt zum Guten gelassen, zur Umkehr zu den Lebensaufgaben eines jüdischen Menschen. — Nicht dürfen wir in überheblicher Scheinwissenschaftlichkeit uns imstande wähnen, vor den Augen unseres Bewußtseins die 'Wandlung abrollen zu sehen, die ein G'ttesgebot an seinem Befolger vollzieht. Wohl aber hat uns das Wissen unserer Zeit Heilungen der Seele kennen und a n e r - Kennen gelehrt, deren Verlauf im Einzelnen sowohl dem Beobachter als dem Geheilten, ja als dem Heilenden nicht offenbart. In Demut und in Vertrauen G'ttes Anordnungen zu folgen, muß uns diese Beobachtung veranlassen. 8. Einmal bricht doch der Morgen an, den wir erhoffen: der Morgen der Erkenntnis der G'ttes Gebote durch alle Menschen, der Morgen, zu welchem auch unser Stolz übernachten.darf. Gedemütigt und geläutert können wir guten Gewissens ihm entgegensehen. Mit dem gesamten irdischen Machtstreben müssen wir gebrochen, auf G'tt allein unser Vertrauen gesetzt, — auch von Aenderung unserer Berufsschichtung nicht das alleinige Ziel erwartet, ja selbst an die Mizwa der Besiedlung des heiligen Landes keine Machthoffnung geknüpft, sondern alle diese Verirrungen bis zum letzten, kaum bewußten Gedanken aus unserer Seele gebannt haben. Dahn und nur dann allein können wir dem Morgen der Menschheit in Freude und gutem Gewissen erwarten; npia iv wa nna» w*. nksn kV ddri