Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 die Alternative, ihren Kindern den Sabbat entweder ganz zu geben oder ganz zu nehmen. Sitzen sie am Sabbat auf der Schulbank, so haben sie sich an allen manuellen Arbeiten (niDN^a rTOX) zu beteiligen, wollen sie aber ihren Sabbat halten — das ist der Sinn der Verfügung —, so kann es nicht im Schulraume geschehen, sondern dort, wo der Sabbat zu Hause ist, in der Synagoge und im Familienheime. Könnte es für jüdische Eltern überhaupt noch ein Ueberlegen geben, welchen Weg sie zu wählen haben? Welcher Vater wäre heute so hart und lieblos, seinem Kinde in der trostlosen Wüste des Daseins, — doppelt trostlos für das jüdische Kind und den jüdischen Menschen —, auch noch den Weg zur Quelle des Lichtes und des Glückes, zum Sabbat zu verbauen? Die Verfügung stellt uns frei, die Schüler auch nur für die „Stunde des G'ttesdienstes" vom Schulbesuche zu dispensieren. Brächte es aber jemand fertig, sein Kind erst in der Synagoge in stiller Zwiesprache mit G'tt vom „Sabbat, dem ewigen Bunde zwischen G'tt und Israel", von ,1hm, der den Sabbat eingesetzt und seine Opfer wohlgefällig aufnahm", beten, zwischendurch vielleicht auch das „Gedenke des Sabbatstages" aus der geöffneten Thorarolle vernehmen zu lassen, damit es eine Stunde später in der Schule schreibe, zeichne und allerlei Handarbeit verrichte? Eine solche Erziehung zur Zwiespältigkeit wäre schon aus rein menschlichen und pädagogischen Rücksichten zu verwerfen. In Friedberg (Oberhessen) hat die jüdische Elternschaft, wie in jüngster Nummer berichtet, auf Anregung des dortigen Lehrers spontan und einmütig den Beschluß gefaßt, von der neuen Verordnung in dem Sinne Gebrauch zu machen, daß sie ihre Kinder nunmehr vom Schulbesuche am Sabbat ganz befreien lasse. Wir wollen diese Tat nicht hervorheben und erst zur Nachahmung empfehlen, sondern die Ueberzeugung aussprechen, daß sie überall in den jüdischen Gemeinden Deutschlands selbstverständlich Nachahmung findet. Wir sprechen es frei aus: Wo ein Rabbiner oder Lehrer die Situation nicht erfaßt hat undnicht demFriedberger Beispiel folgt, da steht er nicht auf seinem richtigen Platze. Haben wir aus der Misere der Zeit erst einmal den Sabbat für unsere Kinder gerettet, dann wird sich bald auch in anderen Punkten zeigen, wie es lediglich an uns liegt, in mancherlei Beziehung unser Geschick zum Guten zu wen- Chomezfeuer. Von B. Cohen. „Du sollst nicht bei Gesäuertem das Blut meines Opfers schlachten." (Ex. 21, 18 und 34, 26.) 1. Aus diesem Worte lehren uns die Weisen: Alles Gesäuerte muß am Vortage des Pessach vor Ablauf «ler ersten Tageshälfte aus unserem Bereiche verschwunden sein (Peß. 5a Raba), das ist vor Beginn der Zeit des Schlachtens des Peßach-Opfers. Das Gesäuerte ist uns, nach des Meisters Worten, ein Sinnbild des Stolzes auf Selbsterworbenes, das Verbot des Gesäuerten Sinnbld des Verzichtes auf diesen Stolz, — und dieser Verzicht ist gerade bei der Erinnerung des Auszuges aus Mizrajim das Heiligste; denn der Auszug geschah nur durch g'ttliche und ohne menschliche Hilfe. — Das Peßachopfer nun ist dasjenige, das seine Hauptbestimmung darin hat," nar Familienopfer zu sein; würde nun im Tempel das Opfer des Auszugs dargebracht werden, bevor im Hause das Gesäuerte beseitigt ist, so wäre damit die Trennung zwischen Tempel und Haus, zwischen Heiligkeitsbereich und Weltbereich verschärft, die wir überbrücken sollen, um mit G'ttes Herrlichkeit die ganze Erde zu erfüllen. Diese Erklärung des hier statt noa stehenden Wortes mi» die der Meister gibt, ist D'nos "n«;^st?~m iu^k K"? T'D bisher die einzige. den und wahr zu machen das alte historische Wort: nmüV mvn nybu- Agudistischmisrachistische Einheitsfront? Wir veröffentlichen an anderer Stelle dieser Nummer unter der Ueberschrift: „Es ist höchste Zeit" einen uns zugegangenen Aufsatz, der, wie wir anzunehmen Grund haben, von führender misrachistischer Seite inspiriert ist, und den wir deshalb unsren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben. Von unserer Seite ist dazu ein Zweifaches zu bemerken. Der Verfasser vertritt den Standpunkt Rabbiner Ami eis in Antwerpen, der an den Grundlagen und der bisherigen Politik des „Misrachi" scharfe Kritik geübt und den Anschluß nach rechts, jedenfalls den Zusammenschluß mit der Aguda empfohlen hat. Dabei bleibt jedoch völlig unklar, wie sich Rabbiner Amiel diesen Zusammenschluß ohne gleichzeitigen Austritt des „Misrachi" aus der zionistischen Organisation vorstellt. Keiner erkennt deutlicher als Rabb. Amiel selbst, wie jede organisatorische Abhängigkeit im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte mit zwingender psychologischer Notwendigkeit auch zu geistiger Beeinflussung führen muß und wie dadurch allmählich eine Art seelischer Lähmung von innen heraus zur Abschwächung der Glut und Energie des religiösen Lebens führen muß. Dessen sind die Misrachi-Schulen und ist ein Teil der misrachistischen Jugend Zeuge. Warum denkt also Herr Rabb. Amiel seine Gedanken nicht zu Ende, indem er dem „Misrachi" volle organisatorische Selbständigkeit empfiehlt? Dann würde ein Zusammenschluß in irgend welcher Form mit der „Agudas Jisroel" wohl nicht lange auf sich warten lassen, eben so wenig wie die friedliche Lösung der heute in Erez Jisroel selbst so schwierigen organisatorischen Probleme. Auch die Verständigung mit Agency und Zionismus in außenpolitischer Hinsicht wäre dann nicht allzuschwer. Wir begreifen, daß ernste finanzielle und wirtschaftliche Erwägungen den „Misrachi" und seine Führer verhindern, diese Konsequenz zu ziehen. Aber die Rücksicht auf diese begreiflichen Bedenken kann die Leitung der „Agudas Jisroel" nicht veranlassen, durch ein Dauer-Bündnis mit einer zionistischen Fraktion Verwirrung in die eigenen Reihen, insbesondere in die Reihen ihrer Jugend, hineinzutragen, die grade in einem 2. Stolz auf Selbsterworbenes abzulegen, ist die erste Vorbedingung zum Eintritt in den Dienst G'ttes. Der Einzelne, wenn durch ein Opfer er seinen Dank für Rettung bekundet, darf und soll an die egne Mühe denken, ohne die er G'ttes Hilfe nicht erlangt und nicht verdient hätte, und er hat daher auch Gesäuertes zu opfern. G'ttes Volk aber wurde nur durch G'ttes Hilfe gerettet. Das Peßachopfer unterscheidet sich auch darin vom Dankopfer des Einzelnen, daß nur das Peßachopfer ein männliches sein muß und also Sinnbild dafür ist, daß in ungebrochener Vollkraft, nicht „in Demut und Wehmut als Lamm zur Schlachtbank" das Volk Israel seinen Weg unter G'ttes Hirtenstab durch die Zeiten zu wandeln hat. Eben wegen dieser Betonung sieghaft mannhafter Vollkraft, die im Peßachopfer angedeutet ist, schweigt die Thora in den Worten des obigen Verses ganz von der Erwähnung des Peßachopfers: Selbst der gebotene Stolz auf den menschlich freien starken Willen schweige in der Stunde, in der wir durch Fortschaffung des Gesäuerten G'ttes unumschränkte Rettermacht bekennen. 3. Das G'tteswunder der Errettung aus Mizrajim wiederholt sich stetig auch heute und grade in unseren Tagen. Unsere und unserer Brüder Macht ist es nicht, was uns am Leben erhält; einzig und allein der g'ttlichen Macht verdanken wir, was von uns und von unseren Gemeinden noch dein Anstürme der Zeiten standgehalten hat. Da geziemt es sich für uns, allen und jeden Stolz auf Dinge abzulegen, die wir aus menschlicher Kraft erlangt hatten. Das Peßachopfer, das soviel jüdischen männlichen Stolz verkündet, darf nicht bis zum Morgen übernachten, ebenso wie (Ps. 49, 13) überhaupt einen Menschen „in seinem Stolze zu übernachten" niemals vergönnt ist. Der edle Stolz, mit welchem im Zeitalter des Meisters eine mächtig aufstrebende Welt auf Kulturerrungen- Augenblick höchsten Erez Jisroel-Enthusiasmus nur durch klarste H e r a u s a r b e i t u n g des Gedankens der absoluten Thoraherrschaft und durch klarste Grenzabst e c k u n g im Organisatorischen gegen die Gefahren der geistigen Infektion gefeit werden kann. Das schließt ein Zusammenarbeiten von F a 11 z u F a 11 nicht aus. So schweben jetzt aussichtsreiche Verhandlungen im heiligen Lande, um durch Zusammenwirken agudistischer und misrachistischer Kreise der Tragödie der deutschen Kinder-Alija nach Eri-Charod und Ben-Schemen (den religionslosen zionistischen Kewuzoth) entgegenarbeiten und ausreichende religiöse Erziehungsmöglichkeiten für diese Kinder zu schaffen. Wir könnten uns — ohne den im höchsten Grade gefährlichen, vom Misrachi vorgeschlagenen orthodoxen Weltkongreß in Jerusalem — noch andere Gelegenheiten und Möglichkeiten eines praktischen Zusammenarbeitens zwischen Misrachi und Aguda denken, über die man nicht m der Presse, sondern am Konferenztische in kleinem Kreise sprechen müßte. Feste in unserer Zeit? Zu unserem Leitartikel unter diesem Titel in Nr. 11 unseres Blattes gingen uns mehrere Zuschriften zu, die in ihrer Mehrzahl unserer Auffassung über die von Zeit und Lage gebotenen Grenzen unserer gesellschaftlichen Festveranstaltungen zustimmen. Folgende Ausführungen eines geschätzten Mitarbeiters, der, im Mittelpunkte des Wohlfahrtslebens stehend, sich an der Quelle wohl ein Urteil über diese Dinge bilden konnte, scheinen uns besonders beachtenswert: „Da die Erörterung dieser zeitgemäßen Frage in Ihrem geschätzten Blatte an bevorzugter Stelle stand und somit in den Vordergrund der ,,Schabbos-Lektüre" gerückt wurde, drängt es mich, darauf einzugehen. Ich muß sagen, ich wünsche einerseits allen jüdischen Menschen die glückliche Veranlagung Ihres „Fest-Anwalts", der, allen Stürmen trotzend, das nun einmal mit Recht oder Unrecht bei vielen bestehende Bedürfnis nach Zerstreuung befriedigen möchte. Andererseits aber ist es ihm gewiß nicht bekannt, wieviel jüdische Brüder und Schwestern — die nicht zu den „Philistern" zu rechnen sind — seinen temperamentvollen Ausführungen nicht beistimmen können. Schon deshalb nicht, weil sie das Problem .unseres heutigen jüdischen einschalten sah, der Stolz, mit welchem auch die treueste Gefolgschaft G'ttes an diesem Aufschwung teilnahm, — der Stolz, in dessen Folge unter Derech-Erez außer dem bürgerlichen Schaffen noch viele, vom Thoraleben ablenkende Dinge in das Lebensprogramm der Getreuen gezwängt wurden, — ist fast überall gewichen. Es war zu viel an Stolz in uns. Wir bedurften keines Aufrufes, nur das Männlichstarke zu opfern, wie seiner das Zeitalter des Meisters mit der damaligen analogen Tränenreligiosität bedurfte. Zu uns spricht als deutlichstes Sinnbild das Fehlen des Peßachopfers, das Opferverbot überhaupt. Der Blick auf den Sedertisch ohne Peßachlamm lehrt uns deutlicher als alle Worte: Ihr seid noch nicht wieder der G'ttesnähe würdig, nicht des Stolzes, der von Generation zv<- Generation übernachten darf; an euch ergeht kein anderes Gebot als das, bei Ungesäuertem und Bitterkraut der Erlösung zu gedenken, — vor allem aber das Chomezfeuer rechtzeitig zu entzünden und in ihm allen Stolz über Selbstgeschaffenes aufgehen zu lassen Denn, wie es Ex. 21, 18 unter voller Verschweigung des Peßach-Namens gesagt ist: Keines Festes Freude soll bis zum Morgen übernachten; kein irdischer Segen, auch nicht wenn wir ihn G'tt durch Dank und Pflicht geweiht und unterstellt haben, begleitet uns durch die Nacht der Zeiten, daß er bestehen könne vor Maschiachs Weltenrichterthron, — und keine aller dieser Herrlichkeiten begleitet uns durch des Grabes Nacht, daß sie Bestand habe vor dem Richterthrone des Vaters unserer Seele. i 4. Unser immer noch stolzes Geschlecht lernt '.ans Scheine des Chomezfeuers Verzicht, Entsagung, Fortwerfen alles dessen, was nicht vor G'ttes und Maschiachs Thronf ür uns sprechen kann. Es sieht f am Chomezfeuer mit Flammenzeiehen sich in die Seele gebrannt: Was sind wir, was ist unser Leben! Es leW