Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450820--80301-2538107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 Reichsjustizkommissar Dr, Frank gegen Disziplinlosigkeit und Uebertreibungen. Reichsjustizkommissar Dr. Frank führte, nach einem Berichte der „Frankfurter Zeitung" in einer am 22. März in Weimar stattgehabten großen Kundgebung zu dem Thema „Kampf der Reaktion" u. a. folgendes aus: Es gebe eine politische, eine soziale und eine religiöse Reaktion.---- Den 150prozentigen Nationalsozialisten" mit den Mitgliedsbüchern Nr. „3. oder 4. Million", die sich wunderten, daß in Deutschland überhaupt noch Juden lebten, sage er, daß demnächst in der Organisation der Bewegung eine gründliche Musterung gehalten werde. Die Partei müsse auch darauf bestehen, daß ihre Prinzipien nicht durch sogenannte Sonder organisationen angetastet würden. Der Nationalsozialismus habe dem Volke das gebracht, was die Reaktion nie verstehen werde und die Marxisten stets verlacht hätten: das Gefühl der Kameradschaftlichkeit, das Bewußtsein, daß alle auf Gedeih und Verderb in einer Gemeinschaft der Deutschen verbunden seien. Den Frieden wolle man nicht dadurch gefährden, daß man nervöse Nachbarn noch nervöser mache. In Deutschland könne heute jeder alles sehen. Das deutsche Volk sei nicht so wahnsinnig, einer ganzen Welt in Waffen entgegentreten zu wollen. Krieg führen wolle man nui gegen die Arbeitslosigkeit. Die einzige Waffe, die dem deutschen Volke geblieben sei, sei sein Recht. Die nationalsozialistischen Führer seien nicht gegen eine Verbindung der Völker der Welt, aber dagegen, daß sie aufgebaut werde auf der Vorherrschaft einer Staatengruppe. Deuschland wetde nicht nach Genf zurückkehren, solange sein Anspruch auf Gleichberechtigung nicht anerkannt sei. Die häutige Staatsführung sei autoritär nicht gegen, sondern durch das Volk. Das von Adolf Hitler geschaffene Arbeitsprogramm sei ein Programm des Friedens, des Rechts und der Kameradschaftlichkeit. Auch aus dieser Aeußerung einer der maßgebendsten Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Deutschlands geht unzweideutig hervor, daß sich der Staat seiner Verpflichtung bewußt ist, den deutschen Juden eine physische, wirtschaftliche und rechtliche Lebensmögdie deutschen Juden. Am nächsten Dienstag wird unter dem Vorsitz Antony de Rothschilds eine große anglojüdische Konferenz stattfinden zur Einleitung der bereits im Oktober vorigen Jahres beschlossener, zweiter*. Sammelaktion zu Gunsten der deutschen Juden. Ansprachen werden halten u. a. der ehemalige Vizekönig von Indien, Lord R e a d i n g , sowie der Vorsitzende des Central British Fund, SirOsmond d'AvigdorGoldsmid. Aus Anlaß der bevorstehenden Tagung veröffentlicht der Central British Fund einen umfassenden Bericht über seine bisherige Hilfstätigkeit, über die im „Israelit" laufend referiert wurde. Aus dem in dem Bericht enthaltenen Einzelheiten stellen wir folgende Uebersicht zusammen: Die Gesamtsumme der aufgebrachten Gelder betrug Pfd. 203.827.—. Hiervon wurden verwendet für Auswanderer aus Deutschland in England selbst durch ein unter Vorsitz von Otto Schiff stehendes Hilfskomitee Pfd. 20.000, für Intellektuelle und Akademiker aus Deutschland Pfd. 8560, wozu noch Pfd. 4000 der Haendler-Stiftung traten. Dem Zentralausschuß in Berlin wurden für Zwecke der Auswanderung bezw. Heimbeförderung er- 1 i c h k e i t in Deutschland zu belassen und ihnen nicht den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Nachdrücklich weist auch eine Erklärung der Lügenabwehr-Zentralstelle der N. S. D. A. P. soeben gegenüber der ausländischen Boykotthetze mit vollem Recht darauf hin, daß „jede antijüdische Boykottpropaganda von den verantwortlichen Führern der Handels- und Gewerbeorganisation in Wort und Schrift ausdrücklich untersagt worden sei," ja noch mehr, daß „die Juden in Deutschland ihrer privaten und wirtschaftlichen Betätigung im Rahmen der Gesetze frei und ungehindert nachgehen können." Die Verwirklichung dieser Grundsätze in der Praxis hängt aber naturgemäß zum guten Teil von der Stimmung der Bevölkerung und diese wiederum von den Einwirkungen der lokalen Presse ab. Da nun muß noch manches geschehen, um der Politik der Reichsregierung praktische Geltung zu verschaffen Wer beispielsweise die letzten Nummern des „Stürme r" gelesen hat, begreift die deprimierte Stimmung, die in den betroffenen jüdischen Kreisen Frankens herrscht. Er muß aber auch vor dem gesunden Sinn der arischen Bevölkerung Frankens Respekt bekommen, die eine derartige systematische Aufreizung aller Leidenschaften über sich ergehen läßt, ohne sich zu Ausschreitungen gegen» die Juden hinreißen zu lassen. Man darf jedoch vor allem nicht vergessen, daß ein Blatt wie der „Stürmer" (es gibt nur einige wenige ähnlichen Charakters) auch ins Ausland gelangt, dort ein ganz falsches Bild von dem wahren Geiste des neuen Deutchland vermittelt, und mehr Wasser auf die Mühlen der törichten und von allen ernsthaften jüdischen Führern verurteilten Boykotthetze gegen Deutschland leitet als alle loyalen Erklärungen der verantwortlichen deutschen Staatsmänner und der großen deutschen Presse wieder gutmachen können. Im höchsten innen- und außenpolitischen Interesse Deutschlands, das heute mit dem Interesse des Weltfriedens identisch ist, sollte und könnte hier Wandel geschaffen werden. Das auszusprechen scheint uns Recht und Pflicht der jüdischen Presse in Deutschland. Berlin, 22. März. werbslos gewordener Juden vom British Central Fund Pfd. 20.000, ebensoviel vom Joint Distribution Committee in New York zur Verfügung gestellt. Für das jüdische Schulwesen in Deutschland wurden bis,31. Dezember 1933 Pfd. 10.000 von London überwiesen, Pfd. 10.000 von New York. Für die Weiterwanderung, Schulung und Ansiedlung nach Frankreich ausgewanderter Juden sind Pfd. 18.000 ausgegeben. Einen noch größeren Betrag hat der Joint diesem Zwecke gewidmet. An der Siedlung und Schulung in Holland hat sich der Fund mit Pfd. 6500 beteiligt, der Joint mit einem noch größeren Betrage. Der erfolgreichste Teil des Hilfswerkes zum Wiederaufbau der Existenz deutscher Juden war dasjenige in Palästina, Der Bericht schätzt die Zahl der dorthin im abgelaufenen Jahr ausgewanderten auf 9000. Es wurden zur Verfügung gestellt für Errichtung von Wohnhäusern in den landwirtschaftlichen Siedlungen Pfd, 30.000, ferner Pfd. 21.000 für landwirtschaftliche und industrielle Schulung der neuen Einwanderer, Pfd. 2000 (leider; Red.) zur Unterbringung von deutschen Kindern in dem Kinderdorf Ben Schemen. Erhebliche Mittel erhielt der zionistische Frauenverband (Wizo) zur Neuaufnahme von-647 jungen Mädchen in die Lehrheime der Wizo. Hierfür wurden aufgewendet Pfd. 12.000. Die hebräische Universität erhielt zwecks Berufung deutscher Dozenten Pfd. 5000, das Technikum in Haifa Pfd. 1750. An dem Verwaltungsbudget des. Emigrantenoberkommissars hat sich der British Fund mit Pfd. 3750 beteiligt, kleinere Ausgaben wurden in den verschiedenen Ländern gemacht, wo die Ankunft jüdischer Auswanderer aus. Deutschland ein Eingreifen erforderte. Der Bericht betont mit Nachdruck, man dürfe sich nicht vorstellen, daß die Notlage der deutschen Judenheit geringer geworden sei, weil die Verhältnisse in Deutschland selbst stationär geworden sind. Vielmehr schreite der Verarmungsprozeß unaufhaltsam fort und die Ansprüche werden daher 1934 wesentlich höher sein, als 1 9 3 3. Die Erfordernisse für Auswanderung und Umschulung werden Pfd. 120.000 betragen, ganz abgesehen von den notwendigen Aufwendungen für die Erhaltung kultureller Einrichtungen in Deutschland. Weitere sehr hohe Beträge wird die endgültige Ansiedlung der in den Nachbarländern befindlichen Auswanderer aus Deutschland erfordern. Der British Central Fund wird auch weiter mit dem Joint in Amerika zusammenarbeiten und mit den übrigen Ländern, die sich an der Geldaufbringung beteiligten, Kontakt halten. Die Kommission vertraue darauf, daß der neue Appeal, der die für das Jahr 1934 benötigten Summen schaffen soll, in seiner Dringlichkeit gewürdigt, und Erfolg haben werde. Die amerikanische Hilfsaktion für die deutschen Juden. In ener großen Versammlung in New York wurde die große Aktion zur Aufbringung von drei Millionen Dollar für das HilfswerkzuGunsten de r deutschen Juden eingeleitet. Die Leitung der Aktion hat Felix M. War bürg, außer ihm gehören noch zwölf prominente Männer der amerikanischen Judenheit dem Komitee an. Auf der Versammlung ergriff u, a. auch der Oberkommissar James G. Macdonald das Wort und lobte das einheitliche großzügige Vorgehen der amerikanischen Juden für ihre Glaubensgenossen. Ueber die geplante Verwendung der Gelder wird folgendes verlautbart: Ein Teil der Mittel wird dem Zentralbüro für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina sowie für die Deckung des, normalen Budgets des Keren hajessod verwendet Andere Gelder werden durch Vermittlung des Joint für die Fortsetzung der Hilfs- und Wiederaufbau-Arbeit in Deutschland und anderen Ländern verwendet werden, ebenso für Fortsetzung der normalen Hilfsarbeit des Joint im Ost- und Mitteleuropa. Von den zunächst gesammelten Beträgen werden je Dollar 250.000 dem American Palestine Campaine und dem Joint für genannte Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Die gleichen Beträge werden den genannten Organisationen zur Erfüllung früher übernommener Verpflichtungen bezüglich des Hilfswerkes in Deutschland und für deutsche Juden in Palästina überwiesen werden. Ueber die Verwendung der weiteren Gelder entscheidet eine aus Vertretern beider Organisationen bestehende. Kommission. Eröffnung der zweiten Sammelcampagne des Central British Fund zu Gunsten des Hilfswerkes für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.