Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M, I 29. März 1934 13. Nissan 5694 Nummer 13/14 Eine Erklärung der gesetzestrenen Rabbiner Bayerns. München, 26. März. Die gesetzestreuen Rabbiner Bayerns ersuchen uns um Veröffentlichung nachstehender Erklärung: Es ist uns bekannt geworden, daß in bayerischen Rabbinatsbezirken Fleisch von betäubt geschächteten Tieren im guten Glauben als koscher verwendet wird. Wir sind verpflichtet, Öffentlich zu erklären, daß eine relgionsgesetzlich zulässige Methode der Betäubung trotz aller nur möglichen angestrengten Bemühungen nicht gefunden ist. Das Fleisch betäubt geschächteter Tiere ist demnach treiioh. Wir bitten unsere Glaubensgenossen, gerade in dieser prüfungsschweren Zeit, dem Gesetze G'ttes die Treue zu halten und nur wirklich koscheres Fleisch zu verwenden. Wer will sein Gewissen heute damit belasten, daß er das Kaschruth seines Haushaltes zerstört! Beweisen wir — und heute erst recht — daß uns keine Entbehrung und kein Opfer in dieser Treue v/ankend machen kann. Auerbach - Würzburg, Bamberger -Kissingen, B 1 o c h-Aschaffenburg, B r e s 1 a u e r-Fürth, Ehrentreu -München, Ephraim -Kissingen, H a n o v e r -Würzburg, Klein -Nürnberg, Mannes -Schwabach, E. Münk -Ansbach, S. M u n k Burgpreppach, Neuwirt h - Ichenhausen Schwab- Ichenhausen, "Stein- Schweinfurt, Unna- Würzburg, Weinberg - Regensburg, Wohlgemut -Kitzingen. Aus dem Inhalt; Gebt unseren Kindern den Sabbat . . S, 3 Agudistisch-misrachistische Einheitsfront?...........S. 4 Es ist höchste Zeit..........S. 5 Vom Ringen unserer Jugend......S. 6 Chomezfeuer.............S. 4 Agudistische Zertifikate für die Somroerperiode.....S. 7 Jüdisch-religiöses Kulturwerk für die Landgemeindea Hessen und Hessen-Nassau.......S 8 Austritt der Revisionisten aus der Kneses Israel......S. 9 England als Insel der Toleranz . . . S. 11 Feuilletonbeilage/Kinderecke . S. 13/14/17/18 Gola u. Geulla / Erziehung und Lehre / Literarische Warte / Illustrierte Beilage Omertabelle ... •.........S. 10 Die Lichter unseres SedertiscSies. n. Von den vier Lichtern, die mit den „vier Sabbaten" das Pessachfest ankündigen und dann unser altes Haggadahbuch umstrahlen, ließen wir das eine: den Gleichheitsgedanken aufleuchten. Ihm möge nun das Freiheitsprinzip im Texte und zwischen den Zeilen der Haggadah folgen. Wie stark muß doch das Gut der persönlichen Freiheit in einem Volke fundiert gewesen sein, das seine Geschichte an den „Auszug aus der ägyptischen Knechtschaft" anknüpft. „Der G'tl der Eisen wachsen läßt, wollte keine Knechte", heißt es im alten Liede. Wir variieren den Vers, wenn wir in Tin"' die Vorschrift über den unter Vermeidung jedes Eiseninstrumentes herzustellenden Altar lesen und unmittelbar darauf die Bestimmung über die Befreiung des Sklaven nach sechs Dienstjahren an der Spitze der Rechtsvorschriften in O^ÜDWö etwa so: „G'tt, der sich einen Altar errichten ließ ohne Eisen, wollte keine Knechte! . . Wie diese Freiheit aussieht, dies dem Kinde zu erklären und fürs Leben einzuhämmern, ist Aufgabe des Vaters mit der Generalantwort: W"n üvny auf die vier — und alle anderen gestellten und ungestellten — Fragen. Diener waren wir bei Pharao in Mizrajim, aber G'tt führte uns. hinaus. Auf 'n UiPSn legen wir die Betonung, nicht auf das Hinausführen. Es ging direkt und unvermittelt aus der Knechtschaft in Mizrajim in die Abhängigkeit und Hörigkeit von G'tt, und hier fand Israel seine wahre Freiheit. „Und hätte nicht der Heilige, gelobt sei Er, unsere Väter aus Mizrajim herausgeführt . . ." Was dann? Es kann nicht so wörtlich gemeint sein, daß wir heute noch Lohnarbeiter an den ägyptischen Baustätten gewesen wären, nach all den Wandlungen, die Mizrajim und wir in den Jahrtausenden durchgemacht, nachdem jene Bauten längst nur noch Ruinen und Attraktionen für Touristen und ihre großmächtigen Bauherren nur noch als Mumien hie und da ans Licht gezogen werden. Nein, auch hier haben wir die Worte n " n p M K'Xin I^KI zu unterstreichen. Wäre die Befreiung uns nicht aus S e iner Hand gekommen, wir hätten uns vielleicht in der Geschichte irgendwie selbst befreit, aber es hätte keinen Sinai, keine geistige Erlösung gegeben. In voller Freiheit wären wir Sklaven ägyptischer, d. h. g'ttferner Kultur, wie sich die Weisen tief und bildlich ausdrücken, in den ^fünfzig Pforten der ägyptischen Unreinheit" stecken geblieben. Darum 'UT Wtän 13^3 I^DXV unabhängig von unserer geistigen und sittlichen Höhenstellung, unberührt von unserem Eingesponnensein in die Weltkultur, bleibt uns die Pflicht, von jenem Ausgangspunkte unserer Geschichte ausgehend, Ihm in Wort und Tat treue Diener zu sein. Einer im Kreise der Söhne versteht es nicht, will es nicht verstehen, fragt nXTfT mi2I?n na« Er sieht Bindungen, Fesseln und Klammern und nennt die jüdische Tat eine Last. Er glaubt sodann, all diese Aeußerlichkeiten über Bord werfen zu können, wenn er nur im Prinzi'pe G'tt anerkennt, zum Glauben der Väter hält und sich zu gewissen moralischen und ethischen Verpflichtungen der Religion bekennt. Eine Auseinandersetzung mit diesem verlorenen Sohne, der vielleicht doch nicht ganz verloren ist, und erst recht mit seinem zu ihm gehörigen gelehrigen Schüler, der nichts mehr zu fragen hat, — weil er in die neue Ideologie schon hineingeboren ist — tut heute, da die Sturmflut von außen manch einen ungeahnt an unseren Sedertisch treibt, not wie kaum zu einer anderen Zeit unserer Geschichte. Gebt Antwort! Wenn du im ersten Teile deiner Frage in der religiösen Betätigung des Juden eine nTOtf, eine Last siehst, dann kennst du, lieber Bruder, den Juden nicht, noch sein Gebet, noch seine Familie, hast nie die heiter glücklichen Gesichter der jüdischen Kinder im Strahlenglanze der Sabbatlichter gesehen, nie mit dem jüdischen Kinde pochenden Herzens im Strahlen der jungen Frühlingssonhe dem Pessach und dem Seder entgegenharrt, nie die Wonne und Würde der Seele mit dem Juden empfunden, der, draußen von tausend Nöten gepeitscht, „in des Herzens heilig stille Räume flieht aus des Lebens Drang." Wer von Last spricht und nicht die Lust der religiösen Pflichterfüllung kennt, der hat G'tt nie gesucht, wie es schon Jesajas einer kritischen Jugend seiner Zeit zuruft: 'bmEr> "»a n-sn"» "o spip ntnj? ^is h^t „Und nicht mich hast du angerufen Jakob, wenn du glaubst, dich an mir und meinen Geboten a b - ühen zu müssen . . ." (Jesajas 43, 21.) Gewiß, auf großer Linie will der kritische Bruder G'tt dienen, G'tt lieben, den Kleinkram der täglichen Vorschriften und der Zeremonialgesetze lehnt er als belanglos ab; belanglos für den modernen Menschen im Licht der Kultur, wo alles aufs Ganze und aufs Große weist, wo große Ideen und Gedanken von weitem Schwünge die Gehirne bewegen und die Menschen in die Stratosphären hinauf und bis zu den Eiswüsten der (Fortsetzung auf Seite 3.)