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Der Israelit · 1934-03-22 · Heft 12 (22.3.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 12 (22.3.1934)
Date
1934-03-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 11 D Israelit 22. März 1934 „Sehr wahr gesprochen!" stimmte der Frü here zu. ,,Hätte Friede und Eintracht zwischen unseren Königen und Priestern geherrscht, dann wäre es Vespasian und Titus nie gelungen, Je rusalem zu erobern und unsern heiligen Tempel zu verwüsten!" (Fortsetzung folgt.) Ein Arbcitcrdorf für deutsch-jüdische Emigranten im Wieringer Meerzolder. Großartige Initiative des Komitees für jüdische Arbeit, unterstützt durch die Niederländische Regierung» Es war bereits seit Wochen gerüchtweise bekannt, was nun vergangene Woche in einer Pressekonferenz offiziell mitgeteilt wurde. Leiter dieser Konferenz war Mr. G. van den Bergh, anwesend waren u. a Prof. D. Cohen, Frau G. v. Thijn-Cohn und Herr Eitje. Das „Comite voor Byzondere Joodsche Belangen" und die ihm angeschlossenen Komitees haben unter Zustimmung des Flüchtlingskommissars James Mac donald, der holländischen Regierung (der Ministerrat hatte sich damit befaßt) und der großen amerikanischen und englischen Hilfsorganisation einen Plan ausgearbeitet, demzufolge 50 000 hfl. für ein jüdisches Arbeitsdorf Nieuwe Sluis im Wieringer Meerpolder aufgebracht wird, der Rest des nötigen Betrages wird von England und Amerika gegeben. Mr. van d. Bergh und Dr. Hans Lubinski, der Direktor des jüdischen Arbeitsdorfes, haben ausführliche Informationen darüber gegeben. (Dr. Lubinski war früher in der jüdischen Erziehungsanstalt in Wolzig bei Berlin tätig, vorher war Dr. Lubinski als pädagogischer Leiter in Kowno tätig.) Die Informationen, die uns wurden, fassen wir wie folgt zusammen: Das Problem der jüdischen Flüchtlinge besteht nun fast ein Jahr. Noch jetzt sind viele infolge der Schwierigkeiten auf dem internatiorfalen Arbeitsmarkt arbeitslos und werden durch das Komitee unterhalten. Außerdem sind die Aussichten für Arbeitsmöglichkeit insbesondere für die in Deutschland heranwachsende jüdische Jugend trostlos. Die Schul- und Hochschulgesetze, das Beamtengesetz usw. schließen die Juden von akademischen Berufen aus und von vielen anderen Berufen. Die neue „Ständegesetzgebung" (Arbeitsfront, Nährstand, Kulturkammer) bringt weitere Berufs- und Erwerbsschwierigkeiten. So stehen Ostern 1934, am Ende des Schuljahres, etwa 6000 jüdische junge Menschen vor der bangen Frage, was aus ihnen werden soll. Dazu kommen noch etwa 20 000 Menschen, die bereits einen akademischen Beruf hatten oder Kaufleute waren, ihren. Beruf aber im vergangenen Jahre verloren und nach ihrer geistigen und körperlichen Verfassung wohl imstande wären, sich umzustellen; also Leute bis etwa- 30 Jahre. Unter dem Eindruck der Ereignisse wurde in Holland eine Stiftung „Jüdische Arbeit" ins Leben gerufen zur Erziehung und Umstellung jüdischer Emigranten. Diese Stiftung hatte nun unlängst ein Lehr- und Arbeitsdorf in Nieuwe Sluis am Wieringer Meer errichtet und zwar sowohl für sogenannte Flüchtlinge als auch für solche, die in Deutschland vor der Berufswahl stehen. Der Grundgedanke dieses Arbeitsdorfes ist, die jüdischen jungen Leute für ihren Beruf zu erziehen. Dieses Dorf soll, um jede Konkurrenz auf dem holländischen Arbeits- und Warenmarkt zu vermeiden, autark sein. Die Teilnehmer konsumieren, was Land- und Gartenbau erbringt, sie wohne« in den Gebäuden, die die Handwerkergruppe ihnen erstellt. Das ist das Prinzip, das natürlich nicht ganz durchführbar ist, vor allem nicht in der ersten Zeit, wenn die Bewohner noch in einfachen Baracken wohnen und arbeiten müssen. Im Wieringer Meerpolder, zwischen Slotdorp und Nieuwe Sluis (30 km von Ackmaar) wurden 65 ha Boden von der Regierung zur Verfügung gestellt, ebenso einige einfache aber gutgebaute Baracken und eine große Scheune. Dort werden die jungen Leute zu Handarbeitern, Gartenbauarbeitern, Baufacharbeitern, Möbelarbeitern usw. erzogen, um nach 2 Jahren eine neue Existenz sich in Ländern wie Palästina, Südamerika und Australien zu suchen, wo für solche Arbeitskräfte genügend Platz ist. Der Unterricht soll möglichst vielseitig und nicht spezialisiert sein. Die Leitung hat die Absicht, im Laufe der nächsten zwei Monate erst einmal 110 Personen aufzunehmen, die in gleichem Verhältnis in landwirtschaftlichen und industriellen Berufen verteilt werden sollen. Auch eine kleine Anzahl Mädchen sollen aufgenommen werden, die in Landbau und Haushaltung tätig sein können. Ein Drittel der jungen Leute soll sich aus den Flüchtlingen rekrutieren, zwei Drittel aus Deutschland. Es besteht die Absicht, im Laufe dieses Jahres die Zahl auf 50 zu erhöhen, später dann auf 300. Die Lehrkräfte sind in der Mehrzahl Holländer. Sprachunterricht wird nach Wahl in Hebräisch, Englisch und Spanisch erteilt, die Sprachen der Länder, die für die jüdischen jungen Leute Deutschlands in Zukunft am meisten in Betracht kommen. Kulturell soll das ganze ohne sich an eine bestimmte jüdisch-politische Richtung zu binden, von jüdischem Geist erfüllt sein. Auf die rituelle Handhabung der jüdischen Religion sollgeachtet w erden. Es ist den jungen Menschen streng verboten, sich mit Politik zu befassen, sie müssen sich stets der ihnen gewährten Gastfreiheit würdig erweisen. Das Unternehmen beruht finanziell auf der Zusammenarbeit von deutschen, holländischen, und englischamerikanischen jüdischen Kräften. Die jungen Leute, die aus Deutschland kommen, müssen einen Monatsbetrag von durchschnittlich 30—35 Gulden zahlen. Die Flüchtlinge, die bisher schon von den Komitees unterhalten werden, werden es weiterhin. Eine Ajqzahl Studenten sollen aus Mitteln des International Student Service einen Beitrag für ihre Berufsumschichtung empfangen. Die Zusammenstellung der Teilnehmer aus Holland (die Teilnehmer aus Deutschland sind noch nicht bekannt) ist recht bunt. Bei den Akademikern z. B. 1 Anwalt, 1 Arzt, einige Studenten, dann frühere Büroangestellte, selbständige Kaufleute, Söhne jüdik scher Bauern aus Hessen, 1 Schauspieler, ein früherer Musiklehrer usw. Das Durchschnittsalter ist 25 Jahre. Ein Ding, so sagte der Redner, kann man überall bemerken: Freude für dieses Werk, Hoffnung endlich mal wieder aus dem trostlosen Nichtstun herauszukommen, selbst das jüdische Arbeiterdorf im Wieringer Meer aufzubauen und zu beweisen, daß der Wille zum Leben trotz aller Geschehnisse das Judentum beseelt. Die Zuhörer stellten einige Fragen und dabei wurde mitgeteilt, daß in der Kolonie Schabbos und G'ttesdienst gehalten werden soll, aber daß die Teilnahme jedem Kolonisten frei steht. Die Adresse des Sekretariats ist: Amsterdam- Zentrum, 's-Gravenhekji 7. (Dem Israel. Weekbl. voor Huizg. entnommen.) Personalien. Berlin, 13. März. Rabbiner Dr, Jecheskiel Landau, der Schwiegersohn des Besojner Raw, hat Berlin verlassen, um in London eine neue Wirkungsstätte zu suchen. Eine ganze Reihe großer Gemeinden in Berlin, wie Mazmiach Jeschnoh, Ohel Dowid und Beth Zion hatten Landau zu ihrem geistigen •Führer und Berater gewählt. Die Hauptgemeinde vertraute ihm die Betreuung der Kranken- und Siechenanstalten an. Auch als Jugenderzieher war Dr. Landau in allen gut jüdisch gesinnten Kreisen bekannt und sehr geschätzt. Sein Weggang von hier wird allgemein sehr bedauert, besonders von dentzmpn map» nni»/ denen er mit seinem reichen talmudischen Wissen gar oft zur Seite stand. Wir wünschen dem wackeren Mann, daß es ihm bald gelingen möge, einen passenden Wirkungskreis zu finden. Hamburg, 11, März, In den ersten Nissantagen feiert Herr Julius Rosemann, Kultusbeamter der Bornplatzsynagoge, sein 25jähriges Amtsjubiläum, Die Verwaltungen im Synagogenverband wechselten, mit ihnen teilweise die Systeme — dem Jubilar wird von jedermann das Zeugnis ausgestellt werden, daß er sein Amt in all den Jahren in gleicher Treue und Hingebung, gleich liebenswürdig wie frei von aller Liebedienerei, versehen hat, daß er in des Wortes bestem Sinn ein Mann ist, der den Platz ehrt, einen Platz, den übrigens vor ihm schon ein Mann höchsten Ansehens, der große Talmudgelehrte Leo Wohlgemuth versah. Den Interessen des Synagogenverbandes dient Herr Rosemann in unermüdlicher Beflissenheit, in vorbildlicher Pflichttreue; er' beschränkt sich aber nicht auf diesen Dienst; überall, wo es gilt, Gmilus Chesed und Zedokoh zu üben, ist Herr Rosemann einer der tätgisten: in der Chewra Kadischa, in der Sozialen Kommission der Agudas Jisroel. Und den Aurchim, deren Schrecken der ,,Oberschames" sonst zu sein pflegt, ihnen ist Julius Rpsemann der gütigste, gastfreieste Freund und Berater, dessen schönste Feierstunde es ist, würdigen Bedürftigen in der würdigsten Form zu helfen. Und auch in der Weise weiß Julius Rosemann dem Begriff „Schamosch" den höheren, den rechten Sinn zu geben, daß er die Mizwo von Schimusch Talmide Chachomim, die Pflicht von Kowaud Horaw vorbildlich erfüllt, daß er fleißig „lernt" und seine Kinder zu ganzen Jehudim, in Gemeinschaft mit seiner gleichgestimmten, frommen Gattin, zu erziehen wußte. Herzlichste Wünsche zahlreicher Freunde begrüßen den Jubilar an seinem Ehrentage; möge er noch lange seinen Dienst als heiligen Dienst in Kraft und Frische versehen, noch lange als einer der besten Baale Battim Hamburgs wirken und leisten können, vav Dresden, 12. März. Der hiesige Verein Macli1sike Tauroh, der seit drei Jahren besteht, hat zum Leiter seiner Schule den Rabbinats-Kandidaten Emanuel Königshöfer vom Berliner Rabbiner- Seminar berufen. Derselbe hat am 1. Februar seine Stelle angetreten und sich mit jugendlichem Eifer der inneren Entwicklung der Schule zugewandt. Es geht dem neuen Leiter ein guter Ruf als Pädagoge voran. Seine talmudische Ausbildung und sein gediegenes Wissen empfing er auf dem Berliner Rabbiner-Seminar sowie auf den Jeschiwaus von Frankfurt und Mir. Um die Hebung des Jugend-G'ttesdienstes ist der neue Schulleiter ebenfalls bemüht durch angepaßte Ansprachen über Tauroh und Jiroh, In der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit ist es ihm gelungen, dank der Unterstützung des Vorstandes in hiesigen Kreisen sich Anerkennung zu verschaffen und es ist zu hoffen, daß seine Tätigkeit gute Wirkung in allen Kreisen erzielt. Neckarbischofsheim, 12.. März. Am letzten Freitag wurde Frau -Lenchen Jeselsohn geb. Baer in die Ewigkeit abberufen, Ihr ganzes Leben war ein G'ttesdienst. im wahrsten Sinne des Wortes, Was sie im elterlichen Hause vor sich gesehen hatte, nahm sie mit in die Ehe und gestaltete diese zu einem echten ösr» e?ipa an der Seite ihres Mannes, den sie schon vor 20 Jahren verlor, Ihre Kinder erzog sie in jüdischem Sinne. Ein seltenes G'ttvertrauen beseelte die Verblichene und auch in schweren Tagen verlor sie nie das Vertrauen zu unserem Schöpfer, Tiefe Frömmigkeit und Bescheidenheit waren ihre Lebensideale, Noch bis kurz vor ihrem Tode las sie täglich in der „Zeenoh Ureenoh", die ihr ans Herz gewachsen war und aus der sie immer viel zu erzählen wußte. Ihre Kinder und Enkel, in deren Mitte zu wohnen sie das Glück hatte, ließen es nie daran fehlen, der „Großmutter" — wie sie kurzweg von der ganzen Bevölkerung genannt wurde— Ehre zu erweisen und ihr das Alter so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Als besondere '"or betrachtete sie es, als sie im vorigen Jahre „Urgroßmutter" wurde. Welcher Beliebtheit sich die fast 87jährige weit und breit erfreute, zeigte ihre Bestattung, zu der nicht nur die Verwandten aus der Ferne und die Juden der Umgebung, sondern auch der größte Teil der nichtjüdischen Bevölkerung Bischofsheims herbeigeeilt sind. n-asin Kitzingen, 15. März. Herr Dr. Is. Bamberger, Nürnberg, Knauerstr. 15, begeht am 22. März seinen 6 0. Geburtstag. E?"yi»y Norden (Ostfrsld.), 11. März. Unser allverehrter, weit über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannter Prediger und Lehrer Klein wurde in Anerkennung der überaus großen Verdienste, welche er sich um das Wohl unserer Gemeinde in nahezu 40jähriger Dienstzeit erworben hat, in den Vorstand der Gemeinde und damit zum ersten Vorsitzenden der „Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft e. V." gewählt. Herr Klein hat in diesem Jahre den Vorsitz in der hiesigen Gemeindeverwaltung übernommen. Zutphen (Holland), 11, März. Hier ist im Patriarchenalter von 90 Jahren der Mittelpunkt und Führer unserer kleinen Gemeinde, Herr A. V r o m e n, zu Grabe getragen worden. 40 Jahre lang hat er sich ganz den Gemeinschaftsangelegenheiten gewidmet und mit seiner aufrichtigen Religiosität, seinem reichen Thorawissen und seiner immer bereiten Hilfsbereitschaft Jung und Alt als Ratgeber und Helfer zur Verfügung gestanden. An der Bahre gab Oberrabbiner Vredenburg aus Arnheim dem Schmerze des ganzen holländischen Judentums um den Heimgegangenen Ausdruck. Eine Reihe weiterer Redner würdigten die vielseitige Tätigkeit Vromens und am Schlüsse sprach der älteste Sohn, Herr J. Vromen aus Nijmegen, und brachte die Dankbarkeit der Familie zum Ausdruck. rraxin Trauer um Dr. Lipmann Schlesinger s. A. in der heiligen Stadt. Jerusalem, 5, März. Die Nachricht vom Ableben des bei allen gesetzestreuen Juden aus Deutschland hoch angesehenen Dr. Lipmann Schlesinger b"M aus Hamburg verbreitete sich schnell bei allen deutschen thoratreuen Einwanderern, und die starke Beteiligung am Minjan während der Schiwah im Hause des Herrn Dr. med. Falk Schlesinger aus Berlin bewies, welche Verehrung der Verewigte genossen. In den letzten Tagen der Schiwah wurden mehrere Nachrufe gehalten: der Neffe des Entschlafenen, Herr Dr. Engel, (Inspektor des Misrachi-Schulwerks) würdigte Dr. L, Schlesinger als vorbildlichen Familienvater, Gelehrten von Rang und aufrechten, liebevollen Erzieher mehrerer Generationen jüdischer Menschen in Hamburg, die heute in aller Welt für die menschlichen und religiösen Qualitäten ihres Lehrers Zeugnis ablegen. Seine Liebe zum Thorastudium und zum Wirken in jüdischem Erziehungsmilieu hinderte ihn, die ihm offenstehende akademische Karriere einzuschla-* gen; aber die Hauser seiner Kinder zeigen, wie er es verstand, auch durch häusliche Erziehung ins Weite zu wirken. Dr. F. Schlesinger gab ein Bild von dem Wirken seines Vaters in der liebevollen Heranbildung seiner Kinder, von seiner Bescheidenheit, verinnerlichten Religiosität und Güte. Dr. med. Willi Eoimann rühmte den wirkenden Geist des Vaters in den Häusern seiner Kinder und rief zu treuer Beherzigung der von Dr. Lipmann Schlesinger gelehrten und gelebten Grundsätze im Lande der Väter, auf, in das der Vater den einen seiner Söhne mit Wehmut und Stolz zugleich noch ziehen sah. R.-A. James Rosenthal schilderte den Einfluß und die Arbeit des Verewigten auf der zweiten Kenessio Gedaulo als Vorsitzender der deutschen Landsmannschaft, sein jugendlich-frisches Empfinden und Denken, seine schlichte Liebe zu Judentum und jüdischem Leben und sein klares Urteil in allen Fragen des gesetzestreuen Judentums und des Klal Jisrael.

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