Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1934)
- Date
- 1934-03-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feiiilleton- Beilage Nummer 12 1934 u n N J::r,f (V ä^tr'iß^^^- mmmmm In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. i, , , ..(Fortsetzung.); I „Zu mir, gnädiger Pan," schrieen von allen Seiten auf einmal -mehrere Stimmen, die sich gegenseitig zu übertönen suchten. ,,Zu mir, Sie sind ja mein Gast von Alters her!" ,,Daß Euch die Hölle verschlinge!" wetterten die „Herrschaften" und hielten sich die Ohren zu, um bei dem Höllenlärm nicht taub zu werden. „Ich habe für den gnädigen Pan ein schönes, prachtvolles Zimmer" schrie da ein langer, hagerer Jude. „Ich sage Ihnen, ein Zimmer schön und geräumig, wie ein Palast!" „So wie ein Palast?!" wiederholte mit gutmütigem Lächeln ein älterer, klugaussehender Edelmann. •■ „Ich schwör's Ihnen, Gnädigster," beteuerte der Jude, „daß wenn nur die Wände mit Tapeten belegt wären, in diesem Zimmer der Fürst Radczinski selber wohnen könnte." „Und hast . Du auch ein Bett in Deinem Palaste?", fragte der Edelmann, dem es nicht unbekannt war, was auf ein derartiges Lob zu geben war. „Bett, Tisch, Stühle, ein Wäscheschrank, ja, auch eine Wanduhr mit einem Kukuck, der jede Stunde erscheint und die "Zeit ankündigt, kurz, ein Zimmer wie ein Palast!" „Und was verlangst Du für Deinen Palast?" „Ich weiß, daß der Gnädige nicht gerne handelt, darum will ich kurz sein und den letzten Preis sagen — zwei Rubel per Woche!" „Das ist allerdings nicht'teuer für einen Palast, in welchem Fürst Radczinski wohnen könnte, aber für meinen Beutel doch etwas zu hoch. Ich glaube, daß ein Rubel mehr als genug wäre!" „Soll sein mit Glück, handeln ist nicht meine Art. Du, hörst Du?" wandte er sich an den Wagenlenker, der inzwischen auf seinem Kutschbocke eingeschlafen war. „Was schläfst Du, Faulpelz? Fahr' doch zu!" „Wohin?"; „Ich will Dir schon den Weg zeigen," dabei faßte er die Pferde beim Zaum und lenkte sie seinem Hause zu. — „Herrschku," rief aus dem Verdecke eines anderen Wagens ein wohlbeleibter Edelmann einem Schankwirte zu, der beide Schöße seines langen Rockes in der Hand trug, damit sie ihn nicht hindern, während er sich mitten durch den Knäuel von Wägen und Pferden wand: „Wer ruft?" fragte der Schankwirt, die brennenden Augen emporhebend. „Ach* das ist ja mein' teurer Herr!" brach er darauf in heller Freude aus, indem er rasch hinzueilte und dem Edelmann die Hand küßte. „Wie bin ich glücklich, daß der Herr Chevondzy*) sich meiner erinnert!" „Wie soll man sich Deiner nicht erinnern, Erzbetrüger Du," erwiderte der Edelmann, in neckischem Tone. „Wer nur einmal mit Dir zu tun hatte,-.behält; Dich sein Lebenlang im Gedächtnisse!" , „Hm"i räusperte sich Herrschku, das Käppchen lüftend und einige Bücklinge machend, „Ich bin . kein Betrüger, gnädiger Herr Chevondzy, nur ein schlichter, einfacher Jude, und die Herrschaften haben mich gern, weil - ich ehrlich bin. G'tt schenke ihnen Stärke und Gesundheit, daß *) Soviel wie Fahnenherr, sie den Juden um sich leben , lassen und daß sie einem Armen, wie ich es bin, hin und wieder ein paar Groschen zu verdienen geben. — Wissen gnädiger Herr Chevondzy schon das Neueste?" „Das hat mich ja aus meinem Loch herausgelockt und hierher gebracht . . . Ich will den Fürsten bitten, daß er mich in seine Leibgarde aufnimmt. Wie meinst Du, tue ich gut daran?" „Sie scheinen also in Ihren Verhältnissen noch nicht geordnet zu sein?" „Sind die Hände leer, da hilft gar nichts mehr!" „Ja," erwiderte Herrschku, „ohne Geld keine Welt!" „Freund, wo soll ich aber das Geld hernehmen?" „Und kann unser „Gewir" Ihnen nicht aushelfen?" „Er kann wohl, aber ich darf nicht mehr nehmen. Ich habe bereits fünfhundert Rubel bei ihm geliehen und bis heute noch nicht zurückgezählt. G'tt möge ihn dafür segnen, dehn er ist ein braver und herzensguter Mensch, trotzdem er Jude ist. Anfangs Mai war ich bei ihm, um ihn zu bitten, noch einige Zeit zu warten, weil ich jetzt nicht in der Lage bin, zu zahlen, und er erwiderte: „Sind Sie aber unklug, mein lieber Herr Chevondzy! Warum machen Sie sich darüber mehr Sorgen, als ich? Wenn Sie Geld . haben werden, dann zahlen Sie mir! Ich kenne Sie als ] einen ehrlichen Mann und mache mir daher wenig Sorgen, ob Sie mir jetzt, oder ein anderes Mal zahlen." So sprach er, bei G'tt! — Jetzt sage mir aber, Freundchen, steht das kleine Zimmerchen jetzt leer?" fragte der Edelmann weiter, der nur nach diesem Zimmer Verlangen hatte, weil es in der Nähe der Speisekammer lag. „Ja, ist leer, schön gescheuert und nur wie für einen Kaiser eingerichtet." „Dann werden wir dort unsere Residenz aufschlagen," sagte der Edelmann mit komischem Pathos. „Bitte kommen Sie nur, gnädiger Herr!" Dieser ließ sich nicht lange bitten und stieg gern beim Juden ab, zumal in seiner löchrigen Tasche kein Groschen zu finden war und Herrschku Kredit gab. Eine Viertelstunde später waren die armen, ausgehungerten Edelleute in ihren „Palästen" untergebracht, wo sie sich an den vollbesetzten Tischen gütlich zu tun begannen; der Fürst bezahlte ja alles! Nachdem sie den inneren Menschen befriedigt, gingen sie daran, den äußeren zu restaui'ieren, machten Toilette, indem sie ihre herrliche Nationaltracht anlegten: die Confidnatki, den seidenen Cortasch mit den weißen Knöpfen und. breiten Aermeln, den goldbeflitterten Gürtel um die Lenden und die roten Stulpenstiefel mit klirrenden Sporen. So zogen sie in langer Reihe, alle mit der Karaballe umgürtet, stolz und feierlich die Straße entlang, dem fürstlichen Palaste zu, um dem Marschallik die vorgeschriebene Aufwartung zu machen, tatsächlich aber, um zu sehen, wann der Tisch in den Parterreräumen des Palastes, wo der Fürst immer mit ihnen Tafel hielt, sich wieder für sie mit allem Guten bedecken werde . , . Die Juden liefen, nachdem sie die Gäste in ihre Quartiere besorgt hatten, auf die Straße zurück, in der Hoffnung, daß bald noch andere Gäste anlangen würden. Allein sie warteten vergebens, denn kein einziger zeigte sich mehr. Das befremdete die einen und beunruhigte die anderen, namentlich diejenigen, denen es früher nicht gelungen war, Gäste ins Haus zu bringen. „Sind das die Menge Gäste, die immer herzukommen pflegten, um den Fürsten zu empfangen?" fragten sie einander, „Und was wird unser Gebieter dazu sagen, der es doch gern sieht, daß die Stadt, so lange er hier ist, von Gästen wimmelt?" „Wißt Ihr was?" begann einer der Schankwirte, der immer gern von Politik sprach. „Wißt Ihr, was ich Euch sagen werde?" fuhr er fort, indem er ein Auge zukniff, die Stirn nachdenklich in Falten legte und dann eine Pause machte, um die Neugier.de noch mehr zu steigern. „Und was ist Ihre Meinung?'', drängten die Neugierigen noch mehr, als jener bedächtig seinen Bart glättete. Reb Peisach räusperte sich, öffnete das zugekniffene Auge wieder und begann: „So viel ich glaube, ist das ein Beweis, daß das Volk wieder anfängt, sich zu empören, und daß es bald zum Kriege kommen wird!" „Was sagen Sie, Reb Peisach?" ' riefen alle durcheinander in großer Erregung. „Und worüber sollen sie denn Krieg führen? Haben sie ja ihren König, der seit langer Zeit seine Residenz in Krakau und in Warschau hält, und das Volk zeigt doch, kein Zeichen von Mißbilligung!" „So? Meint Ihr?" fragte Reb Peisach, indem er wieder das .eine Auge schloß und sich dadurch noch mehr die Miene des über die großen Fragen der Politik Wohlunterrichteten zu geben suchte. „Und wenn es sich nicht so verhält? Bis vor kurzer Zeit glaubte ich dasselbe, aber auf meiner letzten Reise begegnete ich einem befreundeten Edelmann, der mir Vieles mitteilte, was ich Euch nicht alles erzählen darf,. nur das kann ich Euch sagen, daß, wie er mir mitteilte, die polnische Bevölkerung jetzt in großer Aufregung ist, und daß auch die Edelleute mit der Regierung des Königs nicht zufrieden sind!'' „Aber welche Edelleute sind denn seine Gegner?" fragte einer der Zuhörer. „Gehören doch die meisten sogar zu seinen Verwandten und haben sie ihn doch selber gewählt!" „Ganz recht, aber nicht diese erheben sich gegen ihn, sondern andere Edelleute, welche nicht mit ihm verwandt sind. Wie Ihr wißt, haben bei der Königswahl nur wenige Edelleute für ihn gestimmt, die Mehrheit hat sich offen für seinen Gegner erklärt, so daß, wenn nicht die wahlfähigen Moskowiter sich den Ersteren angeschlossen hätten, Ponjatowski jetzt eben so wenig König in Polen wäre, wie ich heute Rabbiner in Brisk bin." „Sollte der Fürst vielleicht deshalb jetzt nach Hause zurückkehren?" fragte einer der Zunächststehenden, „Unmöglich ist es allerdings nicht!" gab Reb Peisach zur Antwort. „Vielleicht erhebt der Fürst gar Anspruch auf den Thron?" forschte jener weiter. „Auch das kann leicht sein, aber offen gestanden, ich würde ihn keineswegs darum beneiden. Wenn mich heute jemand fragen würde: „Peisach, was möchtest Du eher sein, der König von Polen oder der ,,Gewir" von Niedczwidcz?", so wahr ich Peisach heiße, ich würde vorziehen, Reb Schachne zu sein. Wahres Glück besteht nur in Zufriedenheit, die ruhig genießen kann, was man besitzt. Aber so ein König, was hat er? Er sitzt auf einem wankenden Thron, in ewiger Angst, daß einer der Edelleute ihn überfallen und seiner Herrlichkeit ein Ende machen könnte. Ist das Glück zu nennen?" „Bei den Polen," bemerkte einer der Umstehenden, der immer gerne zeigen wollte, daß er etwas gelernt hatte, „geht es jetzt ganz so zu, wie bei unseren Ahnen, bevor Titus den heiligen Tempel zerstört hat." „Deshalb war auch unser Ende so traurig," fügte Reb Peisach hinzu. „Der Tempel, so heißt es im Talmud, wurde nur wegen der Zerwürfnisse im Innern zerstört, diese inneren Zerwürfnisse werden auch den Ruin der polnischen Nation herbeiführen. „Wenn zwei Hunde sich über einen Knochen balgen, dann packt ihn ein Dritter," sagt das Sprichwort.