Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1934)
- Date
- 1934-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr, 11_den „Reichsbund'' jüdischer Frontsoldaten" "denunzierte, er sei zum großen Teil gar nicht aus Frontkämpfern zusammengesetzt, Man Weiß, wie oft von einer Seite, denen der R. j. F. mit seinen Zahlen und Ausweisen über, die jüdischen Gefallenen recht unbequem ist, diese iBehauptung aufgestellt wurde und wie oft sie vom Rv j. F. widerlegt worden ist. Nun muß diese sonnenklar widerlegte Behauptung, die darauf aus ist, dem Tatsachenmaterial des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten den Boden zu entziehen, aus jüdischem Munde in dieser Umgebung wiederholt werden! . Wir trauen dem Rj j. F. die Kraft zu, sich gegen Herrn Naumann ohne unsere Hilfe wirksam zur Wehr zu setzen. Wenn Herr Naumann zum Schlüsse seiner Ausführungen es als Ziel der Arbeit der nationaldeutschen Juden bezeichnet, zu verhüten,- „daß die deutschen Juden zu einem Fremdkörper in Deutschland gemacht werden," so wäre das ein ganz löbliches Bestreben, hinge . diese Arbeit von uns ab. Keineswegs kann aber das Ziel dadurch erreicht werden, daß man eine Schuld, die uns allen zugeschoben wird, lieblos'und ungerecht auf einen Teil der jüdischen ^Gemeinschaft abwälzt, daß er sie allein für uns alle .trage. Die jüdische Oeffentlichkeit sollte überlegen, ob sie sich künftig mit Herrn Naumann und seinen Getreuen nach diesen letzten Exzessen überhaupt noch befassen soll- Zur Frage der Berufsausbildung der jüdischen Jugend. Die angesichts der veränderten Verhältnisse zweifellos notwendige innere Umformung der Schulbildung der jüdischen Jugend in Deutschland weist eine doppelte Problematik auf. Auf der einen Seite gilt es die allgemeine Geistes- und Charakterbildung der jungen Generation den Bedingungen anzupassen, mit denen sie als Erwachsene voraussichtlich zu rechnen haben werden, auf der anderen Seite ihnen die Fähigkeit zu verleihen, sich in ganz anderen Berufsgruppen, als es früher der Fall war, zu betätigen. Wie das letztere Ziel am zweckmäßigsten erreicht wird, und in welchen Formen man die spezifische Berufsschuivorbildung in das Schulwesen einbauen öder sie darauf aufbauen kann, d;as sind schwierige Fragen, denen unsere Pädagogen gewiß die ernsteste Aufmerksamkeit widmen. Wir finden nun in dem Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde . zu Hamburg einen Bericht, der uns in dieser Hinsicht allgemeines Interesse zu verdienen scheint und äuf den wir daher aufmerksam machen möchten. Der Israelit. Der' Gemeindevorstand hätte 'dem Delegiertenkollegium die Einrichtung eines hauswirtschaftlichen. Lehrjahres für schulentlassene. Mädchen vorgeschlagen, der in der Sitzung des Delegiertenkollegiums , vom ,17. Februar zur Beratung gelangte. Träger des hauswirtschaftlichen Lehrgangs sollte die Wirtschaftsberatungsstelle sein, die vom Zentralausschuß für Aufbau und Hilfe in Berlin subventioniert wird. Für die schulentlassenen Knaben sollte eine ähnliche Einrichtung in Anlehnung an1 die Talmud Thora- Schule geschaffen werden.'! Dem Antrage des Vorstandes stellten 11 Mitglieder des Kollegiums einen Antrag entgegen, der von dem Gedanken ausgeht, daß Lehrwerkstätten für die schulentlassene Jugend abzuleh-' nen sind und daß sowohl für Knaben, wie für Mädchen eine ße'ruf svorhhre erforderlich sei. Diese Berufs v o r lehren sollen an die Schulen angegliedert werden und sollen die Kursisten für die Eignungsprüfung zum Eintritt in die Lehre befähigen, zumal jüdische Kinder heute vielfach diese Eignungsprüfung noch nicht bestehen. Bei' Mädchen genüge der hauswirtschaftliche Lehrgang allein nicht. Es sei auch fraglich, ob alle 43 Mädchen, die sich dafür in Hamburg gemeldet hatten, für den hauswirtschaftlichen Beruf ge- Der Auszug aus Aegypten war die größte Revolution, die die Welt je gesehen hätte, wie dies im heiligen Texte selbst beurkundet wird: ™» •»•» ti> nnpb.mnb.mpVn nom ik „Hatte es G'tt je versucht, sich ein Volk aus: der Mitte eines anderen Volkes zu holen durch Prü-, fungen, Zeichen und Wunder?" Auch dje größte Revolution der Geister, '"m "p^k" 12112 w>pbx bip dj; yawn „Hat je ein Volk die Stimme G'ttes so wie du aus dem. Feuer vernommen und wäre dabei am Leben geblieben?" Jede Revolution hat ihre Farbe, ihre Parole. Die Umwälzung, die an der Schwelle des vorigen Jahrhunderts von Frankreich ausging, verkündete die Trikolore: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; drei Sterne, die so rasch verblaßten, wie sie damals blutrot am Himmel der Menschheit aufblitzten. In der Geburtsstunde des jüdischen Volkes in Mizrajim wurde aber, eine Fahne entfaltet, auf ,der vier Sterne den Siegeszug der Menschheit zur letzten Erlösung ankündigten. Sie heißen: Gleichheit, Freiheit, Reinheit und Vertrauen! .;_'_22. Marz 1934 eignet seien und nicht besser teilweise in kaufmännische Tätigkeit übergingen. Man dürfe die Jugendlichen nicht soforj: in einen bestimmten Beruf einspannen, vielmehr werde erst eine solche Berufsvorschule, die alle Zweige des'Handwerks, des gewerblichen Lebens und des Fabrikbetriebs berücksichtige sie zur ''eigentlichen Berufswahl auf Grund' vernünftiger Entscheidung" befänigen- Der Lehrplan einer solchen Berüfsvorlehre müsse umfassen die Werkstbfflehre; die Lehre vön den Werkzeugen,' die Formlehre, Warenkunde", zeichnerische Uebungen und Uebunge'n in änderen Fertigkeiten, so daß den Jurigen und Mädchen ein allgemeiner Ueberblick über die handwerklichen Berufe verschafft wird. Der Antrag auf Errichtung dieser Berufsvorlehren wurde schließlich unter Ablehnung des Vorstandsantrages angenommen. Hier' soll keineswegs abschließend Stellung dazu genommen werden, welche der beiden Methoden, über die man sich in Hamburg auseinandersetzte, die richtige ist. Nur soviel scheint uns sicher, daß der Gedanke der Berufsvorlehre, wenn er vernünftig ausgestaltet;und durchgeführt wird, außerordentlich viel für sich Hat. und vor voreiligen und oft später schmerzlich zu bereuenden Entscheidungen schützt. Und Jahr für Jahr pflanzen wir diese Standarte von neuem auf, wenn es gilt, uns zu rüsten für die Tage des Festes, an dem wir die Erlösung in uns wie .am ersten. Tage wieder erleben. . . ,; S c h e k a 1 i m mit seiner Devise: „Der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger" predigt die Gleichheit. Sachor mit der feierlichen Verkündigung der Befreiung aus amalekitischer Gewalt bringt die Freiheit. Es folgt dann P a r a h mit dem Gedanken der aus Asche und Trümmern gewonnenen Reinheit. Nunmehr ist die. Bahn nach oben frei für den v e r t r a u e n s Völlen A u f b 1 i c k zum Stern der Erlösung, dem neuen Nissanmonde. Das Fest kann beginnen, der Erlösung ist die Gasse geöffnet. Darum leuchten die vier Sterne in ihrem hellsten Lichte auf, auch wenn wir am Sedertische die alte Haggadah aufschlagen, das Kind die Frage stellt, die schon der Großvater an den Urgroßvater gerichtet hat, und die alten Lieder erklingen, als wären alle guten Geister der Vergangenheit im Hause erwacht, als bekämen alle Wir rüsten zum Seder. Von Rabbiner Ph, Fischer in Sarospatak. „Wenn du das Volk aus Mizrajim hinausgeführt haben wirst, so werdet ihr G'tt dienen auf diesem Berge." Diese Worte bilden die g'ttliche Ouvertüre zu dem erhabenen Epos des Auszuges äus Aegypten. Nicht etwa Menschenmacht und -Herrlichkeit zu begründen, war der Endzweck jenes Auszuges. Selbst das köstliche Gut individueller und gesellschaftlicher Freiheit war keineswegs allerletztes Ziel. Öies alles war bloß ein Weg zum Ziele: zum ungehinderten „G'ttdienen". Zuerst zu Füßen des Sinai und dann im Heiligen Lande. „G'ttdienen" — dies sollte das ewige, unabänderliche Programm des zu ewiger Priesterschaft bestimmten jüdischen Volkes sein. Auch die Völker erkennen .und arierkennen, oder ahnen wenigstens das Dasein eines erhabenen G'ttes, doch i"P33 D'airn bv .^über den Himmeln ist Seine Herrlichkeit." Dieses höchste Wesen verflüchtigt sich in ihren Augen gar häufig zu einem bloßen Abstraktum, dessen Herrlichkeit wohl über den Himmeln sichtbar ist, der in Geist und Gemüt geahnt, geschaut und angebetet wird, der sich jedoch um das alltägliche Tun und Lassen des Staubgeborenen nicht kümmert. Ja, dessen „Ehre" es angeblich nicht einmal zuläßt, das Alltäglichste im menschlichen Leben, wie z. B. das Essen und Trinken im Auge zu behalten," geschweige d ,nn es mit Gesetzen zu regeln. Im Gegensatz hierzu lautet aber das Losungswort des Judentums. „Allein, wer ist wie G'tt, unser G'tt, der, so hoch er thront, so tief herniederschaut, in die Himmel hinein und auf die Erde!" „Die Erkenntnis G'ttes als „Höchsten" ist nicht das, was erst auf die Sendung Israels unter die Menschen zu warten hat. Nicht das Bewußtsein von seiner „Höhe", die Ueberzeugung von seiner „Nähe" —;— — das. ist es, was die Menschen von uns und durch uns von G'tt lernen sollen." (Hirsch, Ps. 113, 5, 6.) Unsere G'ttesauffassung lehrt uns, daß G'tt sich auch um das scheinbar Irdischste des mit dem G'tteshauche der Seele geadelten Menschen kümmert, Unsere G'tteslehre, die heilige Thora, regelt mit ihren Speisegesetzen auch das Irdischste; will auch über das Irdischste den goldenen Schmelz des G'ttlichen ausgegossen wissen. „Und sie schauten G'tt und aßen und tranken". (II. B. M. 2A, 11.) Selbst der irdisch scheinende Genuß, wie Essen und Trinken, darf nicht ganz und gar des „G'ttesschauens" entbehren. Auch das Essen und Trinken, so es nicht rein triebgemäß, sondern im Bewußtsein geschieht, damit den menschlichen Körper in gehörigem gesunden Zustande zu erhalten, daß er den heiligen Pflichten, des Daseins nachkommen könne,.— läßt den Abglanz des G'ttesbewüßtseins widerstrahlen* Daher wird auch das Essen und Trinken am jüdischen Tische mit heiligen Handlun- . gen umrahmt, um selbst diesen irdischen Genuß in eiiie höhere Sphäre emporzuheben. Und so lautet auch ein tiefsinniger Midräsch- . sprach: „Möchten wir es verdienen, dann wäre auch das Essen, von dem es heißt: „Und von allen Bäu^ men des Gartens dürfet ihr genießen!" von gleichem Werte, wie der Genuß der geweihten Opfertiere und das Anlegen der Tefillm." (Midräsch Tälpijöth.)' Der Sittn dieses rätselhaft scheinenden Ausspruches ist folgender: Nach zwei Richtungen hin äußern sich alle unsere Daseinsbetätigungen: im Genießen und im geistigen und körperlichen Schaffen und Wirken. Nun lehrt uns der pflichtgemäße Genuß des Opferfleisches im Umkreise des Heiligtums^ daß auch unser irdischer Genuß höheren Zwecken, der Erhaltung unserer Gesundheit usw. dienstbar gemacht werden soll. Die Tefillin an Haupt und Hand wollen, uns aber die Lehre fest einprägen, daß wir die Gedanken unseres Kopfes, die .Gefühlsregungen unseres Herzens und die Tätigkeit ■ unseres Armes und unserer Hände nicht etwa dem „sacro egoismo", dem heiligen Egoismus, sondern ebenfalls höheren, g'ttgebilligten Zwecken zu weihen .haben. <T>Vy KTjtt "T BV7 '3 pNH 'tty ^3 WH wird in Berachoth bekanntlich auf die Tefillin bezogen. Und fürwahr, so wir es verstehen, von den Bäumen des Lebensgartens mit reinem, zielbewußten Sinne zu genießen, dann trägt auch unser alltägliches Essen und Trinken dasselbe g'ttliche Gepräge an sich, wie der Genuß des Opferfleisches und das Anlegen der Tefillin. 'n?jaV -i»x iniwn ni Und da wir am Sederabende in festlicher Stimmung um den gedeckten Tisch sitzen und'die Erinnerung des Auszuges aus Mizraim feiern, so gehört auch der Genuß, von Speise und Trank mit zum Programme der Erinnerungsfeier. Unsere G'tteslehre, fürt deren Empfang der Auszug aus Mizraim der erste vorbereitende Schritt sein sollte« 'toi wpbun n* p,ia*n "Di "W^vn. fordert kein weltentsagendes Asketentum, sondern will vielmehr auch den irdischsten Genuß mit dem adelnden Wappen einer g'ttesdienstlichen Handlung schmücken . . . (Schluß folgt.)